08.10.2007

NS-VERGANGENHEIT Ende des Schweigens

Der ebenso reiche wie zurückgezogen lebende Quandt-Clan ist in die Defensive geraten: Jahrzehntelang hat die Familie ihre Nazi-Vergangenheit tabuisiert. Neue Bilder zu alten Enthüllungen zwingen nun zur Aufklärung. Die Quandts wollen sich der eigenen Geschichte stellen.
Den Erzählungen ehemaliger Zwangsarbeiter der Nazi-Zeit kann man sich kaum entziehen. Geradezu schmerzhaft werden diese Erinnerungen, wenn sie nicht einmal anklagend, sondern nur nüchtern beschreibend vorgetragen werden. Wenn etwa Menschen wie Carl-Adolf Soerensen erzählen, ein ehemaliger dänischer Widerstandskämpfer, der 1943 ins KZ-Außenlager Hannover-Stöcken deportiert wurde und in der benachbarten Batteriefabrik Afa schuften musste.
"Vierzig Kameraden kamen mit mir hierher", sagte der mittlerweile 82-Jährige in die Kamera eines NDR-Teams. In der Fabrik des Industriellen Günther Quandt mussten sie Batterien für deutsche U-Boote bauen. Ohne Schutzkleidung hantierten sie mit giftigen Schwermetallen. Schon in den ersten drei Monaten kamen sechs ums Leben, berichtet Soerensen.
SS-Männer hätten gesagt, in Stöcken sei man spätestens nach einem halben Jahr tot. Bleivergiftung. Der Zuschauer sieht den alten Mann ganz klein auf einer Wiese, auf der einst das Lager stand.
Fünf Jahre hatten zwei NDR-Autoren für die Dokumentation "Das Schweigen der Quandts" recherchiert. Es ist ein eindrucksvoller Film, auf den die ARD stolz sein könnte. Aber die Anstalt versteckte ihn wie ein Gemüsehändler sein angeschimmeltes Obst. Sie kündigte den Film in den Programmzeitschriften nicht an und sendete ihn am vorvergangenen Sonntag erst nachts um 23.30 Uhr.
Nur ausgewählte Journalisten bekamen kurz vor dem Termin Bänder oder wurden raunend aufgefordert, sich mal das Inge-Meysel-Porträt anzuschauen, das eigentlich für den Termin angekündigt war. Und so sorgten erst die Berichte über den TV-Bericht dafür, dass das Thema im Laufe der vergangenen Woche an Fahrt aufnahm.
Tatsächlich hatte der NDR offenbar Angst vor der Macht der Milliardärsfamilie Quandt, die heute an BMW, Altana und vielen anderen Unternehmen beteiligt ist. Der Clan hätte versuchen können, die Ausstrahlung mit einer einstweiligen Verfügung zu verhindern, so die Befürchtung.
Die Geheimniskrämerei führte indes dazu, dass auch die weitverzweigte Sippe (siehe Grafik) des einstigen "Wehrwirtschaftsführers" Günther Quandt den Film zunächst verpasste. Erst nachträglich haben sich Günthers Schwiegertochter Jo-
hanna Quandt, deren Kinder Susanne Klat-
ten und Stefan Quandt sowie weitere Nachkommen eine Aufzeichnung angesehen.
Für viele von ihnen war das, wie ein Vertrauter sagt, beklemmend. An eine Klage dachte denn auch niemand, eher daran, wie sich der Imageschaden für die Familie in Grenzen halten ließe.
Dabei erzählte die Dokumentation ihnen nicht einmal wirklich Neues. Schon seit Jahren tauchen ihre Unternehmen in diversen Studien zum Holocaust und zum Dritten Reich auf. Einen großen Teil dieser Ergebnisse hat zuletzt der Journalist Rüdiger Jungbluth in seiner Biografie über die Quandts zusammengetragen.
Das Sachbuch erschien bereits vor fünf Jahren. Das Echo hielt sich in Grenzen. Ein Buch kann man weglegen. Bilder dagegen bleiben haften. Die vom einstigen Zwangsarbeiter Theophilos Mylopoulos etwa, der erzählt, wie man die Gefangenen in der Quandtschen Batteriefabrik auspeitschte, ihnen kein Wasser gab und die Malträtierten aus den Toiletten trinken mussten.
Fassungslos machte einige aber vor allem der Auftritt eines Mitglieds der eigenen Familie im Film. Sven Quandt sagte: "Wir müssen endlich mal versuchen, das zu vergessen." Als vorgezogene Erbschaft hat er einst ein Vermögen übertragen bekommen, das vor allem aus Aktien der Firma Varta bestand, jenes Unternehmens, das aus dem Batteriehersteller Afa hervorging. An dessen Geschichte aber wollte Sven Quandt nicht erinnert werden. Der Rennstallbetreiber, der mehrmals die Rallye Paris-Dakar mitgefahren ist, fügte hinzu: "Dunkle Seiten gibt es in jeder Familie."
Man kann nachempfinden, dass einige seiner Verwandten da am liebsten im Boden versunken wären. Aber sie sind selbst nicht ganz unschuldig an dem Bild einer geschichts- und skrupellosen Erbengeneration.
Vor allem Johanna und Stefan Quandt sowie Susanne Klatten, die zusammen über 46,6 Prozent der BMW-Aktien verfügen, haben ihr Schweigen wahrhaft kultiviert und seit Jahrzehnten jede Anfrage für ein Interview abgelehnt - wohl auch aus Angst, von der düsteren Vergangenheit der eigenen Ahnen eingeholt zu werden.
Selbst Stefan Quandt, ein studierter Wirtschaftsingenieur und eher nachdenklicher Mensch, hat die Geschichte der Familie lange Zeit verdrängt und verharmlost. Bei einem seiner höchst seltenen öffentlichen Auftritte schilderte er seinen Großvater Günther als innovativen Unternehmer.
Der habe, so der Enkel in einem Vortrag an der Technischen Universität Karlsruhe 2001, "das unternehmerische Denken und Handeln unserer Familie durch Unternehmensbeteiligungen erweitert: Seine Strategie lautete Diversifikation". Hässliche Worte wie Rüstungsproduktion oder Zwangsarbeit kamen in dem Vortrag nicht vor.
Und Stefans Vater Herbert, der während des Zweiten Weltkriegs als Personalvorstand des Batterieherstellers Afa für die Arbeitsbedingungen der Zwangsarbeiter mitverantwortlich war? Über den trug Stefan Quandt lediglich vor: "Die vielleicht herausragendste unternehmerische Leistung meines Vaters war die Rettung von BMW."
Herbert Quandt übernahm 1960 ein großes Aktienpaket von BMW und bewahrte
damit den Autohersteller vor der Übernahme durch Daimler-Benz.
Dieser Teil der Familiengeschichte ist weithin bekannt. Die Quandts haben BMW gerettet. Die Geschichte gerann zum Mythos der wirtschaftswunderlichen Nachkriegszeit. Die Frage, woher das Vermögen stammte, mit dem die Familie so agieren konnte, geriet da in den Hintergrund - bis der ARD-Film sie neu stellte.
Und nachdem die Erben vorige Woche pausenlos konferiert und telefoniert hatten, gaben vier Mitglieder im Namen der gesamten Familie am vergangenen Freitag bekannt: Sie werden ein Forschungsprojekt ausschreiben, in dem ein Historiker die Aktivitäten der Familie in den Jahren der Hitler-Diktatur untersuchen soll. Selbst Sven Quandt will nun nicht mehr vergessen. Auch er hat sich der Initiative der Familie angeschlossen.
Die Quandts sind eine der letzten bedeutenden Unternehmerdynastien des Landes, die sich ihrer Vergangenheit noch nicht gestellt haben. Sie führten eine schlechte Tradition deutscher Konzerne fort, die sich jahrzehntelang vor einer Aufarbeitung ihrer Geschichte drückten. Denn in den Firmenchroniken vieler Unternehmen wurden die Jahre des Nazi-Reichs ausgeblendet, in den Reden der Jubiläumsfeiern wurde die Zeit übersprungen. Die Vergangenheit sollte endlich vergehen.
Erst Ende der neunziger Jahre änderten die meisten Konzerne ihre Einstellung: Allianz, Deutsche Bank, Daimler-Benz, auch der VW-Konzern, Medienriese Bertelsmann und andere ließen von Historikern die Jahre von 1933 bis 1945 aufarbeiten. Die meisten zahlten unter dem Druck drohender Sammelklagen aus den USA viele Millionen in die Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft, die sich seit 2001 an der Entschädigung einstiger Zwangsarbeiter beteiligt. Auch BMW und Altana, an denen die Quandts beteiligt sind, unterstützen das Projekt mit Geld.
Die Familie aber blieb im Hintergrund. Der entscheidenden Frage ihrer eigenen Geschichte wichen die Erben aus: Verdanken sie einen großen Teil ihres Milliardenvermögens der brutalen Ausbeutung von Zwangsarbeitern?
Begonnen hatte der rasante Aufstieg des Clans aus Pritzwalk in Brandenburg noch zu Kaisers Zeiten, nachdem ein Spross der Familie eine Tuchfabrik erworben hatte. Das Reich brauchte Uniformen für seine Soldaten. Schon vor dem Ersten Weltkrieg wurden die Quandts als Ausstatter der Armee wohlhabend.
Das vierjährige Gemetzel ließ sie endgültig in die Liga der deutschen Oligarchen aufsteigen. Millionen zerfetzter Uniformen mussten ersetzt werden. Die Quandts verdienten daran ein Vermögen, mit dem der langjährige Familienchef Günther Quandt nach Kriegsende ein Industrieimperium zusammenkaufen konnte.
Den Aufstieg der Nationalsozialisten scheint der rechtskonservative Quandt allenfalls mit zurückhaltender Sympathie verfolgt zu haben. 1931 traf er erstmals Adolf Hitler, der sich damals um Kontakte zur Großindustrie bemühte. Quandt erschien der braune Oppositionspolitiker, wie er später schrieb, "als vollendeter Durchschnitt".
Das klingt plausibel, denn der weitgereiste Industrielle konnte mit der kruden Blut- und-Boden-Ideologie der Nazis wenig anfangen. Die einzige Verbindung zu den Braunen war in der Spätphase der Weimarer Republik privater Natur. Nachdem Millionär Quandt sich von seiner Frau Magda hatte scheiden lassen, suchte diese die Nähe zu Hitlers Propagandachef Joseph Goebbels. Im Dezember 1931 heiratete das Paar, Hitler diente als Trauzeuge.
Magda brachte Sohn Harald Quandt in die Ehe ein und gebar sechs weitere Kinder, die den Krieg nicht überlebten - Magda tötete 1945 im Führerbunker erst sie und dann sich selbst.
Günther Quandt scheint trotz der verwandtschaftlichen Nähe zunächst Distanz zu den Top-Nazis gehalten zu haben. Erst nach deren Sieg bei den Wahlen im März 1933 unterstützte er die NSDAP mit einer großen Spende. Einige Wochen später trat er auch der Partei bei.
Für den Unternehmer zahlte sich der Opportunismus unmittelbar aus. Überall im Reich drängten Aktivisten vom linken Flügel der NSDAP danach, sich auf Kosten der "Bonzen" zu bereichern. Anfang Mai 1933 wurde auch Quandt unter einem Vorwand verhaftet. Obwohl Goebbels den Ex-Mann seiner Frau nicht mochte, sprach er mit Hitler darüber: "Es ist ungut, dass man die Wirtschaft nicht zur Ruhe kommen lässt." Quandt kam bald frei.
In nur wenigen Jahren stieg der willige Manager nun zu "einem der bedeutendsten deutschen Rüstungsproduzenten" auf, so der Historiker Ralf Blank. Hitler würdigte ihn 1937 als "Wehrwirtschaftsführer" und belohnte ihn mit fetten Profiten. Quandts Fabriken lieferten Munition, Gewehre, Geschütze und - besonders wichtig - Batterien. Die Afa, Kern der Quandtschen Industriegruppe, stellte sie in einer Qualität her, die erst den U-Boot-Krieg im Atlantik und später den Start von Hitlers "Wunderwaffe", der V-2-Rakete, ermöglichte.
Als sich deutsche Unternehmer im Windschatten von Hitlers Eroberungszügen Fabriken in ganz Europa aneigneten, war auch Quandt an vorderer Front dabei,
insbesondere in der damaligen Tschechoslowakei.
Zweimal scheiterte er allerdings, und dennoch belasten ihn diese Fälle aufgrund der Perfidie seines Vorgehens. In Belgien versuchte er, ein Chemieunternehmen zu übernehmen. Er glaubte, der Besitzer sei Jude (was nicht stimmte) und deshalb stünde dessen Eigentum zur Verfügung. Quandt fragte formell bei der zuständigen Behörde an. In Luxemburg wollte er sich 1943 die Gestapo-Haft eines Unternehmers zunutze machen und wandte sich an das Rüstungsministerium, um die Aktienmehrheit zu bekommen.
Doch Albert Speer sah damals keine Veranlassung, sich für Quandt einzusetzen. Der Fall, seit langem bekannt, wird im Film detailliert geschildert.
Ob der Unternehmer schon vor dem Krieg in Verbrechen der Nationalsozialisten verstrickt war, ist indes nicht genau geklärt. Autor Jungbluth weiß von einem arisierten Unternehmen zu berichten, das Teil des Quandtschen Rüstungskonzerns wurde. Nach Angaben von Historikern sind in mindestens einem Quandt-Unternehmen schon 1938 jüdische Zwangsarbeiter eingesetzt worden.
Sicher ist, dass die Familie ab 1941 Tausende Zwangsarbeiter ausgebeutet hat. Nach Recherchen des Historikers Blank setzten sie in mindestens drei Werken - in Hannover, Berlin und Wien - auch KZ-Arbeitssklaven ein. Hunderte starben.
Insbesondere in den Batteriefabriken waren die Arbeitsbedingungen katastrophal. Dafür war die Quandtsche Afa verantwortlich. Auf ihrem Werksgelände in Hannover wurde sogar ein KZ-Außenlager errichtet, mit Exekutionsplatz und Galgen.
Sicher ist allerdings auch, dass sich die Afa - so weit bislang bekannt - nicht um KZ-Zwangsarbeiter riss, sondern vielmehr daran interessiert war, ihre hochqualifizierte deutsche Stammbelegschaft zu behalten, der eine Einziehung durch die Wehrmacht drohte. Versuche der SS, die mit ihren KZ-Häftlingen ein Geschäft machen wollte und sie der Afa aufdrängte, wurden in Stöcken bis 1943 abgewehrt, im Stammwerk in Hagen sogar bis Kriegsende. Gegen den Einsatz von anderen Zwangsarbeitern hatte man dagegen nichts. Auch muss erst noch geklärt werden, in welchem Ausmaß das Nachkriegsvermögen der Quandts tatsächlich auf Zwangsarbeit beruht.
Dass der Clan nicht wusste, was in seinen Werken vor sich ging, wird aber niemand ernsthaft behaupten können. Günther Quandts Sohn Herbert war der Direktor der Pertrix GmbH in Berlin, eines Tochterunternehmens der Afa. Es nutzte Zwangsarbeiterinnen aus dem KZ Ravensbrück, darunter auch Polinnen, die aus Auschwitz überstellt worden waren.
Nach dem Krieg wurde Günther Quandt zur Überraschung vieler nur als "Mitläufer" eingestuft. Der Spruchkammer lagen keine Beweise vor, dass es auf dem Gelände der hannoverschen Batteriefabrik der Afa ein KZ-Außenlager gegeben hatte, dessen Häftlinge in der Fabrik arbeiten mussten.
Einer der Ankläger der Nürnberger Prozesse, Benjamin Ferencz, sagt nun, wenn die heute bekannten Beweise gegen Günther Quandt dem Gericht damals vorgelegen hätten, "wäre Quandt genauso angeklagt worden wie Flick, Krupp und die Direktoren der IG Farben".
Ob er tatsächlich in eine Reihe zu stellen ist, müssen die Historiker klären, die nun die Geschichte der Familie untersuchen sollen. Die Quandts wollen den Forschern Akten und Dokumente, die sich in ihren Archiven befinden, zur Verfügung stellen und die Ergebnisse veröffentlichen.
Die Reaktion der Quandts war überfällig, aber sie kommt dennoch überraschend. Vor allem für die ARD-Verantwortlichen. Trotz des Erfolgs wollen sie die Dokumentation nicht früher als eh geplant wieder ins Programm nehmen.
Der Film soll in einer 30 Minuten längeren Version erst am 22. November wiederholt werden - im Dritten Programm des NDR, aber sicher dann weniger verschämt als bei der Premiere. JULIA BONSTEIN,
DIETMAR HAWRANEK, KLAUS WIEGREFE
* Nationalsozialist Joseph Goebbels mit Stiefsohn Harald Quandt (1933), Konzerngründer Günther Quandt (M.) mit seinen Söhnen Harald und Herbert (um 1950), Johanna Quandt, Sven Quandt.
* Links: 1944 in Thüringen; rechts: mit dem Autokonstrukteur Ferdinand Porsche, 1939.
Von Bonstein, Julia, Hawranek, Dietmar, Wiegrefe, Klaus

DER SPIEGEL 41/2007
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