17.09.2007

MEDIZINLawine in der Lunge

Seit dem Rauchverbot geht es den Herzen der Schotten überraschend gut. Wird bald auch bis zu 50 000 Deutschen der Infarkt erspart bleiben?
Die Schotten sind ein chronisch kurzlebiges Volk. Sie trinken eher viel, rauchen gern und essen schlecht, und darum sterben sie ein paar Jahre früher als andere Europäer. In der Hauptstadt Glasgow etwa muss sich der Durchschnittsmann über die Gestaltung seines 71. Geburtstags keine Gedanken machen.
Millionenteure Aufklärungskampagnen der Mediziner haben immerhin dazu geführt, dass die Zahl der Herzinfarkte seit einiger Zeit sinkt - um rund 3 Prozent pro Jahr. Doch jetzt ist offenbar ein Wunder geschehen: Plötzlich hat die Zahl der Herzinfarkte in Schottland in einem einzigen Jahr um ganze 17 Prozent abgenommen.
Was ist geschehen? Essen die Schotten kein rotes Fleisch mehr? Schlucken sie massenhaft Cholesterinsenker? Trainieren sie alle für den Marathon? Nein: Sie sitzen nur nicht mehr beim Bier, im Zug oder auf der Arbeit im Zigarettenqualm der anderen.
Seit April 2006 gilt in Schottland ein Rauchverbot in der Öffentlichkeit, und seither, so berichteten Forscher der Universität Glasgow vergangene Woche, geht es in den Herzkliniken des Landes auf erstaunliche Weise ruhiger zu. Während der zehn Monate vor dem Rauchverbot wurden noch 3235 Menschen mit Herzinfarkt eingeliefert in neun ausgewählte schottische Kliniken. Im gleichen Zeitraum nach dem Ende des öffentlichen Rauchens waren es nur 2684.
Jetzt staunen die Schotten und der Rest der Welt über 551 Herzinfarkte, die es nicht gegeben hat - einfach nur wegen besserer Luft. Wie sollen schon vergleichsweise niedrig konzentrierte Schadstoffpartikel, eingeatmet beim sporadischen Kneipenbesuch, einen so durchschlagenden Effekt haben?
Auf den britischen Inseln reagierten viele Menschen vergangene Woche mit Unglauben. Vielleicht war das Wetter schuld, mutmaßten manche. "Gesunden Skeptizismus" empfahl auch die Londoner "Times" angesichts dieser Ergebnisse, die Rauchverbote gleichsam als beste und billigste Gesundheitsmaßnahme seit Erfindung des Freizeitsports erscheinen lassen.
Doch tatsächlich ist die schottische Studie für Mediziner gar nicht so überraschend, wie es scheint. Aus verschiedenen Ländern liegen bereits Untersuchungen mit sehr ähnlichen Ergebnissen vor:
* In Irland, so erklärten irische Forscher auf einem Kardiologenkongress in Wien, hat die Zahl der Herzinfarkte seit dem Rauchverbot im März 2004 um 11 Prozent abgenommen.
* Nach dem italienischen Rauchverbot im Januar 2005 ist die Zahl der unter 60-Jährigen, die in der Region Piemont einen Herzinfarkt erlitten, ebenfalls um 11 Prozent gefallen. Zuvor war ihre Zahl seit Jahren stetig gestiegen.
* In der Ortschaft Pueblo im US-Bundesstaat Colorado stockten nach dem Rauchverbot im vergangenen Jahr 27 Prozent weniger Herzen als zuvor.
* In der Kleinstadt Helena im US-Bundesstaat Montana ist die Zahl der Herzinfarkte nach einem Rauchverbot im Jahr 2002 sogar um 40 Prozent ge-
sunken. Als ein Richter die
Qualmerei sechs Monate spä-
ter wieder zuließ, stiegen die
Myokard-Infarkte wieder auf
das Ausgangsniveau.
"Der Zusammenhang zwischen Passivrauchen und Herzinfarkt ist inzwischen hervorragend belegt", urteilt Tobias Raupach, wissenschaftlicher Leiter der Raucherentwöhnungsambulanz an der Universitätsklinik Göttingen. Das Gespenstische daran sei, dass beim Rauchen, ob aktiv oder passiv, eine minimale Dosis bereits einen maximalen Effekt nach sich ziehen könne. Ähnlich wie bei einer Schneelawine reicht schon ein kleiner Anstoß zu einer Kaskade von Ereignissen.
Die Wahrscheinlichkeit eines Lungenkrebses steigt mit der Zahl der gerauchten Zigaretten. Beim qualmbedingten Herzinfarkt jedoch gibt es diese "lineare Dosis-Wirkung-Beziehung" nicht. Schon wenige Stunden des Passivrauchens führen zu messbaren Veränderungen im Blut.
"Eine sehr geringe Menge von Toxinen kann bereits großen Schaden anrichten", sagt Raupach. Und immer deutlicher werde, weshalb das so ist. Weil die Lunge auf den Rauch reagiert, werden die Blutplättchen klebrig (siehe Grafik). Für Menschen, die bereits einem Infarkt nahe sind, könnte diese Belastung das Quentchen sein, das sie ins Grab reißt.
Der Herzinfarkt trifft jedes Jahr 275 000 Deutsche, rund 150 000 sterben daran. Wenn deutsche Herzen auf Zigarettenrauch ebenso reagieren wie schottische, dann müsste das Rauchverbot, sobald es bundesweit im Januar 2008 in Kraft tritt, auf einen Schlag bis zu 47 000 Herzinfarkte vermeiden helfen.
Das ist eine schwer vorstellbare Zahl. Selbst erbitterte Nikotingegner sind bislang nicht davon ausgegangen, dass das Passivrauchen in Deutschland so viele Menschen so unmittelbar schädigt.
MARCO EVERS
Von Marco Evers

DER SPIEGEL 38/2007
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