10.09.2007

10. September 2007 Betr.: Rote Armee Fraktion

Es war seine Biografie, die nahezu zwangsläufig sein großes Interesse am deutschen Linksterrorismus begründete: Als Gymnasiast im niedersächsischen Stade begegnete SPIEGEL-Chefredakteur Stefan Aust, 61, zwei Protagonisten der Linken, "konkret"-Chef Klaus Rainer Röhl und dessen Ehefrau Ulrike Meinhof - weil Aust mit Röhls Bruder Wolfgang für die Schülerzeitung schrieb. Danach, als "konkret"-Redakteur, lernte er viele kennen, die der Studentenbewegung nahestanden, aber doch so unterschiedliche Wege gingen: Er traf spätere RAF-Mitglieder wie Jan-Carl Raspe und Horst Mahler, die Anwälte Hans-Christian Ströbele und Otto Schily sowie Rudi Dutschke und erhielt tiefe Einblicke ins Milieu. Seither lässt ihn die Geschichte der RAF nicht mehr los. Drei Jahre recherchierte Aust für sein Buch "Der Baader-Meinhof-Komplex", das erstmals 1985 erschien, zum Standardwerk wurde und eine Gesamtauflage von rund 400 000 Exemplaren erreichte. Schon damals warf Aust eine Frage auf, die ungeheuerlich schien: Hat der Staat die in Stuttgart-Stammheim einsitzenden RAF-Terroristen Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Irmgard Möller und Jan-Carl Raspe abgehört? Bei den zweijährigen Recherchen zum Titel dieser Woche stießen Aust und SPIEGEL-TV-Autor Helmar Büchel, 45, auf eine Fülle von Indizien, die den Verdacht erhärten, dass die Sicherheitsbehörden nicht nur über das Kommunikationssystem der Gefangenen informiert waren, sondern es für Lauschangriffe nutzten. Die Fragen, die sich aus dieser Indizienkette ergeben, müssten, so Aust, "dringend geklärt" werden: Wussten die Behörden, dass die RAF-Gefangenen in ihren Zellen Waffen hatten? War ihnen deren Plan zum kollektiven Suizid bekannt? Lief in der Nacht zum 18. Oktober 1977, als Baader, Ensslin und Raspe Selbstmord begingen, ein Tonband mit? Wurde es am nächsten Tag abgehört - oder hörte schon jemand mit, als die Taten geschahen? Aust und Büchel fragten bei den Sicherheitsbehörden des Bundes und in Baden-Württemberg nach. "Niemand gab zu, dass in Stammheim abgehört wurde, niemand schloss es kategorisch aus", sagt Aust. So wurden aufgrund der SPIEGEL-Anfrage im Stuttgarter Innenministerium viereinhalb Meter geheime Akten über die RAF und Stammheim gefunden. Doch die müssten, so das Ministerium, erst noch gesichtet werden.
Aust und Büchel sind Autoren einer zweiteiligen Dokumentation über die RAF, die der frühere NDR-Kultur- und heutige ARD-Unterhaltungschef Thomas Schreiber bei SPIEGEL TV für die ARD in Auftrag gab. Sie wird mit neuen Recherche-Ergebnissen und unveröffentlichtem Bild- und Tonmaterial am Sonntag, dem 9. September, um 21.45 Uhr und am Montag, dem 10. September, um 20.15 Uhr im Ersten Programm ausgestrahlt. Austs Buch "Der Baader-Meinhof-Komplex" wird zurzeit in Berlin vom Produzenten Bernd Eichinger verfilmt und soll 2008 in die Kinos kommen (Seite 52).

DER SPIEGEL 37/2007
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