17.09.2007

KATHOLIKENSchweigen gegen Geld

Mit unmoralischen Angeboten hart am Rand der Legalität hatte die Kirche versucht, einen Kinderschänder im Talar zu schützen - so konnte er sich offenbar wieder an Ministranten vergreifen.
Seine neuen Schäfchen hatten zur Begrüßung ein Geschenk mit Symbolkraft besorgt: Als der Priester Peter K. im September 2004 in Riekofen bei Regensburg seinen Dienst antrat, überreichten sie ihm einen großen Scheinwerfer. Er möge das Licht Gottes nach Riekofen bringen und auch in die dunklen Ecken blicken.
Doch dunkle Ecken suchte der Katholik offenbar selbst gern auf - um sich, so behaupten Zeugen, an Ministranten zu vergreifen. Ende August wurde er auf dem Weg in den Urlaub von Fahndern der Kriminalpolizei festgenommen, wegen Fluchtgefahr.
Jetzt sitzt der Gottesmann hinter Gittern, und Riekofen steht unter Schock. Der Fall im Bistum Regensburg könnte sich zu einem der schwersten Sex-Skandale unter den deutschen Katholiken ausweiten. Massiv sind die Vorwürfe gegen den Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller. Dem SPIEGEL liegen Dokumente vor, die belegen, dass sein Ordinariat - hart an der Grenze der Legalität - versucht hat, Kindesmissbrauch zu vertuschen: Schweigen sollte mit Geld erkauft werden. Einer der missbrauchten Jugendlichen wirft den Kirchenmännern vor: "Es geht ihnen nicht um die Opfer, sondern vor allem darum, dass nichts an die Öffentlichkeit kommt. Das tut weh."
Denn K., heute 39, war schon Jahre zuvor als Kinderschänder aufgefallen. Nur eine knappe Stunde Autofahrt entfernt, im Städtchen Viechtach, kann die 46-jährige Johanna T. kaum fassen, was jetzt in Riekofen passiert ist. Mehrfach hat sie die Kirche in Regensburg genau vor so etwas gewarnt. Johanna T. ballt die Fäuste, wenn sie an Pfarrer K. und das Verhalten des Bistums denkt: "Das Verschweigen und Vertuschen von Anfang an" macht sie wütend.
Denn K. hatte sich schon an ihren Söhnen vergriffen, während des Osterfestes 1999: "Wir hatten es uns im
Viechtacher Kolpinghaus mit anderen Familien gesellig gemacht und die Kinderbetreuung dem Kaplan K. überlassen", sagt Johanna T. Der Priester spielte mit den Kindern Verstecken und lockte sie dabei in besonders abgelegene Ecken.
Dabei bedrängte K. ihren neunjährigen Sohn und betatschte ihn am Geschlechtsteil. Dann verlangte er von dessen zwölfjährigem Bruder Benedikt, sich auszuziehen. Der eingeschüchterte Junge gehorchte dem Geistlichen. K. befummelte Benedikt zwischen den Beinen. Doch Benedikts elfjährige Schwester sah alles mit an - und berichtete auf der Heimfahrt ihren Eltern von den seltsamen Spielchen.
Die Eltern beschwerten sich sofort beim Generalvikar. Aber das Ordinariat in Regensburg habe sie überredet, sagt Johanna T., keine Anzeige bei der Polizei zu erstatten. Man wolle den Fall im Bistum lieber intern regeln.
Am 25. November 1999 dann wurde ein rechtlich höchst dubioses Abkommen zwischen Familie, Täter und Bischöflichem Ordinariat geschlossen. In dem bislang der Öffentlichkeit unbekannten Vertrag heißt es: "Im wohlverstandenen Interesse der Kinder und auf ausdrücklichen Wunsch der Eltern soll Stillschweigen gewahrt werden." Benedikt erhielt damals 4000 Mark, seine Schwester 1000 Mark, der Bruder 1500 Mark als "Schmerzensgeld" vom Pfarrer.
Die Mutter verlangte vom Bistum aber auch noch die schriftliche Zusicherung, dass der Fummel-Priester nicht wieder in der Jugendarbeit eingesetzt werde: "Ich kann mit der Vorstellung nicht ruhig schlafen, dass er weitere Kinderseelen zerstören könnte."
Die Angst war offenbar berechtigt. Doch der Justitiar des Bistums verweigerte die Zusicherung, dergleichen könne "vom Bischöflichen Ordinariat nicht gutgeheißen werden", schrieb er an die Familie zurück. Die Kirche könne nur versprechen, "dass der künftige Einsatz des Herrn K. erst aufgrund einer sorgfältigen Entscheidung erfolgen wird".
Die von der Fummelei geschockte Familie wollte sich zumindest vorbehalten, den Priester später noch anzeigen zu dürfen. Aber auch das bügelte das Ordinariat ab: "Da der künftige seelsorgliche Einsatz von Herrn K. allein im Kompetenzbereich des Bischöflichen Ordinariates verbleiben soll, wobei bei Art und Zeitpunkt des Einsatzes die Vorfälle berücksichtigt werden, können wir es nicht akzeptieren, dass ... eine Anzeige vorbehalten bleibt."
Die Familie unterschrieb schließlich die Schweigevereinbarung.
Nach etlichen Monaten aber zeigte eine Bekannte des Vaters den Priester dann doch noch an. Der Vater hatte sich der Frau in einer Klinik anvertraut. Nach dem Übergriff auf seine Söhne litt er unter psychischen Problemen. Im Juli 2000 wurde Kaplan K. per Strafbefehl zu zwölf Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt - und zuvor aus Viechtach abgezogen.
Wohin der Pfarrer verschwand, erfuhr die Familie T. zunächst nicht. Und in Riekofen ahnte niemand, woher der neue Geistliche kam. Denn das Bistum hatte die Zeit in Viechtach sorgfältig aus dessen Vita im Pfarrbrief entfernt.
Und schon ab Herbst 2000, als die dreijährige Bewährungszeit gerade mal begonnen hatte, pflegte Peter K. wieder Kontakt zu Ministranten - anders, als Bischof Müllers Leute jetzt behaupten: Die Kirche habe erst eine vierjährige Therapie abgewartet, bevor K. wieder in der Nähe von Kindern eingesetzt wurde, sagte Bistumssprecher Jakob Schötz noch vergangene Woche.
Laut Personalplan war der Kinderschänder tatsächlich als Seelsorger in einem Altenheim beschäftigt. Aber er vertrat an vielen Sonntagen auch den kranken Ortspfarrer im Gottesdienst. Bereits im Frühjahr 2001 feierte Peter K., wie ein Foto beweist, Firmung in Riekofen und segnete dabei mindestens einen Jungen, der laut Zeugenaussagen zu seinen späteren Opfern zählen sollte.
Überhaupt bemühte sich der junge Kirchenmann rührend um die Jugend: Er organisierte Ausflüge, Reisen nach Hamburg und Rom, rauchte mit den Kids schon mal Wasserpfeife im Keller. K. schaffte es, rund 100 Schüler aus der Gemeinde als Ministranten zu werben. Die Eltern waren zufrieden.
Da galt es als glückliche Fügung, dass der Priester 2004 vom Bistum zum Gemeindepfarrer von Riekofen-Schönach berufen wurde, als Nachfolger des Ortsgeistlichen Helmut Grüneisl. "Nicht einmal ich wusste was von Viechtach", beklagt sich Grüneisl. "Man hätte mir das sagen müssen, da wär mir vieles komisch vorgekommen."
Ende Juli schlug dann die Bombe in Riekofen ein. Die Lokalpresse berichtete über den Fall Benedikt. Doch viele Riekofener hielten da noch immer zu ihrem Priester, manche wollten Unterschriften sammeln, damit K. im Amt blieb. Jeder könne schließlich mal Mist bauen, sagten sie. K. jedoch fehlte beim folgenden Sonntagsgottesdienst - ein Nervenzusammenbruch, er lag in der Klinik. Dort besuchte ihn Pfarrer Grüneisl: "Da hat er mir zugesichert, dass das mit Viechtach eine einmalige Sache war."
Im Dorf aber waren Eltern misstrauisch geworden. Einige Familien holten eine Psychologin in die Pfarrgemeinde, die sich sonst für den Weidener Verein Dornrose um missbrauchte Kinder kümmert. Die Frau sprach mit Ministranten, und die begannen zu reden. Die Aussagen von Kindern sind längst nicht immer verlässlich - nicht bei solchen Themen und oft erst recht nicht, wenn sie gezielt befragt werden. Aber die Staatsanwaltschaft Nürnberg, die gegen K. wegen des Missbrauchsverdachts ermittelt, hat inzwischen rund 100 der Kinder auf ihre Zeugenliste gesetzt.
Die Mitglieder des Pfarrgemeinderats glauben nur so viel zu wissen: Seit 2003 soll der Pfarrer, so erzählen es zumindest Kinder, erneut Jungen missbraucht haben. Zunächst auf Ausflügen, später angeblich in seinem Pfarrhaus, in dem er ohne Haushälterin lebte. K. soll die Buben einzeln eingeladen und aus einem Sexualkundebuch vorgelesen haben, sagt ein Vater, der es von Ministranten erfahren hat. Dann habe der Priester die Jungs oft gefragt, ob sie schon einmal Sex hatten. Anschließend soll er zudringlich geworden sein. "Die Übergriffe", mutmaßt der Vater, "waren wohl wesentlich schlimmer als das Geschehen in Viechtach."
Das ist bislang nicht mehr als ein Verdacht: Es könnte sich noch immer um Missverständnisse handeln, verstärkt durch die Phantasie von Kindern. Aber der Pfarrer selbst mag sich zu all dem bislang nicht äußern, nichts aufklären. Und es ist für die Eltern ein sehr schwerwiegender Verdacht, weil er durch K.s Vergangenheit gestützt wird.
Deshalb fühlten sich viele Familien in dem 2000-Einwohner-Sprengel vom Bistum hintergangen und sind enttäuscht, versichern die Pfarrgemeinderäte in einem Pfarrbrief: Die Kirche habe ein "grausames Experiment" mit den Seelen von Kindern gewagt. Der Zorn auf Bischof Müller ist groß.
Doch Müllers Leute halten sich für unschuldig. Das Ordinariat habe ein Gutachten vorliegen, sagt Müllers Sprecher Schötz, wonach Pfarrer K. als geheilt gelte. Der Geistliche habe sich einer Therapie unterzogen und sei erst danach in Riekofen eingesetzt worden.
Bei dem Gutachten aber handelt es sich nur um eine Stellungnahme des Therapeuten, der den Pfarrer behandelte. Und dass K. schon wieder zu Kindern in der Pfarrei Kontakt hatte, als es noch lange kein Gutachten gab, hat man im Ordinariat geflissentlich übersehen.
Bischof Müller, ein strenger Kirchenmann, der seine Ortspfarrer sonst wegen Kleinigkeiten tadelt, vermag keine Schuld bei sich zu sehen - und war deshalb lange für die Riekofener nicht zu sprechen. Stattdessen keilte er zurück, Kritiker würden eine Kampagne gegen ihn starten.
Dabei hat der sanfte Umgang mit Kinderschändern unter Müllers Ägide System. So wurde im Sommer 2004 bekannt, dass ein Pfarrer in Falkenberg über einen Jungen hergefallen war. Die Eltern des Opfers wandten sich an das Bistum, wurden aber nach eigenen Aussagen hingehalten. Erst als sie dann doch zur Polizei gingen, wurde der Priester aus dem Verkehr gezogen.
Der Bischof mag zu Riekofen nichts sagen. Aber immerhin telefoniert er seit Tagen mit Kollegen und sucht Rat in der Frage, ob er denn nun am 23. September dorthin fahren soll, wenn ein neuer Pfarrer eingeführt wird. Er könnte dann zum ersten Mal den Kindern gegenübertreten - und ihren aufgebrachten Eltern.
CONNY NEUMANN, PETER WENSIERSKI
Von Conny Neumann und Peter Wensierski

DER SPIEGEL 38/2007
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