17.09.2007

BIOGRAFIEN

Der Mantel der Geschichte

Von Karasek, Hellmuth

Rudolf Augstein war der einflussreichste Journalist der Nachkriegszeit. In seiner Biografie, die Peter Merseburger jetzt vorlegt, spiegelt sich die Entwicklung der Bundesrepublik von den kritisch begleiteten Anfängen bis zur ersehnten Wiedervereinigung. Von Hellmuth Karasek

Es war ein überbordendes Fest, das Rudolf Augstein sich, seinen Mitstreitern, seinen Freunden zum 50. Geburtstag im November 1973 gab. Hanseatisch standesgemäß fand es in seiner Elbvilla statt. Von dem reetgedeckten Haus überblickte man die Elbe, Hamburgs Lebensader, sah auf die Werften und die tuckernden Schiffe.

Unter den Gästen, der Creme der bundesrepublikanischen Gesellschaft, waren Minister wie Hans-Dietrich Genscher und Werner Maihofer, mit denen der SPIEGEL-Boss sich mitten in der hochschäumenden Champagnerstimmung in eine Ecke zurückzog zum politischen Geschäft.

Vor den hell erleuchteten Fenstern standen bewaffnete Sicherheitskräfte; die junge, schöne, rothaarige, hochgewachsene Gisela Stelly, Augsteins vierte Frau, selbst Journalistin und Filmemacherin, kümmerte sich um die Künstler wie Fassbinder, Schlöndorff oder Wicki, Verleger wie Rowohlt und Unseld, Filmstars, Literaten wie Peter Handke und Peter Rühmkorf.

Ein Shuttle-Dienst befreite die Gäste von allen Heimfahrtsorgen. Handke, damals mädchenhafter Popstar der Literatur, fuhr zwölf Stunden in einem solchen Taxi mit der weißblonden jungen Frau eines SPIEGEL-Reporters zum Sightseeing durch die Hansestadt, vom Morgendunkel bis zum nächsten Abend.

Später, nach dem Scheitern der Beziehung zu Stelly, verwaiste die Villa, das Hallenbad stand leer, die Fenster waren verhangen, die Möbel unter Schonbezügen. Augstein zog in eine enge Mansarde, die an die Nachkriegswohnverhältnisse um 1947 im zerbombten Hannover erinnerten, als der Kriegsheimkehrer zum wichtigsten Nachrichtenjournalisten und Gründer des SPIEGEL werden sollte, des größten europäischen Magazins, der mächtigsten Opposition während der Adenauer-Restauration, des "Sturmgeschützes der Demokratie", wie er es später nannte, wozu man sich durchaus einen höhnisch-spöttischen Zug mit typisch herabgezogenen Lippen bei ihm hinzudenken darf.

Der zierliche, eher feingliedrige Reserveleutnant a. D., dessen klarer Blick paradoxerweise aus leicht schielenden Augen die Zeit, ihr Wesen und Unwesen, durchschaute, suchte sie durch seine vor polemischer Schärfe schneidenden Artikel zu beeinflussen, wenn nicht gar zu ändern.

Noch in den Elbhöhen-Jahren saß er in dem übergroßen Haus in der engen Küche vor dem kleinen Fernseher, machte sich ein Käsebrot, trank ein Flaschenbier, manchmal auch (und später immer öfter) eines zu viel, und war als nach Geselligkeit, Gespräch und witziger Unterhaltung geradezu süchtiger Mann oft ziemlich allein.

Einen seiner letzten Geburtstage feierte er in einem Lokal an der Außenalster; er war nur von Frauen umgeben, einem guten Dutzend, Männer waren nicht geladen.

Alle Frauen, auch solche, von denen er sich getrennt hatte oder die ihn verlassen hatten, liebten und bewunderten ihn; in dieser Hinsicht, auch in dieser, war er unwiderstehlich - ein Mann, der sich durch List, pure Eroberungslust und einen Charme, der sich bis zur bewusst ausgespielten Clownerie steigern konnte, alles nahm, was er wollte, es bekam, aber auch verlor.

Wüsste man nicht, dass einer der größten Filme, der, den Orson Welles über einen macht-, frauen- und kulturversessenen Zeitungstycoon namens Citizen Kane gedreht hat, vom Vorbild des amerikanischen Pressezaren William Randolph Hearst mit Bewunderung und mit liebendem Abscheu bestimmt wurde - man könnte das gewaltige, von Orson Welles gespielte Leben mit einigen nationalen Änderungen als ein filmisches Psychogramm Augsteins sehen, so genau trifft er ihn.

Augstein war ein Glückspilz, dessen Karriere- und Lebensglück paradoxerweise auf dem tiefsten Unglück seines Landes beruhte, der deutschen Katastrophe des Zweiten Weltkriegs und der fast völligen Zerstörung und Zerstückelung seines Heimatlands.

Jetzt hat Augstein, wenn man das so sehen will, auch posthum das Glück (exakter: nur die noch Lebenden haben es), dass er in Peter Merseburger einen Biografen gefunden hat, der mit Fleiß und Akribie ein Leben nachzeichnet, dessen große Linien in den

mit immensem Ordnungssinn gegliederten Einzelereignissen nicht verlorengehen*.

Im Gegenteil. Merseburger hat die Schule des SPIEGEL selbst erlebt und später, in den legendären "Panorama"-Jahren des NDR, die enthüllende, geschichtsbewusste Recherche auf das Fernsehen übertragen. Es war "SPIEGEL" im TV, wie nachher im SPIEGEL TV.

Eine der späten Tragödien des Glückskinds Augstein war es, dass er aufgrund seiner Krankheit als Person an diesem neuen Medium scheitern musste. Umso imposanter sein letzter großer TV-Auftritt im Februar 1990 in Zeiten der Wiedervereinigung, bei dem er einen vor verbohrtem Selbstbewusstsein strotzenden Günter Grass und dessen aberwitzige These, Auschwitz verbiete die Wiedervereinigung, als leidenschaftlicher Patriot buchstäblich wegwischte - mit der Einsicht in die geschichtliche Notwendigkeit: "Der Zug ist abgefahren!"

Da wiederholte sich der Impetus seiner Anfänge. Er erlebte die als Glück empfundene Wiedervereinigung, auch gegen die Ratlosigkeit und den Widerstand seiner Redaktion, gegen den westdeutschen Wohlstandspartikularismus seines Chefredakteurs Erich Böhme beispielsweise.

Er sah mit Respekt zu, wie Helmut Kohl (übrigens von seinem Gegenspieler Willy Brandt gegen den Willen der SPD unterstützt) beherzt und taktisch klug den Mantel der Geschichte ergriff - Kohl, dessen zweite Restauration Augstein energisch jahrelang bekämpft hatte.

Aber als Geschichts-Freudianer, man kann auch sagen als eingreifender Fatalist (auch dies ein Paradox), wusste er, dass Glück als Dauerzustand auch in der Geschichte nicht vorgesehen ist.

Sein Journalisten-Leben lang war sich Augstein der machiavellistischen politischen Natur des Menschen, seiner Machtgier, seiner Anfälligkeit für Korruption bewusst. Diese Einsicht war die Triebkraft. Sie machte den SPIEGEL zum Aufdeckungs- und Enthüllungsorgan des sich allmählich findenden deutschen Rechtsstaates Bundesrepublik.

Als ich als Student und SPIEGEL-Leser in den fünfziger Jahren zum ersten Mal das große Vorbild des SPIEGEL, das amerikanische Magazin "Time", in den Händen hatte, war ich enttäuscht, wie lammfromm-neutral und damit langweilig es sich im Vergleich zum SPIEGEL las. Es war eben das Magazin einer längst in sich gefestigten (US-)Gesellschaft, während sich das Nachkriegsdeutschland erst suchte, wobei ihm Augsteins Furor Beine machen

wollte - auch er wie alle anderen vor Irrtümern nicht gefeit.

Merseburger hat den Vorteil (und Nachteil) der historisch-abwägenden Distanz. Augstein war mitten im Getümmel. Er war es, der die Presse wesentlich zur vierten Macht gestaltete. Als in der schier endlosen Adenauer-Restauration die SPD zur Opposition nicht mehr fähig schien, wurde er als Jens Daniel und Moritz Pfeil in seinen Artikeln der "Jung-Türke" der Opposition.

Die Westbindung der Republik bekämpfte er heftig, oft schrill, weil er fürchtete, sie würde die Teilung zementieren. Hatte er nicht recht? Als Adenauer den Montan-Vertrag unterschrieb und britische Journalisten ihn 1952 fragten, wie lange er den Zeitraum bis zur Wiedervereinigung ansetze: 25 oder gar 100 Jahre? Da antwortete Adenauer: 5 bis 10 Jahre. Augstein schätzte damals 50 Jahre.

Merseburger rechnet nach: Immerhin verrechnete sich Augstein nur um 12 Jahre, Kanzler Adenauer aber um ganze 28 Jahre. Die grundlegende Änderung, auf die Adenauer aufgrund der Westbindung hofft, wird erst 23 Jahre nach seinem Tod eintreten.

Merseburgers Biografie zeigt, wie in beruhigten, weil saturierten Zeiten die Redakteure und Verantwortlichen den SPIEGEL auf das leidenschaftslose Vorbild "Time" zurückdrängen wollten. Wie das Zeiten waren, die Augstein langweilten, so dass er in die Politik aktiv überzulaufen suchte.

Diese Farce, auch sie, ist Geschichte der Bundesrepublik. Erst nach dem Seitenwechsel der Fronten, nach dem Einzug in den Bundestag 1972, erkannte der schneidige Generalstabsoffizier der SPIEGEL-Nachrichtenkompanie (SPIEGEL-Chefredakteur Günter Gaus war es, der das Nachrichten-Magazin wegen seiner Zucht als "Strafbataillon des deutschen Journalismus" erlebte), dass er in dem parlamentarischen Haufen der FDP als Schütze Arsch in einem bürokratisch-papiernen Gesetzgebungsapparat mitmarschieren und mitgehorchen hätte müssen.

Schon nach drei Monaten wagte er die zweite Fahnenflucht - zurück in die Angriffstruppe des SPIEGEL.

Jeder große Journalist - und Augstein war wahrlich in seinen Jahren durch den historischen Glücks- und Unglücksfall einer der ganz Großen, wenn nicht der Größte: und das mit 1,69 Meter! - inhaliert und veratmet Zeitgeist, entweder indem er ihn befördert, wo er sich ihm hingibt, oder indem er sich ihm in den Weg stellt.

Augstein ist ein Genie symbiotischer Verinnerlichung des Zeitgeists. Gleichzeitig entwickelt er Antikörper gegen Zeitgeistströmungen, die ihm als gefährliche Irrwege erscheinen.

Angepasst auf der einen, widerborstig auf der anderen Seite, hat er seine katholische Kindheit in der Diaspora Hannovers, seine Jungenrolle unter vielen Frauen (der Mutter und fünf Schwestern), die ihn verhätschelten und damit auch schurigelten, durchlebt.

Sein Elternhaus hat er später liebevoll, ein wenig schönend, zu einem Hort von Nazi-Gegnern verklärt, wie auch seine Lehrer, denen er im Zweifel inneren Widerstand gegen die Nazi-Herrschaft bescheinigte. Im Krieg erkannte er blitzschnell, dass es Hitler durch den Krieg gelungen war, eine Zwangsehe zwischen sich und den Deutschen herzustellen. Eine Zeitlang glaubte auch er an den Sieg, er war schließlich Deutscher.

Aus dem Krieg ist er als eine Art preußischer Schweijk heimgekehrt; die größte militärische Leistung nennt er pfiffig im "FAZ"-Fragebogen: "Meinen Rückzug aus der Ukraine."

Das ihm von den britischen Besatzungsoffizieren gleichsam geschenkte Nachrichtenmagazin "Diese Woche" macht er unter neuem Namen alsbald zur Stimme gegen den verordneten Zeitgeist der Besatzer. Es ist sein Glück, dass dies in der Britischen

Zone geschieht, denn hier kann er seine Lizenzgeber mit den ihnen entwendeten eigenen Waffen der britischen Pressefreiheitstradition schlagen.

Andere Besatzungszonen, von der russischen zu schweigen, waren da rigider.

Als der Kalte Krieg ausbricht, Deutschlands Unglück und Deutschlands Chance, nennt Augstein unbefangen angesichts der stalinistischen Bedrohung in einer Besprechung von Arthur Koestlers "Sonnenfinsternis" den lederknirschenden Kommissar Gletkin einen "asiatischen Zögling des bolschewistischen Regimes".

Damals auch nennt er die DDR unverschnörkelt "Ostzone", "Sowjetzone" oder "Pankow", gar in Adenauerschem Singsang "Pankoff"; er setzt sie bis 1955 in Anführungsstriche oder nennt sie die "sogenannte". Der Zeitgeist, auch der liberale, weht, wo er will.

Dieser Zeitgeist wandelte sich erst mit Augsteins heftigem Widerstand gegen seinen Gottseibeiuns Franz Josef Strauß und dessen geplante atomare Aufrüstung Deutschlands, dann mit der Annäherungspolitik Brandts.

An Augstein erfährt der Leser der Biografie noch einmal seinen eigenen biografischen Bildungs- und Erziehungsroman in Sachen demokratischen Verständnisses und liberalen Rechtsempfindens, mit allen Fieberanfällen, Panikattacken und Weltuntergangsszenarien.

Am Beginn des Titanenkampfs gegen den Verteidigungsminister Strauß steht das legendäre Zechgelage vom 10. auf den 11. März 1957, das Merseburger minutiös rekonstruiert. Die barock-autoritäre Natur von Strauß explodiert beim Alkoholgenuss in Augsteins Haus im Hamburger Maienweg, das Augstein von dem deutschen Boxidol Max Schmeling erworben hatte.

Strauß, der unbedingt noch den Nachtzug nach Bonn erreichen will, nötigt Augstein dazu, eine rote Ampel zu überfahren, oder er lässt beim Bahnhof anrufen, um mit ministerieller Gewalt den 22.10-Uhr-Zug zu einer Verspätung zu zwingen.

Nach diesem Abend sind sämtliche Alarmsignale des "Nordlichts" Augstein und seiner Redakteure an: Ein solch haltloses Mannsbild wie Strauß soll Verteidigungsminister sein, über die Atombewaffnung Europas mitentscheiden dürfen? Aus allen Rohren schießt das Sturmgeschütz der Demokratie gegen Strauß.

Das Ende ist bekannt. Die SPIEGEL-Affäre kommt ins Rollen. In einer Nachtund-Nebel-Aktion wird der SPIEGEL am 26. Oktober 1962 durchsucht, Augstein wandert wegen angeblichen Geheimnisverrats für 103 Tage ins Untersuchungsgefängnis. Der SPIEGEL scheint am Ende, erledigt.

Doch was wie ein Ende aussah, wendet sich zum glanzvollen Sieg. Wieder Glück im Unglück! Die Öffentlichkeit, von den Studenten bis zur internationalen Gesellschaftselite, schlägt sich auf die Seite Augsteins. Was als "Abgrund von Landesverrat" (Adenauer) ausgerufen wurde, wird zur Bewährungsprobe und Feuertaufe des deutschen Rechtsstaates. Merseburger nennt es zu Recht das Ende des deutschen Obrigkeitsstaates, der zwar das Jahr 1945 überlebt hatte, nicht aber die von Strauß angezettelte Polizeiaktion gegen den SPIEGEL.

In dieser Zeit wurde Augstein eine lebende Legende. Später, durch Krankheit schon geschwächt, hat ihn der SPIEGEL in Krisenzeiten immer in der Schlacht gebraucht - wie in der spanischen Legende vom Cid, den man noch tot aufs Pferd band, weil allein sein Anblick die Feinde in Angst und Schrecken versetzte und in die Flucht schlug.

Und das mit einem Mann, der eigentlich wenn nicht Künstler, Lyriker, Dramatiker, Musiker, dann Feuilletonist geworden wäre. Und sich lieber mit Frauen als mit hemdsärmeligen Politikern und Redakteuren umgeben hätte.

* Peter Merseburger: "Rudolf Augstein. Biographie". Deutsche Verlags-Anstalt, München; 260 Seiten; 29,95 Euro.

DER SPIEGEL 38/2007
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