10.09.2007

Eine Frage des Geldes

Von Moreno, Juan

Ortstermin: Eine Berliner Anwältin zieht gegen den Hollywood-Star Tom Cruise vor Gericht.

Er ist der Held der meisten Anwaltsfilme, der junge, unerfahrene Anwalt, der in einem traurigen Büro sitzt, im Vorzimmer eine Sekretärin, die ist schusselig, manchmal ordinär, häufig beides. Irgendwann der Anruf. Ein unmöglicher Fall. Alle sagen, dass er nicht zu gewinnen ist, der Gegner zu mächtig, zu gerissen. Der Anfänger nimmt an, kämpft, gewinnt, der Fall seines Lebens.

Ariane Bluttner weiß nicht, ob die Sache mit Tom Cruise der Fall ihres Lebens wird. Einen viel bekannteren Menschen auf dem Planeten, mit dem man sich anlegen könnte, gibt es nicht. Bluttner ist seit zehn Monaten Anwältin. Sie hat bisher ein paar Mietstreitigkeiten gehabt, einige Verkehrsunfälle, Steuersachen. In einem ihrer letzten Fälle belief sich der Streitwert auf hundert Euro. Jetzt droht sie United Artists, der Filmfirma, an der Tom Cruise stark beteiligt ist, mit einer Millionenklage. Eine Anfängerin, die erst 15-mal vor Gericht stand, gegen einen Konzern. Eigentlich mag Hollywood solche Geschichten.

"Wie hoch die genaue Schadensersatzsumme ist, kann ich nicht sagen, aber wir sprechen hier von mehreren Millionen." Ariane Bluttner hat eine ruhige, leise Stimme. Sie sitzt an einem kleinen Tisch in ihrem Büro und überlegt lange, bevor sie antwortet. Die Kanzlei von Dr. Schmitz & Partner, in der sie arbeitet, ist am Ku'damm. Am westlichen Ende, hier versucht die Straße nicht mehr, wie die Münchner Maximilianstraße oder die Düsseldorfer Kö zu sein. Wienerwald und der Peugeot-Händler sind nicht weit. Bluttner gegen Cruise, das ist die Geschichte.

Tom Cruise dreht gerade in Berlin den Stauffenberg-Film "Valkyrie". Er spielt den Hitler-Attentäter Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Cruise ist vor einiger Zeit bei United Artists eingestiegen, er ist Co-Produzent des Films. Vor drei Wochen sind bei Dreharbeiten in Berlin-Mitte elf Komparsen von der Ladefläche eines Lasters gefallen. Cruise war nicht am Drehort. Es war Sonntag, Cruise hatte drehfrei. Die Komparsen in Wehrmachtsuniform mussten nach dem Unfall behandelt werden, einer verbrachte die Nacht im Krankenhaus. Montagmorgen rief einer von ihnen Ariane Bluttner an. Vermutlich hatte auch er amerikanische Anwaltsfilme gesehen. Der Mann wollte die Filmfirma verklagen, er wollte Schadensersatz, amerikanischen Schadensersatz. Er kannte andere verletzte Komparsen, und nach ein paar Anrufen fanden auch die, dass ihnen durchaus einige Millionen Euro Entschädigung zustünden.

In Amerika liegen die Schadensersatzforderungen oftmals viel höher als in Deutschland. Es sieht ganz einfach aus: Wer jemandem Schaden zufügt, zahlt. Das ist ungefähr das Prinzip. Es klingt fair. Leider macht es alle ein bisschen gierig, Opfer, Angehörige, Anwälte, vor allem, wenn große Unternehmen beteiligt sind. Denen tut es nur weh, wenn es teuer wird. United Artists ist ziemlich groß. "1900", "Rain Man", "Rocky", "James Bond", alles United Artists. "Valkyrie" soll 80 Millionen Dollar kosten.

Es wäre leicht, sich über die junge Anwältin lustig zu machen. Knallrote Haare, seit ein paar Monaten dabei; an den Bürowänden hängen etwas alberne Entenzeichnungen, auf der Kanzlei-Homepage wird Ben vorgestellt. Ben ist ein Hirschkopf. Er hat eine eigene E-Mail-Adresse. Vielleicht soll das alles einfach nur zeigen, dass auch Anwälte ulkig sein können, nette Menschen, deren Hilfe gar nicht so teuer ist, wie man denkt.

Wahrscheinlich macht Ariane Bluttner genau das, was ein guter Anwalt in so einer Situation machen sollte. Sie lärmt so lange herum, bis alle von der Sache erfahren. Bisher hat Hollywood sich nicht geäußert, darum nervt Bluttner weiter. Sie hat in Anzeigen nach weiteren Opfern gesucht und eine Seite ins Netz gestellt, www. komparsen-vs-hollywood.de. Da ihr die Mandanten von weiteren Unfällen erzählt hätten, sagt sie, "ist das oberste Ziel die Änderung der Sicherheitsstandards in Deutschland". Das Verhalten am Filmset sei menschenverachtend, Prellungen, Verstauchungen, Schnittwunden seien an der Tagesordnung. Wenn man ihr eine Weile zuhört, hat man den Eindruck, dass Deutschland für amerikanische Filmproduktionen eine Art Rumänien ist. Ist es auch: Von Hollywood aus betrachtet dreht man hier viel billiger.

Bluttner muss solche Dinge sagen. Eine Klage in den USA dauert Jahre, ist teuer und ob ein amerikanisches Gericht bereit ist, die Klage zuzulassen, ist keineswegs sicher. Zuerst muss sie ohnehin versuchen, der Filmfirma bedingten Vorsatz nachzuweisen, andernfalls greifen die Haftungsausschlussklauseln, die jeder Komparse vor dem Dreh unterschreiben musste.

Vermutlich wird es nicht ganz leicht für Ariane Bluttner, aber sie macht das gut. Sie bleibt dran, ist zäh, gibt nicht auf. Vielleicht ist United Artists irgendwann so genervt von der ganzen schlechten Presse, dass sie den Opfern eine Entschädigung zahlt. Ariane Bluttner hätte gewonnen.

Es wäre ein bisschen wie bei Tom Cruise. Es gibt kaum einen Schauspieler in Hollywood, der mehr nach Anwalt aussieht als er. Zweimal hat er einen gespielt. In "Die Firma" und "Eine Frage der Ehre". Beide Male war er der Underdog, beide Male schien der Gegner übermächtig, beide Male hat er gewonnen. Aber nun spielt Ariane Bluttner seinen Part. JUAN MORENO


DER SPIEGEL 37/2007
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