17.09.2007

JUGENDLICHEDrei Engel für Kreuzberg

Pädagogen und Polizei sind bereits gescheitert: Nun sollen in Berlin drei Streetworker mit dunkler Vergangenheit kriminelle Gangs zähmen.
Der Oberkörper des Mannes sieht beeindruckend aus: Messerstiche haben 14 Narben zurückgelassen. Sechsmal wurde Ali S. operiert. Die Spuren davon sind Andenken aus jenen Zeiten, als das ehemalige Mitglied der Kreuzberger Türken-Gang "36 Boys" sich noch regelmäßig prügelte. "Von vorn hat mich nie einer plattgemacht", prahlt er. Wenn er an seine dunkle Vergangenheit denkt, dann jucken die Narben. Und seitdem Ali S. diesen neuen Job hat, jucken sie oft.
Alis neue Waffe im Straßenkampf ist das Wort. "Schon komisch, wie viel man mit Reden und Zuhören erreichen kann", sagt der stämmige Mann. Er zieht den Reißverschluss seiner neuen schwarzen Jacke hoch. Das ist jetzt seine Uniform. Auf der Jacke steht "Sprich mit uns!" Ali S. blickt misstrauisch auf die andere Straßenseite, wo gerade zwei junge Türken vor dem Internet-Café Geldscheine in der Hose verschwinden lassen und dafür einem Deutschen ein Päckchen in die Hand drücken. Sie haben es nicht nötig, den Deal irgendwie zu verheimlichen. Sie lachen und zünden sich einen Joint an.
Hier, Ecke Naunyn- und Adalbertstraße, mitten in Berlin-Kreuzberg, ist ihr Revier: Dealer, Kiffer, Hehler, jugendliche Gangs, die Bewohner und Passanten anpöbeln und abziehen, gehören zum Alltag. Die Straße gehört ihnen. Die Polizei lässt sich allenfalls sporadisch blicken, Sozialarbeiter verzweifeln. Wer es sich leisten kann, zieht weg, und wenn es dunkel wird in Kreuzberg, dann meiden viele die Naunynstraße. Nicht so Ali S., 37, Kaio Khakreh, 32, und Selime Djudaki, 30. Die drei sollen in Kreuzberg retten, was noch zu retten ist.
Im Auftrag der Senatsverwaltung patrouillieren sie als "Kiezläufer" nun täglich in der Naunynstraße. Sie sollen die Gegend wieder begehbarer machen, Flagge zeigen. Sie sind Beobachter, Helfer, Kontaktpersonen - aber weder Polizisten noch Pädagogen. Ihre Qualifikation ist ihre Herkunft. Denn alle drei haben den Stallgeruch der Naunynstraße: Sie sind hier geboren und aufgewachsen. Wenn sie die Jugendlichen auf der Straße sehen, sehen sie auch immer ihre eigene Vergangenheit. "In der Naunynstraße gibt es eine dunkle Seite und eine helle Seite", sagt Ali - viel Kriminalität, aber auch so etwas wie Zusammenhalt für die Ghetto-Kids. Nun geht es darum, die dunkle Seite aufzuhellen.
Ali und Kaio waren bei den "36 Boys", einer der berüchtigtsten Türken-Gangs in Kreuzberg. Selime ist albanischer Abstammung, mit 13 lief sie von zu Hause weg, wuchs im Heim und auf der Straße auf, sie schlug sich durch. Wenn ihr einer krumm kam, egal ob Chef oder Freund, dann langte sie zu. "Ich hatte immer Probleme mit Autoritäten", sagt sie. Jetzt soll sie selbst eine sein.
Die drei Engel für Kreuzberg sind so etwas wie das letzte Aufgebot. "An die Jugendlichen hier kommt man mit der Sichtweise eines klassischen Sozialarbeiters nicht mehr heran", sagt Ralf Hirsch von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Deshalb haben sich Beamte auf die Suche gemacht nach Helfern von der dunklen Seite.
In einer Senats-Analyse zur Lage in der Naunynstraße ist die Rede von einer "Nogo-Area". Messerstechereien etwa seien "nicht unbedingt eine Ausnahmeerscheinung". Die Straße sei "Treffpunkt für Dealer und Hehler". Hier würden "Bewohner, Frauen, Kinder bestohlen, bedroht. Familien mit größeren Brüdern lernen die Kleinen an. In Gruppen rekrutieren Ältere die Jüngeren für niedrigere Tätigkeiten und bringen ihnen die erforderlichen Tricks bei", so das Papier.
150 000 Euro steckte der Senat in den vergangenen zwei Jahren in Projektarbeit für die Naunynstraße, es gab Fußballturniere und Nachbarschaftsfeste - Auszüge des Registers deutscher Wohlfühl-Pädagogik. Aber die Horrormeldungen rissen nicht ab. Wenn die Polizei Gewalttäter auf der Straße einkassieren wollte, sah sie sich wiederholt Gangs gegenüber. "Wenn es in Deutschland mal zu Kämpfen wie in Paris kommen sollte, dann zuerst in der Naunynstraße", fürchtet Ali S.
Hirsch, 47, einst Staatsfeind in der DDR, nun im Referat "Soziale Stadt" die Feuerwehr des Senats
für besondere Konfliktfälle, ist sich des "besonderen Charakters" der neuen Idee durchaus bewusst. Er kann auf keinerlei Erfahrung zurückgreifen - schwere Jungs im Staatsauftrag, das ist auch für den Senat selbst ein Risiko.
Deshalb ist die Arbeit der Kiezläufer erst mal auf drei Monate begrenzt. Während Ali, Kaio und Selime in Crash-Kursen nebenbei Basiswissen über Suchtprävention und Deeskalation pauken, spricht Hirsch nach den ersten drei Wochen vorsichtig von kleinen Erfolgen: "Wir hatten ja gar keinen Zugang mehr zu den Jugendlichen. Jetzt wissen wir, wo wir ansetzen können."
Wenn die drei auf der Straße sind, bildet sich immer schnell eine kleine Gruppe von Jungs um sie. Optisch entsprechen die Jugendlichen zwischen 13 und 18 Jahren mit ihren Camouflage-Hosen, Lederjacken, Base-Caps und betont bösen Blicken allen Klischees einer Ghetto-Clique, die nur nach eigenen Regeln lebt.
"Fünfzig zu fünfzig" schätzt Kiezläufer Kaio das Verhältnis zwischen denen, die "Scheiße bauen", und denen, die nur Anschluss suchen oder brauchen. Bei beiden Gruppen macht es Eindruck, wenn schwere Jungs wie Ali und Kaio erzählen, was passieren kann, wenn man keinen Schulabschluss macht oder die Lehre hinschmeißt, um mit Drogen zu dealen. "Wir haben das ja alles selbst erfahren", sagt Ali. Die Kiezläufer reden anders als Sozialarbeiter und Präventionsbeauftragte, sie sprechen nicht von oben herab, sie sind auf Augenhöhe. Ihre Sprache ist die Sprache der Straße.
Vieles funktioniert in der Naunynstraße über das Gruppengefühl. Deutsche Sozialarbeiter oder gar Polizisten haben da wenig Chancen. "Wenn wir es schaffen, den Jungs klarzumachen, dass einer aus der Gruppe, der dealt, damit die ganze Clique in Schwierigkeiten bringt, werden die sich gegenseitig erziehen", hofft Kaio.
Dafür haben die Kiezläufer einen mächtigen Verbündeten gefunden: Der Türke und Ex-Gangster Turan A. weiß nicht genau, wie alt er ist, weil sein Vater ihm nicht sagen kann, ob er 1970 oder 1971 geboren wurde. Er hat ein verlebtes Gesicht, aber sehr wache Augen und war nach eigener Einschätzung "der Schlimmste unter meinen zwölf Brüdern": Jeden zweiten Tag stand die Polizei vor der Haustür in der Naunynstraße und holte einen der Brüder ab. Turan war lange Chef der "36 Boys" und hat oft die Gegend unsicher gemacht: "Zwischen zwei U-Bahnhöfen waren jedes Mal mindestens fünf Leute fällig."
In Kreuzberg ist Turan eine Legende, für die Jugendlichen ist er so etwas wie ein Held - nicht trotz, sondern wegen seiner Vergangenheit. Turan kommt auch noch an die heran, die den neuen Kiezläufern erst mal misstrauisch gegenüberstehen, denn manche Gang-Mitglieder halten sie für V-Leute. Das war die erste große Hürde: "Wir mussten klarmachen, dass wir nicht für die Polizei arbeiten", sagt Ali.
Turan sitzt im Café Orya und trinkt Tee. Er hat sich von Ali und Kaio angehört, worum es gehen soll bei den neuen Kiezläufern. Es kostet ihn einen Anruf, und zehn Minuten später sammeln sich 20 Jugendliche aus der Naunynstraße um ihn. Er begrüßt jeden mit Handschlag und Namen, er kennt ihre Brüder, ihre Eltern, er kennt ihre Geschichten. Er lässt sie reden. Und dann passiert etwas, was für jemanden wie den Senatsmann Hirsch ein "kleines Wunder" ist. Es sprudelt aus ihnen heraus: Manche fühlen sich kriminalisiert durch das Image ihrer Straße, manche würden selbst gern die Dealer und Hehler zum Teufel jagen. Viele fühlen sich in Sippenhaft genommen und ausgeschlossen - etwa aus der "Naunyn Ritze", einem Jugendhaus des Bezirks in ihrer Straße, das sie kaum noch betreten. Ein Gemeinschaftsraum sei ihnen wieder weggenommen worden, nachdem dort Haschisch gefunden wurde. "Einer hat Scheiße gebaut, und wir werden alle bestraft", klagt ein Junge.
Turan hört zu, er macht sich sogar Notizen. Am Ende entsteht eine Art Forderungskatalog, mit dem die Jugendlichen sich nun an den Bezirk, den Senat und die Erzieher in der "Naunyn Ritze" wenden wollen. Sie möchten ihren Raum wiederhaben, wollen die Freizeitangebote im Jugendtreff mitbestimmen. Sie wollen, dass mit ihnen entschieden wird, nicht über sie. Aber über den Forderungen steht so etwas wie eine Präambel der Selbstkritik: "Viele von uns haben schon viel Ärger gemacht, viele von uns möchten von der dunklen Seite der Straße auf die helle Seite der Straße. Das schaffen wir nicht alleine, sondern nur gemeinsam." Am Ende setzen 20 Jugendliche mit feierlichem Blick ihre Unterschrift unter das Papier.
Für die Kiezläufer ist das ein erster Erfolg. Schon am nächsten Tag registrieren sie kleine Veränderungen auf der Straße. Es hat sich herumgesprochen, dass etwas passieren soll. Eine türkische Mutter reißt ihr Fenster auf, als Ali und Kaio an ihrem Haus vorbeigehen, sie reicht Tee und bedankt sich. Selime gelingt es endlich mal, einen ihrer Straßen-Jungs davon zu überzeugen, dass er mit ihr zur Berufsberatung geht: "Es sind kleine Sachen, aber es bewegt sich was."
Doch das Experiment mit den Kiezläufern, das mit der Polizei abgesprochen ist, findet nicht nur Freunde. Die deutschen Erzieher in der "Naunyn Ritze" beobachten ihre neuen Kollegen auf der Straße mit Misstrauen. Öffentlich wollen sie sich nicht äußern, aber sie intervenieren heftig gegen die coole Konkurrenz, sie beklagen die fehlende Qualifikation und die dunkle Vergangenheit, sie befürchten, die Kiezläufer könnten sich mit den Problemkindern der Straße verbrüdern. Die Fronten in der Naunynstraße könnten noch unübersichtlicher werden. Es scheint, als seien zur Zeit alle auf Bewährung.
Ali S. weiß auch noch nicht, wie das Experiment ausgehen wird: Was ist, wenn sich ihre Arbeit als fruchtlos erweist? Was ist, wenn die drei Monate Probezeit vorbei sind? Und was passiert, wenn die Kids die Kiezläufer ausnutzen, wenn die drei zwischen Polizei und Gangs geraten? Ali zuckt mit den Achseln und blickt zu den Dealern, die gegenüber der Kneipe "Trinkteufel" weiter ungeniert ihre Geschäfte machen. Seine Narben jucken.
Der "Trinkteufel" heißt bei den Menschen hier auch "Das Tor zur Hölle".
MARKUS DEGGERICH
Von Markus Deggerich

DER SPIEGEL 38/2007
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