VEREINTE NATIONEN
Die Stunde der Großeltern
Der Iraner Ahmadinedschad war der Star einer New Yorker Woche, in der es sonst nur Ego-Massagen und Streit gab. Diagnose: Die Weltgemeinschaft ist krank. Von Klaus Brinkbäumer
Was alles schiefgehen kann, obwohl Menschen eigentlich miteinander reden möchten, war aufs Absurdeste zu sehen am Montag vergangener Woche in der Universität von Columbia. Da kamen Tausende mit Transparenten auf den Campus, die Namen Homer, Herodot und Plato prangten hinter ihnen am Gemäuer, und die mit den Transparenten schrien sich an bei 32 Grad Celsius: Ahmadinedschad ist ein Diktator! Bush auch! Folterer! Mörder! Der eine muss weg! Der andere auch! Irgendwann hörte keiner mehr irgendetwas auf der South Plaza.
Drinnen in der Alfred Lerner Hall standen auf der Bühne zwei Podien, und hinter das eine ging nun Lee Bollinger, Präsident von Columbia, mit weißem Haar und auf die Nasenspitze gerutschter Brille, und begrüßte einen Gast, den er "einen grausamen und engstirnigen Diktator" nannte, obwohl der Gast ja nun durch demokratische Wahlen an die Macht gekommen ist. Vermutlich wollte Bollinger die Kritik abfangen, die ihm für die Einladung dieses Gastes um die Ohren geschlagen worden war; das misslang, Bollinger war unverschämt.
Und Mahmud Ahmadinedschad stand fünf Meter entfernt, in Sakko und offenem Hemd, wie immer mit gestutztem Bart. Der iranische Präsident sagte, dass in Iran Gäste mit Respekt begrüßt und zunächst angehört würden, ehe man sie kritisierte, da bekam er noch Beifall. Als er dann sagte, der Holocaust müsse gründlicher erforscht werden, "falls es ihn gab", bekam er Pfiffe, und als er sagte, "in Iran haben wir keine Homosexuellen wie ihr in eurem Land, wir haben dieses Phänomen nicht", da lachten so gut wie alle im Saal.
Und dann war es vorbei, und keiner hatte etwas davon gehabt, es war eine Veranstaltung wie die ganze Gipfelwoche der Vereinten Nationen, die Zusammenkunft der Staatschefs und Außenminister von 150 Ländern.
Zusammenfassen kann man das Geschehene so: Sie trafen sich halt. Sie aßen gut. Es gab brillante Reden, aber es kam zu keinem Beschluss. Oder mit den Worten eines Deutschen: "Es ging nur um Geld, darum, wer was herausholen konnte. Um Ego-Massage." Oder mit dem eher diplomatischen Satz des schwedischen Weltbankers Mats Karlsson: "Ich bin besorgt wegen des Niveaus globaler Führungskraft."
Alle, denen die Gremien oder die Generalsekretäre der Uno nicht passen, schimpfen über deren Langsamkeit, über die verdammte Bürokratie und die Kosten, obwohl eine multilaterale Organisation immer nur so stark sein kann, wie ihre Mitglieder sie haben wollen. Neu ist, dass diesmal auch Botschafter und Außenminister, jedenfalls die, die sich aus dem Dickicht der Floskeln wagen, sagten, ihre Uno sei krank, schwerkrank. "Die ganze internationale Politik schwächelt", so formulierte es einer, der seit Jahren hier mitmischt.
"Der Schlüssel ist Geschlossenheit und Entschlossenheit", das erklärte am Dienstag Angela Merkel, und alle sagten das, weil die Probleme, Armut oder Klima oder Migration oder Aids, nichts mehr mit Staaten und deren Grenzen zu tun haben. Das ganze Gerede führt nur nicht weiter, solange auf höchsten Ebenen, wenn die Richtung geändert werden soll, multilaterale Parolen als naiv gelten.
Das alles hat mit einer schwachen US-Regierung zu tun. "So richtig sieht man jetzt erst, was wir Amerikaner mit dem Irak-Feldzug, mit Guantanamo und Abu
Ghureib zerstört haben: sämtliches Vertrauen, alle Normen, den Glauben an das Völkerrecht, die eigene Führungsrolle", so ein Diplomat aus Washington.
Es gibt auch eine schwache EU, jedenfalls keine mehr, die geschlossen dächte. Und diese kollektive Starre der großen Organisationen gibt es, der Weltbank zum Beispiel, die mit ihrem neuen Chef Robert Zoellick nach Rolle und Richtung fahndet, oder der WTO, die sehr oft tagt und dennoch keine Handelsabkommen hinkriegt.
Und es gibt Ban Ki Moon.
Wenn man den seit Januar amtierenden Generalsekretär der Vereinten Nationen belauscht, fallen ein paar Dinge sofort auf. Ban Ki Moon ist so gut wie nicht zitierbar. Er spricht leise, er spricht weich, er tadelt niemanden, er fordert nichts. Kofi Annan war da anders, und die Frage ist, ob die Lautsprecher der Weltpolitik einen zarten Stillen ernst nehmen können.
Die Antwort: Nein, natürlich können sie nicht.
Es war fast schockierend, wie in Manhattan über Ban geredet wurde. Hat keine Vision. Hat keine Substanz. Ist viel zu nahe bei den Amerikanern. Wer es ertrug, konnte tausend Stimmen diese drei Sätze flüstern hören, und besonders verheerend ist jenes Image, mit den Amerikanern zu schmusen.
"Ich erinnere mich immer noch an die Handschläge zwischen Amerikanern und Koreanern", das erzählte Ban in diesen Tagen in seinem Konferenzraum im 38. Stock, er trug eine strenge Brille, Seitenscheitel, blauen Anzug und am Revers einen blauen Uno-Button. Ban Ki Moon, heute 62 Jahre alt, erlebte als Kind im Korea-Krieg, wie GIs seine Familie schützten und die Nordkoreaner vertrieben, als Teenager reiste er in die USA und begegnete John F. Kennedy. Solche Fetzen einer Biografie müssen nichts bedeuten, aber wenn Bush sagt, das mit dem Klimawandel sei auch ohne Normen zu regeln, dann schweigt Ban, und wenn Bush sagt, die Uno müsse wieder in den Irak, dann sagt Ban, in der Tat, da müsse die Uno hin.
Die, die diesen Karrierediplomaten aus Seoul seit neun Monaten erleben, sagen, es sei doch eine der wesentlichen Aufgaben eines Uno-Generalsekretärs, die Einhaltung der Menschenrechte einzufordern und Völkermorde anzuprangern, das Amt schenke ja Geltung und Wucht; diese Facette seiner Aufgabe scheint den Mann an der Spitze allerdings zutiefst zu ekeln.
Eines aber hat er eingeführt: Er spricht mit so gut wie allen Staatschefs, auch den Hetzern und Kriegstreibern, unter vier Augen, die Helfer müssen den Raum verlassen. Ban sagt, das baue zunächst Vertrauen und dann persönliche Beziehungen auf, mit denen sich hinterher arbeiten lasse: "Es mag Zeit brauchen, aber ich bin keiner, der in sehr kurzer Zeit brilliert".
Will man gerecht sein, muss man sagen, dass einer der stärkeren Momente der Woche auf Ban Ki Moon zurückging. Sein Klimagipfel zu Beginn war ein kleines Festival. Da fragte Arnold Schwarzenegger, ob hier "über das Reden geredet" oder "das Handeln beschlossen" werde. Da sprachen sie alle (bis auf Bush) mit Verve von der gemeinsamen Verpflichtung, und natürlich taten sie das, weil sie mit dieser Rede in der Heimat ins Fernsehen kamen und weil es noch nicht um Gesetze ging. Aber immerhin taten sie es, und in der diplomatischen Welt bedeutet dies, dass sie bis zum kommenden Klimagipfel von Bali nun alle feste daran glauben, dass es bald einen Durchbruch und ein Abkommen geben wird.
Einen wie George W. Bush schien das alles nicht mal mehr zu amüsieren. Der amerikanische Präsident kam am Dienstag und teilte die Staaten der Welt einfach wieder in gute und böse ein, so ganz schien ihm nicht klar zu sein, wo er gerade war.
Einer wie Ahmadinedschad schien dagegen nicht zu verstehen, dass er sich mit seinen Sätzen vom "Mord an den Juden, falls es ihn gegeben hat", aus jeder internationalen Gemeinschaft ausschließt. Oder er wusste es und sagte diese Sätze trotzdem, weil natürlich auch seine Rede zu Hause im Fernsehen kommt. Würde er solche Sätze jedenfalls weglassen, könnte er Bush vielleicht gefährlich werden, denn für seine Kritik am "unfairen Sicherheitsrat" oder an diesen "Großmächten, die unter dem Mantel der Moral anderen sagen, was sie zu tun haben, in Wahrheit aber nur die eigene Gier befriedigen", für solche Sätze
bekam Ahmadinedschad lauten Beifall in der Vollversammlung. Nicht nur von Venezuela, Nicaragua oder Weißrussland, sondern von der Hälfte der Leute im Saal, was die Amerikaner aber nicht mitbekamen, weil die natürlich gehen, sobald Ahmadinedschad kommt.
Anders werten lässt es sich nicht: Es war eine verkorkste Woche. Dazu passte, was der deutsche Außenminister zu erledigen hatte. Einmal musste Frank-Walter Steinmeier zwischen Russen und Amerikanern vermitteln, denn Condoleezza Rice hatte ihrem Kollegen Sergej Lawrow vorgeworfen, die atomare Bewaffnung Irans zu dulden. Der Russe war empört, der Deutsche glättete. Und dann musste Steinmeier den Chinesen hinterherlaufen, die sehr vehement beleidigt sein wollten, weil Kanzlerin Merkel den Dalai Lama empfangen und den Chinesen nichts davon erzählt hatte.
Was vorankam in New York, das geschah außerhalb der Arena der Staatengemeinschaft. Es gab da eine Arbeitsgruppe, gegründet von Milliardär George Soros und fachlich geführt von dem Ägypter Mohammed al-Aschri; sie verfasste 20 Seiten, die nun "Rahmen für ein Nach-2012-Abkommen über den Klimawandel" heißen und die Besteuerung von Schadstoffen fordern und das Konkreteste sind, was es zum Thema bisher zu lesen gab.
Und dann war da noch dieser neue Seniorenclub, einstmals Mächtige, die sich "The Elders", die Älteren, nennen, seit sie beschlossen haben, sich wieder einzumischen, solange die Enkel das nicht recht schaffen mit der Kommunikation. Richard Branson bezahlt, Nelson Mandela ist dabei, Desmond Tutu, auch Jimmy Carter, sie sind zu zwölft in diesem Kreis politischer Großeltern. Bald wird es eine Zentrale geben in London oder Genf, und heute Abend spricht Mary Robinson in der New York Society for Ethical Culture am Central Park.
Mary Robinson war einst irische Präsidentin. Sie sagt, das mit dem Älterwerden gefalle ihr zwar nicht so gut, "will man zu so einem Kreis wirklich gehören?" Aber sie sagt auch, dass es gar keine Wahl gebe, die Menschen müssten ja zusammenwirken über Grenzen hinweg, denn "Völkermorde und Diskriminierung setzen sich fort", und der Klimawandel verlange eine "gemeinsame Vision der Menschheit".
Man könnte jetzt voller Begeisterung rufen, dass afrikanische Stämme das seit Jahrhunderten machen: Wissen sie nicht weiter, tagt der Ältestenrat. Man darf nur nicht daran denken, in welchem Zustand Afrika ist.
DER SPIEGEL 40/2007
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