17.09.2007

RAF-Serie (II): Der Showdown

Dann gibt es Tote

Von Büchel, Helmar und Aust, Stefan

Die Republik am Rand des Staatsnotstands: Die Polizei verpasst die Chance, Hanns Martin Schleyer aus den Händen der RAF zu befreien, 86 Lufthansa-Passagiere werden zu Geiseln, die Stammheimer Häftlinge begehen unter staatlicher Aufsicht Selbstmord. Von Stefan Aust und Helmar Büchel

Es war am Tag zwei der Entführung von Hanns Martin Schleyer, da glaubte die Polizei im rheinischen Erftstadt zu wissen, wo er versteckt war. Jeder Beamte kannte mittlerweile die Kriterien, die für konspirative Wohnungen der RAF galten: Hochhaus, nahe der Autobahn, Tiefgarage mit direktem Liftzugang, größtmögliche Anonymität.

Der 15-geschossige Bau an der Straße Zum Renngraben 8 im Ortsteil Liblar könnte es sein, dachten die Polizisten - und schickten ihren erfahrenen Kollegen Ferdinand Schmitt dorthin. "Ich suche Herrn Schleyer", sagte er dem Hausmeister, und der verwies ihn an eine Angestellte des Maklerbüros. Was Schmitt von ihr erfuhr, elektrisierte ihn: Am 17. Juli 1977, gerade mal vor sieben Wochen, hatte eine junge Frau die Wohnung gemietet, und als sie die Kaution in Höhe von 800 Mark an Ort und Stelle bezahlte, zog sie aus ihrer Handtasche ein Bündel mit Fünfzig-, Hundert- und Fünfhundertmarkscheinen hervor.

Schmitt erfuhr auch, dass sie direkt nach der Anmietung das Türschloss hatte auswechseln lassen.

Am Tag vier der Entführung wurde die heißeste aller Spuren nach Köln gemeldet - mit dem Fernschreiben 827. Es war adressiert an den "Koordinierungsstab", der Großeinsätze vorbereiten sollte. Und ein Durchschlag, möglicherweise auch das Original, ging an die Sonderkommission des Bundeskriminalamts. Nichts passierte. Es passierte auch nichts, als kurz danach noch einmal auf genau dieses Fernschreiben 827 hingewiesen wurde. Der Versuch des örtlichen Kripochefs, telefonisch nachzuhaken, wurde abgebügelt mit der Bitte, "von weiteren Fragen abzusehen, weil sie zeitlich und organisatorisch nicht zu bewältigen" seien.

In der Polizeistation Erftstadt, nicht mal 20 Kilometer von Köln entfernt, war man mehr denn je davon überzeugt, Schleyer könnte in der Wohnung 104 gefangen gehalten werden. Wenn Schmitt mit seiner Frau oder mit Kollegen auf Streife am Hochhaus vorbeikam, zeigte er nach oben: "Da sitzt er." Für Schmitts Chef Rolf Breithaupt war sonnenklar: "Das Raster stimmte eindeutig."

Schließlich schien der Hinweis auf dieses Objekt - und sieben andere im Erftkreis - so dicht, dass eine schlagartige Überprüfung und Durchsuchung geplant wurde, Auslöser sollte das Stichwort "Vollkontrolle" sein. Jedes der verdächtigen Objekte sollte von einem Einsatztrupp "überholt" werden, der aus neun Schutzpolizisten, vier Kriminalbeamten und einem "ortskundigen Führer" bestehen sollte - Breithaupt, der Hauptkommissar, war zuständig für Wohnung 104.

Um die Örtlichkeiten für den Einsatz zu checken, schlich er sich mit einem Kollegen durchs offene Rollgitter an der Tiefgaragenausfahrt ins Innere des Hauses. Beide sondierten Ein- und Ausgänge, dann fuhren sie in den dritten Stock. Während Breithaupt langsam den Flur entlangging, gab ihm der Kollege Feuerschutz. Vor der Eingangstür zur Wohnung 104 verharrte Breithaupt und horchte. "Ich war", zeigt er heute mit den Händen an, "so ein Stück von Herrn Schleyer entfernt."

Auf der anderen Seite der Tür stand der RAF-Mann Peter-Jürgen Boock. Einmal hörte er, wie jemand draußen auf und ab ging. "Füße, Klingeln, tapp, tapp, tapp, nächste Tür, Füße, Klingeln und so weiter, und das kam näher." Schleyer sah Boock fragend an, Boock lud die Waffe durch und richtete sie auf Schleyer. Boock: "Und dann klingelte es natürlich auch an unserer Tür. Aber die Schritte gingen weiter, zur nächsten Tür auf der anderen Gangseite." Dann war Stille.

Schleyer fragte: "Hätten Sie mich jetzt wirklich erschossen?"

Boock antwortete, so sagt er heute: "Selbstverständlich, was dachtest du denn?"

Der Einsatzbefehl "Vollkontrolle" kam nicht, und nach zehn Tagen, die Schleyer in seinem Versteck zugebracht hatte, wurden die Terroristen nervös. Man beschloss, die Geisel wegzuschaffen - in die Niederlande.

Es hätte den Deutschen Herbst 1977 womöglich nicht gegeben, wäre Fernschreiben 827 nach den Regeln polizeilichen Handwerks bearbeitet worden. Vielleicht hätte die GSG 9 Schleyer befreit, und ob sich eine frustrierte Rest-RAF dann noch zu einem weiteren Schlag hätte aufraffen können, steht dahin.

Aber Fernschreiben 827 versandete. Hanns Martin Schleyer blieb 44 Tage in den Händen der RAF. Ein Flugzeug wurde entführt und befreit, die Anführer der RAF, Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe, brachten sich im Gefängnis Stammheim um, und Schleyer wurde ermordet.

Dieser Deutsche Herbst ist bis heute voller Rätsel und Widersprüche. Es sind noch viele andere Fragen offen: Wussten die Behörden davon, dass die Häftlinge Waffen hatten? Wie hat sich Andreas Baader erschossen? Haben die Behörden in der Nacht von Stammheim abgehört?

Vergangene Woche hat der SPIEGEL in Teil I einer großen Serie zur RAF zahlreiche Indizien dargelegt, die darauf hinweisen, dass man die Häftlinge während der Schleyer-Entführung tatsächlich abgehört hat. Es wurden zudem die Ereignisse des blutigen Jahres 1977 bis zur Entführung Schleyers erzählt. Teil II knüpft nun dort an und erzählt die Tage bis zum Tod Schleyers.

Am Donnerstag, dem 6. Oktober 1977, besuchte der Gefängnisarzt Helmut Henck,

der zu den Gefangenen inzwischen ein leidlich gutes Verhältnis aufgebaut hatte, Jan-Carl Raspe in dessen Zelle. Er traf einen Gefangenen, der einen deprimierten Eindruck machte, über Schlafstörungen klagte und dem das Sprechen schwerfiel. Raspe hatte Tränen in den Augen und sprach von Gedanken an Selbstmord. Henck erschrak.

Nach diesem Besuch schrieb der Arzt einen Vermerk für die Anstaltsleitung: "Nach dem Gesamteindruck muss davon ausgegangen werden, dass bei dem Gefangenen eine echte suizidale Handlungsbereitschaft vorliegt. Ich bitte um Kenntnisnahme und Mitteilung, auf welche Art und Weise ein eventueller Selbstmord verhindert werden kann."

Am Nachmittag ließ der stellvertretende Anstaltsleiter, Regierungsdirektor Ulrich Schreitmüller, den Arzt und den Amtsinspektor Horst Bubeck zu sich kommen. Er wollte wissen, welche Maßnahmen man trotz Kontaktsperre ergreifen könne. "Ist es vertretbar, Raspe in eine Beruhigungszelle zu verlegen oder ihn bei angeschaltetem Licht nachts laufend zu überwachen?"

Henck verneinte: "Dadurch wird der Druck auf Raspe noch mehr verschärft." Man entschied, Henck solle Raspe einmal täglich aufsuchen.

In den Wochen vor der Schleyer-Entführung hatte man die Gefangenen nachts sehr häufig kontrolliert, und wenn sie keine Reaktionen zeigten, sogar mitten in der Nacht den Arzt geholt. Jetzt, während der Kontaktsperre, als Zeichen für suizidale Neigungen festgestellt und weitergemeldet wurden, tat man nichts. Oder hatte man andere Möglichkeiten der Kontrolle, etwa durch Belauschen der Gefangenen?

Inzwischen trafen sich die RAF-Mitglieder Boock und Brigitte Mohnhaupt mit Wadi Haddad alias Abu Hani, einem wichtigen Funktionär der Volksfront für die Befreiung Palästinas (PFLP) in Bagdad. Abu Hani schlug vor, die Forderungen der RAF mit einer Aktion zu unterstützen. Es gebe zwei Möglichkeiten: entweder die Besetzung der Deutschen Botschaft in Kuweit oder eine Flugzeugentführung. Die RAF-Illegalen entschieden sich für das Flugzeug.

Boock hatte den Eindruck, die Operation sei schon vorbereitet und könne sofort losgehen. Als Flughafen schlug Abu Hani Palma de Mallorca vor; dort seien die Sicherheitsvorkehrungen sehr dürftig.

Am Freitag, dem 7. Oktober, besuchte Anstaltsarzt Henck die Gefangenen im siebten Stock. "Noch ein paar Tage, dann gibt es Tote", sagte ihm Baader.

Am Nachmittag des 9. Oktober hatte Gudrun Ensslin ein Gespräch mit dem BKA-Beamten Alfred Klaus. Ensslin brachte

Notizen mit und verlangte, dass der Vollzugsbeamte Bubeck mitschreibe, was sie zu sagen habe:

"Wenn diese Bestialität hier, die ja auch mit Schleyers Tod nicht beendet sein wird, andauert und die Repressalien im sechsten Jahr der Untersuchungshaft und Isolation - und da geht es um Stunden, Tage, dass heißt nicht mal eine Woche -, dann werden wir, die Gefangenen in Stammheim, Schmidt die Entscheidung aus der Hand nehmen, indem wir entscheiden, und zwar wie es jetzt noch möglich ist, die Entscheidung über uns."

Als Gudrun Ensslin ihren Text verlesen hatte, fragte der BKA-Beamte sie: "Welcher Art ist die Entscheidung, die Sie dem Kanzler abnehmen wollen?" "Das geht ja wohl aus der Erklärung unmissverständlich hervor", sagte Ensslin.

Auch Raspe wollte an diesem Nachmittag mit Klaus sprechen. "Die politische Katastrophe sind die toten Gefangenen und nicht die befreiten", sagte Raspe. "Das geht die Bundesregierung insofern an, als sie für die jetzigen Haftbedingungen verantwortlich ist, die darauf abzielen, die Gefangenen als verschiebbare Figuren zu behandeln. Die Gefangenen werden der Bundesregierung, wenn dort keine fällt, die Entscheidung abnehmen."

"Wollen Sie sich selbst töten, so wie es Ulrike Meinhof getan hat?", fragte Alfred Klaus.

"Ich weiß nicht", sagte Raspe. Er dachte einen Augenblick nach: "Es gibt ja auch das Mittel des Hungerstreiks und des Durststreiks. Nach sieben Tagen Durststreik ist der Tod unausweichlich. Da nützen auch keine medizinischen Mätzchen mehr."

Klaus meinte: "Ein lebendiger Hund ist immer noch besser als ein toter Löwe. Ein Wort aus dem Buch ,Prediger Salomon'."

Alfred Klaus rief nach den Gesprächen sofort den Präsidenten des BKA Horst Herold an und unterrichtete ihn von den Selbstmorddrohungen der Gefangenen. In seinem Aktenvermerk schrieb er am Abend: "Nach den Umständen ist anzunehmen, dass die Selbsttötung gemeint ist ... Hinsichtlich ihrer eigenen Person (Ensslin) ist die Ernsthaftigkeit dieser Ankündigung nicht auszuschließen. Bei den Mitgefangenen ist die Realisierung weniger wahrscheinlich - zumal als Alternative zur Freilassung."

Am 10. Oktober sprach Andreas Baader bei einer Visite des Anstaltsarztes von einem "kollektiven Selbstmord". Gudrun Ensslin äußerte sich ähnlich, meinte dann aber: "Selbstmord ist hier ja wohl nicht drin." Henck wunderte sich, dass beide trotz Kontaktsperre "mit fotografischer Wiedergabe" die gleichen Worte benutzt hatten. Er wurde seine "unterschwelligen Befürchtungen" nicht mehr los.

Getan wurde nichts.

Ungefähr zur selben Zeit kam auf Mallorca das Entführerkommando an. Die vier Palästinenser, zwei Frauen und zwei Männer, hatten keine Waffen dabei, die sollten ihnen nachgeliefert werden. Eine der Frauen, Souhaila Andrawes, die als Einzige überleben sollte, sagte später zum SPIEGEL: "Ich habe dort jemanden getroffen, der die Waffen bei sich hatte. Sie war eine Deutsche. Sie hat die Waffen geliefert. Sie waren in Pralinenschachteln mit Schokolade versteckt." Die Waffenlieferantin war Monika Haas aus Frankfurt am Main, die damalige

Frau des palästinensischen Kommandeurs, bei dem die RAF im Jemen trainiert hatte.

Am Donnerstag, dem 13. Oktober, gegen 13 Uhr startete in Palma de Mallorca die Lufthansa-Maschine "Landshut" mit der Flugnummer LH 181 zum Flug nach Frankfurt. An Bord der Boeing 737 waren 86 Passagiere, im Frachtraum zwei Leichen in Zinksärgen.

Unter den Passagieren war eine Gruppe junger Frauen, die an einer Misswahl in einer Discothek auf Mallorca teilgenommen hatte. Unter ihnen war Diana Müll, damals 19 Jahre alt: "Ich denke, wir waren eine Stunde unterwegs. Neben uns saßen eine Terroristin und ein Terrorist", berichtet sie. "Wir haben die beobachtet, weil er ein lustiges kariertes Sakko anhatte, und deshalb haben wir auch gerade hingeschaut, als die beiden aufsprangen und nach vorn rannten."

Co-Pilot Jürgen Vietor hörte es poltern, und kurz darauf stürmte der Chef der Entführer ins Cockpit, richtete die Pistole auf Flugkapitän Jürgen Schumann, trat dem Co-Piloten in die Rippen und schrie: "Out, out, out." Dann griff er das Mikrofon und brüllte hinein, dass die Maschine entführt sei. Eine der Stewardessen, Gabi Dillmann, lief nach vorn. "Wir wurden alle wie Vieh

nach hinten getrieben", sagt Dillmann. "Als ich dann den arabischen Akzent hörte, wusste ich, wir sind in Schwierigkeiten."

Als Nächstes lief er durch die Kabine und schrie, er habe das Kommando übernommen und sei jetzt der Kapitän. "Captain Martyr Mahmud", so heiße er.

Um 14.38 Uhr meldete die Flugsicherung Aix-en-Provence in Südfrankreich, dass die "Landshut" von ihrer Route abgewichen sei. Eine Stunde später setzte die Maschine auf dem römischen Flughafen Fiumicino auf.

In Bonn tagte der "kleine Krisenstab" mit Bundeskanzler Helmut Schmidt, Vertretern von vier Ministerien sowie BKA-Chef Horst Herold und Generalbundesanwalt Kurt Rebmann. Die Runde beschloss, auch nach der Flugzeugentführung bei der harten Linie zu bleiben.

Um 19.55 Uhr wurde auf dem Frankfurter Flughafen eine Maschine der Lufthansa startklar gemacht. An Bord waren Beamte des Bundeskriminalamts. Bei einer Zwischenlandung in Köln/Bonn stieg gegen 22 Uhr eine Gruppe durchtrainierter junger Männer in Turnschuhen, Jeans und Pullovern zu. Es waren 30 Mann, ausgerüstet mit Waffen, Handgranaten, Leitern

und Sprengstoff. Die Gruppe gehörte zur GSG 9, einer Spezialeinheit des Bundesgrenzschutzes.

Kurz vor dem Abflug erklärte der Chef der Truppe, Oberstleutnant Ulrich Wegener, seinen Leuten, worum es ging. Die entführte "Landshut" sollte gekapert, die Geiseln sollten befreit werden. Es sei ein Himmelfahrtskommando. Er nehme es keinem übel, wenn er nicht mitwolle. Die Männer grinsten. Auf so einen Einsatz hatten sie lange gewartet.

An Bord der "Landshut" terrorisierten indessen die Entführer Passagiere und Besatzungsmitglieder. "Der Captain Mahmud ist einfach durchgegangen", sagt Diana Müll, "hat mit dem Ellenbogen auf die Köpfe geschlagen oder ihnen den Pistolenlauf auf den Kopf gehauen."

Um 20.28 Uhr landete die "Landshut" auf dem zypriotischen Flughafen Larnaka. Die Entführer forderten, die Maschine aufzutanken. Um 22.50 Uhr startete sie wieder. 23 Minuten später landete die Maschine mit der GSG 9 in Larnaka.

Die "Landshut" flog in die Dämmerung hinein nach Osten, nahm Richtung auf den Persischen Golf. Um 1.52 Uhr am 14. Oktober landete die Maschine in Bahrein und flog kurz darauf nach Dubai. Dort ging der Terror an Bord weiter. Stewardess Dillmann musste vor Captain Mahmud niederknien. Er schlug sie und brüllte sie an, sie sei Jüdin und solle es gestehen. Dillmann funkelte ihn wütend an. Da lachte er und sagte: "Okay, okay, you get up."

Kanzleramtsminister Hans-Jürgen Wischnewski, der wegen seiner guten Arabien-Kontakte Ben Wisch genannt wurde, folgte der "Landshut" nach Dubai. Er hatte einen Geldkoffer mit zehn Millionen Mark dabei. Wischnewski wollte in Dubai um die Erlaubnis bitten, dass die GSG 9 zuschlagen dürfe.

Am 16. Oktober um 5.30 Uhr meldet sich der Chef der Entführer beim Tower. Die Maschine müsse sofort aufgetankt werden, sonst würde er den Flugkapitän erschießen. In der Nacht war die Klimaanlage ausgefallen. In der prallen Sonne heizte sich die Maschine immer weiter auf. Diana Müll: "Zum Schluss waren, glaube ich, 60 Grad in der Maschine. Man konnte nur noch sitzen und sich nicht bewegen."

Als Kapitän Schumann Zigaretten bestellte, versuchte er zu signalisieren, wie viele Entführer an Bord waren: "Four packs of cigarettes, two of this and two of this, maybe." Die Informationen halfen dem inzwischen ebenfalls in Dubai eingetroffenen GSG-9-Chef Wegener, sich auf die Erstürmung der Maschine vorzubereiten. Doch in einem Radiointerview lobte der Verteidigungsminister Dubais die heimlichen Signale, die Schumann gegeben hatte. Mahmud hörte das im Radio.

Jürgen Vietor: "Kapitän Schumann musste vorn ins Cockpit, und nach zehn Minuten kam der Mahmud raus und hat gesagt, euer Kapitän hat Nachrichten rausgeschmuggelt. Und dann musste Kapitän Schumann im Mittelgang exerzieren. Auf und ab marschieren. Demütigung, schlimmer geht es kaum noch."

Kurz vor Mittag meldete sich Captain Mahmud wieder beim Tower. Wenn nicht sofort aufgetankt würde, werde er alle fünf Minuten einen Passagier erschießen. Diana Müll sollte die Erste sein: "Der hat mir die Pistole an die Schläfe gesetzt und hat dann von zehn runtergezählt. Erst habe ich überlegt, dem Mahmud ins Gesicht zu gucken, damit er sieht, wie ich sterbe. Aber dann habe ich gedacht, das kann es nicht sein, wenn das Letzte, was du siehst, dieses hässliche, brutale Gesicht ist. Dann habe ich nach draußen in die Sonne geguckt, und dann war er bei eins, und dann hat der Tower geschrien, wir tanken auf."

Um 12.19 Uhr war die Maschine startklar. Mahmud gab den Befehl zum Abflug. Das Ziel sollte Aden sein.

Am selben Tag gingen Anstaltsleiter Hans Nusser und der Vollzugsbeamte Horst Bubeck zu Baader. Sie wollten ihn fragen, welchen Zweck das von den Gefangenen verlangte Gespräch mit Kanzleramtschef Schüler haben sollte. Baader gab keine Auskunft. Dann lachte er und sagte: "Wenn Schüler nicht bald kommt, muss er unter Umständen sehr weit reisen, um mit mir zu sprechen."

Bei allen Gesprächen mit Baader und den übrigen Gefangenen zeigte sich, dass diese sehr genau über die Entführung der "Landshut" informiert waren. Doch niemand wunderte sich offenbar darüber, dass die Gefangenen trotz der seit der Entführung Schleyers verhängten Kontaktsperre miteinander sprechen und Informationen von außen erhalten konnten. Später erfuhr die Öffentlichkeit, dass sich die Gefangenen eine Kommunikationsanlage gebastelt hatten und sich austauschen konnten.

Die "Landshut" hatte inzwischen Kurs auf Aden genommen. Schumann nahm Kontakt zum Flughafen auf. "Sie können nicht landen. Der Flughafen ist gesperrt", teilte ihm der Fluglotse im Tower mit.

Die Stewardessen gaben den Passagieren Anweisungen für das Verhalten bei einer Notlandung. Uhren, Broschen und Gebisse, alle spitzen Gegenstände wurden

in einer Plastiktüte eingesammelt. Co-Pilot Vietor flog eine Schleife. Er konnte sehen, dass alle Betonwege auf dem Flughafen mit Panzerfahrzeugen blockiert waren. Der Tower Aden meldete sich nicht mehr.

Vietor schaffte es, die "Landshut" auf einer Sandpiste neben der mit Panzern gespickten Rollbahn aufzusetzen. Einige hundert Soldaten liefen auf das Flugzeug zu und stellten sich mit erhobenen Waffen im Kreis auf. Mahmud sagte, so Vietor, die Behörden in Aden wollten, dass die Maschine wieder startet. Mahmud war sichtlich erschüttert. "Der war fix und alle."

Er gab dem Flugkapitän die Erlaubnis, die im Sand steckenden Räder der "Landshut" zu untersuchen. Schumann stieg die Treppe links hinten an der Maschine runter und ging zum linken Fahrwerk. Sein Co-Pilot konnte ihn mit der Taschenlampe leuchten sehen. Das Fahrwerk steckte bis zu den Achsen im Sand. Dann ging Schumann auf die rechte Seite und kam nicht zurück. Dillmann: "Meine persönliche Interpretation ist, dass er von den Soldaten, die das Flugzeug umstellt hatten, gefangen genommen wurde. Alles andere würde seinem Charakter nicht entsprechen." Mahmud sagte dem Copiloten: "Wenn der Kapitän zurückgebracht wird, wird er erschossen."

Plötzlich tauchte Schumann aus der Dunkelheit auf. Mahmud befahl, die hintere Treppe herunterzulassen. Schumann ging die Treppe hinauf und nach vorn in die erste Klasse auf Mahmud zu. "Runter, auf die Knie!", schrie der Chef der Entführer. Schumann gehorchte. Er hatte die Hände über dem Kopf gefaltet. Mahmud setzte einen Fuß auf einen leeren Sitz: "Dies ist ein Revolutionstribunal. Du hast alle hier der Gefahr ausgesetzt, in die Luft gesprengt zu werden. Du hast mich bereits einmal verraten. Dieses zweite Mal verzeihe ich dir nicht. Bist du schuldig oder nicht schuldig?"

Schumann antwortete mit leiser, ruhiger Stimme: "Captain, es gab Schwierigkeiten, zum Flugzeug zurückzukommen." Mahmud schlug ihm mit der linken Hand ins Gesicht. "Schuldig oder nicht schuldig?", schrie er. "Sir, lassen Sie mich erklären, ich konnte nicht zur Maschine zurück." Mahmud schlug so hart zu, dass der Kopf des Piloten zur Seite flog. Dann drückte er ab. Schumann fiel zu Boden. Er war tot.

Am 17. Oktober um 2.02 Uhr deutscher Zeit startete die Maschine. Die Leiche von Schumann war von den Entführern aufrecht stehend im hinteren Garderobenschrank des Flugzeugs verstaut worden.

Zweieinhalb Stunden später landete die "Landshut" in der somalischen Hauptstadt Mogadischu. Inzwischen war eine zweite Einheit der GSG 9 von Bonn aus gestartet, mit zunächst unbekanntem Ziel. Auf Kreta erreichte sie der Befehl zum Abflug nach Mogadischu über Funk: "Immediately, immediately, es kommt auf jede Minute an, ihr müsst weg. Mogadischu so schnell wie möglich."

Kurz vor Mittag landete auch die Maschine mit Staatsminister Wischnewski in Mogadischu. Jetzt ging es darum, von der Regierung die Erlaubnis zur Erstürmung der Maschine zu bekommen. Bundeskanzler Schmidt telefonierte vom Kanzleramt aus mit dem somalischen Diktator Siad Barre: "Wir haben ihnen nichts versprochen, wir haben aber hinterher etwas gehalten, was wir nicht versprochen haben, nämlich der hat eine ganz schöne Hilfe für sein Land bekommen."

An diesem Tag, dem 17. Oktober, trafen der BKA-Beamte Alfred Klaus und der Bonner Ministerialdirigent Hans Joachim Hegelau mit Baader in Stammheim zusammen. Baader wollte über die Entführung der "Landshut" sprechen: "Die RAF hat diese Form des Terrorismus

bis jetzt abgelehnt." Die Häftlinge hätten Aktionen gegen unbeteiligte Zivilisten nie gebilligt und billigten sie auch jetzt nicht. Die Bundesregierung müsse sich klar darüber sein, dass die zweite oder dritte Generation die Brutalität weiter verschärfen werde.

"Es gibt zwei Linien im Kampf gegen den Staat", sagte Baader. "Die Bundesregierung hat durch ihre Haltung dieser extremen Form zum Durchbruch verholfen."

"Wo fängt denn Ihrer Meinung nach der Terrorismus an?", erkundigte sich Hegelau. "Bei dieser Form terroristischer Gewalt gegen Zivilisten", antwortete Baader. "Das ist nicht Sache der RAF, die langfristig eine gewisse Form politischer Organisation angestrebt hat. Das kann man in den Schriften nachlesen. Demgegenüber, was jetzt läuft, hat die RAF eine gemäßigte Politik verfolgt." "Meinen Sie das ernst - nach den acht Toten der letzten Monate?", fragte der BKA-Beamte.

"Die Brutalität ist vom Staat provoziert worden", antwortete Baader und erwähnte die Schussanlage, die gegenüber der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe aufgebaut worden war, aber nicht losging. "Die Maschine ist von Leuten der zweiten, dritten oder vierten Generation installiert worden. Auch die Schleyer-Entführer und andere, nach denen gefahndet wird, sind uns persönlich gar nicht mehr bekannt. Wenn das BKA behauptet, die Aktionen würden aus dem Gefängnis gesteuert, dann trifft das allenfalls im ideologischen Bereich zu."

Hegelau fragte: "Welchen Einfluss haben Sie, etwa als Symbolfigur, noch?"

"Ich sehe zwei Möglichkeiten", sagte Baader, "einmal die weitere Brutalisierung und zum anderen einen geregelten Kampf, im Gegensatz zum totalen Krieg. Ich weiß ein paar Dinge, bei deren Kenntnis der Bundesregierung die Haare zu Berge stehen würden. Aber ich bin der Überzeugung, dass noch eine Einflussmöglichkeit, zumindest auf die Gruppen in der Bundesrepublik, besteht. Man kann noch versuchen, eine Entwicklung zum Terrorismus hier zu verhindern, obwohl es Strömungen anderer Art gibt. Das ist letztlich der Grund für den Gesprächswunsch gewesen. Der Terrorismus ist nicht die Politik der RAF."

Am Ende sagte Baader: "Zwischen dem Staat und den Gefangenen gibt es zurzeit einen minimalen Berührungspunkt des Interesses. Gudrun hat dazu schon alles gesagt. Freigelassene Häftlinge sind im Verhältnis zu toten Gefangenen auch für die Bundesregierung das kleinere Übel." Sterben müssten die Gefangenen so oder so.

Nach ihrer Landung in Mogadischu hatten die Entführer der "Landshut" ihr Ultimatum für den Austausch der Gefangenen auf 15.00 Uhr mitteleuropäischer Zeit verlängert; 17.00 Uhr Ortszeit.

Während Staatsminister Wischnewski fieberhaft mit der somalischen Regierung verhandelte, um die Erlaubnis zum Einsatz der GSG 9 zu erhalten, sprach General Abdullahi, der somalische Polizeichef, mit Captain Mahmud: "Die deutsche Regierung wird Ihre Bedingungen nicht annehmen ... Die somalische Regierung ersucht Sie, die Passagiere und Besatzung freizulassen. Wir versprechen Ihnen sicheres Geleit ..."

Der Entführer antwortete: "Ich habe Ihre Nachricht verstanden, General, dass die deutsche Regierung unsere Forderungen ablehnt. Das ändert nichts. Wir werden das Flugzeug genau bei Ablauf des Ultimatums in die Luft sprengen, das heißt genau in einer Stunde und 34 Minuten ... Wenn Sie dann zufällig im Tower sind, werden Sie das Flugzeug in tausend Stücke fliegen sehen ..."

Mahmud sagte den Passagieren, dass ihre Regierung sie sterben lassen wolle. Die Stewardess Gabi Dillmann bat ihn, noch einmal mit dem deutschen Botschafter sprechen zu dürfen. Mahmud übergab ihr das Mikrofon.

Gabi Dillmanns kurze Rede, die sie auf Englisch hielt, wurde vielfach in einer stark veränderten Form gedruckt. Dies ist die Übersetzung vom Originaltonband: "Ich möchte der deutschen Regierung sagen, dass es ihr Fehler ist, dass wir sterben werden - und wir werden sterben. Ich weiß, dass die es tun werden. Sie haben schon alle gefesselt. Und das ist, wie wir es auf Deutsch sagen, ein Himmelfahrtskommando. Ihnen ist das eigene Leben gleichgültig, und ihnen ist das Leben der anderen Leute gleichgültig. Und auch der deutschen Regierung ist unser Leben gleichgültig. Wir werden jetzt sterben. Ich habe versucht, es so gut, wie es geht, zu ertragen, aber die Angst ist so mächtig. Aber wir möchten, dass Sie wissen, dass die deutsche Regierung es wirklich nicht ist, die uns hilft, am Leben zu bleiben. Das Problem Deutschlands ist, sie hätten alles tun können, alles. Wir verstehen die Welt nicht mehr. In Ordnung, dies ist wahrscheinlich die letzte Botschaft, die ich jemals mitteilen kann. Mein Name ist Gabi Dillmann, und ich wollte einfach reden, wollte meinen Eltern und meinem Freund - sein Name ist Rüdeger von Lutzau - sagen, dass ich so tapfer wie möglich sein werde, dass ich hoffe, dass es nicht zu sehr weh tut. Bitte sagt meinem Freund, dass ich ihn sehr liebe, und sagt meiner Familie, dass ich sie auch liebe. Sagt ihnen vielen Dank, und falls es in den letzten Stunden irgendeine Möglichkeit gibt, dann bitte ich Sie, bitte versucht es. Denken Sie an all die Kinder, denkt an alle die Frauen, denkt an uns. Warum helft ihr uns nicht? Ich verstehe das nicht, wirklich nicht. Könnt ihr mit eurem Gewissen weiterleben, können Sie wirklich leben, mit Ihrem Gewissen für

den Rest Ihres Lebens. Ich weiß es nicht. Wir werden alle versuchen, so tapfer wie möglich zu sein, aber es ist nicht leicht. Ich bete zu Gott, bitte, wenn da irgendeine Chance ist, irgendeine Möglichkeit, helft uns. Es ist nur noch wenig Zeit übrig. Wenn es eine Möglichkeit gibt, bitte helft uns."

Inzwischen steuerte die Maschine mit der GSG 9 Mogadischu an. Über Funk kam der Einsatzbefehl aus Deutschland. "Die Entscheidung ist gefallen, ihr seid committed to land, ihr seid committed to land." Die Antwort aus dem Cockpit: "Okay, verstanden, Mogadischu so schnell wie möglich."

Die vier Palästinenser hatten Sprengstoff an den Kabinenwänden befestigt. Sie befahlen den Männern an Bord, einzeln in den Gang zu treten, und fesselten ihnen die Hände auf dem Rücken. Dann knoteten sie den Frauen die Hände mit zerschnittenen Strumpfhosen zusammen. Sie sammelten alle Flaschen mit Spirituosen, schlugen die Hälse an den Sitzlehnen ab und gossen den Inhalt über Teppiche und Passagiere.

Die Entführer verlängerten das Ultimatum um eine halbe Stunde, damit die Somalis die Umgebung des Flugzeugs räumen könnten. Die Somalis ließen sich Zeit. Zwölf Minuten nach Ablauf des neuen Ultimatums fragte Mahmud beim Tower nach: "Haben Sie alle Rollbahnen geschlossen?"

"Nein, noch nicht. Wir werden räumen. Warten Sie, Sir."

Kurz darauf meldete sich der deutsche Geschäftsträger in Somalia, Michael Libal: "Wir haben gerade die Nachricht bekommen, dass die Häftlinge in den deutschen Gefängnissen, die Sie freigelassen haben möchten, hier nach Mogadischu geflogen werden sollen." Wegen der großen Entfernung könne die Maschine aber erst am Morgen in Mogadischu sein.

"Sie wagen, mich um eine Verlängerung des Ultimatums bis zum Morgen zu fragen - stimmt das, Herr Vertreter des faschistischen, imperialistischen westdeutschen Regimes?"

"Im Prinzip stimmt das", sagte Libal.

"Wie groß ist die Entfernung zwischen der Bundesrepublik und Mogadischu, Herr Vertreter des westdeutschen Regimes?"

"Mehrere tausend Meilen."

Mahmud wollte es genau wissen, und Libal versprach, das zu prüfen.

"Okay, noch vier Minuten bis zum Ende des Ultimatums", sagte Mahmud.

Vom Tower kam die Nachricht, dass zwischen Frankfurt und Mogadischu 3200 nautische Meilen lägen, sieben Flugstunden. Der Entführer erklärte sich bereit, das Ultimatum bis 3.30 Uhr somalischer Zeit, 1.30 Uhr deutscher Zeit, zu verlängern.

Mahmud ging aus dem Cockpit in die Kabine. Zögernd sagte er: "Wir nehmen jetzt die Fesseln ab. Es ist eine Möglichkeit eingetreten, die unser aller Rettung sein könnte. Aber es ist noch nicht Zeit, sich zu freuen."

Dillmann: "Einer der Terroristen lief durch die Kabine und sagte, alles wird gut werden, alles wird gut werden. Und dann habe ich mich umgedreht zu den Passagieren, habe gesagt, wir sind frei, es wird ausgetauscht. Und dann haben sie alle gejubelt, und dann ging es nur noch darum, möglichst schnell die Fesseln aufzuschneiden, weil die Hände teilweise schon blau waren."

Die Maschine mit der GSG 9 war da bereits im Anflug. Über Funk kam aus Deutschland die Anweisung: "Okay, diesmal keine Warteschleifen irgendwo. Flieg ein bisschen sparsam, es kommt nicht auf zehn Minuten an, sondern nur darauf, dass du sachte in die Dunkelheit kommst."

"Okay, verstanden."

"Landung möglichst diskret, Landung möglichst diskret."

Um 19.30 Uhr Ortszeit, 17.30 Uhr deutscher Zeit, landete die Boeing 707 mit der GSG 9, 2000 Meter entfernt von der "Landshut", in einem entlegenen Teil des Rollfelds. Alle Lichter waren ausgeschaltet. Die Terroristen merkten nichts.

Zwei Stunden dauerte es, bis die Männer der GSG 9 ihr Gerät und ihre Waffen entladen hatten. Ulrich Wegener erkundete in der Zwischenzeit das Gelände um die "Landshut". Im Schutz einiger Sanddünen

robbte er bis auf wenige Meter an sein Einsatzziel heran.

Kurz vor 22 Uhr meldete sich in Stammheim Jan-Carl Raspe über die in allen Zellen installierte Rufanlage in der Wachtmeisterkabine und bat um Toilettenpapier. Der diensthabende Justizassistent Rudolf Springer versprach ihm, die Rolle bei der Medikamentenausgabe mitbringen zu lassen. Raspe war einverstanden.

Um 23 Uhr bekam er durch die Essensklappe das Toilettenpapier und seine Medikamente, Paracodin-Hustensaft und ein Schmerzmittel, Dolviran-Tabletten oder Optipyrin-Zäpfchen. Er sagte: "Danke schön." So freundlich und höflich hatten die Beamten ihn selten erlebt.

Baader verlangte eine Tablette Dolviran oder ein Optipyrin-Zäpfchen und bekam eine Adalin-Tablette in die Hand. Er schluckte sie und trank Wasser nach. Baader kam den Beamten ausgeglichen wie selten vor.

Eine Gruppe der GSG 9 schlich sich derweil von hinten an das Flugzeug heran. Die Männer hatten Leitern, Waffen und Horchgeräte dabei. Ein Teil des Trupps postierte sich unter der Maschine und befestigte die Horchgeräte, um jede Bewegung im Flugzeug festzustellen.

Vom Tower aus meldete sich der deutsche Vertreter mit einer Ablenkungsmeldung: "Nach unseren Informationen ist die Lufthansa-Maschine um 19.20 Uhr GMT in Deutschland gestartet. Die Maschine soll nach unseren Berechnungen um 4.08 Uhr GMT in Mogadischu landen. Wir erwarten nun von Ihnen konkrete Vorschläge über den Austausch der Geiseln. Ende."

"Das ist nach Ablauf des Ultimatums", sagte Mahmud. Der deutsche Vertreter erklärte ihm, dass es Schwierigkeiten bei der Zusammenführung der Häftlinge gegeben habe. Mahmud vergewisserte sich beim somalischen Polizeichef, ob die Angaben des Deutschen zuträfen. Dann gab er die Modalitäten für den Austausch durch:

"Erstens: Wir wollen keine Presse oder Fernsehkameras beim Austausch. Zweitens: Was ist mit den Genossen, die aus Deutschland kommen? Drittens: Wir wünschen, dass der Vertreter Somalias das Flugzeug, das jetzt auf dem Rollfeld in Mogadischu steht, untersucht und sicherstellt, dass dort niemand an Bord ist."

"Verstanden, verstanden."

Er nannte weitere Modalitäten, bis er den Satz sagte:

"Wir werden weitere Vorkehrungen treffen mit den Genossen, die aus der Türkei kommen."

"Wiederholen Sie das", wurde Mahmud vom Tower her aufgefordert. Mahmud wiederholte seinen Satz.

"Verstanden", kam die Antwort vom Tower, "wenn die kommen ..."

In diesem Moment detonierten Blendgranaten vor den Cockpit-Fenstern und machten "Martyr Mahmud" für einen Moment handlungsunfähig. Es war 0.05 Uhr mitteleuropäischer Zeit.

GSG-9-Chef Wegener: "Die Sturmtrupps haben den Mahmud sofort außer Gefecht gesetzt. Und plötzlich stand im Mittelgang die Nummer drei von den Entführern, und ich hab da auf ihn geschossen. Der fiel dann um und warf noch eine Handgranate."

Die Granate rollte direkt auf Gabi Dillmann zu. Ihr ging durch den Kopf: "Wie muss man das jetzt machen? Man darf die Luft nicht anhalten, wenn eine Explosion ist, sondern muss sie rauslassen, oder wie war das?" Sie atmete aus, die Granate explodierte, Dillmann wurde am Fuß getroffen. "Dann hab ich geguckt, aha, das Rückgrat funktioniert, dann habe ich meinen Fuß, der betroffen war, bewegt. Die Zehen waren noch dran. Aber wenn er ab gewesen wäre, Hauptsache lebendig."

Die Stewardess hatte Glück. Vor der Entführung gab Peter-Jürgen Boock den Palästinensern den Rat, die Handgranaten aus Kunststoff anfertigen zu lassen, damit sie leichter durch die Flughafenkontrollen geschmuggelt werden konnten. Jetzt war die Sprengkraft und Splitterwirkung nicht annähernd so groß wie bei einer normalen Handgranate.

Plötzlich rief jemand: "Da ist noch jemand in der Toilette." Wegener: "Und dann haben wir durch die Tür geschossen und haben die praktisch in der Toilette erledigt."

Die Zweite aus dem Entführerkommando überlebte schwer verletzt, es war Souhaila Andrawes. Die Männer der GSG 9 gingen davon aus, dass sie noch eine Handgranate in der Hand hielt, und zogen sie nach hinten. Andrawes kam zu sich: "Ich habe gemerkt, dass ich verwundet bin, und ich dachte, ich würde sterben. Ich erinnere mich daran, dass einer der deutschen Soldaten meine Hand hielt. Dabei merkte er wohl, dass ich noch am Leben sei." Auf der Trage streckte die Entführerin die Hand zum Victory-Zeichen aus.

Nach knapp sieben Minuten war die Operation beendet. Über die Funkzentrale der Lufthansa in Frankfurt meldete sich die Bundesregierung: "Give result, give result!"

"Eine Schwerverletzte, wahrscheinlich sterbend. Drei Terroristen tot."

"Ist verstanden."

"Frankfurt, Frankfurt, GSG, einer, nur einer leicht verletzt, nur einer, one, einer leicht verletzt ... Okay, okay, alles ... GSG, einer leicht verletzt ... all okay ... Gott sei Dank!"

Der Alptraum von Mogadischu war vorbei.

Im Hochsicherheitstrakt von Stammheim hörte der Vollzugsbeamte Rudolf Springer in seiner Glaskabine Radio. Um 0.38 Uhr meldete der Deutschlandfunk die Befreiung. Springer stellte sich an die Gittertür des Terroristentrakts und lauschte. Alles war still.

In seine Nachtdienstmeldung schrieb er: "23.00 Uhr Medikamentenausgabe an Baader und Raspe. Sonst keine Vorkommnisse!"

Bei der Frühstücksausgabe um 7.41 Uhr wurden die Stammheimer Gefangenen gefunden: Raspe lebte noch. Er starb im Krankenhaus. Baader und Ensslin waren tot. Möller wurde ins Krankenhaus gebracht und operiert.

Um 8.18 Uhr traf die Mordkommission in Stuttgart-Stammheim ein. Eine halbe Stunde später folgten Beamte des Landeskriminalamts. Um 9.00 Uhr ließ Kriminalrat Müller die Zellen öffnen, um sich einen ersten Überblick zu verschaffen. Er ordnete an, dass bis zum Abschluss der gerichtsmedizinischen Untersuchungen niemand die Zellen betreten dürfe. Lediglich von den Türen aus wurden einige Polaroidfotos gemacht.

Was sich in den knapp neun Stunden zwischen 23.00 Uhr und 7.41 Uhr im Hochsicherheitstrakt

zutrug, wird wohl nie völlig geklärt werden - Material für Mutmaßungen und Mythen.

Für die Ermittler - Kriminalbeamte, medizinische Gutachter, Staatsanwälte - sprachen die Indizien eine einfache und eindeutige Sprache: Raspe hatte in seiner Zelle ein kleines Transistorradio. Nachdem er im Süddeutschen Rundfunk die Nachricht von der Befreiung der Geiseln in Mogadischu gehört hatte, informierte er über die Kommunikationsanlage, die sich die Häftlinge gebastelt hatten, seine Mitgefangenen.

In den Stunden darauf müssen sich die Gefangenen Baader, Ensslin, Raspe und Möller auf einen gemeinsamen Selbstmord verständigt haben. Nach den Ermittlungsergebnissen muss es so abgelaufen sein: In Zelle 719 holte Baader die Pistole aus einem Versteck im Plattenspieler und feuerte im Stehen - wohl um einen Kampf vorzutäuschen ... und die Pistole auszuprobieren - zwei Schüsse ab, einen in seine Matratze, einen in die Zellenmauer neben dem Fenster. Dann suchte er die von der Pistole ausgeworfenen Patronenhülsen zusammen und legte sie neben sich. Er hockte sich auf den Zellenboden und setzte den Lauf der Waffe in seinen Nacken. Mit der einen Hand hielt er den Griff, mit der anderen den Lauf und drückte mit dem Daumen ab. Die Kugel trat im Nacken ein und an der Stirn, kurz über dem Haaransatz, aus.

In Zelle 716 holte Jan-Carl Raspe die 9-Millimeter-Pistole vom Typ Heckler & Koch aus einem Versteck hinter der Fußleiste und setzte sich aufs Bett. Dann drückte er den Lauf der Waffe an die rechte Schläfe und feuerte. Das großkalibrige Geschoss durchschlug seinen Schädel, streifte ein Holzregal und prallte gegen die Wand.

In Zelle 720 schnitt Gudrun Ensslin mit ihrer Schere ein Stück vom Lautsprecherkabel ab, rückte einen Stuhl vor das Zellenfenster, knüpfte den zweiadrigen isolierten Draht durch das feinmaschige Gitter, legte eine Schlinge um ihren Hals und stieß mit den Füßen den Stuhl zur Seite.

In Zelle 725 nahm Irmgard Möller ein Besteckmesser aus Anstaltsbeständen, schob ihren Pullover hoch und stach sich viermal in die Brust. Die Stiche trafen den Herzbeutel, verletzten ihn aber nicht. Möller überlebte als Einzige.

Dem Staatsanwalt erklärte Irmgard Möller: "Ich habe weder einen Selbstmordversuch begangen noch intendiert, noch war eine Absprache da gewesen."

In Bagdad hielt sich die Hauptgruppe der RAF in einem von den Palästinensern zur Verfügung gestellten Haus auf. Dort hörten sie die Nachricht vom Tod der Häftlinge über die Deutsche Welle.

"Die Leute saßen da wie betäubt", erinnerte sich Peter-Jürgen Boock, "einige haben geweint. Die anderen gaben dem Staat die Schuld ... nun haben die Schweine das wahr gemacht und sie umgebracht ..." Doch dann ergriff Brigitte Mohnhaupt das Wort, außer Boock die Einzige, die wusste, wie die Waffen nach Stammheim gekommen und wofür sie gedacht gewesen waren. Boock hatte den Eindruck, Brigitte Mohnhaupt könne das Lamentieren nicht mehr ertragen. Energisch und aggressiv habe sie gesagt: "Ihr könnt euch wohl nur vorstellen, dass die Opfer gewesen sind. Ihr habt die Leute nie gekannt. Sie sind keine Opfer, und sie sind es nie gewesen. Zum Opfer wird man nicht gemacht, sondern zum Opfer muss man sich selber machen. Sie haben ihre Situation bis zum letzten Augenblick selbst bestimmt. Ja, was heißt denn das? Ja, das heißt, dass sie das gemacht haben, und nicht, dass es mit ihnen gemacht worden ist."

Eisiges Schweigen. Alle waren wie vor den Kopf geschlagen, niemand wollte glauben, was Mohnhaupt da eben gesagt hatte. Einige meldeten sich zu Wort. Aber Mohnhaupt wehrte ab: "Da gibt es jetzt keine Debatten drüber. Darüber rede ich nicht mit euch. Das geht euch nichts an. Ich kann euch nur sagen, dass es so war. Hört auf, sie so zu sehen, wie sie nicht waren."

Damit war das Thema erledigt. Und die Legende vom Mord in Stammheim geboren; außerhalb der Gruppe, nicht in ihrem inneren Kreis. Später gaben auch andere RAF-Mitglieder zu Protokoll, dass sie an diesem Tag von Brigitte Mohnhaupt erfahren hatten, dass die Gefangenen in Stammheim Selbstmord begangen hatten.

Die Alternative "Mord oder Selbstmord" wurde für Linksradikale zur Glaubensfrage. Wer den Selbstmord der Stammheimer für denkbar oder wahrscheinlich hielt, galt im Umfeld der RAF als "Counter-Schwein", bestenfalls als unkritischer, ahnungsloser Zeitgenosse.

In jedem komplizierten Ermittlungsverfahren gibt es Vorgänge, die nur begrenzt aufgeklärt werden können. Der Rekonstruktion vergangener Ereignisse sind Grenzen gesetzt. Indizien sprechen nicht immer für sich, unterliegen verschiedenen Deutungsmöglichkeiten.

Jede unverständliche Schlamperei kann, wenn man will, als Teil eines perfiden Plans angesehen werden, jede Dummheit als Strategie, jeder Zufall kann zur Grundlage abenteuerlicher Spekulationen werden.

So wie die RAF schon zu Lebzeiten ihrer Gründer oftmals als Projektionsfläche für Wünsche und Hoffnungen, Ängste und Hassgefühle diente, so kumulierten derartige Übertragungen in der Beurteilung der Todesnacht von Stammheim.

Zumal im Ausland traute man den Deutschen alles zu. Wie sorgfältig auch immer die Todesermittlung geführt worden wäre - alle Spekulationen und Verdächtigungen hätte man damit nicht beseitigt. Wer glaubt, was er glauben will, lässt sich auch durch Indizien nicht überzeugen.

Und doch wäre ein Großteil der Spekulationen über die Todesnacht von Stammheim bei gründlicherer Untersuchung, bei

weniger Voreingenommenheit der Ermittler wohl gar nicht erst entstanden.

In der Eckzelle 619, ein Stockwerk unter Baader, lagen in jener Nacht fünf Häftlinge. In der staatsanwaltschaftlichen Vernehmung sagte einer von ihnen: "Ich habe in dieser Nacht keine Schüsse gehört. Ich bin um 23.00 Uhr eingeschlafen. Dann habe ich fest bis zum anderen Morgen um 6.30 Uhr durchgeschlafen."

Keiner von den 128 vernommenen Stammheimer Häftlingen hatte in dieser Nacht ein Geräusch gehört, das mit den Todesfällen im siebten Stock in Verbindung zu bringen war. Und doch fielen in dieser Nacht im siebten Stock der Vollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim vier Schüsse.

Der Untersuchungsausschuss des Stuttgarter Landtags tagte 19-mal, um Licht in das Dunkel der Nacht von Stammheim zu bringen. Einige der Sitzungen waren geheim - Futter für Mutmaßungen. Es wurden 79 Zeugen und Sachverständige vernommen. "Aus Geheimhaltungsgründen wurde bei der Vernehmung eines Zeugen teilweise die Öffentlichkeit ausgeschlossen", heißt es im Bericht des Ausschusses. Über Einzelheiten aus den Sitzungen des Krisenstabs in Bonn durften Zeugen nicht befragt werden. Die Protokolle des Krisenstabs sind geheim und werden es wohl noch lange bleiben.

Der Bericht des Untersuchungsausschusses wurde fertiggestellt, bevor die letzten kriminaltechnischen Untersuchungen abgeschlossen waren. Er widerspricht sich in einem wichtigen Punkt. So ist auf Seite 88 von einer weiteren Waffe, einer "Pistole Smith & Wesson, vernickelt" die Rede, gefunden in einem Wandversteck in Zelle 723. Auf Seite 90 ist daraus ein "verchromter Revolver Marke Colt Detective Special" geworden.

Der Schlussbericht des Staatsanwalts, mit dem das "Ermittlungsverfahren wegen des Todes von Baader, Ensslin und Raspe" eingestellt wurde, ist ganze 16 Seiten lang. Auf Widersprüche in den Untersuchungsergebnissen wird mit keinem Wort eingegangen.

Im Einstellungsbeschluss heißt es zum Beispiel: "Die Beschaffenheit der Mündung der Pistole, die links neben dem Kopf Baaders in seiner Zelle gefunden wurde, stimmte mit dem Erscheinungsbild der Eintrittsöffnung des Projektils im Nacken Baaders vollständig überein. Kriminaltechnische Untersuchungen ergaben außerdem, dass das tödliche Geschoss - wie auch die übrigen in Baaders Zelle vorgefundenen verschossenen Projektile - aus dieser Pistole abgefeuert worden war."

Aber es gab auch noch andere kriminaltechnische Untersuchungen in diesem Zusammenhang, die der Staatsanwalt nicht für erwähnenswert hielt.

In seiner "Schussentfernungsbestimmung" stellte der Wissenschaftliche Rat im Bundeskriminalamt, Roland Hoffmann, Spuren fest, die mit einer "Selbstbeibringung" des tödlichen Schusses nur schwer in Einklang zu bringen sind.

Dem BKA-Spezialisten war ein Hautteil aus Baaders Nacken zur Untersuchung zugeschickt worden. Er schrieb in seinem Gutachten: "In dem Hautteil befindet sich eine kanalförmige Verletzung, die ... durch ein Projektil des Kalibers 7,65 mm entstanden sein kann. Auf der Hautoberseite ist die Verletzung von einer Prägemarke umgeben, deren Konturen dem Mündungsprofil der vorbezeichneten Pistole entsprechen." In der Schmauchhöhle seien Spuren von Pulverschmauch gefunden worden. Der BKA-Gutachter kam zu dem Ergebnis: "Erfahrungsgemäß entstehen Prägemarke und Schmauchhöhle nur dann bei einem Schuss, wenn dieser mit aufgesetzter oder aufgepresster Waffe abgefeuert wurde."

Ein aufgesetzter Schuss also?

Er kam bei einem anderen Test aber auch zu dem Ergebnis: "Vergleichsweise müsste der Tatschuss aus einer Entfernung zwischen 30 und 40 Zentimetern abgefeuert worden sein."

Ein Schuss aus 30 bis 40 Zentimeter Entfernung also?

Diesen offenkundigen Widerspruch erklärte der Wissenschaftler des Bundeskriminalamts so: "Da dies jedoch aufgrund der übrigen Befunde mit Sicherheit ausgeschlossen werden kann, muss eine Verschleppung von Pulverschmauchspuren stattgefunden haben."

Da hatte also jemand auf Baaders Schusswunde herumgefingert? Oder wie sonst soll eine "Verschleppung von Pulverschmauchspuren" zustande gekommen sein? Oder hat der BKA-Gutachter vielleicht Baaders Pistole genommen, aber andere, stärkere Munition? Oder wurde mit einem Schalldämpfer geschossen?

Daran kann sich sofort die nächste Mutmaßung anschließen: Wenn keiner der Gefangenen in den Zellen unter Baader in jener Nacht einen Schuss gehört hat, könnte die Erklärung ein Schalldämpfer sein.

Es wäre die Aufgabe eines Staatsanwalts gewesen, derartigen Erwägungen vorbehaltlos nachzugehen. Der ermittelnde Staatsanwalt hatte das Gutachten über die Schussentfernung bei Baader fast zwei Monate vor Abschluss seiner Untersuchungen vorliegen - erwähnt hat er es mit keinem Satz.

Anfragen bei Staatsanwaltschaft oder Landesregierung werden zumeist pauschal mit dem Hinweis auf die abgeschlossenen Ermittlungen und deren eindeutigem Ergebnis beantwortet. Der in der Todesermittlung federführende Staatsanwalt Rainer Christ 1980 zum SPIEGEL: "Wir haben uns entschlossen, über Detailfragen keine Angaben mehr zu machen."

Dabei wäre es vielleicht ganz einfach gewesen, aller Mythenbildung von vornherein entgegenzutreten - allerdings zu einem hohen Preis. Es deutet einiges darauf hin, dass - wie schon bei der Vertuschung der verhängnisvollen Fahndungspanne von Erftstadt-Liblar - ein weiteres Versagen der Sicherheitsorgane bis heute streng geheim gehalten wird.

Es gibt Indizien dafür, dass die Gefangenen in Stammheim abgehört worden sind - und wenn nicht, muss man sich fragen, warum nicht. Rechtsstaatliche Bedenken können dem nicht im Weg gestanden haben.

Schon im Frühjahr 1975 und Ende 1976 wurde im Hochsicherheitstrakt von Stammheim abgehört, mit Wanzen. Zudem wäre es ein Leichtes gewesen, die geheime Kommunikationsanlage der Häftlinge anzuzapfen.

Alle Regeln der Wahrscheinlichkeit sprechen dafür, dass auch während der

Schleyer- und der "Landshut"-Entführung die Gespräche der Gefangenen mitgeschnitten worden sind. Dann aber müsste es ein Tonband der Todesnacht von Stammheim geben.

Der ehemalige BKA-Präsident Horst Herold erklärt, er habe von möglichen Abhörmaßnahmen in Stammheim während der Schleyer-Entführung nichts gewusst. Deshalb habe er auch bei seinen Lageberichten im Krisenstab niemals irgendwelche Erkenntnisse aus möglichen Abhörmaßnahmen mitteilen können. Herold regt einen Untersuchungsausschuss an und verwahrt sich entschieden dagegen, mit Abhöraktionen in Stammheim in Verbindung gebracht zu werden. Ein vergangene Woche in der ARD-Dokumentation "Der Herbst des Terrors" gezeigtes und im SPIEGEL veröffentlichtes Konzept für die Bekämpfung anarchistischer Gewalttäter sei nicht umgesetzt worden. In dem "VSvertraulich, amtlich geheimhalten" klassifizierten Dokument heißt es unter anderem: "Lauschmitteleinsatz zur polizeilichen Gefahrenabwehr - bei Gesprächen von RAF-Gefangenen untereinander" sowie "Schaffung der Befugnis, Gespräche zwischen verdächtigen Verteidigern und RAF-Gefangenen zu überwachen". Das Konzept war eine Auflistung aller denkbaren Bekämpfungsmöglichkeiten, über deren Zulässigkeit und Realisierung die Innenminister des Bundes und der Länder befinden sollten. Herold legt Wert auf die Feststellung, dass das von ihm entworfene Konzept keinesfalls bedeutet, dass sich das Bundeskriminalamt an Abhörmaßnahmen im Gefängnis Stammheim beteiligt habe.

Tatsächlich gab es unabhängig von Herolds Konzept im Jahr 1976 eine entsprechende Maßnahme.

Das beweist das Protokoll des Bundestagsinnenausschusses vom 8. März 1977, als der damalige Bundesinnenminister Werner Maihofer sagte: "Es gibt sogar noch aus dem Jahr 1976 eine gemeinsame Vorlage, die damals zwischen Justiz und Innenministerium erörtert worden ist, etwa was die Lauschoperationen in Strafanstalten anlangt. Das war ja damals mit der Verteidigerüberwachung ein Riesenproblem. Diese Vorlage kommt zu dem Ergebnis: Auf keinen Fall einen solchen Einsatz bei der Verteidigerüberwachung, auch nicht in solchen Terroristenfällen, weil das ja noch einmal eine zusätzliche Kollision mit dem Kernbestand unserer Rechtsstaatlichkeit bedeutet." Beim Abhören von Verteidigergesprächen wollte man sich also zurückhalten, für das Abhören von Gefangenen aber gab es freie Bahn.

Auch ohne irgendeine rechtliche Grundlage wurden schon Anfang 1975 Lauschmaßnahmen in Stammheim unternommen. So installierten Techniker des Bundesamts für Verfassungsschutz am 1., 2. und 3. März 1975 aufgrund einer Anfrage aus Stuttgart Mikrofone in fünf leerstehenden Zellen des Hochsicherheitstrakts von Stammheim. Angeblich ging es darum, Gespräche zwischen Gefangenen und verdächtigen Anwälten abzuhören. Im Mai 1975 bat man auch die Kollegen vom Bundesnachrichtendienst um Unterstützung. Dafür war eigens ein hochrangiger Beamter der Staatsschutzabteilung des Landeskriminalamts Stuttgart nach Pullach gefahren. Daraufhin reisten zwei BND-Techniker nach Stammheim und installierten dort in zwei leerstehenden Zellen eine Abhöranlage. Damit müssten insgesamt fünf plus zwei Zellen verwanzt worden sein. Besucherzellen gab es aber im Hochsicherheitstrakt nur vier. Offiziell wurde später eingeräumt, in zwei Phasen, zunächst 1975 und dann 1976/77, an je zehn beziehungsweise zwölf Tagen abgehört zu haben. Die Anstaltsleitung erfuhr davon nur wenig. Der stellvertretende Anstaltsleiter Schreitmüller heute: "Da hab ich nicht viel mitbekommen. Aber ich glaube, das LKA hatte seinen Raum im Mehrzweckgebäude, nicht bei uns."

In der ersten Abhörphase 1975 hatten die Lauscher direkt im siebten Stock neben den Besucherzellen gesessen und dort ihre Tonbandgeräte laufen lassen. Danach siedelte man offenbar in das benachbarte Prozessgebäude, die sogenannte Mehrzweckhalle, um. Dort gab es einen mit Monitoren und Tonbandgeräten ausgestatteten Technikraum. Hier hatten schon während des Stammheimer Prozesses verschiedene Dienststellen, das Landeskriminalamt, der Verfassungsschutz und das Bundeskriminalamt, einen Arbeitsplatz. Informationen aus der Abhörphase im Frühjahr 1975 wurden offenbar auch an andere Dienststellen weitergegeben.

So erklärte die Ehefrau des Militärattachés Andreas von Mirbach, der in Stockholm bei der Botschaftsbesetzung ermordet worden war, dass sie im Anschluss an den Tod ihres Mannes schwedische Polizeibeamte und Soldaten zu sich eingeladen hätte. Auch ein Polizeipräsident sei dabei gewesen und habe ihr gesagt, sie solle mit ihren Kindern nicht mehr zu lange in Schweden bleiben. Er habe von der deutschen Polizei erfahren, dass durch Abhören in Stammheim herausgefunden worden sei, dass die RAF Kinder als Geiseln nehmen wollte. Daraufhin sei dann die deutsche Schule aufgrund einer angeblichen Bombendrohung geschlossen worden.

Tatsächlich war bei der Abhöraktion im Frühjahr 1975 ein Gespräch zwischen dem Anwalt Klaus Croissant und der Gefangenen Ulrike Meinhof belauscht worden, in dem es um Aktionen auf Kinderspielplätzen gegangen war.

Der damalige Chef des LKA in Stuttgart, Kuno Bux, räumte gegenüber dem SPIEGEL ein, dass zudem versucht worden sei, Gespräche zwischen den Häftlingen und mit den Anwälten durch Richtmikrofone abzuhören. Das habe aber technisch nicht

geklappt. Deshalb sei er zu Kurt Rebmann gegangen, damals Ministerialdirektor im Justizministerium, später Generalbundesanwalt. Daraufhin sei vom Bundesnachrichtendienst Amtshilfe geleistet worden. Über die genauen Zeiträume könne er keine Auskunft mehr geben.

Auch der Stammheimer Anstaltsleiter Hans Nusser berichtet von dem Versuch, Gespräche im Hochsicherheitstrakt mit Hilfe von Richtmikrofonen aufzunehmen.

Der Inspektionsleiter Terrorismus im LKA, Günter Textor, erklärte gegenüber dem SPIEGEL, dass er über die Einzelheiten von Abhörmaßnahmen in Stammheim nichts gewusst habe. Solche geheimen Operationen seien mit Hilfe von Nachrichtendiensten durchgeführt worden. Das sei auch richtig so, "weil das eben unter geheim lief, und ich war nicht eingeweiht".

Er wisse, dass in der Stuttgarter Johannesstraße, dem damaligen Amtssitz des LKA, TÜ-Maßnahmen, also Telefon-Überwachungsmaßnahmen, durchgeführt worden seien, die vom Ermittlungsrichter des Bundesgerichtshofs angeordnet waren.

Sein Vorgesetzter Hans Kollischon, damals Abteilungsleiter Staatsschutz, sagte dem SPIEGEL, dass die Lauschaktionen in Stammheim amtsintern unter dem Begriff "Sondermaßnahme" geführt wurden. Es habe nur eine Aktion unter diesem Namen gegeben. Das allerdings bedeutet: Die Sondermaßnahme hat es bis zum Tag der Selbstmorde in Stammheim gegeben. Im Einsatzkalender der Staatsschutzabteilung des Landeskriminalamts Stuttgart vom 18. Oktober 1977 ist unter der Uhrzeit 10.21 ein Anruf des Beamten Dieter Löw bei der Apparatnummer 289 des LKA verzeichnet: "Die Beamten der Sondermaßnahme wurden von dem Vorfall in Stammheim verständigt und angewiesen, Erkenntnisse in ihrem Bereich, die im Zusammenhang mit dem Vorfall in Stammheim stehen, sofort an die Abt. 8, App. 362 und 361 weiterzugeben."

Ein für Zellendurchsuchungen im Hochsicherheitstrakt von Stammheim eingesetzter höherer Beamter des Staatsschutzes (Abteilung 8 des LKA Stuttgart) räumte gegenüber dem SPIEGEL ein, indirekt von Abhörmaßnahmen erfahren zu haben. Während der Schleyer-Entführung, als jeder Mann in seiner Abteilung gebraucht wurde, habe man ihm des Öfteren Beamte für eine Sondermaßnahme entzogen. Diese hätten dann eine höhere Geheimhaltungsstufe als er selbst erhalten und hätten ihm nichts von ihrer Tätigkeit erzählen dürfen. Dennoch habe er von einem Kollegen erfahren, dass es mitunter akustische Schwierigkeiten beim Abhören gegeben habe, weil die Wasserspülung der Toilette in der Zelle zu laut gewesen sei.

Kurt Fritz, ehemaliger Ministerialrat im Bundesinnenministerium und zuständig für das Bundeskriminalamt, meinte in einem Telefonat mit dem SPIEGEL, es sei zur Zeit der Schleyer-Entführung "eine Selbstverständlichkeit, dass alles genutzt wurde, was vorhanden war". Er wisse zwar keine Details über das Abhören der Ge-

fangenen in Stammheim, aber: "Sie müssen sich vorstellen, die Bundesrepublik war doch damals in einem seelischen Ausnahmezustand." Es seien auch "Handlungen vorgenommen worden, die vielleicht nicht ganz koscher waren".

Nach SPIEGEL-Recherchen spielte damals eine besonders geheime Truppe bei den Überwachungsmaßnahmen in Stammheim eine wichtige Rolle, die "Gruppe Fernmeldewesen" des BGS, die vor allem für die Aufklärung im deutsch-deutschen Funkverkehr eingesetzt wurde. Die Gruppe F agierte ohne Rechtsgrundlage und wurde erst 1994 legalisiert. Der ehemalige Referatsleiter für den Bundesgrenzschutz im Bundesinnenministerium, Günter Heckmann, wurde vom SPIEGEL präzise gefragt, ob ihm bekannt gewesen sei, dass möglicherweise während der Schleyer-Entführung in Stammheim abgehört wurde. Seine Antwort: "Na ja, sicher, das weiß ich schon." Was im Einzelnen wo und mit welchen Mitteln und wer daran noch beteiligt war, könne er aber nicht sagen.

Aufgrund der SPIEGEL-Anfragen wurden inzwischen im Stuttgarter Innenministerium viereinhalb laufende Meter bisher geheimgehaltener Aktenbestände zum Thema RAF und Stammheim gefunden. Der baden-württembergische Innenminister Heribert Rech (CDU) teilte dem SPIEGEL am 10. September mit, dass "Innen- und Justizministerium derzeit gründlich und sorgfältig die von Ihnen in Bezug genommenen Unterlagen sichten". Auch

seien im Zuge der Recherchen zahlreiche Gespräche mit ehemaligen Bediensteten der Innen- und Justizverwaltung geführt worden, die in der damaligen Zeit mit den Vorgängen befasst waren. Nach alledem sei die Erkenntnislage unverändert: "Wir haben keinerlei Hinweise darauf, dass in der Justizvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim im Zusammenhang mit der Schleyer-Entführung Gespräche der RAF-Häftlinge abgehört wurden."

Die Behörden würden ihre Recherchen gleichwohl fortsetzen und den SPIEGEL informieren, wenn sich neue Kenntnisse ergeben.

Nach der Befreiung der Geiseln in Mogadischu und dem Selbstmord der Häftlinge in Stammheim war allen Offiziellen klar, dass für Hanns Martin Schleyer kaum noch Hoffnung bestand.

Der Kern der Entführergruppe war nach wie vor in Bagdad. Dort fiel die Entscheidung. "Bei so vielen toten Genossen können wir ihn nicht am Leben lassen, werden wir auch nicht", erinnert sich Peter-Jürgen Boock an die Gespräche mit seinen Kumpanen. Das Todesurteil wurde per Telex nach Brüssel gesandt, wo die Restgruppe, die Schleyer bewachte, in einem Postamt zu erreichen war. "Wir müssen das Geschäft jetzt zum Abschluss bringen, die letzte Ladung ist verdorben", kabelten die RAF-Kader aus dem Büro der PFLP den Bewachern zu.

Nach Boocks Erinnerung bestand die Antwort nur aus einem Wort: "Okay."

Im Kofferraum transportierten zwei RAF-Terroristen Schleyer in einen Wald in der Nähe der belgisch-französischen Grenze. Nach Aussagen von Boock waren das Stefan Wisniewski und Rolf Heißler. Heißler habe ihm erzählt, wie die letzten Minuten abgelaufen seien. Die beiden seien ausgestiegen, hätten den Kofferraum geöffnet, Schleyer herausgehoben, ins Gras gelegt und auf der Stelle erschossen: "Das war eine Sache von weniger als einer Minute. Kofferraum auf, rausholen, Schuss, reinpacken, Kofferraum zu, abfahren."

Zeugen des Mordes gibt es nicht. Doch schon vor Jahren hatte Boock in einer Vernehmung bei der Bundesanwaltschaft Andeutungen über die angeblichen Täter gemacht. In seinem Verhör sagte Boock: "Mit Sicherheit waren Stefan Wisniewski und Rolf Heißler während meiner Zeit in Bagdad nicht dort." Daraus hatten die Bundesanwälte den falschen Schluss gezogen, Boock hätte ausdrücken wollen, dass die beiden nicht am Tatort waren, also nicht für die Ermordung Schleyers in Frage kämen. Tatsächlich hatte Boock aber ausdrücken wollen, die beiden seien nicht in Bagdad gewesen, kämen also als Täter durchaus in Frage.

Erst jetzt erzählte Boock in der ARD-Dokumentation über die RAF, woher er erfahren haben will, wer Schleyer erschossen hat. Kurz nach der Tat habe ihm Rolf Heißler gesagt, es sei von beiden geschossen worden, von ihm und Stefan Wisniewski. Tatsächlich stellten die Obduzenten bei Schleyer drei Kopfschüsse aus einer Waffe fest. Was sie bei der "Rekonstruktion der Schussrichtung" herausfanden, stützt die Hypothese, dass zwei Schützen Schleyer ermordeten.

Stefan Wisniewski hat juristisch wegen der Entführung und Ermordung Schleyers nichts mehr zu befürchten, er wurde dafür schon 1981 zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Wisniewski hat knapp 21 Jahre abgesessen.

Rolf Heißler hingegen wurde 1982 wegen Mordes an zwei niederländischen Zollbeamten, nicht aber für die Ermordung Schleyers zu lebenslang verurteilt und saß über 22 Jahre. Theoretisch könnte er dafür noch einmal angeklagt werden. Doch solange es keine weiteren Indizien als sein angebliches Geständnis gegenüber Boock gibt, wird er kaum erneut vor Gericht gestellt werden.

Opfer der RAF


Norbert Schmid

Am 22. Oktober 1971 wollte der 32-jährige Zivilfahnder in Hamburg die ihm verdächtige Ulrike Meinhof stellen und wurde von dem sie absichernden RAF-Mann Gerhard Müller erschossen. Müller wurde als Kronzeuge dafür nicht verurteilt. Bei Schusswechseln mit RAF-Mitgliedern starben nach Schmid auch die Polizisten Herbert Schoner, 32, Hans Eckhardt, 50, Fritz Sippel, 22, Hans-Wilhelm Hansen, 25, Arie Kranenburg, 46; die niederländischen Zollbeamten Dionysius de Jong, 20, und Johannes Goemans, 24, sowie der Bundesgrenzschutzbeamte Michael Newrzella, 25.


Paul

Bloomquist

Der 39 Jahre alte Offizier der US-Armee wurde bei einem Bombenanschlag der RAF auf das Hauptquartier des V. US-Corps am 11. Mai 1972 in Frankfurt getötet. 13 Tage später starben bei einem Anschlag auf das Hauptquartier der 7. US-Armee in Heidelberg Charles Peck, 23, Clyde Bonner, 29, und Ronald Woodward, 26. Sie waren nicht die einzigen von der RAF ermordeten US-Bürger. Bei der Explosion einer Autobombe auf der Rhein-Main-Airbase am 8. August 1985 kam der US-Soldat Frank Scarton, 20, ums Leben sowie Becky Bristol, 25, eine Zivilangestellte der US-Armee.


Andreas Baron von Mirbach

Der Militärattaché an der bundesdeutschen Botschaft in Stockholm wurde am 24. April 1975 von einem Mitglied des "Kommandos Holger Meins" der RAF erschossen. Die schwedische Polizei hatte drei Ultimaten zur Räumung des besetzten Teils der Botschaft verstreichen lassen. Mirbach, 44, wurde tödlich verletzt eine Treppe hinuntergeworfen. Um der Forderung an die Bundesregierung nach der Freilassung von 26 "politischen Gefangenen" Nachdruck zu verleihen, erschoss ein RAF-Mitglied auch noch den Wirtschaftsattaché Heinz Hillegaart, 64.


Siegfried Buback

Der Generalbundesanwalt wurde am 7. April 1977 in Karlsruhe auf dem Weg zum Bundesgerichtshof von einem bislang unbekannten RAF-Mitglied des "Kommandos Ulrike Meinhof" erschossen. Für Gudrun Ensslin verkörperte er den "postfaschistischen Polizeistaat Bundesrepublik". Mit Buback, 57, wurden ermordet Georg Wurster, 33, und Wolfgang Göbel, 30, von der Fahrbereitschaft der Bundesanwaltschaft. Nach Aussagen des Ex-RAF-Manns Peter-Jürgen Boock soll sein einstiger Mitkämpfer Stefan Wisniewski Buback und dessen Begleiter erschossen haben.


Jürgen

Ponto

Der Vorstandssprecher der Dresdner Bank, 53, war ein Berater des Bundeskanzlers Helmut Schmidt. Die RAF wollte den Bankier am 30. Juli 1977 eigentlich entführen, um den Aktionszyklus zur Freipressung von Andreas Baader, Gudrun Ensslin und weiteren RAF-Mitgliedern zu starten. Als Türöffner zu seiner Villa in Oberursel bei Frankfurt fungierte Susanne Albrecht, die Tochter eines Studienfreundes von Ponto. Doch Christian Klar verlor die Nerven. Er und Brigitte Mohnhaupt erschossen den Bankier und bekamen beide 1985 dafür eine lebenslange Freiheitsstrafe.


Hanns Martin

Schleyer

war Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände und Vorstandsmitglied der Daimler-Benz AG. Der vormalige SS-Untersturmführer, der als "Boss der Bosse" galt, wurde am 5. September 1977 in Köln entführt. Dabei wurden sein Fahrer Heinz Marcisz, 41, und die Polizisten Reinhold Brändle, 41, Roland Pieler, 20, und Helmut Ulmer, 24, ermordet. Nach dem Selbstmord der RAF-Führung in Stammheim erschossen, nach Aussagen von Peter-Jürgen Boock, Rolf Heißler und Stefan Wisniewski am 19. Oktober 1977 ihre 62-jährige Geisel.


Edward

Pimental

Am 7. August 1985 wurde der US-Soldat, 20, in Wiesbaden von einer RAF-Frau aus einer Discothek gelockt und im Stadtwald erschossen. Mit seinem Dienstausweis gelangten RAF-Mitglieder in die Rhein-Main-Airbase und brachten eine Autobombe zur Detonation, die zwei Menschen tötete. Der Mord an Pimental stieß selbst bei RAF-Gefangenen auf scharfe Kritik. Nach Auffassung des Oberlandesgerichts Frankfurt hat Birgit Hogefeld den Soldaten aus der Discothek gelockt. Kritikern attestierten die RAF-Illegalen einen "verklärten, sozialarbeiterischen Blick".


Gerold von Braunmühl

Der Ministerialdirektor im Auswärtigen Amt, 51, ein Vertrauter von Außenminister Hans-Dietrich Genscher, wurde am 10. Oktober 1986 vor seinem Haus in Bonn von zwei RAF-Mitgliedern erschossen. Vor ihm hatte die RAF am 1. Februar 1985 Ernst Zimmermann, 55, den Vorstandsvorsitzenden der Motoren- und Turbinen-Union, in seinem Haus bei München gefesselt und erschossen. Am 9. Juli 1986 waren in Straßlach bei München mit einer Bombe das Siemens-Vorstandsmitglied Karl Heinz Beckurts, 56, und sein Fahrer Eckhard Groppler, 42, ermordet worden.


Alfred

Herrhausen

war Vorstandssprecher der Deutschen Bank und ein Freund und Berater von Bundeskanzler Helmut Kohl. Herrhausen, 59, machte sich auch für einen partiellen Schuldenerlass für arme Länder der Dritten Welt stark. Als er am 30. November 1989 in seiner Limousine durch Bad Homburg zur Arbeit gefahren wurde, explodierte ein mittels einer Lichtschranke gezündeter Sprengsatz. Die Explosion drückte die gepanzerte Wagentür ein und tötete Herrhausen auf der Stelle. Die Deutsche Bank, so die RAF-Erklärung, stehe "an der Spitze der faschistischen Kapitalstruktur".


Detlev Karsten Rohwedder

Der Vorstandsvorsitzende der Treuhandanstalt, die ostdeutsche Staatsbetriebe privatisierte, war das letzte Opfer der RAF. Rohwedder, 58, wurde am 1. April 1991 in seinem Haus in Düsseldorf von einem Scharfschützen ermordet. Auf einem am Tatort zurückgelassenen Handtuch fand sich ein Haar, das später mittels DNA-Analyse dem RAF-Mann Wolfgang Grams zugeordnet wurde. Doch die Bundesanwaltschaft und das Bundeskriminalamt konnten dieses Verbrechen ebenso wenig genauer aufklären wie die übrigen Morde der dritten Generation der RAF.


Im nächsten Heft:

"High sein, frei sein ..." - Wie aus Happenings der Studentenbewegung in West-Berlin blutiger Ernst wurde.

* In Wohnung 104 befand sich das Schleyer-Versteck.* Links: am 27. Oktober 1977 auf dem Stuttgarter Dornhaldenfriedhof; rechts: am 25. Oktober 1977 in der Stuttgarter Domkirche St. Eberhard.

DER SPIEGEL 38/2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 38/2007
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Bei Spodats erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

RAF-Serie (II): Der Showdown:
Dann gibt es Tote