17.09.2007

WELTHANDELStreit im globalen Hühnerhof

Europas Konsumenten schätzen am Hähnchen vor allem die Brust. Der Rest ist fast unverkäuflich und wird exportiert, zu Dumpingpreisen. Die Bauern in Kamerun wehren sich gegen europäische Hühnerschenkel und trotzen einer Globalisierung, die sie zu Verlierern macht. Von Uwe Buse
Es ist später Nachmittag in Jaunde, vorsichtig lenkt Bernard Njonga seinen neuen Land Cruiser durch den Feierabendverkehr. Es ist drückend heiß, die Scheiben des Toyota sind runtergedreht. Njonga schwitzt, er hat noch nicht herausgefunden, wie die Klimaanlage funktioniert.
Plötzlich klopft jemand gegen die Tür. Njonga zuckt zusammen, an seinem Fenster steht ein Fremder, er streckt einen Arm ins Auto und bedankt sich überschwenglich für das, was Njonga getan, gewagt habe. Für Kamerun. Für die Bauern. Njonga lächelt unbeholfen. In letzter Zeit hat sich viel verändert in seinem Leben.
Früher war er ein biederer Verbandsfunktionär, jetzt tritt er im Fernsehen auf, gibt Interviews im Radio, und vor seinem Büro stehen immer ein paar Männer. Verlässt Njonga sein Büro, greifen sie zum Handy. Kommt er zurück, melden sie auch das ihren Auftraggebern. Njonga ist überzeugt, die Männer arbeiten für die Regierung. Einmal hat er sie gegrüßt, um zu sehen, was passiert. Es passierte nichts.
Der Dank von Fremden, die Aufmerksamkeit des Staates wird Njonga zuteil, weil er Siege errang gegen Gegner, die viele für unbesiegbar hielten. Gegner Nummer eins war der Präsident seines Landes. Er heißt Paul Biya, Kamerun regiert er seit 25 Jahren, er ist ein Diktator, der sich ein Parlament als Applausmaschine hält.
Njonga zwang den Präsidenten, sich eines angeblich korrupten Ministers zu entledigen. Das allein war in Kamerun schon eine Sensation. Ein Nichtpolitiker, ein Zivilist veränderte die Zusammensetzung des Kabinetts, unglaublich.
Aber wichtiger noch als die Tatsache, dass es geschehen konnte, war die Art und Weise, wie es geschah. Nicht durch Intrigen, nicht durch einen politischen Handel, sondern durch öffentlichen Druck, durch Demonstrationen, durch das Volk, das plötzlich einen Teil seiner Macht entdeckte und auf die Straße ging. Njonga schuf, ohne es geplant zu haben, die erste außerparlamentarische Opposition Kameruns, die erste echte Opposition überhaupt im Land.
Gegner Nummer zwei war Europa, die größte Wirtschaftsmacht der Welt, der es gefällt, in Afrika ihren Müll und andere unerwünschte Produkte zu entsorgen. Njonga kämpfte dafür, dass dies in Kamerun nicht mehr geschieht. Auch dies war ein spektakulärer Sieg, ein Triumph. Er katapultierte Njonga, den studierten Bauern, aus der Enge Kameruns auf die internationale Bühne der Politik. Er gilt jetzt in seinem Land als Experte für die Folgen der Globalisierung. Er hat den Afrikanern gezeigt, wie man sich wehren kann gegen einen Welthandel, der sie zu Verlierern macht. Er reist nach São Paulo, nach Hongkong, wo in Konferenzen über die Folgen des Wachstums, über die Grenzen der Globalisierung diskutiert wird.
Njongas Aufstieg begann mit der Jagd auf europäische Hühnerschenkel. Die Schenkel fanden sich auf den Märkten, in jeder Stadt, in den Dörfern, und ihre Existenz trieb die Bauern zur Verzweifelung, denn sie ruinierte ihnen ihr Geschäft. Sie machten es den Bauern so gut wie unmöglich, ihre eigenen Hähnchen, ihre Hühner zu verkaufen.
Die Schenkel stammten aus dem Ausland, sie wurden importiert und in Kamerun verkauft, zu Dumpingpreisen. Ein Kilo kostete rund 800 Westafrikanische Franc, umgerechnet 1,20 Euro. Die einheimischen Hähnchen, immer nur lebend verkauft, kosteten pro Kilo das Doppelte. Die Bauern hatten allen Grund, sich aufzuregen.
Viele von ihnen hatten in den vergangenen Jahren in die Hähnchenmast investiert. Sie hatten Kredite aufgenommen, Ställe gebaut, um vom Strukturwandel in Kamerun zu profitieren. Stetig zogen Familien vom Land in die Städte, auf der Suche nach Arbeit, nach einem besseren Leben. Zurück blieben ihre Höfe und die Möglichkeit, sich selbst zu versorgen mit Getreide, Milch und Fleisch. Die gewerbliche Hühnermast sollte den Hunger der Städter stillen.
Fridolin Mvogo ist einer dieser Bauern, aber er investierte nicht nur in Ställe, in den Strukturwandel, sondern auch in die Globalisierung. Er glaubte, mit der Zeit zu gehen, er verabschiedete sich vom gemeinen Haushuhn und legte sich zusammen mit seinen Nachbarn Markenhühner zu, 2000 Stück, gezüchtet und genetisch optimiert von global agierenden Zuchtbetrieben.
Diese Tiere sind nur noch entfernt verwandt mit dem einfachen Hinterhofhahn. Mvogos Hähnchen der Marke "Hybro" sind hocheffiziente Futterverwertungsmaschinen, die 1,65 Kilogramm Futter in ein Kilogramm Körpergewebe verwandeln. Das schafft kein Schwein. Diese Hühner wachsen in nur 35 Tagen zur Schlachtreife heran. Ihr Fleisch ist saftig. Betrachtet man diese Tiere aus dem Blickwinkel des Bauern, der möglichst viel Fleisch in möglichst kurzer Zeit produzieren will, dann ist das Markenhuhn dem Haushuhn in jeder Beziehung überlegen.
Als Mvogo sich vor einigen Jahren entschloss, in diese Hähnchen zu investieren, gab es bereits Hähnchenschenkel in Kamerun zu kaufen. Auf den Märkten Jaundes tauchten sie immer wieder auf, aber es waren zu wenige, um Mvogo schlaflose Nächte zu bereiten. Er glaubte, dass sie früher oder später wieder verschwinden würden. Doch das taten sie nicht.
Es wurden mehr von Jahr zu Jahr, und das lag vor allem an einer Firma, die Kamerun als gut erreichbaren und ungesättigten Markt für billige Hühnerviertel entdeckt hatte. Der Name der Firma ist Kühne + Heitz, ihre Zentrale liegt im niederländischen Dordrecht. Ihre Mitarbeiter organisierten rund 70 Prozent aller Geflügelimporte nach Kamerun. Es war ein gutes Geschäft für die Fleischhändler. Für Mvogo war es eine Katastrophe. Er blieb auf seinen Hähnchen sitzen und rief, wie viele andere Bauern, Njonga an, den Generalsekretär
des Bauernverbandes "Saild". Njonga sollte die Schenkel verschwinden lassen. Wie, war ihnen egal.
Die Bauern hatten keine Ahnung, was sie von Njonga verlangten. Sein Gegner war nicht nur eine Firma im fernen Holland, zu seinen Gegnern zählten auch die Konsumenten, sie setzen die verhängnisvolle Kettenreaktion in Gang, die in den Supermärkten Europas, der USA beginnt und auf den Märkten von Kamerun endet.
Es ist eine ununterbrochene Volksabstimmung, ein globales Plebiszit, das stattfindet an den Kühlregalen der Welt. Mit jedem Griff entscheiden Konsumenten über die Produktions- und die Lebensbedingungen von Hühnern, Puten, Gänsen und ebenso über die Vermarktung des Fleisches in einer vernetzten Welt. Gewünscht ist in Europa, in den USA, in allen wohlhabenden Ländern das Brustfilet, befreit vom Knochen, mager, fettarm. Der Rest der Tiere ist hier fast unverkäuflich.
Dem Wunsch der Konsumenten entsprechen die Hühnerzüchter. Sie schaffen Rassen mit gigantischen Brüsten. Weltweit sind es gerade einmal drei Firmen, die diesen Teil des Geflügelmarkts beherrschen. Aviagen ist eine von ihnen, sie ist im Besitz der niedersächsischen Hühnermästerdynastie Wesjohann. Ihr Modell "Ross 708" wird ausgeliefert mit einem umfangreichen Handbuch, einer Bedienungsanleitung für die Kreatur, die erklärt, wie das komplizierte Wechselspiel von Licht, Luft, Futter, Wasser in den von der Außenwelt abgeschotteten Ställen gemanagt werden muss, um am Ende aus dem Huhn die maximale Leistung herauszuholen.
Ist so ein Hähnchen schlachtreif, wird es getötet, zerlegt, verpackt, verkauft, und seine Glieder werden verschifft, kreuz und quer über den Globus. Seine Füße landen in Thailand, die Innereien in der früheren Sowjetunion, die Flügel gehen nach China, die Schenkel nach Japan, Mexiko - und Afrika.
Die Weigerung der Konsumenten, das Huhn am Stück zu kaufen und zu verwerten, hält gigantische Handelsströme am Laufen. Allein die Mäster der EU liefern pro Jahr 225 000 Tonnen Geflügelteile in die ehemalige Sowjetunion, 144 000 Tonnen nach Afrika, 170 000 Tonnen in den Nahen Osten, 50 000 Tonnen nach Fernost.
Zu welchem Preis das in Europa unerwünschte Fleisch im Zielland angeboten wird, bestimmen nicht so sehr die Produktionskosten in den Herstellungsländern, sondern die Kosten seiner Entsorgung im Fall des Nichtverkaufs. Seinen Gewinn hat der Produzent in der Regel schon mit dem Erlös des Brustfilets erwirtschaftet. Die Vermarktung der Reste muss nur noch kostendeckend sein. So kann Fleisch für 80 Cent das Kilo verschifft, für 1,20 Euro verkauft werden, Tausende Kilometer vom Herkunftsland entfernt.
In Kamerun sollte Bernard Njonga die Invasion der Hähnchenschenkel stoppen. Aber wie? Das Fleisch wurde den Menschen in Kamerun ja nicht aufgezwungen.
Njonga brauchte ein Argument, eine Tatsache, irgendetwas, das dem importierten Fleisch seinen Wettbewerbsvorteil nehmen würde. Außerdem brauchte Njonga einen Gegner. Er wollte die Debatte emotionalisieren, er wollte einen Importstopp, mehr noch, er wollte ein Zeichen setzen für Kamerun, für ganz Afrika.
Njonga war es leid, dass Afrikaner immer nur die Opfer sind, dass sie im Ausland so gesehen werden, dass sie sich selbst so sehen. Njonga wollte beweisen, dass die Rollenverteilung in der globalisierten Welt kein Gottesurteil ist und dass Verhältnisse sich ändern lassen.
Doch allein war das nicht möglich, er brauchte Helfer, denen er vertrauen konnte, und er wählte drei Personen: Yvonne Takang, jung, ehrgeizig und unverheiratet. Bertrand Djami, früher Automechaniker, jetzt Redakteur der "Bauernstimme", und Jacob Kotcho, ebenso ehrgeizig, aber besonnener als Yvonne Takang. Alle drei arbeiteten für Saild, den Bauernverband. Alle drei wechselten zu Acdic, einer Schwesterorganisation des Verbands, von Njonga gegründet, um seine Kampagne zum Erfolg zu führen.
Das Akronym Acdic steht im Französischen für "Bürgerlicher Vereinigung zur Verteidigung kollektiver Interessen". Njonga fand das aussagekräftig. Dann machten sich die vier daran, ein Volk zu mobilisieren. Erfahrung hatten sie keine.
Sie wussten, die nötigen Angaben über ihre Gegner besaß der Zoll, sie wussten auch, diese Angaben waren nur für den Dienstgebrauch bestimmt und dass ein Mann die Akten hütete. Njonga schickte eine Frau zu ihm, eine Freundin von Takang, hübsch und sexy. Sie erzählte dem Zöllner, dass sie die Angaben brauche für einen Cousin, der im Ausland Volkswirtschaft studierte. Der Zöllner antwortete: Vielleicht kann ich helfen, aber vorher müssen wir uns besser kennenlernen.
Den zweiten Versuch unternahm Djami, der ehemalige Automechaniker, nun Redakteur der "Bauernstimme". Er wohnte in der Nähe des Hafens von Douala, er kannte ein paar Zöllner. Einen sprach er an, in einer Kneipe. Der Mann antwortete: Vielleicht kann ich helfen. Aber vorher musst du zahlen.
Ist das in Ordnung, fragten sich die vier. Darf man ein korruptes System durch Korruption entlarven?
Njongas Antwort: "Ja. Wer zu moralisch ist, erreicht nichts, zumindest nicht in Kamerun." Njonga zahlte insgesamt 7000 Euro für die Listen. Sie wurden nachts in einem Wagen übergeben. Das Geld stammte vom Bauernverband.
Die vier kannten jetzt die Lieferanten im Ausland, die Käufer in Kamerun. Sie konnten auch beweisen, dass es Korruption im Ministerium für Tierzucht gab, und sie erkannten, dass die korrupten Beamten ebenfalls Anfänger waren. Oder sehr selbstsicher. In den Importbescheinigungen fand sich in der Rubrik Herkunftsland unter anderem die Angabe: Hohe See.
Um den Ruf des Importfleisches ruinieren zu können, ließ Njonga 200 Hähnchenschenkel vom Centre Pasteur in Kamerun untersuchen. In Deutschland ist so etwas der nächste, logische Schritt. In Kamerun nicht. Hier haben Privatpersonen nicht die Aufgabe, die Qualität der Lebensmittel landesweit zu untersuchen. Deshalb verschwand die Studie, unmittelbar nach ihrer Fertigstellung, und Njonga musste sich mit einer Kurzfassung begnügen. Ein Mitarbeiter des Instituts spielte sie ihm zu. Njonga las: 83,5 Prozent der
Schenkel sind für den menschlichen Verzehr nicht mehr geeignet. Verantwortlich seien die Händler, die das tiefgefrorene Fleisch ungekühlt zu den Märkten im Land transportierten.
Njonga jubelte. Er hatte, was er brauchte. Er konnte seine Kampagne beginnen, und er wollte klotzen, nicht kleckern.
Auf Flugblätter und Broschüren ließ er Totenköpfe drucken, daneben in Rot die Warnung: Todesgefahr! Darunter ein Bild, das Hähnchenschenkel zeigt. Die Hühnerimporteure des Landes waren davon nicht begeistert, vor allem die Einflussreichen nicht, Männer wie Emmanuel Nana.
Nana ist kahl, rund, er liebt das Vage, er sagt von sich, er sei im Import-, Exportgeschäft tätig. Andere sagen, ihm gehöre das Café, in dem er gern sitzt, der Block, zu dem das Café gehört und ein Gutteil des Viertels, in dem der Block steht.
Spricht er über den Geflügelhandel sagt Nana: "Ein gutes Geschäft!", und blickt dann melancholisch in sein Glas mit Tee.
Ein paar tausend Tonnen habe er importiert. Er habe Njonga gedroht, wie viele andere Importeure, er habe mit ihm gestritten. Er habe Njonga von einem Kompromiss überzeugen wollen, von einem stufenweisen Abbau der Importe. "So hätten", sagt Nana, "alle gewinnen können." Njonga wäre immer noch der Retter der Bauern, die Regierung hätte das Volk geschützt, und die Importeure hätten noch ein paar Jahre Geschäfte machen können.
Aber über diese Dinge habe Njonga nie reden wollen. Ihm sei es immer nur um seine Salmonellen gegangen, um die Volksgesundheit, um die Hähnchen des Todes. Nana schnauft verächtlich. Hähnchen des Todes.
Hat er Njonga jemals zusammenschlagen lassen? "Nein", lautet die Antwort, "ich bin Kaufmann, kein Krimineller."
Die Monate der Kampagne sind für Njonga nur eine verschwommene Erinnerung, eine scheinbar unendliche Folge von zu kurzen Nächten, Dörfern, Vorträgen, Fragen und Antworten. Aber die Mühe wurde belohnt. Zu den Versammlungen, auch in abgelegenen Gegenden, kamen Hunderte, die Treffen dauerten bis spät in die Nacht. Jeder hatte etwas zu sagen.
Es waren aufgeheizte Debatten, denn es ging nicht nur um Hähnchen an diesen Abenden, es ging auch um die Möglichkeit, gehört zu werden. Von der Regierung, den Importeuren, den Exporteuren, von Europa. Es ging um die Chance, die Gesellschaft
zu verändern, wenigstens an einem Punkt. Es ging um Demokratie.
Njonga organisierte Demonstrationen, Protestmärsche. Die Medien griffen das Thema auf, und selbst die Regierungspresse konnte die Kampagne nicht negieren. In seinen Interviews prangerte Njonga die Machenschaften der Importeure an, die Korruption im Ministerium für Viehzucht und nie den Präsidenten. Das war klug.
Es gab Männer, Frauen, die dies von ihm forderten, die mehr wollten als ein hähnchenschenkelfreies Kamerun, sie wollten ein neues Kamerun, und Acdic sollte ihr Werkzeug sein. Aber Njonga wollte davon nichts wissen, er wollte keinen Aufstand. Er hatte andere Ziele. Seine Kampagne sollte ein gesamtgesellschaftlicher Volkshochschulkurs werden für mehr Demokratie, sie sollte Kamerun in einen Debattierclub verwandeln.
Und so kam es. Kameruns Präsident ließ ihn gewähren, denn auch er profitierte. Biya konnte sich als Liberaler, als wahrer Demokrat beweisen.
Im Parlament, auf der Straße, den Märkten, auf Hochzeitsfeiern, Beerdigungen, überall wurde gestritten über das Für und Wider der importierten Schenkel. Niemand konnte sich dem Thema entziehen. Jeder hatte eine Meinung, und die Meinung der Mehrheit lautete: Wir wollen keine Hähnchenschenkel mehr in Kamerun.
Am Ende meldete sich auch der Präsident zu Wort. Biya verurteilte die Machenschaften der Importeure, verdoppelte den Zoll auf importiertes Geflügel, erließ den einheimischen Bauern die Mehrwertsteuer für ihre Hühner und schlug sie auf den neuen Importzoll auf. Auf diese Weise wurde das importierte Fleisch so teuer wie das einheimische. Außerdem entließ der Präsident den Minister für Tierzucht.
Mehr musste nicht getan werden. Den Rest erledigte die Marktwirtschaft. Die Händler blieben auf ihren Hähnchen sitzen. Die Importeure gaben auf. Der Import brach ein. Nun ist Kamerun nahezu hähnchenschenkelfrei, auf den Märkten werden nun wieder ganze Hähnchen verkauft, lebend, für sie braucht man keine Kühlkette.
Njonga hat gewonnen. Mit einer Handvoll Helfer gelang ihm, was sonst nur Nationen zugestanden wird: einen nationalen Markt zu schließen, ihn abzuschotten von der Globalisierung. Auch Acdic hat gewonnen, es gibt jetzt neue Mitglieder, neue Ziele. Es geht um Tomaten, Zwiebeln, Reis, importiert und unnötig, wie Njonga findet. Kamerun kann sich selbst versorgen. Das ist der Tenor der neuen Kampagne. Ein weiterer Erfolg soll her, für Njonga, für Kamerun, für Afrika. Ob es gelingt, ist ungewiss, der Markt hat seine eigenen Gesetze. Das musste auch Njonga erfahren.
Kühne + Heitz, der frühere Hauptimporteur von Geflügel nach Kamerun, liefert nun Fisch ins Land. Die Hähnchenschenkel landen jetzt in Ghana, und hier bedroht die Flut der importierten Keulen nicht nur die Geschäfte der einheimischen Geflügelmäster, sondern auch die der Rinderzüchter. Ihre Kunden wandern ab zum billigen, importierten Hühnerfleisch. Njonga hat die Züchter schon besucht, um ihren Widerstand zu organisieren, und auch im Kongo, in Kinshasa, wird seine Erfahrung nun gebraucht.
In Kamerun sind Hähnchen jetzt wieder ein Luxusgut, sie sind so teuer wie vor der Krise. Das freut die Konsumenten nicht. Und auch die Hühnermäster klagen, wenn sie wie Fridolin Mvogo auf Markenküken angewiesen sind.
Es fällt Mvogo schwer, die Produktion wieder hochzufahren, denn diese Küken sind zurzeit ein knappes, teures Gut. Das Angebot der Brütereien des Landes hinkt der Nachfrage stark hinterher. Mvogo muss geduldig sein. Eine Alternative hat er nicht, denn er will, was alle wollen: irgendwann ein Gewinner der Globalisierung sein.
Von Uwe Buse

DER SPIEGEL 38/2007
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