10.09.2007

Seinen Geist am Leben erhalten

Von Knöfel, Ulrike und Doerry, Martin

Der Sammler und Unternehmer Nicolas Berggruen über seinen legendären Vater Heinz Berggruen, Berlin als Schauplatz der heiklen Familiengeschichte und sein rastloses Leben

SPIEGEL: Herr Berggruen, Ihr Vater war ein Kosmopolit. Er wurde aus Berlin vertrieben, lebte in Südfrankreich, San Francisco, New York, Paris. Nun heißt es, auch Sie würden sich alle paar Tage in einem anderen Land aufhalten. Hat er Sie so geprägt?

Berggruen: Im Vergleich zu mir war er geradezu sesshaft. Er ist erst wieder im Alter etwas unruhiger geworden.

SPIEGEL: Sind Sie eine rastlose Natur?

Berggruen: Ich habe durch meinen Beruf die Chance, viel herumzukommen. Aber das ist natürlich kein Zufall. Ich habe mein Leben bewusst so ausgerichtet.

SPIEGEL: Und warum?

Berggruen: Weil ich neugierig bin, auf Kulturen, auf Menschen. Ich bin in Europa aufgewachsen, aber mich hat es früh nach Amerika gezogen. Dann entdeckte ich den Fernen Osten für mich. So ging es weiter. Ich war gerade in Nigeria, und dort in einer Gegend, wo es nicht viele Europäer hinzieht. Ich besitze eine Holding, die weltweit Investitionen tätigt. Anders gesagt: Ich kann reisen, wohin ich will. Von Berlin aus fliege ich nach Istanbul, dann nach Bombay. Dann geht es nach China, Singapur und anschließend nach Laos, weil ich dort noch nie war.

SPIEGEL: Sie sammeln Kunst. Die müssen Sie irgendwo aufbewahren - wo ist das, wo befindet sich Ihr eigentliches Zuhause?

Berggruen: Das habe ich nicht.

SPIEGEL: Wo fühlen Sie sich denn heimisch?

Berggruen: Dort, wo ich mich gerade aufhalte, heute in Berlin, morgen dort, wo immer ich dann eben bin. Ich besitze keine Wohnung, in der ich lebe, wo ich mich mit Kunst umgeben könnte. Einiges habe ich an Museen verliehen, anderes liegt im Depot.

SPIEGEL: Nun werden Sie vielleicht häufiger als bisher einen Zwischenstopp in Berlin einlegen. Sie, Ihre Geschwister und Ihre Mutter haben beschlossen, dem Museum Berggruen weitere 50 Werke aus dem Nachlass Ihres Vaters zu geben. Wie kam es zu der Entscheidung?

Berggruen: Das haben wir nach Gesprächen im Familienkreis festgelegt. Wir wollen etwas verwirklichen, was sich mein Vater gewünscht hat. In Berlin hatte er eine Wohnung im zweiten Stock des Museums. Von seinem Schreibtisch aus hat er auf das gegenüberliegende Gebäude geblickt, wurde neugierig, wollte wissen, wofür es genutzt werde, nachdem dort ein Kindergarten ausgezogen war. Er hat nachgefragt, denn er hatte eine Vision.

SPIEGEL: Die eines zweiten Standorts?

Berggruen: Ja, aber er konnte das nicht mehr entwickeln und verwirklichen. Er hatte ja seine Sammlung nach der Übergabe an die Stiftung Preußischer Kulturbesitz und nach der Gründung seines Museums ständig durch Ankäufe vergrößert. Um diese Werke geht es. Wir werden nicht alles, aber mit 50 Arbeiten doch den größten Teil zur Verfügung stellen. Wir wollen diesen besonderen Geist, mit dem er das Museum erfüllte, am Leben erhalten.

SPIEGEL: Es spricht alles dafür, dass die Erweiterung tatsächlich realisiert wird ...

Berggruen: ... ja, alle sind wohl dafür. Der Bund, das Land Berlin, die Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Das Museum Berggruen darf das Gebäude, auf das mein Vater schaute, wohl nutzen. Am liebsten würde ich morgen mit dem Einzug beginnen.

SPIEGEL: Das Konvolut für dieses zweite Haus würde nicht in den Bestand des Museums eingehen, sondern im Eigentum der

Familie bleiben. Wie sehen die Pläne für die fernere Zukunft aus?

Berggruen: Mein Vater hat immer sehr gute Erfahrungen mit der Stiftung Preußischer Kulturbesitz gemacht. Erst einmal geben wir die Werke als langfristige Leihgaben nach Berlin. Wir haben beschlossen, Schritt für Schritt vorzugehen.

SPIEGEL: Sie haben einen Förderkreis für das Museum Berggruen mitgegründet - weil Sie sich aktiv um die Belange der Institution kümmern wollen?

Berggruen: Mein Vater hat viel Zeit in den Museumsräumen verbracht, ihm war das Persönliche sehr wichtig, der Kontakt zur Kunst, zu den Menschen. Würden wir uns nicht einsetzen, wären wir, die Erben, bald auch nur noch bloße Besucher. Denn sehen Sie: Die Kunstwerke im Museum gehören der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, das Gebäude ist Eigentum des Landes Berlin. Formal verbindet die Familie nichts mehr mit dem Museum.

SPIEGEL: Sie wollen sich Einfluss sichern?

Berggruen: Um Einfluss geht es uns nicht. Wir wollen das Museum fördern. Wir werden uns nie in die kuratorische Arbeit einmischen, etwa verlangen, dieses Bild sollte besser hier und nicht dort hängen. Aber natürlich werden wir überlegen, wie wir das Museum unterstützen können. Als Familie wollen wir mit dieser Leihgabe signalisieren, dass wir uns zu dem Museum bekennen. Ich selbst werde Ankäufe für diese Sammlung tätigen, aber das ist meine private Initiative, nicht die der Erbengemeinschaft. Wenn ich etwas kaufen kann, was zur Sammlung passt, dann werde ich das tun und als Leihgabe anbieten.

SPIEGEL: Schon das Engagement Ihres Vaters für Berlin war bemerkenswert. Berlin ist die Stadt, in der Heinz Berggruen aufwuchs, aus der seine Familie einst wegen ihrer jüdischen Wurzeln vertrieben wurde. Konnten Sie wirklich verstehen, dass er Jahrzehnte später als Mäzen hierher zurückkehrte, sich so großzügig zeigte?

Berggruen: Ja. Denn wie sich das Museum entwickelt hat, machte auch ihn glücklich. Für ihn war das eine sehr gute Erfahrung. Aber in meiner Kindheit war Deutschland nicht das alles beherrschende Thema. Meine Eltern haben nicht ständig darüber gesprochen. Ich habe es als ein rein instinktives Verhalten meines Vaters empfunden, dass er sich in späten Jahren, mit über 80, Berlin wieder zuwandte. Er hatte zuvor nie gesagt: "Ich sehne mich nach Berlin, ich würde gern zurückkehren." Nichts. Plötzlich war er aber in Berlin, fühlte sich wohl.

SPIEGEL: Also hat er auch keine Vorbehalte gegenüber Deutschland geäußert?

Berggruen: Wir haben einiges erfahren und gelernt, aber wir wurden nicht dazu gezwungen, auf eine bestimmte Art und Weise über das gegenwärtige Deutschland zu denken. Ich bin vor und nach der Wende nach Deutschland gereist, allein, ohne meine Eltern, als Tourist. Mir erging es wie meinen Eltern: Wir haben akzeptiert, wie es hier ist. Als ich viel später eine Dependance in Berlin eröffnete, hat meinen Vater das gar nicht so besonders interessiert.

SPIEGEL: Der deutsche Sitz Ihrer Holding ist in der Wilhelmstraße, in dieser Straße stand einst die Reichskanzlei. Noch immer spürt man in der Stadt die Geschichte. Beschäftigen Sie sich heute mehr mit dieser Vergangenheit?

Berggruen: Sie haben recht. Man spürt hier Geschichte. Der Krieg ist seit über 60 Jahren vorbei, doch man erkennt seine Spuren überall, und es klingt absurd, aber diese Spuren machen die Stadt interessanter. Im Grunde hat jede Weltstadt ihre sichtbare Geschichte, und die ist nie nur positiv. Berlins Geschichte ist natürlich dramatischer. Diese Stadt war vor dem Zweiten Weltkrieg eine der wichtigsten Metropolen Europas. Nein, sie war wohl sogar die wichtigste. Nach dem Krieg war sie wie eine eigentümliche Insel, fast wie eine Kleinstadt. Dann, nach der Wende, wurde sie zu einer neuen Stadt. Diese neue Stadt macht es einem nicht nur leicht. Aber es ist aufregend zu sehen, wie sie sich entwickelt.

SPIEGEL: Ihr Großvater mütterlicherseits, der berühmte Schauspieler Alexander Moissi, feierte im Berlin der zwanziger Jahre Erfolge. Ihre Mutter Bettina, geborene Moissi, hat auch als Schauspielerin gearbeitet. Sie spielte vor allem in Nachkriegsfilmen mit. Was erfuhren Sie von ihr?

Berggruen: Wie gesagt, auch mein Vater hat mir einiges erzählt, natürlich vor allem dar-

über, wie es vor dem Krieg hier war, er ging ja Ende 1936 nach Amerika. Meine Mutter aber war hier, blieb hier. Sie konnte mir die andere Seite schildern, sie war ein junges deutsches Mädchen, eine Schauspielerin. Sie hat auch während des Kriegs als Schauspielerin gearbeitet. Sie ist erst geflüchtet, als die Bomben auf Berlin fielen. Sie ist nur bis nach Potsdam gekommen, aber sie hat Glück gehabt. Nach dem Krieg blieb sie im Land. Sie hat viel erlebt. Mich hat das alles fasziniert, aber auch erschreckt. Wie in jedem Krieg wurde nur Grausames angerichtet, aber es war eben auch für die deutsche Bevölkerung furchtbar. Am Ende haben alle verloren, es gibt keine Gewinner, wie in jedem Krieg.

SPIEGEL: Haben Sie über Ihren Vater eine Beziehung zur jüdischen Tradition aufgebaut?

Berggruen: Kaum. Er war kein religiöser Mann, ihn hat das eher kulturell interessiert. Meine Mutter ist katholisch, mein Vater jüdisch. Ich bin eigentlich beides. Aber als religiös würde ich mich eben nicht bezeichnen.

SPIEGEL: Sie sind in Paris aufgewachsen. Welche Sprache wurde bei Ihnen daheim gesprochen?

Berggruen: Deutsch. Als ich in die Schule kam, war die Sorge groß, ich würde kein ordentliches Französisch mehr lernen. Mit meiner Mutter spreche ich immer noch Deutsch, mit meinem Bruder Olivier meistens Französisch.

SPIEGEL: Sie sind das einzige Kind Ihres Vaters, das sich nicht hauptberuflich mit Kunst beschäftigt. Doch hat sich die Sammelleidenschaft übertragen. Konnte Ihr Vater Ihrem Geschmack etwas abgewinnen?

Berggruen: Da bin ich mir nicht so sicher. In meiner Sammlung sind vor allem Andy Warhol, Jeff Koons und Damien Hirst vertreten. Ich habe erst in den neunziger Jahren damit angefangen, Kunst zu kaufen. Damals war jemand wie Hirst noch nicht so anerkannt. Mir war schon immer meine Unabhängigkeit wichtig, und mein Vater hat das respektiert und sich nie eingemischt, obwohl er mit dieser Kunst vielleicht nicht so viel anfangen konnte. Ich dagegen kann mich sehr wohl für das begeistern, was er zusammengetragen hat.

SPIEGEL: Haben Sie denn auch private Kontakte zu Künstlern wie Koons oder Hirst, die ja etwa Ihrer Generation angehören?

Berggruen: Ich kenne beide, mag beide. Aber dieser Kontakt ist nicht das Wichtigste für mich als Sammler, von Bedeutung ist die Kunst selbst.

SPIEGEL: Der Brite Damien Hirst, der ewige Bad Boy der Kunst, hat das teuerste Kunstwerk der Gegenwart hergestellt, einen mit Diamanten besetzten Totenkopf. Er wurde gerade für 75 Millionen Euro verkauft. Hätten Sie den gern gehabt?

Berggruen: Ich habe das Werk jedenfalls nicht gekauft.

SPIEGEL: Weil der Preis das Budget nahezu jedes Sammlers sprengen würde?

Berggruen: Nein. Das ist nicht der Grund. Aber ich muss mich wieder ins Sammeln vertiefen. In den vergangenen Jahren hatte ich keine Zeit, mich darum zu kümmern. Das werde ich nachholen. Wenn ich das richtige Gebäude finde oder ein gutes Grundstück und den richtigen Architekten dazu, dann würde ich diese Kunst in Berlin sehr gern öffentlich zeigen.

SPIEGEL: So erhält dann wenigstens Ihre Kunst einen festen Wohnsitz?

Berggruen: Genau das ist es, was ich mir wünsche: ein Heim für meine Kunst, einen Ausstellungsraum. Denn einerseits ist das Sammeln zwar etwas sehr Persönliches. Doch andererseits bin ich der Meinung, dass die Werke, die ich für wichtig halte, nicht nur mir gehören dürfen. Diese Kunst wird, so hoffe ich, noch in hundert Jahren von Bedeutung sein. Menschen wollen sie sehen. Ich bin nicht so materialistisch, ich brauche keine Kunst, die nur mir gehört.

SPIEGEL: Kann es sein, dass Sie als Standort auch Hamburg in Betracht ziehen? Michael Naumann, Spitzenkandidat der SPD für die Bürgerschaftswahl in Hamburg, wirbt angeblich um Ihre Sammlung. Stimmt das?

Berggruen: Ich wünsche mir Berlin als Standort. Herr Naumann hat gute Ideen für Hamburg.

SPIEGEL: Ihre Holding hat in den vergangenen Jahren für 140 Millionen Euro Immobilien in Berlin und Potsdam erworben, auch das Café Moskau, das einstige Nationalitätenrestaurant der DDR. Lässt Sie die zerrissene, gespaltene, oft bizarre Geschichte der Stadt eben doch nicht los?

Berggruen: Mein Unternehmen besitzt hier auch eher alltägliche Immobilien. Aber einige Objekte haben wir gekauft, weil sie auf ihre Art Juwelen sind. Mich interessiert Architektur, alte wie neue, tatsächlich ungeheuer. Meine Geschäfte hier haben allerdings nichts mit dem kulturellen Engagement meiner Familie zu tun. Der Grund ist ein anderer: Aus ökonomischer Sicht ist es zwar schwierig in Berlin, jedenfalls nicht gerade sehr leicht, aber dafür wirklich spannend.

SPIEGEL: Herr Berggruen, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Nicolas Berggruen

ist der Sohn des berühmten, aus Berlin stammenden Kunsthändlers und Mäzens Heinz Berggruen, der im Februar im Alter von 93 Jahren starb. Heinz Berggruen war vor der NS-Diktatur in die USA geflüchtet, etablierte sich schließlich in Paris als Kunsthändler. Seiner Geburtsstadt näherte er sich im hohen Alter wieder an - mit einer Geste der Großzügigkeit. 1996 überließ er der staatlichen Stiftung Preußischer Kulturbesitz weit mehr als hundert Gemälde und Papierarbeiten vorwiegend von Picasso, Klee und Matisse als Leihgaben: Gegenüber von Schloss Charlottenburg wurde dafür das Museum Berggruen eingerichtet. Im Jahr 2000 bot Heinz Berggruen der Stiftung die Kollektion zu einem Preis an, der weniger als ein Drittel des geschätzten Werts von 1,5 Milliarden Mark betrug. Seine vier Kinder stammen aus zwei Ehen; sie und seine Witwe Bettina Berggruen kündigten an, weitere 50 Bilder in die Obhut des Museums zu geben. Nicolas Berggruen, 46, wuchs in Paris auf und machte sich in New York früh als Investor selbständig.


* "Hanging Heart", 2006.* Mit den Redakteuren Ulrike Knöfel und Martin Doerry in Berggruens Berliner Büro.

DER SPIEGEL 37/2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 37/2007
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Seinen Geist am Leben erhalten