24.09.2007

„Lieber warm als kalt“

Der Statistiker und Öko-Optimist Bjørn Lomborg über Hitzetote in der Treibhauszukunft, den Deichbau in New Orleans und die übertriebene Angst vor dem Klimawandel
Lomborg, 42, ist Statistikprofessor an der Copenhagen Business School. Schon mit seinem ersten Buch zog er sich den Unmut von Umweltschützern zu. Unter dem Titel "Apocalypse No!" verkündete er, der Umwelt gehe es so gut wie noch nie. Nun provoziert er mit einem Nachfolgewerk auch die Klimaschützer**. Seine Thesen: Die Folgen der globalen Erwärmung werden weit überschätzt. Und die Milliarden, die jetzt für den Klimaschutz ausgegeben werden, sind rausgeschmissenes Geld.
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SPIEGEL: Herr Lomborg, wie lange haben Sie heute Morgen geduscht?
Lomborg: Eigentlich dusche ich gern, aber leider reicht die Zeit meist nicht für mehr als zwei, drei Minuten.
SPIEGEL: Aber Ihr Klima-Gewissen regt sich nicht, wenn es mal länger wird?
Lomborg: Es gibt zwei Wege, wie man versuchen kann, das Verhalten von Menschen zu beeinflussen: durch schlechtes Gewissen
oder durch Steuern. Bei der ersten Methode werden Sie vor allem erreichen, dass die Leute sich schlecht fühlen, aber duschen tun sie trotzdem. Wenn Sie hingegen die Steuern erhöhen, werden die Leute ihr Geld lieber für etwas anderes ausgeben - und sie werden sich gut damit fühlen. Letzteres ist mir lieber.
SPIEGEL: Tun Sie in Ihrem Privatleben irgendetwas um der Umwelt willen?
Lomborg: Ich habe zum Beispiel kein Auto und hatte auch nie eines ...
SPIEGEL: ... und zwar weil Sie das Klima nicht schädigen wollen? Oder einfach weil Sie kein Auto brauchen?
Lomborg: Beides. Wir haben hier in Dänemark sehr hohe Steuern auf Autos - was dazu führt, dass einige Leute genau das tun, was sie tun sollen, nämlich auf ein Auto zu verzichten.
SPIEGEL: Und sonst? Führen Sie ein umweltbewusstes Leben?
Lomborg: Ich bin kein Heiliger. Aber ich sorge dafür, dass mein Papier recycelt wird; ich achte darauf, welche Art Glühbirnen ich in meinen Lampen verwende; und ich bin Vegetarier, was meine Kohlendioxidbilanz ebenfalls deutlich verbessert ...
SPIEGEL: ... was aber wohl nicht der Grund
dafür ist, dass Sie kein Fleisch essen?
Lomborg: Richtig geraten. Vor allem geht es mir darum, keine Tiere zu töten.
SPIEGEL: Wenn Sie nicht Auto fahren, kein Fleisch essen und Energiesparlampen einschrauben: Tun Sie dies, um sich gut zu fühlen oder um Gutes zu tun?
Lomborg: Wenn ich etwas Gutes tun will, dann spende ich lieber ans Rote Kreuz. Damit bewirke ich weit mehr Gutes, als wenn ich versuche, meine Kohlendioxidemissionen zu verringern.
SPIEGEL: Einst waren Sie Greenpeace-Mitglied. Haben Sie seither Ihre Einstellung zum Klimawandel geändert?
Lomborg: Absolut. Noch 1990 habe ich einen wütenden Brief an eine Zeitschrift hier in Dänemark geschrieben: wie schrecklich es sei, dass wir nichts tun, um den Klimawandel aufzuhalten. Der Meeresspiegel werde viele Meter steigen, und wir täten nichts! Es war übrigens der erste Leserbrief in der Geschichte dieses Blatts, der mit Fußnoten veröffentlicht worden ist.
SPIEGEL: Nun haben Sie ein Buch mit 1112 Fußnoten geschrieben. Und wer es liest, muss denken, dass es keinerlei Grund gibt, sich um das Klima zu sorgen ...
Lomborg: Es tut mir leid, wenn meine Bücher dazu einladen, sie oberflächlich zu lesen. Sicher zehn-, wenn nicht zwanzigmal schreibe ich darin, was ich hier aber gern noch ein einundzwanzigstes
Mal sage: Der Klimawandel ist ein Problem. Er wird uns heutigen Prognosen zufolge etwa ein halbes Prozent des gesamten Bruttosozialprodukts des 21. Jahrhunderts kosten. Ein Zweihundertstel der Wirtschaftskraft eines ganzen Jahrhunderts! Wenn das kein großes Problem ist! Trotzdem sollten wir uns zweierlei klarmachen: Wenn wir heute versuchen, unsere CO2-Emissionen zu drosseln, wird dies das Problem nicht lösen. Es wird uns eine gewaltige Menge kosten, aber die Aufheizung der Erde nur ein winziges bisschen lindern. Und zweitens: Es gibt eine Menge andere Probleme: Aids zum Beispiel, die Wasserversorgung oder die Behinderung des freien Welthandels. Für sie alle gilt: Dort lässt sich mit einem Bruchteil des Aufwands ein Vielfaches der Wirkung erzielen.
SPIEGEL: Wenn Sie Aids, Freihandel und Wasserversorgung für so viel dringlichere Probleme halten - für wie dringlich halten Sie denn die Frage des Klimawandels?
Lomborg: Eigentlich müsste ich jetzt antworten: Unser größtes Problem ist unsere Sterblichkeit. Nur leider wissen wir noch nicht, wie wir es lösen sollen. Mir geht es nicht um die Größe eines Problems, sondern um die Wirksamkeit von Lösungen.
SPIEGEL: Kaum eine der globalen Fragen ist wissenschaftlich gründlicher untersucht als der Klimawandel. Trotzdem behaupten Sie, die Wahrnehmung des Problems sei völlig verzerrt. Wenn dem so ist, worauf führen Sie das zurück?
Lomborg: Zunächst einmal redet jeder gern übers Wetter. Hinzu kommt, dass sich jeder Sturm, jeder Sturzregen, jeder Waldbrand so schön in das Szenario einfügen lässt. Außerdem gibt es zum Klimawandel die besseren Bilder. Denken Sie nur an "The Day After Tomorrow": ein toller Film. Hungernde Kinder hingegen sehen immer gleich aus. Und schließlich, da sollten wir ganz ehrlich sein, betreffen Aids und Malaria eben letztlich vor allem die Dritte Welt, während der Klimawandel unsere eigenen Kinder treffen könnte.
SPIEGEL: Und dass die Leute schlicht Angst haben, der Mensch könnte das globale Gleichgewicht der Erde aus dem Lot bringen, lassen Sie nicht gelten?
Lomborg: Ob das Gleichgewicht wirklich aus dem Lot gerät, müssen wir erst noch sehen. Außerdem bewegen sich doch ohnehin längst lauter Parameter außerhalb aller bisherigen menschlichen Erfahrung: Nie zuvor haben so viele Menschen auf der Erde gelebt; nie zuvor sind sie so alt geworden. Wir Menschen bewegen zehnmal mehr Material hin und her, als es natürliche Erosionsprozesse tun. Und wir haben, etwa durch die Landwirtschaft oder durch den Luftverkehr, die Verbreitungsbedingungen für Viren dramatisch verändert. Warum sorgt sich niemand darum, ob das unser Gleichgewicht aus dem Lot bringt?
SPIEGEL: Ist die globale Temperatur nicht ein noch fundamentalerer Parameter?
Lomborg: Das glauben Sie doch nur, weil Sie so konditioniert worden sind. Wir reden hier von Veränderungen, die sich innerhalb des nächsten Jahrhunderts vollziehen werden. Aber was glauben Sie, wie dramatisch sich die Welt bis zum Jahr 2100 in anderer Hinsicht verändert haben wird? Das Wohlstandsniveau eines durchschnittlichen Bangladeschers wird dann - und zwar laut Uno-Prognose - so hoch sein wie das eines heutigen Dänen. Könnte es nicht sein, dass das die Welt mehr verändern wird als der Klimawandel?
SPIEGEL: Immerhin besteht die Angst, dass wir Prozesse auslösen, die dann nicht mehr aufzuhalten sind.
Lomborg: Sie wollen sagen, es gibt womöglich unbekannte Unbekannte? Was soll man mit dieser Sorge anfangen? Nehmen Sie zum Beispiel die häufig genannte Befürchtung, ein Erlahmen des Golfstroms könnte in Europa zu einer abrupten Abkühlung führen. Die Klimamodelle geben uns da eine ganz eindeutige Antwort. Sie sagen: Nein, das wird nicht passieren. Und worauf sollen wir denn unsere Entscheidungen gründen, wenn nicht auf die Vorhersagen der Klimaforscher?
SPIEGEL: Sie jedenfalls deuten ihre Prognosen so, dass man meinen könnte, der Klimawandel sei ein Segen für die Welt.
Lomborg: Ich weiß nicht, wo Sie diese Aussage in meinem Buch gefunden haben. Ich fordere nur, dass wir uns nicht ausschließlich mit den negativen Folgen befassen. Ich habe irgendwann begriffen: Moment mal, da gibt es doch noch eine andere Seite. Im Disney-Film, da gibt's nur Gut und Böse, aber in der wirklichen Welt sieht es anders aus. Nehmen Sie das Beispiel der Hitzetoten. Im Sommer 2003 hat es in Europa 35 000 Hitzetote gegeben, was viele als Vorgeschmack auf den Horror der Treibhauszukunft gewertet haben. Aber was keiner sagt: Gleichzeitig wird es einen Rückgang der Kältetoten geben, und dieser wird sogar deutlich größer sein als die Zunahme der Hitzetoten. Wenn die Prognosen so lauten, dann muss man das doch sagen dürfen.
SPIEGEL: Wollen Sie behaupten, dass wir dank Klimawandel länger leben werden?
Lomborg: Ich wäre mit dieser Deutung vorsichtig. Aber ja, die Zahlen lassen diese Lesart durchaus zu. Im Übrigen frage ich Sie: Wo haben Sie vor, Ihren Alterssitz einzurichten? In Helsinki? Nein, Sie werden nach Spanien oder nach Italien gehen. Die Abstimmung mit den Füßen fällt ganz eindeutig aus: lieber warm als kalt.
SPIEGEL: Kommen wir auf den Meeresspiegel zu sprechen. Da sagen Sie, knapp zusammengefasst: Wir haben das Problem in der Vergangenheit gelöst, wir werden es auch in der Zukunft lösen. Heißt das nicht, es zu verharmlosen?
Lomborg: Ich sage nur, dass die Leute nicht einfach tatenlos hinnehmen werden, dass ihre Heimat untergeht. Sie werden etwas dagegen tun, so wie sie es schon in der Vergangenheit getan haben. Sonst gäbe es heute etwa große Teile der Niederlande gar nicht mehr. Und glauben Sie mir: Es dauert eine Weile, ehe die Niederländer sagen: Okay, lasst uns umziehen.
SPIEGEL: Und wie steht es mit der Zunahme der Stürme? Wenn die Hurrikane stärker und häufiger werden, soll man dann auch sagen: Die Leute werden sich schon zu helfen wissen?
Lomborg: Nehmen Sie den Hurrikan "Katrina". Die Leute sagen, so etwas darf nicht noch einmal passieren. Und worüber reden sie dann? Über Treibhausgase! Ich dagegen sage: Die Gegend um New Orleans wird ohnehin wesentlich häufiger überschwemmt werden als heute. Und wenn wir jetzt unsere
Emissionen drosseln, dann wird sie ein ganz kleines bisschen weniger überschwemmt. Ist es da nicht besser, einfach Deiche zu bauen?
SPIEGEL: Einen Aspekt des Klimawandels erwähnen Sie in Ihrer Kosten-Nutzen-Rechnung überhaupt nicht - den Artenschwund. Warum sparen Sie den aus?
Lomborg: Unter anderem, weil es ziemlich schwierig ist, den Verlust einer Art finanziell zu beziffern. Hinzu kommt aber, dass gerade in jüngster Zeit große Zweifel an der Zuverlässigkeit der Prognosen aufgetaucht sind. Wenn man sich nämlich anguckt, was die Modelle für die letzte Eiszeit vorhergesagt hätten, dann stellt man fest: Sie prognostizieren ein Massensterben, das schlicht nicht stattgefunden hat.
SPIEGEL: Wäre es denn im Prinzip überhaupt möglich und sinnvoll, den Artenschwund in Dollar aufzurechnen?
Lomborg: Grundsätzlich ja. Oft sind wir uns gar nicht klar darüber, wo wir überall Entscheidungen treffen, die letztlich ökonomischer Art sind. Wenn wir entscheiden, eine Million für die Behandlung von Erektionsstörungen in Deutschland auszugeben, statt das Geld für die Rettung eines Dorfes in Malawi zu verwenden, dann geben wir der Potenz eines deutschen Mannes und dem Menschenleben in Malawi implizit Preise. Natürlich mag man darüber nicht so gern reden, aber dass man es verschweigt, ändert nichts daran, dass man solche Entscheidungen fällt.
SPIEGEL: Wer Ihren nüchternen Kosten-Nutzen-Rechnungen folgt, muss doch zu dem Schluss kommen, dass es sich schlicht nicht lohnt, in den Klimaschutz zu investieren.
Lomborg: Keineswegs. Das Problem ist nur, dass derzeit wahnsinnig viel Geld in wahnsinnig törichte Projekte gesteckt wird.
SPIEGEL: Was also schlagen Sie vor?
Lomborg: Zunächst halte ich eine Kohlenstoffsteuer für durchaus sinnvoll - allerdings in einer vernünftigen Höhe.
SPIEGEL: Nämlich lächerlich niedrige zwei Dollar pro erzeugter Tonne Kohlendioxid.
Lomborg: Ja, weil zwei Dollar der Wert ist, der herauskommt, wenn Sie versuchen, den Schaden zu errechnen, der durch eine Tonne CO2 verursacht wird.
SPIEGEL: Ein Liter Benzin würde durch eine solche Steuer um nicht einmal einen Cent teurer. Das soll einen Anreiz zum Energiesparen schaffen?
Lomborg: Mir scheint das Verursacherprinzip vernünftig zu sein. Denn es verhindert, dass wir der Wirtschaft Kosten auferlegen, die in keinem vernünftigen Verhältnis mehr zu dem Schaden stehen, den wir verhindern wollen. Und um die CO2-Emissionen wirklich spürbar zu senken, ist ohnehin die zweite Maßnahme, die ich vorschlage, die weitaus wirksamere.
SPIEGEL: Sie meinen die Erhöhung der Forschungsausgaben?
Lomborg: Genau. China und Indien, um die es in der Zukunft immer mehr gehen wird, werden Sie sicher nicht überreden können, 20 Dollar pro vermiedener Tonne Kohlendioxid zu zahlen. Das werden Sie nur erreichen, wenn es viel, viel billiger wird, Emissionen zu vermeiden. Und dazu brauchen wir vor allem Forschung.
SPIEGEL: Sie fordern, alle Staaten sollten 0,05 Prozent ihrer Wirtschaftskraft in die Erforschung unserer Energiezukunft stecken. Wie kommen Sie auf diese Zahl?
Lomborg: Das wäre eine Verhundertfachung der gegenwärtigen Forschungsausgaben. Ist das nicht ein ehrgeiziges Ziel? Und trotzdem viel billiger als Kyoto! Mir geht es nur darum zu sagen: Vielleicht sollten wir erst versuchen, die Techniken zu entwickeln, mit denen sich das Klimaproblem angehen lässt. Wenn diese Techniken einmal vorhanden sind, dann werden sie sich von selbst durchsetzen. Den Staat brauchen wir dazu dann gar nicht mehr.
SPIEGEL: Herr Lomborg, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
* "The Day After Tomorrow" (2004). ** Bjørn Lomborg: "Cool it: The Skeptical Environmentalist's Guide to Global Warming". Marshall Cavendish, London; 256 Seiten; 16,99 Pfund. Das Gespräch führten die Redakteure Johann Grolle und Gerald Traufetter.
Von Grolle, Johann, Traufetter, Gerald

DER SPIEGEL 39/2007
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