01.10.2007

BÜRGERTUMDie Stadt der guten Täter

Potsdam ist die heimliche Hauptstadt der Republik - die Reichen, Schönen und Mächtigen des Landes haben sich hier die größten Villen und die schönsten Grundstücke gesichert. Nun spielen sie mit dem diskreten Charme der Bourgeoisie. Von Alexander Osang
Zu DDR-Zeiten hat der Landschaftsmaler Alfred Schmidt nie einen Auftrag von der Gewerkschaft oder der Partei angenommen, weil er es nicht nötig hatte, sagt er, aber als ihn im vergangenen Jahr die Frau des Springer-Vorstandschefs Mathias Döpfner bat, ein Bild ihrer Villa zu malen, das sie ihrem Mann zu Weihnachten schenken wollte, hat er zugesagt. Er hat drei Ansichten des Hauses gemalt, zwei hat Frau Döpfner gekauft. Wenn Schmidt mit seinem Boot dicht an der Villa vorbeifährt, sieht er sie im Foyer hängen - wie einen Beweis dafür, dass er, Alfred Schmidt, hierher gehört wie all die anderen schönen Dinge.
Bis vor zehn Wochen wohnte Alfred Schmidt in der einzigen Gründerzeitvilla am Heiligen See in Potsdam, die noch nicht verkauft war. Sie gehörte einem jüdischen Brüderpaar aus Australien, war schon seit ein paar Jahren im Angebot, aber niemand griff zu. Das Haus liegt traumhaft, ist aber doch ganz schön renovierungsbedürftig, und außerdem gibt es das Haus nur im Paket mit Alfred Schmidt, sagt Schmidt. Er hat all seine 64 Lebensjahre hier verbracht, er hat in verschiedenen Häusern gewohnt, bevor er vor nunmehr 25 Jahren über einen ziemlich komplizierten Ringtausch in die Seestraße Nummer 30 zog. Er bewohnt die Beletage, mit unwirklich schönem Blick aufs Wasser, einer zugewucherten Terrasse, von der eine alte Steintreppe hinunter in den verzauberten Garten führt, der am See endet, in den Alfred Schmidt zum morgendlichen Bad steigt. Es soll der zweitklarste See Brandenburgs sein, nach dem Stechlin. Am Ufer findet man zahlreiche Motive aus Schmidts Schaffen. Das Marmorpalais, das Grüne und das Rote Haus, die Villa Rumpf, die Villa Kellermann, den Hasengraben, den Neuen Garten, das Schilf, das Wasser, die Enten, die Bäume, die Angler.
"Ick ziehe hier nich aus", sagt Schmidt an einem feuchtwarmen September-Morgen, und genau das sagt er seit Jahren zu den zahlreichen Interessenten, die seine Wohnung inspizieren, sein Atelier, den Garten, den Steg und auch sein kleines Motorfloß. Viele hat das abgeschreckt, manche, so hofft man, weil sie es nicht übers Herz brachten, den kleinen Kunstmaler mit dem dichten weißen Bart aus seinem Paradies zu vertreiben. Andere irritierte womöglich der komplizierte Ringtausch, der Alfred Schmidt einst hierher führte, oder sie hatten Respekt vor seinem "alten Mietvertrag", von dem er oft redet.
Aber vor zehn Wochen wurde das Haus doch verkauft, und Schmidt weiß nicht, an wen. Er hätte ein paar Wunschkäufer. Günther Jauch beispielsweise.
"Koof du it, Jünter", bat Schmidt ihn mehrfach, aber Jauch sagte immer: "Zu teuer, Alfred." Schmidt hatte sich auch vorgenommen, Mathias Döpfner nach der Bildübergabe zu ermuntern, sein Haus zu erwerben, aber es ergab sich nie eine richtige Gelegenheit. Jetzt hofft er, dass es vielleicht Hans-Joachim Sander war. Sander, ein Darmstädter Kunstsammler, dessen Frau Erbin des Kosmetikkonzerns Wella ist, besitzt bereits mehrere Häuser am Heiligen See und scheint wie Günther Jauch und Mathias Döpfner ein vernünftiger Mann zu sein. Seitdem hofft Schmidt wieder. Er kann am Ufer des Heiligen Sees eigentlich nur als Maskottchen überleben, als Talisman der Bourgeoisie, und tief im Herzen ahnt er das.
Vom Wasser aus
wirkt das Haus des Malers weniger charmant, es sieht verrumpelt aus, neben all den gepflegten Anlagen wirkt es wie Unkraut, das jemand übersehen hat. Jauch hat mal eine Ausstellung für den Maler eröffnet und verschenkt gern Schmidts Kunstkalender mit Potsdamer Motiven in Pastelltönen, aber er weiß natürlich, dass die Villa von Schmidt einen Preis hat, bei dem die Freundschaft aufhört.
"Der Alfred bibbert so ein bisschen. Wenn die Käufer Eigenbedarf anmelden, hätte er noch ein paar Monate Schutz. Das wären dann 17 Jahre seit der Wende. 17 Jahre hat er dann hier durchgehalten. Das ist ja auch nicht schlecht", sagt Günther Jauch und steuert sein Floß weiter.
Am Heiligen See liegen die Villa Rumpf, wo Wolfgang Joop an neuen Kollektionen arbeitet. Es gibt das Haus eines Medienunternehmers, das wuchtig aussieht und von Joop mal ibizenkische Riesentoilette genannt wurde und das Anwesen der Sanders, die zu 50 Prozent in Joops Wunderkind-Unternehmen eingestiegen sind. Die weiße Villa von Mathias Döpfner hat hier genauso ihren Platz wie die Villa Kellermann, in der kurz nach der Wende der Kreuzberger Weinhändler Max Dreier ein italienisches Restaurant eröffnete, wo sich Jauch manchmal mit Wein und Lebensmitteln eindeckt, wenn überraschend Besuch kommt. Eine frühere Schule gehört jetzt dem Wella-Erben Sander wie die Villa Kellermann und das Grundstück daneben. Wolfgang Joops Villa Wunderkind leuchtet weiß. Das Haus der Nordens aus Gelsenkirchen, die neu hier sind und von denen Jauch noch nicht viel weiß, sieht von außen sehr geschmackvoll aus, findet Jauch. Zur Sonnenwende und zum Jahreswechsel treffen sich die Nachbarn auf dem Wasser, ketten ihre Elektroboote zusammen und stoßen an. So ist die bürgerliche Revolution, die in den letzten zehn Jahren am Heiligen See tobte, unblutig verlaufen. Es ist still und friedlich hier draußen, nur manchmal hört man Wolfgang Joop auf der Terrasse seiner Villa bei einem aufgekratzten Telefongespräch.
Auf der anderen Uferseite liegt der Neue Garten in der Morgensonne, in der Mitte das Marmorpalais, das gerade eingerüstet ist. Von der Terrasse winken ein paar ältere Herrschaften, Jauch winkt zurück. Es ist wahrscheinlich das Aufregendste, was die Reisegruppe auf der Terrasse mit nach Hause nimmt. Eine Begegnung mit dem beliebtesten Mann Deutschlands. Günther Jauch hat sich mit mehreren hunderttausend Euro an der Renovierung des Marmorpalais beteiligt. Er hat ein paar Bedingungen gestellt, erst musste das Dach dicht sein, dann floss das Geld. Er ist vorsichtig geworden, seit er mal für einen Potsdamer Kinderspielplatz gespendet hat, der dann aber über ein Jahr lang gar nicht gebaut wurde. Als er sein Geld zurückforderte, war es für irgendetwas anderes ausgegeben worden. Er hat mehrere Millionen Euro für verschiedene Potsdamer Baudenkmäler gespendet und außerdem fast zwei Dutzend heruntergekommene und zum Teil seit Jahrzehnten leerstehende alte Mietshäuser in Potsdam gekauft und hergerichtet. Es ist ein Verlustgeschäft, die versprochenen
Wertsteigerungen sind nicht eingetreten, sagt Günther Jauch, für keines der Häuser würde er annähernd das wiederbekommen, was er investiert hat.
"Ich habe alle Immobilien ausschließlich in Potsdam gekauft und dort investiert. Klumpenbildung sagt man im Bankerdeutsch. Das ist eigentlich nicht empfehlenswert, weil man ja nie alles in ein Nest legen soll."
Warum hat er es dann gemacht?
"Manchmal verstehe ich mich da selbst nicht. Ich bin kein Spekulant, ich verkaufe nichts, und mein Antrieb sind auch nicht die Steuerersparnisse, wie die PDS immer vermutet", sagt Jauch. "Ich freue mich an den schönen Häusern, ich kann es mir leisten, und es bleibt in der Familie. Die Häuser können meine Enkel später nicht so schnell auf den Kopf hauen wie ein paar BASF-Aktien. Vielleicht ist es das."
Jauch zog 1995 nach Potsdam. Er hatte gerade ein Haus in Zehlendorf gebaut. Zehlendorf war fertig, gediegen und, um ehrlich zu sein, langweilig, Potsdam verwachsen und verstaubt, aber wunderschön und noch weich. Seine Münchner Freunde schrieben Potsdam auf ihren Urlaubskarten in der Mitte mit tz und hinten mit Doppel-m, sie hatten den Eindruck, er sei nach Sibirien gezogen, und das freute Günther Jauch irgendwie, weil es ihn zum Pionier machte. Auch in den Erzählungen derjenigen, die ihm folgten, wirkt die Stadt wie ein Jungbrunnen und ein Abenteuerspielplatz. Potsdam schien der Ort zu sein, an dem man ein neues Leben beginnen konnte.
Wolfgang Joop glaubt, dass er seine Wunderkind-Kollektion nur in Potsdam machen kann, wo er geboren wurde. Er sei sein ganzes Leben lang auf der Suche nach diesem Platz gewesen, an dem er die Erinnerungen seiner Kindheit abrufen kann. Dr. Hermann Kremer, Frauenarzt aus Haltern am See, wollte nach 30 Jahren gutgehenden Praxislebens und dem Tod seiner Frau mal etwas zurückgeben. Peter Paffhausen, Maschinenbauer aus dem Westerwald, wollte dem Hamsterrad als Geschäftsführer der Berliner Mannesmann-Tochter entspringen.
Der rheinländische Rechtsanwalt Jörg Zumbaum, der Häuser und Niederlassungen auf der ganzen Welt hat, weil seine Eltern, die aus Königsberg flohen, ihm rieten, seinen Grundbesitz zu streuen, glaubt in Potsdam sein Zentrum gefunden zu haben, einen Schmelztiegel verschiedenster Kulturen, der überschaubarer und schöner ist als Manhattan, sagt er. Wella-Erbe Hans-Joachim Sander würde gern einen Teil seiner großen Kunstsammlung in Potsdam zeigen. Springer-Chef Döpfner, der jahrelang ruhelos durch verschiedene deutsche Städte gezogen war, verliebte sich 1994 bei einem Wochenendausflug mit seiner Frau in die "heruntergekommene Bürgerlichkeit" der Stadt. Er begeisterte erst Friede Springer für Potsdam, dann seinen ehemaligen "Welt"-Kollegen Wolfram Weimer, zuletzt auch Frank Schirrmacher von der "FAZ" und Kai Diekmann von der "Bild"-Zeitung.
Sie kennen sich nicht alle persönlich, aber sie wissen, dass sie nicht allein sind. Neben der Nähe zu Berlin, der Natur, der Stille, der Geschichte, der Schönheit, ist das ein weiteres Argument für Potsdam. Die anderen sind auch schon da.
Ministerpräsident Matthias Platzeck glaubt, dass Jauch und Joop eine Art Initialzündung für das Selbstbewusstsein der Potsdamer Bürger waren. Es habe sich eine Art neues Potsdamer Bürgertum gebildet, das zu DDR-Zeiten zerschlagen worden sei. Maximilian Dreier, der Wirt der Villa Kellermann, sagt, dass die Neuankömmlinge nach gesellschaftlichem Leben, nach Austausch suchten. "Das sind Leute, die sich einbringen wollen, aber mit den Strukturen hier nicht viel anfangen können. Die nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand. Und damit das Schicksal der Stadt."
Mathias Döpfner, der mit großen ausgreifenden Schritten und entschieden schwingenden Armen die Schwanenallee hinunterläuft, passt gut in dieses Bild. Er passt an diesem sonnigen Herbstmorgen
überhaupt gut in die Landschaft an der Glienicker Brücke, wo die Havel zwischen den Schlössern Glienicke und Babelsberg, dem Jagdschloss und dem Kleinen Schloss vorbeifließt. Döpfner ist ein großer Mann mit einem gutsitzenden Anzug und einem gutgeschnittenen Gesicht. Es sind nur fünf Minuten von seiner Villa am Heiligen See bis zur Ruine der Villa Schöningen, die Mathias Döpfner im Frühjahr zusammen mit dem Banker Leonhard Fischer kaufte, um sie zu einem öffentlichen Kulturhaus zu machen, mit Restaurant, Biergarten und Ausstellungsräumen. Seit sieben Jahren interessiert er sich für das Gebäude, das an dieser historischen Stelle auf einem 6000 Quadratmeter großen Grundstück vor sich hin gammelte. Der Besitzer hatte verschiedene Pläne, einer sah vor, das Haus abzureißen und das Grundstück mit vielen Stadtvillen zu bebauen. Das wollte Döpfner verhindern.
Er öffnet die Tür und führt durch die Villa. Die Räume sind in einem erbärmlichen Zustand, aber Mathias Döpfner füllt sie, während er sie abschreitet, mit Geschichte. Die Villa wurde 1843 vom Schinkel-Schüler Ludwig Persius im Auftrag des Königs Friedrich Wilhelm IV. hergerichtet. Vorher stand dort das heruntergekommene Haus eines Schiffbauers, das dem König ein Dorn im Auge war, zwischen all den
Schlössern und Parks, sagt Döpfner, und für einen Moment fällt ein Lichtschein auf die Analogie zwischen ihm und dem preußischen König. Später zog Hermann Wallich in die Villa Schönigen, einer der Begründer der Deutschen Bank. Die jüdische Familie lebte hier bis 1939. Wallichs Sohn Paul beging Selbstmord und hinterließ einen Abschiedsbrief, in dem er auch die Villa Schöningen erwähnte. Dann kamen die Nazis, die Russen, der KGB, und schließlich wurde die Villa ein DDR-Kindergarten, für den man einen Passierschein brauchte, weil er so dicht an der Grenze lag. Und nun ist er hier, Mathias Döpfner.
Er steigt die Treppen hoch bis zum Türmchen der Villa, von dem aus man über die Seen, die Wiesen und Schlösser schauen kann.
"Und das abreißen?", sagt Döpfner. "Angeblich gab es keine Handhabe dagegen. Das muss man sich mal vorstellen, sonst diskutiert das Denkmalamt über jede Hecke. Ach, ich will mich nicht aufregen. Ich will ja, dass die Bauarbeiten hier so schnell wie möglich beginnen, damit wir das Haus bald eröffnen können. Das ist ohnehin schwierig genug. Manchmal bekommt man das Gefühl, als würde man mit der Genehmigung von der Stadt etwas Unanständiges verlangen. Dabei haben wir finanziell gar nichts davon."
Warum macht er es dann?
"Man möchte was zurückgeben von dem, was man durch Glück und Fleiß erworben hat. Und natürlich freut mich die Form. Ich finde das Haus schön. Es ist ein gutes Gefühl, es erhalten zu können. Schreckliche Stadtvillen gibt es genug", sagt Döpfner.
Um das auch nach außen deutlich zu machen, spannte über dem Gerüst wochenlang ein riesiges Plakat, auf dem stand: "Villa Schöningen - Demnächst offen für alle!" Vor ein paar Tagen hat jemand das Wort "Bonzen" dahintergesprüht. Da haben sie es abgenommen. Mathias Döpfner zuckt mit den Schultern, er sagt, dass die Leute sowieso besser Bauarbeiten sehen sollten als Plakate. Er hat von einer Anzeige abgesehen. Er versucht, sich aus den politischen und öffentlichen Belangen der Stadt herauszuhalten. Er kenne den Bürgermeister, das sei ein netter Mann, mehr kann er nicht sagen. Es klingt nicht so, als hätte er großes Vertrauen in die Kraft der Lokalpolitik.
Später, im wilden Garten der Villa Schöningen, sagt er noch: "Sehen Sie sich die Buchen an. Die sind über 200 Jahre alt."
Vor ein paar Wochen trafen sich Mathias Döpfner, der westfälische Frauenarzt Hermann Kremer und der Darmstädter Wella-Erbe Hans-Joachim Sander zu einer kleinen Bürgerrunde. Den Rechtsanwalt Zumbaum hatten sie auch eingeladen, aber der war gerade auf Korsika.
Zumbaum, der bereits Häuser in Connecticut, Kopenhagen, Paris, Berlin, Mittelschweden und Frankfurt sowie ein großes Weingut in Frankreich besitzt, restaurierte gerade für mehrere Millionen Euro die Potsdamer Villa Gericke, die er auch hätte abreißen können, weil sie vom Hausschwamm befallen war. Er trocknete die Wände, rekonstruierte historische Details und verwandelte das zugewachsene Grundstück in einen Park. Am Ende erschien die Denkmalschutzbehörde, forderte Bauaufträge und warf ihm vor, Bäume gefällt sowie einen historischen Weinberg abgetragen zu haben.
Zumbaum beschwerte sich beim Potsdamer Oberbürgermeister Jann Jakobs. Jakobs forderte seine Verwaltung auf, Zumbaum zu unterstützen, der bereits ein Haus in der Nauener Vorstadt renoviert hatte und vier Millionen Euro in eine Stiftung stecken wollte, die die historische Matrosenstation an der Havel wiederherrichten sollte. Die Presse witterte Amtsmissbrauch, am Ende wackelte der Stuhl des Oberbürgermeisters, und Zumbaum stand da wie ein Verbrecher. Er behielt die vier Millionen Euro fürs Matrosenhaus. Die Potsdamer Bürokratie hatte seinen guten Willen abgewehrt wie einen Anschlag, und wahrscheinlich erinnerte das Jauch, Döpfner, Sander und Kremer an ihre eigenen Initiativen. Sie bildeten, wenn man so will, eine kleine Bürgerwehr der Millionäre.
"An diesem Abend brach es regelrecht aus allen heraus", sagt Günther Jauch. "Die gucken natürlich auf uns. Ist ja auch okay, wenn sie sagen: Ach, der ist vom Fernsehen, mal sehen, was der macht. Aber wenn's dann umschlägt und die sagen: Hier sind wir übergenau und kühlen mal unser Mütchen, dann ist das nicht mehr okay. Der Denkmalchef hat mal zu mir gesagt: ,Es ist ganz gut, dass Sie 'ne Investitionspause haben, da können Sie mal in Ruhe über alles nachdenken.' Oder der PDS-Fraktionsführer sagt der Lokalpresse: ,Wenn jemand wie Herr Jauch als Bauherr mehr Potential hat als andere, dann kann man ihn auch mehr fordern.' Mit anderen Worten: Was schert mich, dass die Gesetze eigentlich für alle gleich gelten. Der hat die Kohle, also her damit. Und der gemeine Potsdamer ruft: Jenauso iss et."
Als Jauch in diesem Jahr die Schinkel-Medaille bekam, sagte Ministerpräsident Platzeck, der Prinz Jauch habe sich in das Aschenputtel Potsdam verliebt, und weil Jauch im Märchenbild bleiben wollte, bezeichnete er Potsdam als Mischung aus missgünstiger Fee und bösem Wolf. Es waren eine ganze Menge Journalisten da, und ein paar Tage später erfuhren deren Leser, dass die Denkmalschutzbehörde Jauch aufgefordert hatte, die Kellerfenster eines Mietshauses mit sechsfach gewundenen Eisenstäben zu vergittern statt mit dreifach gewundenen. Oberbürgermeister Jann Jakobs beauftragte eine unabhängige Kommission unter Leitung des Berliner Rechtsprofessors
Ulrich Battis, die herausfand, dass Jauch im Großen und Ganzen recht hatte.
Jauch wurde in diesem Sommer von der Lokalpresse wahrscheinlich öfter zu Potsdamer Problemen befragt als Jakobs. Wenn man die Zeitungen überflog, schien er die Stadt zu regieren, nicht der Oberbürgermeister.
"Wenn ich mich zu etwas äußere, hat das manchmal eine absurd große Wirkung. Damit muss man auch umgehen lernen", sagt Jauch. "Als ich den Jakobs traf, hab ich mich bei dem für den Wirbel entschuldigt. Aber der fand das gar nicht so schlecht. Der will dieses Obrigkeitsdenken ja auch aus seiner Behörde rauskriegen."
Im Zimmer des Potsdamer Oberbürgermeisters riecht es nach kaltem Zigarettenrauch, die Fenster stehen offen, von draußen schwappt Baustellenlärm herein. Jann Jakobs redet seit zehn Minuten von sich entwickelnder Servicehaltung im Rathaus, vom einmaligen Potential Potsdams, von Grünpflanzen in Beamtenbüros, von Schwierigkeiten, alten Mentalitäten, er erwähnt einen Dienstleistungspreis, den sie für ihren neuen Bürgerservice bekommen haben. Eigentlich wollte er über die neuen, wohltätigen Bürger dieser Stadt reden, aber wahrscheinlich hat er das Gefühl, das einbetten zu müssen, damit man nicht vergisst, dass er auch noch da ist.
Irgendwann steckt sich der Oberbürgermeister eine Zigarette an und sagt: "Na klar profitiert die Stadt von Jauch, Joop und Springer. Die schauen nicht nur auf ihr Grundstück, sondern wollen auch was bewirken. Die müssen wir pflegen wie einen Schatz. Sie hätten mal sehen sollen, wie viele Leute hier waren, als Jauch sein
Fortunaportal eingeweiht hat. Ich geh auch gern zu Jauchs Sommerfest, ich treffe auch die Döpfners. Das sind interessante Menschen, die prägen das intellektuelle Klima in der Stadt. Das Klein-Klein, das hier jahrelang gemacht wurde, muss aufhören."
Jakobs zieht an seiner Zigarette, schaut aus dem Fenster und sagt noch: "Aber es kann natürlich nicht sein, dass sich der ,Cicero'-Chefredakteur Wolfram Weimer in der Lokalpresse darüber aufregt, wenn er in Potsdam von der Polizei geblitzt wird."
Er hat keinen einfachen Job zwischen den störrischen Beamten und den drängenden, energiegeladenen Neuen. Er ist ostfriesischer Sozialdemokrat, kein populärer Handeschüttler wie sein Vorgänger Platzeck. Seine Genossen haben ihn gedrängt, aus dem Haus in Berlin-Spandau, das er gerade gebaut hatte, nach Potsdam zu ziehen, weil ein Oberbürgermeister in der Stadt wohnen muss, die er regiert. Jakobs argumentierte mit den guten Verkehrsverbindungen zwischen Spandau und Potsdam, und als ihm der Halterner Frauenarzt Kremer eins der russischen Holzhäuser anbot, das er in der Potsdamer Siedlung Alexandrowka gekauft und hergerichtet hatte, konnte er sich nicht mehr wehren.
Jetzt wohnt der Oberbürgermeister bei einem der neuen, wohltätigen Bürger zur Miete.
Kremer ist ein leiser weißhaariger Mann, der vom Oberbürgermeister nicht mehr will als die Miete, sagt er und lächelt. In seinem anderen Alexandrowka-Haus hat Kremer ein Museum eingerichtet, am Bassinplatz ließ er ein altes, verfallenes Bürgerhaus detailgetreu wiederherstellen und öffnet es für Brandenburger Kulturvereine. Er hat eine siebenstellige Summe in die Stadt investiert, obwohl er nicht mal in Potsdam wohnt. Er fühlte sich nicht immer willkommen, sagt er, aber er lasse sich von den Behörden nicht ärgern. "Es geht ja nicht um meine Existenz, sondern ich betreibe in Potsdam ein Hobby", sagt Kremer. "Die Dinge, die wir erhalten und die wir bauen, beschreiben uns. Sie zeigen, wer wir sind."
Aber wer sind sie dann?
Man kann sagen, dass sie alle das Stadtschloss wiederhaben wollen. Ansonsten ist es schwierig. Kremer interessiert sich für alte Kaminzüge. Zumbaum ist Skandinavien dankbar, weil Dänemark seine Familie nach der Flucht aus Ostpreußen so gastfreundlich aufnahm. Deswegen wollte er die Matrosenstation renovieren und auch die Villa Gericke, die in einem nordischen Stil gebaut wurde. Peter Paffhausen, Geschäftsführer der Potsdamer Stadtwerke, hat für den Entwurf eines Spaßbades am Potsdamer Brauhausberg den brasilianischen Architekten Oscar Niemeyer verpflichtet, "weil Niemeyer der einzige lebende Architekt ist, dessen Werk Weltkulturerbe ist".
Paffhausen flog viermal nach Rio, um Verträge und Entwürfe mit Niemeyer zu besprechen. Im Moment liegt der Spaßbadplan zwar auf Eis, aber Paffhausens Enthusiasmus ist ungebrochen. Auf seinem letzten Stadtwerkefest spielten Manfred Mann, Gianna Nannini und die Puhdys. Eigentlich sollten auch ZZ Top spielen, aber leider war der Bassgitarrist krank geworden. Paffhausen sucht die Bands persönlich aus, er hat, bevor er Mannesmann-Manager wurde, als Jugendlicher im Westerwald selbst Musik gemacht und "jeden 'Rockpalast' gesehen". Und weil er damals auch Fußball spielte, ist er heute Präsident von Potsdams bestem Fußballverein Babelsberg 03.
Wolfgang Joop sagt, dass nur Durchschnitt entstehe, wenn man nach anderen schiele. Potsdams perfekter Plan existiere bereits, man brauche keine senilen Architekten aus Brasilien. Man brauche Sandstein
und gelben Klinker, keinen Marmor, keinen Beton, keine blauen Keramikdachziegel und vor allem keine "Dr. Oetker-Farben".
Das sind sie, das ist ihr Potsdam. Eine Mischung aus ZZ Top und Schinkel.
Es ist ein junges Bürgertum, das sich da versammelt hat. Döpfner, Jauch, Zumbaum, Kremer und auch Joop sind Männer, die sich ihre Karriere und ihr Geld selbst erarbeitet haben und eine schwer zu beschreibende Mischung aus Verantwortungen und Möglichkeiten spüren, die daraus erwächst. Es ist ein sehr amerikanisches Gefühl. Sie alle haben Schwierigkeiten mit dem langsamen Getriebe der Verwaltung und ein Gefühl für die eigene Kraft. Wenn man mit Jörg Zumbaum durch den Park seiner Villa Gericke hetzt, spürt man, wie schwer es dem Mann fällt, auf andere zu warten. Er will zeigen, dass er etwas Richtiges und Gutes getan hat, aber eigentlich hat er keine Zeit dafür und schon gar keine Lust, sich zu rechtfertigen. Man kann sich vorstellen, wie überflüssig sich ein Beamter der Potsdamer Baubehörde an der Seite dieses Mannes fühlt.
Zumbaum selbst fällt kein einziger Grund ein, aus dem die Potsdamer Beamten ihm Schwierigkeiten machen. Er kann sich das einfach nicht vorstellen.
Maximilian Dreier erzählt, dass Wella-Erbe Hans-Joachim Sander pausenlos hin und her überlegt, ob er in die Villa Kellermann, die er gerade gekauft hat, einziehen soll oder nicht. Dreier hat ihm gesagt, dass er da ein Restaurant mit vielen Leuten betreibe und langfristig Bescheid wissen muss. "Er hat mich ganz erstaunt angesehen. Er wusste nicht, wovon ich rede", sagt Dreier. "Ich hab mir daraufhin mal die Zahl eine Milliarde auf ein Blatt Papier geschrieben, all die Nullen, um mal ein Gefühl dafür zu bekommen, wie unvorstellbar viel das ist."
Oft fällt der Satz: "Ich habe einen Narren an Potsdam gefressen", als hätten sie es im Schaufenster entdeckt und unvernünftigerweise gekauft.
Selbst wenn man die Schlösser und Villen von Persius und Schinkel, die Parks von Lenné wiederherrichtet, ist es doch schwer zu sagen, wie es hier war, als es noch ein Bürgertum gab. Man könnte die alte Frau Dencker fragen, die schon als Kindermädchen der Familie Linde in einer Villa am Heiligen See gewohnt hat. Linde war ein Verleger aus Berlin, er erschoss sich, als die Rote Armee nach Potsdam kam. Auch seine Frau wollte sich erschießen, aber das Kindermädchen hat sie abgehalten. Die beiden Kinder der Familie Linde wanderten aus, und bevor Frau Linde starb, vererbte sie die Villa an Frau Dencker, das Kindermädchen. In den siebziger Jahren verkaufte die das Haus an den Ost-Berliner Neurochirurgen Manfred Schulz, weil er ihr ein Wohnrecht auf Lebenszeit einräumte. Sie war schon über sechzig, und man weiß nicht, was Schulz dachte, aber Frau Dencker feierte vor ein paar Tagen in der Villa am Heiligen See ihren 100. Geburtstag. Man müsste sie also fragen, ob die neuen Bürgerlichen am Heiligen See denen ähnlich sind, die hier vor hundert Jahren lebten.
Leider sei Frau Dencker etwas verwirrt. Sie redet noch, das schon, aber Herr Schulz und seine Frau erkennen keine Zusammenhänge mehr. "Nur ihr Ton ist immer noch sehr gepflegt, sehr vornehm und irgendwie", sagt Frau Schulz und macht eine kleine Pause, bevor sie das geeignete Wort findet, "bürgerlich."
An einem schönen Spätsommerabend stehen zwei Paare am Ufer des Neuen Gartens und schauen über den See. Ein Paar erklärt dem anderen, wo der Jauch wohnt und wo der Joop. Sie stehen in diesem wundervollen alten Park zwischen Schlösschen und Pavillons und bestaunen die Häuser eines Fernsehmoderators und eines Modemachers.
Es ist eine seltsame, fast historische Szene. Es wirkt fast so, als hätten die Herrscher von Potsdam das Ufer gewechselt. Sie geben keine Befehle, aber ihr sanfter Druck verändert Potsdam. Das Murmeln in den Salons, bei den Abendessen, den größeren und kleineren Bürgerrunden und auf den Sommerfesten erreicht die Stadt. Es beeinflusst die große Diskussion um den Wiederaufbau des Stadtschlosses genauso wie die winzige um den Wintergarten der Familie Nölte.
Klaus Nölte wohnt seit 1964 am Heiligen See. Sein Vater, ein Potsdamer Fleischermeister, hatte das Haus von zwei alten Damen gekauft. 1988 starb der Vater, Klaus Nölte erbte das Haus und eröffnete hier nach dem Mauerfall die erste Potsdamer Suzuki-Motorrad-Vertretung. Er hat einen Wintergarten angebaut, um seine Motorräder auszustellen. Mitte der neunziger Jahre fand er einen besseren Platz für die Motorräder, jetzt nutzt seine Lebensgefährtin Ute Wabertzeck den Wintergarten vor allem, um ihre Palmen unterzustellen, wenn es kalt wird. Im Sommer sind dort Stofftiere ausgestellt und andere Dinge, für die sonst kein Platz ist.
Mit der Zeit wirkte der kleine Glaspavillon immer seltsamer. Das lag natürlich auch an den Nachbarn. Es gibt Momente, da denkt sie, dass sie nicht mehr so richtig dazupassen. Und das könnte durchaus an ihrem Pavillon liegen. Manche haben sie auch schon darauf hingewiesen, dass der Wintergarten nicht so schön aussehe, und sie versteht schon, was gemeint ist. Aber sie braucht ihn ja für die Palmen, und so widersteht sie noch dem diskreten Charme der Bourgeoisie, gerade noch so.
Günther Jauch sagt, dass die sozialen Gegensätze, die Lautstärke und Energie hier zehnmal spannender sind als in Zehlendorf, von wo aus er nach Potsdam aufbrach.
"Die Kontraste sind schärfer und damit auch interessanter", sagt Jauch.
Aber schafft er diese Kontraste nicht gerade ab?
"Zum Teil ja, wir tragen dazu bei", sagt Günther Jauch und lacht, ein wenig besorgt und auch ein bisschen stolz.
* Im Neuen Garten am Heiligen See.
* Im Garten der Villa Schöningen.
Von Alexander Osang

DER SPIEGEL 40/2007
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