08.10.2007

Der Tote von Zimmer 317

Es war eine politische Affäre, die das Land vor 20 Jahren erschütterte wie keine andere zuvor: Uwe Barschel belog die Nation und starb in einem Hotel in Genf. War es Selbstmord oder Mord? Antworten müssen in seinem Leben zu finden sein - in seinem Doppelleben.
Die Sache mit den Asservaten ist ihm ein bisschen peinlich. Der Leitende Oberstaatsanwalt grinst, er deutet mit einer Kopfbewegung zum Schrank hin, der gegenüber vom Schreibtisch steht, und holt den Schlüssel hervor.
Was vom letzten Tag im Leben des Dr. Dr. Uwe Barschel übrig blieb, lagert hinter Nussholzfurnier zwischen Aktenordnern und Büchern: sein letztes Hemd, seine letzte Hose, die Krawatte, zwölf Toilettenartikel und dazu die Schuhe, die er am 11. Oktober 1987 trug, dunkelbraune Herrenschnürschuhe mit Ledersohle, rechts stärker abgelaufen als links, Marke Lloyd. Ministerpräsidentenschuhwerk, das 20 Jahre nach Barschels Tod hier im Büro von Oberstaatsanwalt Heinrich Wille in Lübeck zu besichtigen ist.
Wille ist vermutlich der beste Barschel-Kenner Deutschlands. Er war von Amts wegen jahrelang mit den Ermittlungen im Todesfall befasst. Er gehört der SPD an, die zu Barschels Lebzeiten von der schleswig-holsteinischen CDU als fünfte Kolonne des Ostens denunziert wurde. Wille glaubte sich in seinem Drang zur Wahrheitsfindung behindert und verfolgt. Ein Buch über seine Jahre mit Barschel hat er geschrieben, aber er darf es nicht auf den freien Markt bringen; das hat ihm sein Vorgesetzter, Generalstaatsanwalt Erhard Rex, untersagt.
Mittlerweile ist Wille nicht mehr überzeugt davon, dass Barschel am 11. Oktober 1987 so sehr am Ende war, dass er Selbstmord beging - einen Bilanzselbstmord verübte, wie Psychologen sagen. Nun hängt er der Mordtheorie an, für die er allerdings weder Motiv noch Täter vorweisen kann. Dafür sprechen aber aus seiner Sicht Ungereimtheiten wie zum Beispiel der abgerissene zweitobere Knopf an Barschels Hemd: "Versuchen Sie mal", sagt Wille, "bei hochgezogener Krawatte den zweiten Knopf von oben selber abzureißen. Das geht einfach nicht."
Vor Willes Augen läuft die Tat in der Nacht zum Sonntag folgendermaßen ab: Mindestens zwei Täter betäuben Barschel, heben den Bewusstlosen in die Badewanne und flößen ihm dann einen tödlichen Wirkstoff ein. Nur so lässt sich, sagt er, das prämortale Hämatom an der Stirn erklären, der Abdruck eines fremden
Schuhs auf dem Badewannenvorleger, die Giftrückstände im Whisky-Fläschchen und eben dieser abgerissene Hemdknopf.
Der Lübecker Oberstaatsanwalt hat die Ermittlungen im Fall Barschel vor fast zehn Jahren abgeschlossen, aber er kommt nicht los davon. Wer sonst stellt sich freiwillig die Schuhe eines Toten in den Schrank?
Die Ermittler haben vielerlei Anstrengungen unternommen, diese Schuhe zum Sprechen zu bringen. Sie haben sie zerlegt und zahlreichen Untersuchungen unterzogen. Im Lederinstitut Gerberschule in Reutlingen haben sie Wasser und Lösemittel über sie gekippt, um Aufschluss zu erlangen, wie die merkwürdigen Verfärbungen auf der Matte vor der Badewanne entstanden sind. Im Landeskriminalamt Kiel beträufelten sie die Schuhe mit Hautgiften, um "das Migrationsverhalten der farbgebenden Substanzen aus dem Schuh Dr. Barschels" zu untersuchen.
Mord oder Selbstmord? Willes Vorgesetzter Erhard Rex ist ein entschiedener Gegner der Mordtheorie. "Dr. Barschel ist nicht gewaltsam zu Tode gebracht worden", schreibt er in einem 50 Seiten langen Bericht zum 20. Todestag. "Das Hotelzimmer war völlig aufgeräumt und zeigte keine Spuren von Gewalteinwirkung, keine Abwehrspuren Dr. Barschels waren ersichtlich, keine klassischen Tötungshandlungen haben stattgefunden."
Beiden Staatsanwälten stehen dieselben Akten, dieselben Ermittlungen, dieselben Tatortberichte zur Verfügung. Alles reine Glaubenssache?
So ist das immer wieder in dieser merkwürdigsten aller Affären, die je über die Bundesrepublik hereingebrochen ist. Ein leibhaftiger Ministerpräsident gibt der Nation sein Ehrenwort und hält zugleich ein paar Mitarbeiter zu Falschaussagen an, um nicht als Lügner aufzufliegen. Eine Affäre im kleinen, beschaulichen, zurückgebliebenen Schleswig-Holstein handelt von Rufmord am politischen Gegner und untergräbt das Vertrauen in die demokratisch gewählten Vertreter im ganzen Land auf lange Zeit.
Am Anfang ist die Barschel-Affäre ein überschaubarer Fall mit einem Schurken, einem Handlanger namens Reiner Pfeiffer
und einem Opfer, Björn Engholm. Am Ende sind viele Fragen wieder offen. Ist Barschel vielleicht sogar das Opfer eines Komplotts seines Werkzeugs Pfeiffer und der SPD? Oder ist Barschel beides, erst Täter, dann Opfer? Und ist der Tote in der Badewanne, den ein "Stern"-Reporter entdeckt, nicht doch von gedungenen Mördern vergiftet worden?
Genf, am 11. Oktober 1987
DAS TÜRSCHILD VOR ZIMMER 317
Gegen neun Uhr an diesem Sonntagmorgen steht der "Stern"-Reporter Sebastian Knauer vor der Tür zu Zimmer 317 im Hotel Beau-Rivage. An der Klinke hängt ein rotes Schild "Bitte nicht stören".
Um kurz vor elf geht das Zimmermädchen Anne-Marie Esteves an 317 vorbei und sieht ein grünes Schild an der Tür: "Bitte Zimmer aufräumen". Sie überlegt kurz, ob sie 317 noch vor der Mittagspause aufräumen soll, verschiebt es dann aber auf später. Um kurz nach elf Uhr betritt der Zimmerkellner Ludovic Erba das Zimmer, um die Minibar aufzufüllen. Das Türschild, so Erba, habe Grün gezeigt.
Um 11.30 Uhr kommt Esteves aus der Mittagspause zurück und will jetzt 317 aufräumen. Das Türschild hängt aber mit der roten Seite nach außen.
Das Rätsel um das Türschild ist eines von vielen, das Barschel den Ermittlern hinterlässt. Warum wechselte es von Rot auf Grün und dann wieder auf Rot? Wollte jemand die Entdeckung des Toten provozieren? Und ein anderer sie danach verhindern? Oder fiel das Schild einfach herunter und wurde falsch herum wieder aufgehängt - zweimal hintereinander?
Der "Stern"-Reporter Knauer und der Fotograf Hanns-Jörg Anders hatten seit sechs Uhr morgens im Frühstückssaal auf Barschel gewartet. Immer wieder - "quasi im Halbstundentakt" - ging Knauer hoch zu Zimmer 317 und klopfte an die Tür, ohne Resonanz. Seine Redaktion erwartete von ihm ein Interview mit dem zurückgetretenen Ministerpräsidenten. Barschel hatte den Rückflug nach Deutschland, das wussten die Journalisten, für 14.45 Uhr gebucht. Die Zeit lief ihnen davon.
"Dreh doch einfach das Türschild um. Dann geht das Personal rein, und wir wissen, ob er überhaupt noch da ist", habe er zu Knauer gesagt, so erinnert sich heute der Fotograf Anders. Knauer sei hochgegangen und habe die grüne Seite nach außen gehängt. Knauer dagegen sagte aus, er habe womöglich aus Versehen das Schild gewendet.
Kurz danach muss der Zimmerkellner das Zimmer betreten haben. Gegen 12 Uhr geht dann auch Knauer rein. Die Tür war offen, 317 war nicht abgeschlossen. Er ruft laut, ob jemand da sei, und geht weiter. Er sieht Barschels rechten Schuh im Flur, nicht ordentlich hingestellt, sondern achtlos in die Ecke geworfen. Er sieht das unberührte Bett und entdeckt handschriftliche
Aufzeichnungen auf dem Nachttisch. "Treffen mit R. R. hat geklappt", steht auf einem Blatt und: "Ich bin sicher, dass er kommt mit dem Bild."
Barschels Gedankenwelt auf sieben karierten Blättern eines gebundenen Notizblocks - die Hoffnung, einen Informanten zu treffen, der ihm Beweise liefert, die ihm zur Rehabilitierung verhelfen. Deshalb ist er von Gran Canaria, aus dem Kurzurlaub mit seiner Frau, nach Genf geflogen.
Knauer verlässt den Raum und geht zu Anders, der in der Lobby wartet.
Beide beschließen, die Unterlagen herauszuholen und auf dem Flur zu fotografieren. Knauer geht wieder in Barschels Zimmer, holt die Aufzeichnungen und hält sie, einige Meter von 317 entfernt, unter eine Lampe im Flur. Anders fotografiert mit einer seiner drei Nikon-Kameras. "Ich habe Knauer gesagt, ich gehe nicht in ein fremdes Hotelzimmer", sagt Anders heute.
Noch immer wissen beide nicht, wo Barschel ist.
Wieder geht Knauer gegen 12.30 Uhr ins Zimmer 317, um die Notizen zurückzulegen. Er bleibt diesmal lange, so kommt es Anders vor. Der Fotograf geht unruhig auf dem Flur auf und ab, er bemerkt, dass ihn der Sicherheitsmann eines australischen Diamantenhändlers beobachtet. Anders will nicht auffallen, er geht wieder in die Lobby.
Aufgelöst taucht Knauer kurze Zeit später auf. Er sagt, dass Barschel tot in der Badewanne liege.
Knauer lässt sich eine kleine Nikon Autofocus von Anders geben. Auf dem Film sind noch Urlaubsfotos aus Dänemark, das letzte Negativ zeigt eine tote Möwe am Strand.
Ein letztes Mal, so erzählt es Anders, geht Knauer ins Zimmer 317 und fotografiert den Schlafraum, das Bett, die Notizen auf dem Nachttisch, den toten Ministerpräsidenten in der Badewanne. Er durchquert das Badezimmer, um den besten Blickwinkel zu finden. Es ist feucht und warm, die Wasseroberfläche in der Wanne spiegelglatt. Als er Zimmer 317 verlässt, zeigt das Türschild wieder die rote Seite.
Sebastian Knauer, der mittlerweile beim SPIEGEL angestellt ist, erinnert sich anders an den Ablauf der Ereignisse an diesem Sonntagmorgen: Er sei nur dreimal, anstatt viermal, ins Zimmer gegangen; er habe schon beim dritten Mal das berühmte Foto geschossen, das um die Welt ging. Es war genau 12.45 Uhr, wie die Uhr an Barschels Arm zeigt. Dies gab er auch den Ermittlern in Genf und später in Lübeck zu Protokoll.
Knauer hatte "so ein richtiges Schweißperlengesicht, als er wieder rauskam", sagt Anders im Rückblick. Er geht mit ihm kurz vors Hotel, um Luft zu schnappen und sich zu beraten.
Wenig später klingelt bei "Stern"-Chefredakteur Heiner Bremer das Telefon. Knauer ist dran. "Er sagte mir, da oben liegt der Barschel tot in der Wanne. Knauer machte einen ziemlich mitgenommenen Eindruck", erzählt Bremer heute. "Erst habe ich gefragt, ob er mich verarschen will. Dann habe ich versucht, ihn zu stabilisieren. Bist du sicher, ist er wirklich tot?, habe ich ihn gefragt. - Ja, sagte Knauer, ich habe ihn nicht angefasst, aber ich bin mir sicher, der ist tot."
Bremer kennt Knauer seit Jahren, er weiß, dass er nicht "einer dieser Brecher" ist. Er hatte bewusst "einen sensibleren Reporter" nach Genf geschickt, einen, der es verstand, sich Barschel höflich zu nähern. "Was wir jetzt angefangen haben, müssen wir auch zu Ende führen. Du gehst jetzt zur Hoteldirektion und sagst ihnen Bescheid. Aber sieh zu, dass die Filme vorher in Sicherheit gebracht werden und zu uns kommen, weil das eine Wahnsinnsgeschichte ist."
Kurz vor 13 Uhr benachrichtigen die "Stern"-Leute den Hotel-Portier, im Zimmer 317 liege ein Toter in der Badewanne. Der Portier versucht zunächst, die Besitzer des Beau-Rivage zu benachrichtigen. Dann erst ruft ein Angestellter die Polizei an. Knauer und Anders werden als Verdächtige verhört. Knauer kann die Filme unbemerkt dem Schweizer Journalisten Frank Garbely übergeben, der für den "Stern" arbeitet.
Kurz darauf ruft Chefredakteur Bremer den kommissarischen Ministerpräsidenten Henning Schwarz (CDU) in Kiel an, um ihm mitzuteilen, dass zwei "Stern"-Reporter Barschel tot in Genf gefunden hätten und dass alles nach Selbstmord aussehe. Schwarz bedankt sich für den Anruf und legt auf.
Um 15.29 Uhr meldet Associated Press als erste Nachrichtenagentur: "Eil - Barschel tot aufgefunden."
Björn Engholm, den Barschel als Widersacher fürchtete und wüst bekämpfen ließ, sitzt gerade bei seinem Parteifreund Norbert Gansel auf dem Sofa, als ihn die Nachricht aus Genf erreicht. Er erklärt eine Stunde später: "Dieser Tod, von dem ich heute Nachmittag erfahren habe, hat mich
tief erschüttert. Mein Mitempfinden gilt den Angehörigen."
Reiner Pfeiffer, Barschels Mann fürs ganz Grobe, erfährt an seinem Urlaubsort in Portugal vom Tod - und weint.
Der Chef des DDR-Auslandsgeheimdienstes HVA, Werner Großmann, ordnet in Ost-Berlin an, sämtliche Informationen zum Tode Barschels zusammenzutragen. Später wird die HVA sowohl im Besitz des Obduktionsgutachtens als auch eines siebenseitigen Berichts über die Todesumstände sein, den das Bundeskriminalamt anfertigen ließ.
In Genf nimmt die "Brigade criminelle" unter der Leitung der 31 Jahre alten Claude-Nicole Nardin die Ermittlungen auf. Die eigentlich für ihre Umsicht berühmten Schweizer gehen erstaunlich schlampig vor. Sie messen die Temperatur des Badewassers nicht, was für die Bestimmung der Todesstunde wichtig gewesen wäre; sie vergleichen den Schuhabdruck auf der Badematte nicht mit dem Abdruck von Knauers Schuh, womit sich hätte klären lassen, ob unbekannte Dritte im Zimmer waren; sie schießen unbrauchbare Fotos vom Tatort, was jede Rekonstruktion erschwert; bei der Obduktion werden nicht genügend Mengen vom Mageninhalt und vom Urin konserviert, ein Hindernis für spätere Ermittlungen.
Viele Merkwürdigkeiten von Anfang an. Das Bundeskriminalamt und das Landeskriminalamt Schleswig-Holstein schicken zwar Beamte nach Genf, aber die haben keine Kompetenz, selbst zu ermitteln. Sie sind Beobachter, stellen kaum Fragen, sie schauen nur zu.
Noch erstaunlicher: In Deutschland erwägt zu diesem Zeitpunkt keine Strafverfolgungsbehörde, Ermittlungen anzuordnen. Zwei deutsche Reporter finden einen vor kurzem zurückgetretenen Ministerpräsidenten eines deutschen Bundeslandes tot in der Badewanne, aber niemand will Genaueres in Erfahrung bringen? "Die Antworten auf die vielen offenen Fragen im Fall Barschel konnte man, wenn überhaupt, nur in Deutschland finden", sagt heute Bernard Bertossa, der ehemalige Genfer Generalstaatsanwalt. "In Genf, wo er sich zufällig wenige Stunden aufgehalten hat, war nicht zu klären, ob es ein Motiv für Mord oder Selbstmord gab. Wir wussten ja gar nichts über Barschels Leben."
Auch deshalb ist die Affäre, der Barschel seinen Namen gab, die längste, die Deutschland je erlebt hat. Zwei Parlamentarische Untersuchungsausschüsse in Schleswig-Holstein haben sich damit beschäftigt. Sieben Jahre nach dem Tod in Genf nahmen auch die Staatsanwälte hoch im Norden endlich Ermittlungen auf: Im Keller der Lübecker Staatsanwaltschaft stehen 58 Hauptakten und 51 Bände Sonderakten zum Tod des Uwe Barschel.
Der Anwalt der Familie Barschel, die von Anfang an der Mordtheorie anhing, beantragte vor kurzem, am 23. Juli, die Wiederaufnahme des Verfahrens bei der Generalbundesanwältin - zwei Jahrzehnte nachdem alles anfing, nachdem ein Journalist namens Reiner Pfeiffer in der Kieler Staatskanzlei seinen Dienst antrat.
Pfeiffer schrieb die anonyme Steueranzeige, die den SPD-Spitzenkandidaten Björn Engholm zu Unrecht der Steuerhinterziehung bezichtigte. Er beauftragte Privatdetektive mit der Beschattung des SPD-Spitzenkandidaten, er rief ihn als "Dr. Wagner" an, um ihm mitzuteilen, er habe möglicherweise Aids. Ein paar Tage vor der Landtagswahl in Schleswig-Holstein kam Pfeiffer zum SPIEGEL und erzählte von den dunklen Machenschaften, die er,
so sagte er, im Auftrag des Ministerpräsidenten ausgeführt habe.
Barschel wehrte sich gegen die Vorwürfe, gab der deutschen Öffentlichkeit auf einer dramatischen Pressekonferenz sein Ehrenwort. Ein Ehrenwort, das nur wenige Tage hielt. Seine Partei ließ ihn in Rekordgeschwindigkeit fallen. Seinen Tod in Genf verstand sie, wie damals die übergroße Mehrheit der Deutschen, als Eingeständnis der Schuld.
Die Barschel-Affäre ist auch singulär, weil sie nur Verlierer kennt. Die Sozialdemokraten mussten zugeben, dass ihr Pressesprecher weit vor der Veröffentlichung im SPIEGEL Kontakt zu Pfeiffer gehalten hatte. Sehr viel später kam heraus, dass Pfeiffer lange nach der Affäre unter konspirativen Umständen 50 000 Mark von der SPD bekommen hatte. Björn Engholm musste 1993 von allen politischen Ämtern zurücktreten, auch er hatte früher von den Machenschaften gewusst, als er in einem Untersuchungsausschuss ausgesagt hatte.
Der Fall Barschel ist ein Lehrbeispiel für Machtvergessenheit und Machtversessenheit in der Demokratie. Und für den Preis, den Menschen dafür bezahlen.
DER DOPPELTE BARSCHEL
Uwe Barschel war ungemein ehrgeizig und ungemein intelligent. Er war immer schneller als andere, darauf gründete sein Selbstbewusstsein.
Aufstieg aus kleinen Verhältnissen, Jura-Examen mit 24. Politik früh als Beruf: Mit 27 Regierungsbeauftrager für Jugend und Sport, Dienstwagen, Sekretärin und Mitarbeiterstab dazu. Mit 29 Fraktionschef im Kieler Landtag, gefördert vom großen grauen Biedermann der schleswig-holsteinischen CDU, Gerhard Stoltenberg. Wenig später heiratet der doppelte Doktor Freya von Bismarck, eine entfernte Verwandte aus der weitverzweigten Familie des Reichskanzlers. Mehr Aufstieg in kürzerer Zeit geht nicht.
Die Familie erwirbt ein weitläufiges Anwesen in Mölln. Im privaten Kreis steckt Barschel seine Ziele so ab: Er wolle "erster Präsident der Vereinigten Staaten von Europa" werden. "Er konnte konsequent sein bis zur Brutalität", sagt sein Freund Meinhard Füllner, ein CDU-Kreispräsident in Lauenburg.
Fortan gibt es den Dr. Dr. Uwe Barschel in doppelter Ausgabe. Er ist der gläubige Familienvater, dessen Kinder Blockflöte und Klavier spielen, wenn Besuch kommt. Er ist der Ehemann, dessen Frau in der CDU-Wahlkampfzeitung Rezepte für Maraschino-Kirschtorte verrät. Er ist der Familienmensch, der eine Ahnengeschichte der Barschels schreibt, mit der Widmung: "Möge meine kleine Familienchronik allen Barschels ein Gefühl der Zusammengehörigkeit geben."
Eine Frau aus altem Adel, vier Kinder, konservativ, wertetreu, ein Politiker so ehrenwert, wie sich die CDU im ganzen Land versteht und gibt. Uwe Barschel Mustermann.
Und dann gibt es den anderen Barschel. Den Ministerpräsidenten, der immer wieder trotz vollen Terminkalenders stundenweise von der Bildfläche verschwindet; nicht einmal seine Leibwächter wissen dann, wo er sich aufhält. Ein Mann, süchtig nach Tabletten, offenbar scharf auf schnellen Sex. Immer wieder, so sagen Mitarbeiter, habe er sich Frauen zuführen lassen.
"Mein Bruder", sagt Eike Barschel, "hat kein Privatleben gehabt."
Einer seiner Fahrer erzählt die Geschichte vom Fünf-Mark-Stück, einer Marotte des Ministerpräsidenten. Wenn Barschel im Dienstwagen unterwegs ist, wirft er manchmal hinten auf der Rückbank die Münze in die Luft, fängt sie auf und befiehlt
dem Chauffeur: "Wir müssen drehen, wir fahren woanders hin."
Was ging da in ihm vor?
Oder diese Episode, die an einem Morgen in Hamburg spielt. Barschel bittet seinen Fahrer, er möge ihn im "Vier Jahreszeiten" absetzen und warten. Es vergehen zwölf Stunden, bis er wieder herauskommt. Kommentarlos.
Er fährt auch immer wieder in die DDR, anscheinend auch spontan und ohne Anmeldung, was für Politiker wie ihn unüblich war. Er scheint sich im zweiten deutschen Staat sicher zu bewegen, ohne Angst vor Erpressung durch die Stasi, ohne Angst, die seltsamen Reisen könnten sich zum Skandal auswachsen und somit seiner Karriere schaden, auf die er alles setzt.
Auch beruflich gibt es ihn doppelt, den Uwe Barschel. Neben der Politik ist er Notar in einer Kieler Sozietät.
Kiel, im Frühjahr 1976
DIE GESCHÄFTE DES
NOTARS
Am Eingang des Bürohauses am Sophienblatt 46 wird ein neues Firmenschild angebracht, die Notariats- und Rechtsanwaltskanzlei Moll bekommt einen neuen Kollegen: Dr. Dr. Uwe Barschel. Von ihm verspricht sich die Sozietät Werbung und neue Mandanten aus dem Umkreis von Politik und Wirtschaft. Barschel verdient in seinem bürgerlichen Beruf zusätzlich Geld und schafft sich eine Alternative zur Politik. Er ist jung, erst 32 Jahre alt, doch eine unübersehbare Größe in Schleswig-Holstein.
Hans Michael Moll, der Namensgeber der Kanzlei, kennt Barschel aus der CDU. Er ist eine schillernde Figur im kleinen norddeutschen Bundesland. Als CDU-Ratsherr und Wirtschaftsdezernent der Stadt Kiel unterhält er zuverlässige Kontakte zur Baubranche; als Vizepräsident des Bundeswehr-Reservistenverbandes pflegt er enge Beziehungen zu den Streitkräften. Dabei wird Moll den Ruf nicht los, in Waffengeschäfte verwickelt zu sein.
Barschel besitzt kein eigenes Büro in der Kanzlei, er arbeitet zu Hause. Was genau er macht, lässt sich heute nicht mehr herausfinden. Lediglich einige Grundstücksbeurkundungen - unter anderem in Aumühle bei Hamburg - sind mit akkurater schwarzer Schrift und rotem Datumsstempel für die Jahre 1976 und 1977 im Notariats-Register auf seinen Namen eingetragen, mehr nicht. Was aber ist mit den hochdotierten Notargeschäften, mit denen er auf den Fluren des Landtags prahlte?
Eines davon könnte an einem Sonntag begonnen haben. Ein früherer Kanzleikollege Barschels, der heute zurückgezogen in Norddeutschland lebt und seinen Namen nicht veröffentlicht sehen möchte, erinnert sich an einen Anruf, der ihn aus der Wochenendruhe riss. Moll und Barschel hätten von ihm verlangt, er solle sofort nach Hamburg kommen, es gehe um ein "wichtiges Geschäft", das keinen Aufschub dulde.
In der Hansestadt trifft der Mann die beiden "ganz konspirativ" in einem Hotelzimmer. Barschel und Moll hätten "mit Verschwörermiene" über einem Stapel Akten gebrütet. Es sei dabei um "den Verkauf von Hubschraubern in den arabischen Raum" gegangen - "womöglich nach Saudi-Arabien". Mehr wissen wollte der Kanzleikollege damals nicht, für den Fall, dass ihm Polizei oder Staatsanwaltschaft kompromittierende Fragen stellen würden. Allerdings ist er nie deswegen vernommen worden.
Das ist verwunderlich, denn die Sonntagsepisode wäre ein erster Hinweis, dass an den Gerüchten über Barschels Geschäftsbeziehungen in den Nahen und
Mittleren Osten etwas dran sein könnte. Auch ein Blick in die notariellen Urkundenrollen beim Kieler Amtsgericht, für die Öffentlichkeit nicht zugänglich, könnte neue Erkenntnisse zutage fördern - aber kein Ermittler hat offenbar je Akteneinsicht beantragt. Vielleicht hätten sie dort eine andere Spur entdeckt - eine, die nach Libyen führt.
Fünf Personen aus Barschels Umgebung, darunter ein enger Freund, einer seiner Referenten, ein Anwaltskollege, ein CDU-Mann und Freya Barschel, haben gegenüber dem SPIEGEL bestätigt, dass Barschel auch Libyen-Geschäfte erwähnt habe. Einmal habe er ihn darum gebeten, erzählt der ehemalige Referent, eine anwaltliche Sprechstunde für ihn zu übernehmen, da er verhindert sei - er müsse geschäftlich nach Nordafrika.
Dazu steuert einer der wenigen Barschel-Freunde, der Kieler Politikwissenschaftler Ulrich Matthée, eine Episode aus eigenem Erleben bei. Barschel lud ihn zum Essen ins Kieler Schloss ein, um mit ihm den Abschluss seines ersten großen Notarvertrages zu feiern. Matthée erinnert sich, dass der Vertrag mit "einem Geschäft im Zusammenhang mit Libyen" gestanden habe. Sein Freund erzählt ihm allerdings nichts über den Inhalt oder die Klienten. So bleibt offen, ob es das Libyen-Geschäft wirklich gab oder Barschel wieder einmal ein Opfer seines übergroßen Geltungsdrangs geworden war.
Einiges spricht dafür, dass Barschel diesmal nicht übertrieben hatte. Die Kanzlei verfügte offenbar noch über andere Verbindungen in die arabische Welt. So flog ein Anwalt der Sozietät im Jahr 1977 mit einem Kieler Baulöwen und früheren Regierungsdirektor über Rom nach Tripolis. Gemeinsam mit einem Libyer, so erzählt der Anwalt heute, seien sie in einem Mercedes durch die nordafrikanische Wüste gebraust, um "Rohbauten" zu besichtigen und "Vertragswerke zu prüfen". Mehr darf er zu diesem Geschäft nicht sagen, er unterliegt noch immer der anwaltlichen Schweigepflicht.
In dieser Zeit lernt Barschel Karl Josef Ballhaus kennen, den Geschäftsführer der Hamburger Kosmetikfirma Schwarzkopf. Bald schon gründen die beiden gemeinsam die Stiftung Herzogtum Lauenburg. Jeder von ihnen bringt 25 000 Mark Stiftungskapital ein. Das ist eine überschaubare Summe für einen Spitzenmanager, aber viel Geld für Barschel, den jungen Landtagsfraktionschef, der eine rasch wachsende Familie unterhalten muss und das Anwesen in Mölln abzahlen soll.
Fast neun Jahre nach Barschels Tod tauchten neue Indizien fürs geheimnisvolle Geschäft auf. Am 1. Juli 1996 meldete sich ein CDU-Mitglied aus Bremen bei der Staatsanwaltschaft Lübeck. Er hatte in den siebziger Jahren Konferenzen organisiert, zu denen sich die CDU-Fraktionschefs aus den Bundesländern trafen. Eines Tages - der Mann meint, es sei auf der Treppe des Bremer Park Hotels gewesen - habe ihm Barschel gesagt, er könne an einer der nächsten Konferenzen nicht teilnehmen, da er "den Verkauf von Lkw nach Libyen protokollieren müsse".
In den Unterlagen der Konrad-Adenauer-Stiftung fanden die Ermittler wirklich einen entsprechenden Termin im März 1977, für den der Name Barschel durchgestrichen war.
Die Fahnder, einmal hellhörig, befragten die Witwe Freya Barschel, ob sie denn von solchen Geschäften etwas gehört habe. "Frau Barschel erinnerte, dass ihr Mann einmal von einer 'lukrativen' Beurkundung erzählt habe", heißt es im Protokoll der
Unterredung. Es sei um Geschäfte mit Staaten des Nahen Ostens gegangen, mit Israel oder Libyen. Am Ende sei die Beurkundung jedoch offenbar geplatzt. Freya Barschel fiel dazu noch ein, dass dieses Geschäft im Zusammenhang mit einem Bekannten ihres Mannes aus Pogeez gestanden habe. Sie wusste nicht mehr seinen Namen, sie erinnerte sich aber an sein schönes Anwesen an einem See.
Einer der Ermittler fuhr mit der Witwe nach Pogeez, einen Ort am Westufer des Großen Ratzeburger Sees, doch sie fand das Haus nicht wieder. Beim Grübeln fiel ihr immerhin ein anderes Detail ein, der schöne Reibeputz im Flur der Villa. So gut habe der Reibeputz ihrem Mann und ihr selbst gefallen, dass sie ihn auch bei sich in Mölln hätten anbringen lassen, von derselben Malerfirma. Und so war es der Reibeputz, bei dem der Mörtel mit einem besonderen Reibebrett aufgetragen wird, der die Ermittler weiterbrachte. Denn der Handwerker konnte sich noch gut an den Eigentümer der Villa in Pogeez erinnern: Klaus Reeckmann.
Was jetzt geschah, gehört zu den Merkwürdigkeiten der Ermittlungen über das Leben Barschels: Während die Fahnder vielen toten Spuren nachgehen und keine Scheu vor Verschwörungstheorien kennen, haken sie den detektivisch er-
langten Hinweis auf den Pogeezer Millionär achtlos ab: "Da eine Beurkundung letztlich nicht zustande gekommen sein soll, scheinen weitere Ermittlungen nicht angezeigt", steht in den Akten der Lübecker Staatsanwaltschaft.
Dabei führt die Biografie von Klaus Reeckmann direkt in die Grauzone zwischen Kapitalismus und Planwirtschaft, dorthin, wo sich damals westdeutsche Geschäftsleute mit dem "Bereich Kommerzielle Koordinierung" (KoKo), den der berüchtigte DDR-Devisenbeschaffer Alexander Schalck-Golodkowski leitete, auf halblegale oder auch gänzlich illegale Händel einließen.
Die Firmen von Klaus Reeckmann, mittlerweile 71 Jahre alt, gehörten vor der Wende "zu den großen Nummern" im Ost-West-Handel, wie ein Berliner Oberstaatsanwalt sagt.
Reeckmann dirigierte ein Unternehmensgeflecht. Seine Firmen hießen "Multi-Transoceanica-Trade", "Unischiff" oder "Lüdex". Sie versorgten zum Beispiel das Warnemünder Renommierhotel Neptun mit Westwaren.
Ein ehemaliger Reeckmann-Angestellter erinnert sich noch "an mehrere Anrufe aus dem Büro Barschel". Die Sekretärin habe dann ausgerichtet, dass "Herr Barschel gern Herrn Reeckmann sprechen würde". Worum es dabei ging, weiß der Angestellte nicht, "weil bei solchen Gesprächen sofort die Bürotür zugeschlagen wurde".
Reeckmann lebte offenbar nicht schlecht von der deutsch-deutschen Teilung. "Reeckmann protzte mit seinem Reichtum", schrieb IMB "Tonio Kröger" an seine Führungsoffiziere. Er besitze "drei riesengroße Güter" und "diverse Kunstgegenstände", darunter "sechs bis acht kleine Radierungen von Caspar David Friedrich" und einen "echten Picasso, den er wahrscheinlich jetzt für zwei Mio DM verkaufen wird".
Reeckmanns langjähriger Kompagnon und Mitgesellschafter war Peter Lüdemann. Der - inzwischen verstorbene - Kaufmann aus Hamburg diente auch der DDR-Auslandsspionage, Deckname "Kaufmann".
Der IM, so notierte die Stasi, habe "Kenntnis von Abschöpfungsvorgängen von führenden Persönlichkeiten der BRD".
Nach Angaben eines langjährigen Firmen-Insiders handelten Reeckmann und Lüdemann über ihre Unternehmen "so ungefähr mit allem, was nicht niet- und nagelfest war". Aus der DDR importierten sie "waggonweise" Lübzer Bier oder metallene Werkzeugkästen. Im Gegenzug schickten sie Maschinenteile, Armaturen oder Schiffsausrüstung in den Osten. Die Provisionen für solche Geschäfte flossen auch über Firmen in Liechtenstein oder in der Schweiz.
Ein Mitarbeiter aus der Firmengruppe, an der Reeckmann beteiligt war, erzählt heute, dass er mehrmals verbotene Elektronik nach Ost-Berlin geschmuggelt habe. Nach der Wende ermittelte die Staatsanwaltschaft Berlin gegen Lüdemann wegen Verstoßes gegen Embargo-Bestimmungen bei der Lieferung von Hochleistungsrechnern des Typs Microvax III an die Ost-Berliner HVA-Firma F. C. Gerlach (Aktenzeichen: 2 Js 1378/92). Zur Anklage kam es nicht.
Ende der siebziger Jahre stieg Reeckmann in ein Geschäft mit der DDR ein, bei dem es um den Kauf von sechs Frachtschiffen des Typs MBC ging, ein Großauftrag im Wert von mindestens 130 Millionen Mark. In Westdeutschland gab es Kritik am Geschäft, da die Werften in Hamburg oder Kiel in der Krise steckten. Auf Reeckmanns gute Beziehungen zur CDU in Schleswig-Holstein wirkte sich das umstrittene Geschäft wohl nicht negativ aus. Bei mindestens zwei der sechs Stapelläufe auf der Mathias-Thesen-Werft in Wismar waren ranghohe Vertreter der Union dabei: die Minister Karl Eduard Claussen (Justiz) und Henning Schwarz (Bundesangelegenheiten), dazu der Pogeezer CDU-Mann Meinhard Füllner aus Barschels Heimatkreis Herzogtum Lauenburg.
"Das ist ein erfolgreicher, einheimischer Geschäftsmann", sagt der ehemalige Minister Claussen heute über Reeckmann. "Und natürlich kannte Barschel ihn auch."
"Gut möglich, dass Reeckmann für die CDU gespendet hat und dass Uwe Verträge für ihn beglaubigt hat", mutmaßt ein CDU-Mann aus dem Herzogtum Lauenburg. Auch andere Unions-Politiker sagen, sie hätten von diesem Gerücht gehört.
Und Klaus Reeckmann, was sagt er dazu, etwa zu den mutmaßlichen Parteispenden? "Dazu möchte ich nichts sagen." Er ist wortkarg, wenn die Sprache auf Barschel kommt. Er gibt knapp zu, dass er ihn kannte ( "Wer kannte ihn nicht?"), aber er habe "zu keinem Zeitpunkt" Geschäfte mit ihm gemacht. Es könne höchstens sein, dass Barschel als Notar mal "was beurkundet" habe, "einen Grundstückskaufvertrag", ja, das sei denkbar.
Reeckmann und seine Familie kauften manchmal ganze Dörfer in Schleswig-Holstein auf, Gut Stendorf bei Eutin etwa, oder auch Gut Marutendorf, das Reeckmanns Sohn im Juli 1989 an einen anderen weltweit aktiven Osthändler für mehr als 19 Millionen Mark verkaufte: an Richard Müller, der sich durch den Schmuggel wertvoller Elektronik in die Sowjetunion hohe Gewinne, die Aufmerksamkeit internationaler Strafverfolgungsbehörden und den Spitznamen "Moneten-Müller" in der Embargo-Branche sicherte.
Berlin, 26. April 1984
BARSCHEL UND DIE DDR
Das Hotel Stadt Berlin ist ein 123 Meter hoher Klotz am Alexanderplatz. Aus dem "Panorama-Salon" im 37. Stock haben die Gäste einen beeindruckenden Blick auf die geteilte Stadt. Gegen 20 Uhr ist der Ministerpräsident Uwe Barschel eingetroffen, begleitet von seinem Referenten Gerd- Harald Friedersen und seinem Freund Karl Josef Ballhaus, dem Geschäftsführer des Schwarzkopf-Konzerns. Er richtet den Empfang aus.
Unter den Gästen sind hochrangige Vertreter der ostdeutschen Planwirtschaft, eine eher außergewöhnliche Zusammensetzung für Besuch aus dem Westen. Ruth Lerche ist da, die Chefin der KoKo-Firma Asimex und HVA-Offizierin, dazu Manfred Panse, der zigarrerauchende Hauptgeschäftsführer der Forum Handelsgesellschaft, auch ranghohe Vertreter vom Kosmetik-Kombinat Berlin. Man tauscht Freundlichkeiten aus: "Sie haben hier wunderbare historische Pflastersteine."
Natürlich fehlen an diesem Abend auch die "Inoffiziellen Mitarbeiter" der Stasi
nicht. Einer davon ist IMB "Schreiber". Er zieht Barschel in ein Gespräch "von Jurist zu Jurist"; später wird er seinen Führungsoffizieren vom "außerordentlich lockeren Auftreten" des Ministerpräsidenten berichten. "Der hat der Industrie einen echten Freundschaftsdienst erwiesen", sagt er heute. "Barschel hat Ballhaus geholfen, seine Produkte in der DDR abzusetzen."
Vor dem Empfang im 37. Stock hatte der Ministerpräsident seinen Freund bei der Besichtigung des VEB "Aerosol Automat" in der Nähe von Karl-Marx-Stadt begleitet. Ballhaus' Firma verhandelte über ein größeres Exportgeschäft mit der DDR.
Bei der Feier im Hotel werden auch Fotos geschossen. Die Schnappschüsse lagen jahrelang, eingeklebt in ein grünes Album aus Kunstleder, in einem Keller in Berlin-Treptow. Die Fotos haben historischen Wert, denn sie zeigen erstmals Barschel mit Vertretern aus dem Außenhandels-Imperium von Alexander Schalck-Golodkowski.
Um 23.35 Uhr, so notiert die Stasi am 26. April 1984, trifft der Ministerpräsident nach dem Empfang gemeinsam mit Ballhaus im Ost-Berliner Palasthotel ein. Barschel hatte am nächsten Morgen um neun Uhr sein erstes Treffen mit Günter Mittag, der im SED-Politbüro für Angelegenheiten der Wirtschaft zuständig war.
Barschel, der Kommunistenfresser, und die DDR: Ausgerechnet in diesem anderen deutschen Staat, in dem jeder 60. Bürger für die Stasi arbeitete, verlor sich immer mal wieder die Spur des Ministerpräsidenten. Insgesamt 19-mal, so errechnete die Lübecker Staatsanwaltschaft, fuhr Barschel seit August 1979 in die oder durch die DDR. 11-mal im Berlin-Transit, 8-mal zu Besuchsreisen, jedesmal von der Stasi überwacht.
Immer wieder aber gab es Hinweise, Barschel sei auch unkontrolliert in die DDR eingereist. Je nach Informant sollten die kleinen Fluchten konspirativen Treffen oder amourösen Eskapaden dienen.
Barschels Gier nach flüchtigen Abenteuern war unter seinen Mitarbeitern kein Geheimnis.
Ein langjähriger Personenschützer berichtet zum Beispiel, die Beamten hätten daheim im Westen manchmal Barschels Visitenkarten an Frauen verteilen müssen. "Der Ministerpräsident hatte regelmäßig Frauengeschichten und nutzte jede Gelegenheit" - ob auf Gran Canaria, beim CDU-Bundesparteitag in Köln oder in der DDR.
Die Bodyguards gerieten gelegentlich in die Klemme, weil ihr Chef plötzlich unauffindbar war. "Barschel verschwand einfach von der Bildfläche, gemeinsam mit seinem Fahrer", erzählt einer von ihnen. Das sei vor allem an Wochenenden vorgekommen. Ein Fahrer Barschels habe dem Leibwächter dann gesagt, dass es bei diesen Touren auch ins Warnemünder Hotel Neptun gegangen sei. Barschel habe dort immer ein "italienisches Zimmer mit Rundbett" gewünscht, sagt ein ehemaliger Empfangsdirektor.
Barschel erklärte sein Interesse an der DDR damit, dass er dort "Ahnenforschung" betreibe oder "Biotope" besichtige. Das ist nicht falsch. Er besuchte unter anderem Verwandte und blätterte in Kirchenbüchern für seine 81-seitige Familienchronik oder ließ sich von Revierförstern durch Naturschutzgebiete führen.
Aber was zog Barschel wirklich in die DDR?
Horst Rißmann ist ein fröhlicher Mann und ein loyaler Chauffeur. Zwölf Jahre lang war er der Fahrer des Ministerpräsidenten Gerhard Stoltenberg. Er mochte ihn, mit dem Nachfolger aber kam er nicht zurecht. "Barschel wäre am liebsten immer überall mit Blaulicht vorgefahren, so etwas hätte Stoltenberg nie gemacht", sagt Rißmann, der heute Rentner ist und in Kiel-Altenholz lebt.
Rißmann erzählt eine typische Episode, die sich am 16. November 1982 zugetragen haben soll. Barschel sei in den Wagen gestiegen und habe ihm gesagt: Wir fahren Richtung Lübeck. "Auf der Autobahn hat er dann plötzlich gesagt, wir fahren Richtung Grenze", erinnert sich Rißmann. Einfach so, von jetzt auf gleich, in die DDR.
Problemlos hätten sie die deutsch-deutsche Grenze passiert und seien weiter nach
Rostock gefahren. Barschel habe sich auf dem Marktplatz absetzen lassen, er sei im Auto sitzen geblieben und habe dann Barschel in einer "Gruppe von 10 bis 15 Personen" stehen sehen. Nach einer Dreiviertelstunde sei ein Mann zu ihm ans Auto gekommen und habe ihm gesagt: "Sie können schon mal nach Schleswig-Holstein zurückfahren, wir bringen den MP später zurück." Der Chauffeur, ohnehin von den Eskapaden seines Chefs genervt, fuhr allein nach Kiel.
Wenige Wochen nach diesem Ausflug brachte Rißmann den Ministerpräsidenten zum Hamburger Flughafen. Dort habe ihm Barschel eine Tasche mit Schmutzwäsche gegeben, die er noch am Abend nach Mölln bringen sollte. Rißmann machte den Einwand, er könne den Auftrag am nächsten Tag erledigen, dann müsse er ohnehin nach Mölln fahren. "Nein, das machen Sie noch heute", habe Barschel ihn angeherrscht.
Vor der dunklen Toreinfahrt zum Barschel-Anwesen habe ihn schon ein Mann erwartet, erzählt er, und das sei jener geheimnisvolle Mann vom Rostocker Marktplatz gewesen. "Ich gehe sowieso hoch zu Frau Barschel, geben Sie mir die Tasche", habe er gesagt. Er habe gehorcht und keine Fragen gestellt.
Rißmann und Barschel hielten es nicht lange miteinander aus. Bald war Karl-Heinz Prosch Barschels Stammfahrer, bis zu seinem Tod. Barschel nannte ihn "Proschi".
Jetzt sitzt Prosch in seiner Wohnung in Kiel und blättert in einem Fotoalbum: Barschel in seiner Dienst-Limousine, Barschel bei einer Parteiveranstaltung in Kiel. Ein anderes Foto zeigt ihn am 13. Mai 1982, seinem 38. Geburtstag, in der "Russischen Stube" des Neptun-Hotels in Warnemünde, vor einem grünen Cocktail mit einem überaus langen Strohhalm.
Und dann gibt es diese Episode von einem Samstag im Jahr 1983. Damals, erzählt der Fahrer Prosch, habe er auf dem Parkplatz des Neptun-Hotels gestanden, als ein brauner Lada vorgefahren sei. Barschel habe ihm befohlen: "Proschi, fahren Sie dem mal hinterher."
Über verschlungene Nebenstraßen habe sie der Lada zu einem mit Maschendraht umzäunten Gelände gelotst. "Wir fuhren zu einer Baracke, die blassblau, blassgelb und blassweiß gestrichen war. Das mittlere Areal auf dem Gelände war eingezäunt, da stand eine Halle. Barschel ging dort rein und blieb ungefähr eine Stunde." Dann sei er wieder herausgekommen und ins Auto gestiegen und habe die Anordnung zur Rückfahrt ins Neptun gegeben.
Die Ermittler, denen Prosch die Episode zu Protokoll gab, glaubten lange, die Baracke könnte in Kavelsdorf stehen, auf dem Gelände des Waffenlagers der KoKo-Firma Imes. Beweisen ließ sich das nicht.
Was also machte Barschel in der DDR? Vielleicht war er nur einer, der Geschäfte für seinen Freund Ballhaus einfädeln wollte, der die großen Cracks im Ost-West-Handel kannte. Vielleicht wollte er so eine Spinne im deutsch-deutschen Netz sein wie Franz Josef Strauß, sein Vorbild im Süden, der einen Milliardenkredit für die DDR einfädelte und sich in der Gunst von Schalck-Golodkowski sonnte.
Wahrscheinlich würden die Akten des DDR-Auslandsgeheimdienstes HVA erhellen, worum es Barschel in der DDR ging, doch sie sind zum größten Teil vernichtet worden. Heute gibt es nur noch die Sira-Datenbank, eine Art elektronischer Schlagwortkatalog, der digitale Karteikarten zu verschwundenen Geheimberichten mit Datum, Quelle und kurzer Inhaltsangabe enthält.
86 Treffer spuckt Sira unter dem Suchbegriff Barschel aus. Die elektronisch erfassten Einträge beginnen im Oktober 1982. In den ersten fünf Jahren werden nur 24 Informationen gespeichert, im Wahlkampfjahr 1987 steigt die Zahl dann rapide an. Vor allem die Quelle "Friedrich" beginnt zu sprudeln: Insgesamt 40 Sira-Informationen berufen sich auf "Friedrich", der Details über den Wahlkampf oder den Landesparteitag der CDU liefert. Der Superspitzel ist allerdings gar kein Spitzel. Die Hauptverwaltung Aufklärung der Stasi buchte offensichtlich viele der abgehörten Telefongespräche im Westen unter "Friedrich" ab.
Vor allem drei geheime Quellen lieferten laut Sira Berichte über Barschel: Hinter dem Decknamen "Kolbe" steckte wohl ein Mitarbeiter der Ständigen Vertretung der DDR in Bonn namens Klaus Z. "Kolbe" informierte Ost-Berlin über Interna aus dem Kieler CDU-Landesvorstand. Drei Berichte
schickte die Quelle "Krüger", bei der es sich um den Stasi-Offizier Alfred V. gehandelt haben dürfte. Dazu wurde offenbar auch ein Westler von der Stasi abgeschöpft - ein FDP-naher Unternehmer aus Lübeck war unter der Tarnbezeichnung "Wanderer" registriert.
"Bussard", eine weitere Quelle, saß im Bundeskriminalamt in Wiesbaden; dahinter verbarg sich die Verwaltungsangestellte Karin Z. "Bussard" besorgte später ein Gutachten zu den Todesumständen in Genf.
Im Vorfeld der Kieler Affäre steigen die Sira-Einträge sprunghaft an. Vom 24. August 1987 an, knapp zwei Wochen vor "Waterkantgate", meldet sich "Friedrich" fast täglich zu Wort, oft mit auffällig lapidar titulierten "Hinweisen zum Wahlkampfgeschehen in Schleswig-Holstein". Im gleichen Takt steigt die "Prioritätsstufe" der Meldungen, ein Gradmesser für die Bedeutung der Geheimdienstberichte - und ein Indiz dafür, dass die DDR möglicherweise vor der ersten SPIEGEL-Veröffentlichung über den heraufziehenden Skandal Bescheid wusste?
Kiel, 25. November 1986
BARSCHEL UND DIE BLAUPAUSEN
Vom Verlagshaus der "Kieler Nachrichten" bis zum Landtag am Düsterbrooker Weg sind es anderthalb Kilometer. Peter Höver braucht dafür nur ein paar Minuten. Seit sechs Wochen ist der Redakteur einem Skandal auf der Spur. Die Kieler Howaldtswerke-Deutsche Werft (HDW) sollen illegal Baupläne für U-Boote an Südafrika geliefert haben, ein klarer Bruch des Embargos, das die Vereinten Nationen über den Apartheidstaat verhängt haben. Höver kommt allerdings nicht weiter, seine Recherche steckt fest. Niemand kann oder will die Erzählungen seiner Informanten bestätigen.
Hochrangige Mitglieder der Bonner Regierung Kohl/Genscher versuchen eine Veröffentlichung kurz vor der Bundestagswahl zu verhindern. Die Konkurrenz arbeitet auch an der Enthüllung des Geschäfts. Deshalb wollen die "Kieler Nachrichten" die Affäre am nächsten Tag veröffentlichen, mit einer Stellungnahme des schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Uwe Barschel.
Höver fängt Barschel in einer Sitzungspause im Landtag ab. Er müsse mit ihm über illegale Waffenlieferungen nach Südafrika sprechen, sagt er. "Nicht hier, in meinem Büro", antwortet er.
Sie gehen ins Amtszimmer des Ministerpräsidenten, den einzigen abhörsicheren Raum der Landesregierung. Barschel schließt wortlos die Fenster, dann setzt er sich. Nein, er wisse nichts von einem illegalen Geschäft der HDW mit Südafrika, sagt er. Aber ob an Hövers Verdacht etwas sei, lasse sich rasch klären, denn Wirtschaftsminister Manfred Biermann und Finanzstaatssekretär Carl-Hermann Schleifer säßen ja im Aufsichtsrat des Konzerns.
Barschel hebt den Hörer ab und ruft Minister Biermann an. Er spricht kurz mit ihm, legt auf und sagt zu Höver: Der weiß auch nichts. Der Journalist hat das Gefühl, der Ministerpräsident sei ehrlich überrascht von der Frage nach den Blaupausen. "Aber ich weiß bis heute nicht, ob das echt war oder Staatsschauspielerei", sagt er.
Am nächsten Tag lösen die "Kieler Nachrichten" mit ihrem Artikel eine der großen Affären der achtziger Jahre aus. Zwei Untersuchungsausschüsse des Bundestags werden sich mit dem Skandal beschäftigen. Am Ende wird niemand bestraft - weder Lobbyisten noch Firmen.
Und dennoch wabert die Affäre weiter, denn sie wird mit dem Tod von Barschel verknüpft. Dafür sorgt die Familie Barschel, vor allem Freya Barschel, die Witwe, die nie an einen Selbstmord glaubte: Sie macht düstere Anspielungen auf das Geschäft mit den Blaupausen. Sie zielt auf die alles beherrschende Figur der schleswig-holsteinischen Politik, auf Gerhard Stoltenberg, der einmal Barschels Mentor und Vorgänger als Ministerpräsident war: "Er war sehr enttäuscht, dass Herr Stoltenberg ihm bei seiner Amtsübergabe gewisse Dinge nicht mitgeteilt hat. Er fühlte sich alleingelassen. Es ging dabei um die Mitteilungen, die seiner Auffassung zufolge nötig gewesen wären zum Themenkomplex HDW/U-Boot-Affäre", gibt sie 1995 zu Protokoll.
Bei einem Gespräch mit dem SPIEGEL im Sommer 2007 fügt Freya Barschel eine Erinnerung hinzu: "Er sagte, ich stehe nicht dahinter, ich bin nicht für Waffen. Ich muss damit leben und kann mich keinem anvertrauen." Was ihr Mann damals im Sinn hatte, weiß sie nicht. Über Einzelheiten seiner Regierungsgeschäfte sprach Barschel nicht mit seiner Frau. Er beließ es bei dunklen Andeutungen.
Dass Barschel in Genf keines natürlichen Todes starb, sondern aus Gründen des Geschäftes mit Südafrika einem Mord zum Opfer fiel: Diese Theorie gibt es in zwei extremen Varianten.
Erste Variante: Uwe Barschel ist ein integrer Ministerpräsident, der von Gerhard Stoltenberg ein schweres Erbe übernommen hat. Im Amt erhält er nach und nach Informationen über dubiose Geschäfte seines Vorgängers. Weil er damit droht, sein Wissen preiszugeben, wird er in Genf umgebracht.
Zweite Variante: Uwe Barschel ist ein Mann, der sein Wissen in Geld verwandeln möchte. Dafür bieten ihm illegale Geschäfte die Chance, und dabei geht er Versprechen ein, die er nicht einlösen kann. Deshalb muss er sterben.
Aber wer soll ihn dann ermordet haben, im einen wie im anderen Fall?
Eike Barschel berichtet im Winter 1995 den Staatsanwälten, sein Bruder habe ihm
"ausgesprochen schockierend" von Stoltenberg erzählt. Er habe "sich politisch von Herrn Stoltenberg bewusst hintergangen" gefühlt. Nein, er habe nicht über U-Boote gesprochen, aber er habe von HDW geredet und dass er als Ministerpräsident für Dinge einstehen müsse, über die er nicht informiert gewesen sei. Details kennt auch Eike Barschel nicht.
Das Motiv für den Mord sei im politischen Umfeld seines Bruders zu suchen, sagt er. In Deutschland sei nie "die gesamte Wahrheit auf den Tisch gekommen".
Uwe Barschel neigte zu Prahlereien und erging sich offenbar ziemlich oft in Andeutungen und Rätseln. Verständlich, dass die Witwe und der Bruder die Erinnerung an ihn wachhalten und daraus Theorien entwickeln. Barschel - ein Opfer seines Wissens über bisher unbekannte Hintergründe des U-Boot-Deals?
Recherchen des SPIEGEL führen zu einem Namen, der beide Affären miteinander verbinden könnte - den Fall Barschel und den Skandal um die illegalen Blaupausen. Der Name lautet Prinsloo und taucht auch im Todesermittlungsverfahren in Lübeck auf.
Alles beginnt in Kiel, Anfang der achtziger Jahre. HDW ist noch ein Staatskonzern, über die Salzgitter AG gehören 75 Prozent des Unternehmens dem Bund, 25 Prozent dem Land Schleswig-Holstein. Das Management der HDW, einer der größten Arbeitgeber oben im Norden, versucht vieles, um einen U-Boot-Auftrag aus Südafrika zu bekommen.
Für derartige Lieferungen braucht HDW eine Sondergenehmigung des Bundessicherheitsrates, dem unter anderen der Bundeskanzler, der Finanzminister und der Außenminister angehören. Die Uno hat ja ein Embargo über Südafrika verhängt. Im März 1983 beginnen die HDW und das beteiligte Lübecker Ingenieurbüro IKL in Bonn mit Sondierungen für die Genehmigung. Die Manager und ihre Lobbyisten werben für das Projekt bei Kanzler Helmut Kohl, bei Finanzminister Stoltenberg und Außenminister Hans-Dietrich Genscher.
Zunächst wird den Managern signalisiert, dass sie durchaus Baupläne, sogenannte Blaupausen, und einzelne Komponenten liefern dürften, doch am Ende bekommen sie die Genehmigung nicht.
In ein illegales Geschäft verwandelte es sich erst, als die Manager versuchten, die Baupläne für das U-Boot und ein entsprechendes Modell im Maßstab 1:5 ohne Genehmigung des Bundessicherheitsrates nach Südafrika zu liefern. Zwischen dem 10. Oktober 1984 und dem 19. Juni 1985 wandern U-Boot-Blaupausen im Diplomatengepäck von Kiel ans Kap. Ein HDW-Ingenieur wechselt in dieser Zeit zur südafrikanischen Firma Sandock Austral, die später die U-Boote bauen soll.
Die HDW behauptete hinterher, sie hätte nicht alle Blaupausen geliefert. In zwei Untersuchungsausschüssen und einigen halbherzigen Ermittlungsverfahren ließ sich nicht mehr Wahrheit über dieses obskure Geschäft herausfinden. So bleibt auch ungeklärt, ob den Regierungen in Kiel oder Bonn Informationen über die illegalen Lieferungen vorlagen, ob sie das Geschäft stillschweigend duldeten oder ihm sogar voranhalfen.
Für eine Affäre dieses Kalibers war das Interesse an Aufklärung offenbar gering.
Am 26. November 1986 erscheint der Artikel in den "Kieler Nachrichten" mit der Überschrift: "Barschel: Von HDW-Geschäft mit Pretoria nichts bekannt". Aber zwei Tage später, am 28. November, erklärt Carl-Hermann Schleifer, der Staatssekretär im schleswig-holsteinischen Finanzministerium und HDW-Aufsichtsrat, dass die Staatskanzlei sehr wohl über das Südafrika-Geschäft informiert gewesen sei - und damit indirekt auch Barschel.
"Ich habe schon damals nicht verstanden, wie er so etwas behaupten konnte", sagt Schleifer heute. Er habe die Staatskanzlei informiert, dass er den Irrtum berichtigen und deshalb der Presse gegenüber eine entsprechende Erklärung abgeben werde.
Der Ministerpräsident hat wohl vom Geschäft gewusst, wenn auch womöglich nicht von seinem illegalen Teil. Die Genehmigung war jedoch allein die Sache der
Bundesregierung. "Meines Wissen hatte Barschel mit den U-Booten für Südafrika null Komma null zu tun", sagt der damalige HDW-Vorstand Peter Hansen-Wester. Und so finden sich in den Unterlagen der Untersuchungsausschüsse alle möglichen Politiker wieder, von Stoltenberg bis Kohl. Nur einer spielte kaum eine Rolle: Barschel.
In den Akten der Lübecker Staatsanwälte taucht schon 1995 ein Name auf, der die Blaupausen mit dem Ministerpräsidenten verbinden könnte. Am 11. Mai erscheint Barschels Freund Karl Josef Ballhaus zur Vernehmung in Lübeck. Nach zweieinhalb Stunden ist die Befragung vorbei, doch er möchte noch etwas hinzufügen, außerhalb des Protokolls. Danach fertigen die Beamten einen Vermerk an, der als Blatt 3918 in die Akte wandert.
Früher sei er häufiger geschäftlich in Südafrika gewesen, erzählt Ballhaus. Dabei habe er auch an mehreren Safaris teilgenommen, immer mit demselben Wildhüter, der sonst den südafrikanischen Präsidenten und andere hohe Politiker führe. Er, Ballhaus, und der Wildhüter seien im Lauf der Jahre Freunde geworden.
1988 habe ihn der Mann in Deutschland besucht. Am späten Abend, bei einer Flasche Whisky, habe ihm der Wildhüter gestanden, er habe für den südafrikanischen Geheimdienst gearbeitet.
"Wie kam Uwe Barschel ums Leben?", habe er ihn gefragt. - "Es war Mord", habe der Gast geantwortet. Wie er darauf komme? Sein Geheimdienst habe sehr gute Verbindungen zu den Kollegen vom israelischen Mossad, habe er geantwortet.
Neun Monate vergehen, bevor die Lübecker Staatsanwälte Ballhaus zu einer zweiten Vernehmung am 23. Februar 1996 zu Hause in Duvensee besuchen. Er wiederholt seine Aussage, korrigiert sich nur in einem Punkt: Der Wildhüter habe nicht gesagt, er arbeite für den südafrikanischen Geheimdienst, er habe vielmehr offengelassen, in wessen Sold er stehe. Dafür nennt er diesmal den Namen des Jägers: Jacob Prinsloo aus Johannisburg, damals ungefähr 40 Jahre alt, schlank und drahtig.
Im Oktober 1996 machen die Ermittler einen Prinsloo in Deutschland aus, aber Alter und Beruf passen nicht. Die Beamten versuchen, einen anderen Jacob Prinsloo in Südafrika zu finden - über die Telefonauskunft in Kapstadt, das war's an Mühe. Im Abschlussbericht heißt es 1997: "Mit Rücksicht auf die sehr allgemeine Art des Hinweises wurde von weiteren Ermittlungen abgesehen."
Im Spätsommer 2007 sitzt Norbert Gansel im Garten seines Hauses in Kiel. Er studiert vergilbte Akte und Ausschussberichte, die seit fast 20 Jahren in einer Kiste an einem sicheren Ort lagerten. Vor ihm liegt eine handschriftliche Tabelle des Kieler Finanzamts. Gansel, der Sozialdemokrat, saß im Untersuchungsausschuss, den der Bundestag wegen der Blaupausen-Affäre einrichtete. Jetzt stellt er sich die Frage, ob er damals ein "n" für ein "m" und ein "o" für ein "v" gehalten hatte.
Es gab zwei Kuriere, die die Blaupausen im Auftrag der Südafrikaner entgegennahmen und den Empfang quittierten. Der eine hieß Jan Albertus Steenkamp, der andere Primslov. Gansel hatte 1988 die Namen öffentlich gemacht und sich damit eine Strafanzeige eingehandelt. Heute ist er überzeugt, dass er die Handschrift falsch gelesen hat und dass der Kurier nicht Primslov, sondern Prinsloo hieß.
Diese Spur führt ins Zentrum der Blaupausen-Affäre. Steenkamp war ein Offizier und Geheimdienstmann, offiziell Erster Sekretär für Konsularangelegenheiten an der südafrikanischen Botschaft in Bonn, und genoss diplomatische Immunität. Heute lehnt er Auskunft über den Fall ab.
Ein "Prinsloo" trat nur einmal als Kurier auf. Ein Mitarbeiter an der südafrikanischen Botschaft dieses Namens war bei der deutschen Regierung nicht akkreditiert. Vieles spricht dafür, dass es sich um einen vertrauenswürdigen Gelegenheitsboten ohne Diplomatenstatus handelte.
Der südafrikanische Wildhüter, der Ballhaus erzählte, Barschel sei ermordet worden, wäre auch für die Lübecker Ermittler leicht aufzuspüren gewesen. Jacobus Prinsloo aus Pretoria gehört zu den berühmtesten Großwildjägern Südafrikas.
"Natürlich kannte ich Ballhaus gut", sagt Prinsloo. Beinahe jährlich komme er nach Deutschland und habe den Schwarzkopf-Manager, der im Jahr 2000 starb, früher oft in Duvensee besucht. Dort habe er auch Uwe Barschel kennengelernt. "Er war beeindruckend und sprach sehr gut Englisch." Wenn er es recht bedenke, sei er sogar bei Barschel zu Hause gewesen. "Er wohnte doch in Mölln", sagt er.
Aber Barschel, Mord, Südafrika, Mossad - nein, davon habe er nichts gesagt. Ebenso wenig habe er jemals etwas mit Geheimdiensten, U-Booten oder Kurierdiensten zu tun gehabt.
Alles nur Zufall? Norbert Gansel kann das nicht glauben: "Ich kannte Barschel und habe nie eine tragende Rolle von ihm in Rüstungsgeschäften gesehen. Früher habe ich gesagt, es war wohl eher Selbstmord. Heute scheint mir mehr für Mord zu sprechen."
Der Ministerpräsident und die Kreise, die er zog: Es ist immer wieder das Doppelleben von Dr. Dr. Uwe Barschel, das zu Spekulationen einlädt. Es ist der Barschel-Konjunktiv, dieses Wenn-ihr-wüsstet-wasich-Weiß gegenüber seinen Freunden und der Familie, der aufhorchen lässt. Es ist sein anscheinend unstillbares Verlangen, größere Räder zu drehen, als ihm in Kiel aufgegeben ist: Deshalb traut man ihm vieles, wenn nicht alles zu. MARKUS DETTMER,
SVEN RÖBEL, BRITTA SANDBERG

DER ERMITTLER
Heinrich Wille, Leitender Oberstaatsanwalt
Er führte in Lübeck zwischen 1994 und 1998 ein Verfahren "gegen Unbekannt" wegen Mordes durch. Er glaubt auch persönlich, dass Uwe Barschel im Beau-Rivage vergiftet wurde.

DER INFORMANT
Reiner Pfeiffer, ehemaliger Medienreferent der CDU
Er arbeitete in der Kieler Staatskanzlei und löste die Barschel-Affäre aus, als er Anfang September 1987 den SPIEGEL über schmutzige Tricks informierte.

DER FREUND
Karl Josef Ballhaus, Manager der Firma Schwarzkopf
Er lernte Barschel Mitte der Siebziger kennen und gründete mit ihm eine Stiftung. Er förderte die Karriere des Politikers nach Kräften. Ballhaus starb im Jahr 2000.

BARSCHELS "BEKANNTER AUS POGEEZ"
Stapellauf in Wismar (1982), Schiffsmakler Klaus Reeckmann
Er war vor der Wende in den Kauf von sechs DDR-Frachtern involviert und hatte beste Verbindungen in die schleswig-holsteinische CDU. Uwe Barschel kannte den Kaufmann offenbar so gut, dass er ihn gemeinsam mit seiner Frau Freya privat besuchte.

"KAUFMANN" UND "MONETEN-MÜLLER"
Peter Lüdemann, Richard Müller
Die Geschäftsleute waren im Ost-West-Handel aktiv. Lüdemann war zudem gemeinsam mit dem Barschel-Bekannten Klaus Reeckmann Inhaber mehrerer Handelsfirmen. Gegen Lüdemann wurde wegen Verstoßes gegen die Embargo-Bestimmungen ermittelt.

DER FAHRER
Karl-Heinz Prosch
Er chauffierte den Ministerpräsidenten häufig in die DDR und galt als einer seiner loyalsten Mitarbeiter. Barschel nannte ihn "Proschi". Den Ermittlern erzählte er nach Barschels Tod über einen merkwürdigen Vorfall bei einem Aufenthalt im Hotel Neptun.

DER AUFKLÄRER
Norbert Gansel, Obmann im Bonner Blaupausen-Untersuchungsausschuss
Jahrelang versuchte der Sozialdemokrat, Licht in das umstrittene Südafrika-Geschäft mit U-Boot-Bauplänen aus Kiel zu bringen. Anfangs hielt er es für möglich, dass Barschel in der Schweiz Selbstmord beging, mittlerweile aber glaubt er eher an Mord.

DIE WITWE
Freya Barschel
Sie gab sich von Anfang an felsenfest davon überzeugt, dass ihr Mann Opfer einer Verschwörung geworden war. Vor kurzem forderte sie über ihren Anwalt die Generalbundesanwältin auf, die Ermittlungen wieder aufzunehmen, um den Fall zu klären.
* Uwe Barschel, Ehefrau Freya mit Kindern Hauke und Maike, 1987.
* Mit dem damaligen Kieler Justizminister Karl Eduard Claussen und Familienministerin Annemarie Schuster.
* Am 26. April 1984 mit Schwarzkopf-Manager Karl Josef Ballhaus und Asimex-Chefin Ruth Lerche.
Von Markus Dettmer, Sven Röbel und Britta Sandberg

DER SPIEGEL 41/2007
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