24.09.2007

KABARETT„Gut geschmierter Guglhupf“

Interview mit den bayerischen Kabarettisten Django Asül und Bruno Jonas über das Erfolgsgeheimnis der CSU und die landestypische Liebe zum politischen Schauspiel
SPIEGEL: Herr Asül, Herr Jonas, was wäre Bayern ohne die CSU?
Jonas: Das wäre ein Oktoberfest ohne Bierzelt, ohne "Haut den Lukas" und ohne Teufelsrad. Wir hätten weniger zu lachen. Die CSU hat es über Jahre hinweg geschafft, "d'Sach z'ammzuhalten", wie man bei uns sagt. Sie begreift Bayern als Vierseithof. Der schützt nach außen, und innen gibt es für alles einen Platz, auch für den Mist.
Asül: Die CSU schafft es, Widersprüche so aufzulösen, dass immer wieder Bayern herauskommt. Sie hat es geschafft, jedes Thema zu durchdringen. Die anderen Parteien versuchen natürlich, eine Nische zu finden, und sagen: Wir sind ja auch irgendwie Bayern. Bloß: Der Bayer glaubt das nicht.
SPIEGEL: Die Christsozialen sagen über sich: Wir sind Bayern, und Bayern ist die CSU. So etwas hat nicht einmal Erich Honecker über die DDR und die SED von sich gegeben.
Jonas: Den Raum, den die SPD und alle anderen politischen Gruppen auf dem Vierseithof Bayern einnehmen dürfen, weist die CSU zu. Sie ist die Form, in der sich Bayern entwickelt, sie schafft es, auch auf Trends einzugehen, sogar schwule Lebensgemeinschaften werden jetzt irgendwie akzeptiert. Wenn wir uns einen Guglhupf vorstellen, angerührt mit allen Zutaten, damit der Kuchen schön aufgeht, dann stellt die CSU die Kuchenform dafür. Das Blech muss gut geschmiert sein, damit der Kuchen nachher leicht herausrutscht und jeder gleich die Form erkennt: Was für ein schöner Guglhupf!
Asül: Man verbindet nirgendwo sonst eine Partei so sehr mit einem Lebensgefühl. Die CSU ist ein Lifestyle, aber man lässt die anderen ja auch leben - Liberalitas Bavariae.
SPIEGEL: Wir reden jetzt von der CSU, als wäre sie eine Person. Aber sie besteht aus Menschen, die kommen und gehen. Wie schaffen die es, die Form zu bewahren?
Jonas: Weil sie beweglich sind und das Rezept für den Guglhupf immer wieder dem gerade vorherrschenden Geschmack anpassen können. Bayern ist einer der ältesten Staaten Europas ...
Asül: ... und war immer ein Vielvölkerstaat.
Jonas: Du bist ja das beste Beispiel für den idealen Bayern! Ich kann mir auch islamische Bürgermeister vorstellen, allerdings nur, wenn sie CSU-Mitglied sind.
Asül: Ich glaube, das geht in homöopathischen Dosen vonstatten - nicht "Basta", jetzt haben wir ein neues Parteiprogramm. Man führt den Wähler, den man eh schon quasi als Eigentum betrachtet, ganz langsam an die Sache heran. Darum hat man in der CSU nie den großen Streit um Sachfragen. Bei anderen Parteien geht es um ",Tornados' - ja oder nein?". Solche Konflikte kennt man hier nicht.
Jonas: Es gibt schon auch ein anarchisches Element in der CSU. Wenn plötzlich einer aufsteht, wie es in der Debatte um Edmund Stoiber passiert ist, als in Kreuth gemurrt wurde. Dann können Leute, die sonst brav am Biertisch sitzen, so wild werden, dass auch einer von ihnen aus dem Amt rausgeschmissen wird.
SPIEGEL: Die Wähler in Bayern sind ja nicht dümmer als woanders. Sie bemerken diese Wankelmütigkeit von Stoiber: zum Beispiel, als er vor ein paar Jahren sofort 100 Millionen Mark in die BSE-Bekämpfung stecken wollte, und nach ein paar Wochen war davon nicht mehr die Rede.
Jonas: Er hat extra ein BSE-Ministerium eröffnet. Nur um das Signal zu setzen: Wir schützen den Verbraucher.
SPIEGEL: Nach BSE kam der Pisa-Schock. Also verkündete Stoiber: Wir brauchen das Geld jetzt für Lehrer. Aber es wurden dann doch nicht genügend eingestellt. Macht das Volk in Bayern alles mit?
Jonas: Sie schildern das sehr gut. Das Letzte war die Nummer mit dem Klimaschutz. Da herrschte ja Apokalypse in Bayern. Was macht der Stoiber? Er fährt mit dem gesamten Kabinett auf die Zugspitze hoch, schaut einmal in die Runde, setzt eine Kommission ein, die sich in Bayern um das Klima kümmern soll. Sehr lustig. Dann fahren sie wieder heim und sagen, wir haben uns jetzt überlegt, man könnte die Restlaufzeiten von Kernkraftwerken verlängern. Das ist einfach eine Komödie.
SPIEGEL: Doch die Wahlergebnisse sind fast immer gleich.
Jonas: Wenn der Landesvater mit großer Geste in eine Sackgasse rennt, kann er immer mit Applaus rechnen, denn die Bayern haben eine enorme Lust am Schauspiel. Und im Innersten nehmen sie sich selbst
nicht ganz ernst, nur darf das keiner laut sagen.
Asül: Ein kerniges "Mir san mir" demonstriert man gern. Die Kehrseite kriegt man mit, wenn man die bayerische Grenze
überschreitet. Dann kommen immer so Fragen: Ja, wie ist es bei euch im Süden eigentlich? So würde ich wahrscheinlich mit einem aus Togo reden.
SPIEGEL: Sie sind der Botschafter von Erwin Huber ...
Asül: ... nein, nicht vom Huber, von Niederbayern. Er hat das veranlasst, und ich mache das gern. Ich habe zwar einen türkischen Pass, aber ich bin stolz, ein Niederbayer zu sein.
SPIEGEL: Kann sich Huber, wenn er CSU-Chef wird, gegen Günther Beckstein in der Staatskanzlei durchsetzen?
Asül: So, wie ich die beiden kenne, glaube ich, verfolgt da keiner den Gedanken: Wie kann ich mich gegen den anderen durchsetzen? Sie treten ja jetzt schon sehr offensiv als Gespann auf. Ich glaube, da hat ein Stoiber mit sich oftmals einen größeren Konflikt als die beiden miteinander.
Jonas: Das sehe ich ein bisschen anders als du. Ich glaube, dass der Huber schon gern Ministerpräsident geworden wäre. Er hat sich ja warmgelaufen.
Asül: Aber jetzt hat man sich arrangiert.
SPIEGEL: Charakterisieren Sie doch einmal die wichtigsten CSU-Akteure.
Jonas: Wir haben in Bayern drei Archetypen. Da wäre als erster der Bazi, das ist einer, der die Leute übers Ohr haut, der auch gefährlich ist, dem man aber nicht richtig böse sein kann. Dann haben wir den Striezi, den Schönling, der sich elegant durchschlägt, und den Larifari, den Redseligen und Dummschwätzer. Ideal ist, wenn einer dem Wähler alle drei Typen in einer Person bieten kann. Bei Horst Seehofer finden wir das, er ist Striezi, Larifari und Bazi. Wenn er als Ministerpräsident antreten würde, würde er gigantische Mehrheiten bekommen.
SPIEGEL: Hat er eine Chance, Huber im Kampf um den CSU-Vorsitz zu schlagen?
Jonas: Kaum, denn die Partei will Verlässlichkeit. Huber hat auch ein bisschen was Hinterfotziges, aber er ist eher defensiv, ein defensiver Bazi. Er ist bauernschlau in der Tradition des Viehhändlers.
SPIEGEL: Und Beckstein?
Jonas: Er ist kein Bazi, kein Striezi, auch kein Larifari - er ist ein Franke! Evangelisch. Und Jurist ist er auch noch, ein guter.
Asül: Den Beckstein kann man sich schwer am Aschermittwoch in Passau vorstellen.
SPIEGEL: Was fällt Ihnen zu Markus Söder ein, dem CSU-Generalsekretär, der jetzt wohl Umweltminister wird?
Jonas: Ach der. Mhm. Noch ein Franke. Der Söder ist unbayerisch, was schon im Namen anklingt.
Asül: Söder ist ein typisches Beispiel für diese moderne Politikergeneration, wo man mit 23 am Reißbrett seine Karriere entwirft: Mit wem stelle ich mich jetzt gut, und mit wem kann ich am besten nach oben gelangen? Des mögen d'Leit net.
SPIEGEL: Wo steht Gabriele Pauli, die Fürther Landrätin, in diesem Panorama?
Asül: Steht die überhaupt?
Jonas: Die "auftrumpfende Frau" könnte man die Pauli nennen. Diese Rolle wurde im Staatsschauspiel selten besetzt. In der Art, wie sie die politische Bühne gestürmt hat, war sie aber schon sehr bayerisch. Obwohl sie auch aus Franken kommt.
SPIEGEL: Sie erwähnten, der Bayer liebt das Theater. Da hat sie doch viel geboten.
Jonas: Wollte ich gerade sagen. Sie tritt ja als schöne Frau auf. Als erotische Dame. Dem klassischen Klischee der bayerischen Frau entspricht sie aber ganz und gar nicht.
Asül: Frau Pauli stand im Winter gut da. Die Bayern waren Stoiber-müde und dachten: Endlich sagt mal eine was! Aber sie wurde von der eigenen PR vereinnahmt.
Jonas: Sie hat ein bisschen die Geierwally gegeben, in der Hatheyer-Version.
SPIEGEL: Um noch mal auf Stoiber zu kommen: Ist er einer der ganz Großen in der Geschichte der CSU?
Asül: Ich glaube tatsächlich, dass man mit Stoiber eine Ära verbindet, so etwas Technokratisches, das dem Land genützt hat.
Jonas: Er hat schon auch viel verbockt.
Asül: Ich meine jetzt die Wahrnehmung. Da werden Geschichten wie das Desaster mit der Landesbank 2002 eher selten auftauchen, wenn man am Stammtisch sitzt und über ihn spricht. Was die Wahlergebnisse angeht, war er auf alle Fälle ein Großer.
Jonas: Er wird auch deshalb so stark in Erinnerung bleiben, weil er aufgrund seines Auftretens eben gerade nicht dem Bild des souveränen Politikers entsprochen hat. Mit seiner linkischen Art und seinem ständigen sprachlichen Überfordertsein hat er fast einen Mitleidseffekt erzielt.
Asül: Dass Stoiber sich für Bayern verzehrt hat, das hat den Leuten imponiert.
Jonas: Er hat ja selbst gesagt: "Ich leide wie ein Hund." Und dabei hat er sich an die alte bayerische Maxime gehalten: Mir san dagegen. Egal, wer an der Macht ist. Ich glaube, die Bayern wären auch grundsätzlich dagegen gewesen, wenn ihr Stoiber in Berlin regiert hätte.
SPIEGEL: Man kann den Eindruck haben, dass die CSU, bei all ihren Erfolgen, die hysterischste Partei in Deutschland ist.
Jonas: Hysterie gehört zur bayerischen Grundausstattung. Aufregen und Aufmandeln tut er sich gern, der Bayer. A bissl a Show muss schon immer sein.
SPIEGEL: Einerseits strotzt die CSU vor Selbstzufriedenheit. Andererseits gibt es immer diese Angst: Wenn wir die absolute Mehrheit verlieren, ist das der Weltuntergang.
Jonas: Das ist ein Spiel. Da lacht der Bayer selbst drüber. Oskar Maria Graf hat diese Art mal sehr gut beschrieben: Im Schwabinger Bräu vor der Revolution 1918 haben sie gestritten, es ist geschrien worden: Gehen wir jetzt raus? Machen wir eine Revolution? Dann hat einer gesagt: "Machen wir eine Revolution - damit a Ruah is!"
SPIEGEL: Könnten Sie woanders leben?
Jonas: Es gibt einen alten Spruch: "Extra Bavariam nulla vita est, et si est, nulla est." Das heißt: Außerhalb Bayerns gibt es kein Leben, und wenn, dann ist es kein Leben.
Asül: Ich habe von meinem fünften Lebensjahr an die Traditionen wie den Stammtisch jeden Sonntag mitgemacht. Als Bub durfte ich nicht nur dabei sein, sondern mitreden. Natürlich bin ich dadurch eher konservativ geworden. Das Bayerische ist Sprache und Mentalität. Das ist halt alles eins. Mir hat es gepasst und passt es heute noch.
INTERVIEW: CONNY NEUMANN, DIETMAR PIEPER

Bruno Jonas
Kaum ein Ur-Bayer wird im Norden Deutschlands so gut verstanden wie Bruno Jonas. Der 1952 in Passau geborene Metzgersohn trifft mit seinem intellektuellen Humor bundesweit den Nerv. Als Nachfolger von Dieter Hildebrandt leitet er seit 2004 die ARD-Sendung "Scheibenwischer".

Django Asül
Als Ugur Bagislayici 1972 in Deggendorf zur Welt kam, blieb dem Türken kaum etwas anderes übrig, als die bayerische Lebensart zu inhalieren. Nach einer Banklehre entdeckte er sein kabarettistisches Talent, das ihm unter seinem Künstlernamen bald Preise und Fernsehauftritte eintrug.
Von Conny Neumann und Dietmar Pieper

DER SPIEGEL 39/2007
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