01.10.2007

Die Schüsse veränderten mein Leben

FISCHER ÜBER SEINE RADIKALISIERUNG
Zwei parallele Ereignisse, die in der Sache nichts miteinander zu tun hatten, nämlich der Sechs-Tage-Krieg im Juni 1967, der in der totalen Niederlage der arabischen Armeen und der Besetzung weiter arabischer Territorien durch das siegreiche Israel endete, und der gewaltsame Tod des Studenten Benno Ohnesorg, der am 2. Juni 1967 bei der Auflösung einer Protestdemonstration gegen den zu einem Staatsbesuch in West-Berlin weilenden Schah von Persien von einem Polizisten in Zivil erschossen wurde, veränderten meine Haltung zu Israel.
Die Schüsse vom 2. Juni veränderten mein Leben, denn durch sie kam ich in Stuttgart in Kontakt zum SDS und wurde zu einem Linksradikalen, der die Verhältnisse in der damaligen Bundesrepublik Deutschland zunehmend ablehnte, ja bekämpfte. Und mit dem Sieg Israels im Junikrieg traten für mich in der Zeit danach mehr und mehr die Palästinenser
und ihr Schicksal in den Vordergrund. Ich hatte, bedingt durch die Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit und dem Versagen der Elterngeneration, eine moralische Haltung gegenüber Unterdrückung und Ungerechtigkeit in der Politik entwickelt, die in jener Zeit meinen Blick auf die Konfrontation im Nahen Osten veränderte.
Freilich lautete die Konsequenz für mich niemals, Israels Existenzrecht in Frage zu stellen, wie dies bei manchen innerhalb der neuen Linken der Fall war. Dazu war für mich die deutsche Schuld an der Shoah und die sich daraus ergebende Verantwortung gegenüber Israel einfach zu stark ausgeprägt und zu konstitutiv für meine politische Identität. Dies führte mich (und viele andere) aber in ein inneres Dilemma, das letztendlich in der Vorstellung von einem binationalen Israel, in dem Israelis und Palästinenser friedlich und mit gleichen Rechten zusammenleben würden, aufgelöst wurde. Nicht Israel war das Problem, so dachte ich zu jener Zeit, sondern seine zionistische Orientierung.
Dies war gewissermaßen eine "postzionistische" Position, lange bevor sich dieser Begriff in der historischen Debatte in Israel überhaupt durchgesetzt hatte. Damals gab es in Israel eine trotzkistisch beeinflusste Gruppe, Mazpen, von deren Ideen wir in der Frankfurter Spontiszene stark beeinflusst wurden. Mein inneres Dilemma schien somit also gelöst zu sein, allerdings erwiesen sich diese Ideen im Lichte der harten Realitäten des NahostKonflikts als blanke Illusion.
Im Zuge der deutschen 68er-Debatte im Jahr 2001, bei der es vor allem um meine Vergangenheit ging, wurde mir auch vorgeworfen, ich hätte, gemeinsam mit einigen anderen Mitgliedern des SDS, Ende 1969 an einem PLO-Solidaritätskongress in Algier teilgenommen. Das Faktum traf zu, der damit über 30 Jahre später verbundene politische Vorwurf aber, ich hätte damit zur Zerstörung Israels aufgerufen, ist falsch und entsprach niemals meiner politischen Überzeugung.
Wie kam ich überhaupt zu diesem PLO-Solidaritätskongress? Jeden Samstagabend fand in einem Frankfurter Studentenwohnheim am Beethovenplatz die SDS-Versammlung statt. Dort wurde eines Tages spät im Jahr 1969 gefragt, wer denn zu diesem Kongress reisen wollte. Und da sich kein anderer Arm hob, tat ich es eben, denn dies war eine gute Gelegenheit, die erste Flugreise meines Lebens zu unternehmen und Algerien zu besuchen. Ich nahm danach nie wieder an einem internationalen Solidaritätskongress für Palästina teil, geschweige denn, dass ich in ein Palästina-Komitee eingetreten wäre. Diese Form der Solidarität war mir zu unkritisch und entsprach nicht meiner politischen Sicht auf den Nahost-Konflikt.
In den folgenden Jahren erwies sich die Realität als eine harte Lehrmeisterin, die mich brutal aus meinen binationalen "postzionistischen" Illusionen reißen sollte.
Denn die "Solidarität" mit den Palästinensern führte viele Gruppen der radikalen Linken in Europa und auch in Deutschland Schritt für Schritt zur Kollaboration mit dem palästinensischen Terror, der sich gegen Israel und gegen jüdische Menschen richtete. Der katastrophale Höhepunkt dieser Entwicklung war für mich erreicht, als Ende Juni 1976 ein Terrorkommando der Volksfront zur Befreiung Palästinas ein Flugzeug der Air France auf dem Weg von Athen nach Paris nach Entebbe in Uganda entführte. Diesem Kommando gehörten auch zwei junge Deutsche aus Frankfurt am Main an, Wilfried "Bonni" Böse und Brigitte Kuhlmann. Böse kannte ich entfernt persönlich, er leitete einen Buchvertrieb in Frankfurt. Beide wurden bei der Befreiungsaktion eines israelischen Kommandounternehmens in der Nacht vom 3. auf den 4. Juli in Entebbe erschossen.
Dies alles war schon schockierend genug. Dass diese beiden deutschen Terroristen sich aber dazu hergaben, anhand der Namen in den Reisepässen die jüdischen von den nichtjüdischen Passagieren zu trennen, faktisch also zu "selektieren", löste bei mir blankes Entsetzen aus, das mich endgültig aufwecken sollte. Ich war fassungslos. Wie konnten junge Deutsche, die sich links nannten und die deutsche Schuld an Auschwitz nur zu gut kannten, so etwas tun? Für mich war das die schlimmste Form von Antisemitismus, die sich durch nichts rechtfertigen ließ.
In einer Wohngemeinschaft, in der ich damals öfters zu Gast war, kam es darüber zu einer heftigen Debatte, die hart am Rande einer Prügelei entlangschrammte. Meine Auffassung dazu war sehr klar, und ich habe sie damals in dieser Härte und Deutlichkeit auch so artikuliert: Wenn Deutsche sich nochmals dazu hergäben, Juden von Nichtjuden zu selektieren, dann hätten sie kein anderes Schicksal als die Entführer verdient. Für mich jedenfalls war seitdem klar, dass Antizionismus letztendlich nichts anderes als Antisemitismus war und wie jeder Antisemitismus im Mord an jüdischen Menschen endete. Antisemitismus war für mich nicht nur abstoßend und völlig inakzeptabel, sondern musste aktiv bekämpft werden. Dies war und ist meine Lektion aus der deutschen Geschichte.
* In Frankfurt am Main 1973, mit schwarzem Helm.
Von Joschka Fischer

DER SPIEGEL 40/2007
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