08.10.2007

UNTERHALTUNGDer Lauteste der Lauten

Der Wechsel von Oliver Pocher zur ARD ist ein Meilenstein in der Geschichte deutscher TV-Kultur. Wenn das Kind privater Sender demnächst zusammen mit Harald Schmidt auf Sendung geht, verschwimmen die letzten Gegensätze zwischen altem und neuem Fernsehen. Von Jochen-Martin Gutsch
Vor ein paar Tagen hielt Oliver Pocher eine Laudatio beim Deutschen Fernsehpreis, den der Fernsehsender RTL übertrug. Es ging um den Preis für die beste Informationssendung, und wahrscheinlich hatte an dieser Stelle niemand mit Oliver Pocher als Laudator gerechnet.
Pocher stand auf der Bühne im weißen Hemd, Anzug und mit Fliege, er war aufgeregt, was man daran merkte, dass er oft schon lachte, bevor ein Witz zu Ende war. Pocher, so schien es, wollte viel reinpacken in die Zeit, die er hatte. Es ging darum, zu zeigen, dass er der richtige Mann ist, als Laudator und, was noch viel wichtiger war, als neuer Partner an der Seite von Harald Schmidt. Er wollte die Zweifel bekämpfen, einen Beweis führen, und jetzt saßen sie alle vor ihm, die Senderchefs, die Moderatoren, Schauspieler und auch Günter Struve, der ARD-Programmdirektor.
Pocher legte los, es wurde keine Laudatio, sondern ein kleiner Stand-up von drei
Minuten, den er mit den Sätzen begann: "Sie fragen sich sicherlich, was ich hier mache. Tja, ich bin jetzt bei der ARD." Die Kamera im Publikum fing kurz das Gesicht von Günter Struve ein, Struve lachte, wobei man nicht genau sagen kann, ob aus Spaß oder Pflicht. Pocher jedenfalls wuchs in diesen drei Minuten, er verschwand von der Bühne mit Applaus im Rücken, und in den folgenden Tagen schrieben sogar einige Zeitungen, dass er nicht schlecht war.
Ein paar Tage nach dem Fernsehpreis stand Oliver Pocher mit dem deutschen Frauen-Fußballnationalteam auf dem Balkon des Frankfurter Römers, was im ZDF zu sehen war. ProSieben sendete am selben Abend den ersten Teil seines Live-Programms, danach noch eine "Best of Pocher"-Show, demnächst bringt der Sender den zweiten Teil des Live-Programms, und in der ARD läuft die Soap "Sternenfänger", in der Pocher eine Hauptrolle spielt. Die Pocher-Dichte ist hoch in diesen Tagen, er ist überall. Ab dem 25. Oktober sitzt er dann auch jede Woche neben Harald Schmidt.
Im Prinzip, sagt Pocher, habe er elf Jahre gebraucht, um dort hinzukommen.
Im Herbst 1996 steigt er in das Auto seines Vaters, sie fahren von Altwarmbüchen, einem Vorort von Hannover, nach Köln. Sie haben Karten für die "Harald Schmidt Show". Pocher hat sich überlegt, wo man sitzen muss, um kurz ins Bild zu kommen, vielleicht siebte, achte Reihe. Die Kamera erwischt ihn für einen Augenblick, Pocher ist zum ersten Mal im Fernsehen. Als sie zurückfahren, träumt er davon, einmal Gast in der Show zu sein.
Im Frühjahr 2000 sitzt er zum ersten Mal auf dem Stuhl neben Schmidt. Viva-Moderator Oliver Pocher, 22 Jahre alt.
Im Frühjahr 2007, Pocher ist wieder zu Gast, kommt Schmidt vor dem Auftritt in Pochers Umkleide. Sie reden ein bisschen, und Schmidt sagt, dass man mal was zusammen machen müsste. Klar, müsste man, sagt Pocher.
Ein paar Tage später ruft Schmidt bei Pocher an. Schmidt sagt: Du musst eine Stunde Sendung vollkriegen, ich muss eine Stunde vollkriegen, unsere Lage ist dieselbe. Wir haben hier in Köln das Studio, den Sendeplatz, überleg es dir. Pocher sagt: Ich hab keine Lust auf die Sidekick-Nummer, ich bin nicht Andrack. Die Show sind wir beide, gleichberechtigt. Und mein Name muss mit in den Titel.
Okay, sagt Schmidt. Er fährt zur ARD, um die Dinge zu besprechen. Ein paar Wochen später ist die Show "Harald Schmidt" tot und die Nachricht von der neuen Show "Schmidt & Pocher" in der Welt.
In den Zeitungen ist anschließend von einem "Kulturpolitikum" die Rede, einem "Paradigmenwechsel" und von "Verfall".
Der Verfall ist Oliver Pocher. In den Artikeln, die über ihn erscheinen, schwimmen Adjektive wie: platt, dreist, flach, niveaulos. Er ist der "halbstarke Sprücheklopfer", der "Quatschkopf des deutschen Unterschichtenfernsehens", der "verprollte Nachwuchsclown", die "Kot-Orgel", und das alles klingt, als befürchte man einen weiteren Schritt in der Entwicklung des deutschen Fernsehens, der wie alle Schritte zuvor natürlich nur Schlechtes bringt. Also Verfall.
Es gibt eine hübsche deutsche Fernseh-Verfalls-Tradition, womöglich schon seit der Gründung des ZDF 1961, spätestens aber seit der Einführung des Privatfernsehens im Jahr 1984.
Damals ging RTL auf Sendung, und das Privatfernsehen galt als dunkel und schmutzig. Es war ein Fernsehen ohne fachgerechte Überwachung durch Politiker, Gewerkschaften und Kirchen. Niemand sprach bei RTL von einem Bildungs-, Informations- oder sonstigen Auftrag. Aufträge gab es nicht mehr. "Auf dem Schirm muss sich was bewegen, in Farbe", war das RTL-Motto. "Tutti Frutti", "Der heiße Stuhl", Erika Berger. Man befürchtete damals alles Mögliche, zumindestens aber, dass das deutsche Fernsehen in Seichtheit, Blödheit, Striptease, Gewalt, Astrologie und Gewinnspielen versinken würde.
Irgendwie tat es das dann auch, aber irgendwann war das normal.
Als RTL startet, ist Oliver Pocher fünf Jahre alt. Er gehört zur ersten Generation, die auch mit dem Privatfernsehen aufwächst. Später wird er zu einem seiner bekanntesten Gesichter, und noch etwas später ist er, so sieht es jetzt aus, die neue Verfalls-Figur und zugleich das perfekte Beispiel für die Entwicklung des deutschen Fernsehens in den vergan- genen Jahren.
Oliver Pocher hat vor allem versucht, nach oben zu kommen. Er hat gedrängelt und sich ins Bild geschoben. Er ist den Leuten so lange auf die Nerven gefallen, bis sie nicht mehr an ihm vorbeikonnten. Er hat sich hochgewühlt, und wahrscheinlich wird man dabei kein Schöngeist. Er ist der Junge, der immer ins Fernsehen wollte.
Pocher wächst in einer Vierzimmerwohnung auf, Sechziger-Jahre-Neubau, die Mutter ist Versicherungskauffrau, der Vater Buchhalter. 1982, Pocher ist vier Jahre alt, treten die Eltern den Zeugen Jehovas bei. Als Jugendlicher lässt er sich ebenfalls taufen. Viel Freizeit hat er nicht, drei-, viermal in der Woche sind Zusammenkünfte. "Dienstag Buchstudium, Freitag Predigtdienstschule, Sonntag dann Versammlung im Königreichssaal. Dann noch mal von Haus zu Haus gehen, meistens am Samstag", sagt Pocher. In den Versammlungen macht er Witze, parodiert Leute und eckt damit an.
"Ich habe früh gelernt, immer als der kleine Penner wahrgenommen zu werden. Du hinterfragst alle Dinge und machst dich lustig. Und alle fanden es immer Kacke. Unpassend. So war es auch in der Schule, in der Lehre, bei Viva. Ich war immer der Kleine, der die Fresse aufreißt. Immer, immer, immer."
Nach der zehnten Klasse macht er eine Lehre und wird Versicherungskaufmann. Nebenbei arbeitet Pocher als Discjockey, später versucht er alles, um beim Fernsehen unterzukommen. Er tritt als Gast in der Talkshow von Bärbel Schäfer auf, er arbeitet als Warmupper bei Birte Karalus, er bewirbt sich viermal als Moderator beim Musiksender Viva - und wird jedes Mal abgelehnt. Über einen Freund schafft er es schließlich in eine Sendung von Hans Meiser. Die Sendung heißt: "Hans macht dich zum Viva-Star". Pocher gewinnt eine Gastmoderation beim Musiksender. Anschließend gibt man ihm einen Vertrag als Moderator. Pocher ist endlich beim Fernsehen. Beim Privatfernsehen.
Als Kind sieht Oliver Pocher Günther Jauch und Thomas Gottschalk im ZDF,
in den Shows "Na siehste" und "Wetten, dass ..?". Ende der achtziger Jahre wechseln sie plötzlich zu RTL. Die Aufregung darüber ist groß, in den Zeitungen erscheinen wieder traurige Artikel, es geht um den nächsten Kulturbruch. Jauch und Gottschalk sind die ersten prominenten Überläufer. Überlaufen war bis dahin undenkbar. Öffentlich-rechtliche Figuren gingen nicht zu den Privaten. Es gab, ähnlich wie im Kalten Krieg, eine klare Grenze. Auf der einen Seite saßen die Guten, das waren ARD und ZDF. Auf der anderen die Bösen. Die Guten haben Prestige, Niveau und den Bildungsauftrag. Die Bösen haben Geld.
Sie haben so viel Geld, dass sie auch noch die Rechte an der Champions League, der Bundesliga und Wimbledon kaufen. Sie kaufen auch noch Reinhold Beckmann und Harald Schmidt. Und Hape Kerkeling und Rudi Carrell. Am Ende siegen eben immer die Bösen. "Wir fesseln den Zuschauer in der Unterhaltung, überfallen ihn dann mit Informationen und lassen ihn mit etwas Bildung ins Bett gehen", sagt Gottschalk damals.
Pocher bekommt eine eigene Sendung, erst auf Viva, später auf ProSieben, er wird dort schnell zu einem der Sendergesichter. Und es gibt die ersten kleinen Skandale. In der Show "Gottschalk & Friends" stellt Pocher der in ein enges Kleid gezwängten Sängerin Mariah Carey die Frage: "Was heißt Presswurst auf Englisch?" Was bleibt, ist das Image des Rüpels, des Unkontrollierbaren.
Pocher rennt weiter, er will bekannt werden, er will auffallen, er zieht durch Fern- sehshows, er singt einen Song für die Fußball-WM, er dreht den Kinofilm "Vollidiot", er macht eine Werbekampagne für MediaMarkt. Er ist in einer lauten Welt der Lauteste.
Harald Schmidt trat in vielen albernen Werbespots auf, sie machten ihn nicht beliebter, aber sie wurden gut bezahlt. Pocher wurde beliebter. Sein Lohn ist vor allem die Aufmerksamkeit. Er ist der MediaMarkt-Olli. Der Kumpel mit den Sprüchen. Es ist jetzt schwer, ihn nicht zu kennen.
Bei ProSieben ist Stefan Raab die Nummer eins. Die Samstagabendshow "Schlag den Raab" hat man anfangs auch für Pocher vorgesehen. Sie entscheiden sich für Raab. Pocher ist wieder nur der Kleine, der die Fresse aufreißt. Als das Angebot von Harald Schmidt kommt, ruft Pocher bei Jörg Grabosch an, dem Produzenten, der ihn entdeckt hat, und sagt: Ich mach jetzt Late Night mit Schmidt.
Grabosch sagt, Pocher sei eine gute Wahl. "Olli geht raus und stellt sich keine Fragen nach der eigenen Berechtigung. Daran ist Anke Engelkes Late-Night-Show am Ende gescheitert. Ein Late-Night-Komiker lässt keinen Gag liegen. Es ist ihm scheißegal, ob einer beleidigt ist. Wenn die Mehrheit lacht, ist es richtig. Olli hat da keine Schmerzgrenzen."
Irgendwann kommen die Überläufer zurück. Auch bei ARD und ZDF gibt es längst Soaps, Talkshows, Star-Magazine, man hat sich inhaltlich auf das Privatfernsehen zubewegt, die Grenzen verwischen, und Thomas Gottschalk, Reinhold Beckmann, Johannes B. Kerner und Harald Schmidt, sie sind alle wieder da. Man empfängt die Überläufer-Überläufer bei ARD und ZDF wie verlorene Söhne. Sie hatten sich ausgetobt bei RTL und Sat.1, und jetzt sind sie zurück, zu Hause, wo es am schönsten ist, auch wenn die alten Jungs nicht billig sind. Am Ende siegen eben immer die Guten.
Fred Kogel war auch mal übergelaufen, zu Sat.1. Vorher war er ZDF-Unterhaltungschef und hatte 1992 die Idee, dass Wolfgang Lippert der Nachfolger von Thomas Gottschalk werden könnte. Heute besitzt Kogel zusammen mit Harald Schmidt die Produktionsfirma Kogel & Schmidt und hatte die Idee mit Pocher. Er ist, wenn man so will, der Mann, der an allem schuld ist.
Kogel sitzt in einem Büro in München, seine Haare sind grau, dünn, lang, an den Fingern trägt er große Ringe, an denen er spielt, während er redet. Im Prinzip, sagt Kogel, gebe es zwei Gründe, Pocher in die Show zu nehmen. Der erste sei die Sendezeit, der zweite Pochers Talent.
Die alte Show von Harald Schmidt, so war es lange geplant, sollte künftig nur noch einmal in der Woche laufen. Dafür doppelt so lange, eine Stunde. Die Frage war, wie man eine Stunde füllt. Harald Schmidt war längst müde, eine Stunde kann sehr lang sein. Sie suchten nach einem "zusätzlichen Element". Am Ende fanden sie Oliver Pocher.
Fred Kogel hat mit Hape Kerkeling gearbeitet, mit Thomas Gottschalk, er holte Harald Schmidt von der ARD zu Sat.1. Sie wurden alle zu Stars. Mit Pocher machte Kogel innerhalb von drei Tagen einen Vertrag. Dann fuhr er, zusammen mit Harald Schmidt, zur ARD. Für den Sender gab es nicht mehr viel zu entscheiden.
Die Late-Night-Moderatoren
sind traditionell ältere Herren,
weil man älteren Herren den Zynismus und das Leiden am Zustand der Welt eher abkauft. Sie bringen einen ins Bett, eigentlich sind sie Gute-Nacht-Onkels. Oliver Pocher ist 29 Jahre alt.
Kogel hat sich deshalb eine Art Kampf der Kulturen für die neue Show ausgedacht. Alt gegen Jung. Klassik gegen Pop. Katholik gegen Zeuge Jehovas. Schmidt gegen Pocher. "Der philosophische Überbau wird sein: Harald erklärt Olli die Welt, und Olli erklärt Harald die Welt. Harald erklärt Olli, wer Mozart ist. Olli erklärt Harald, wer LaFee ist", sagt Kogel. "Ich sehe sein Talent, und ich glaube, ich irre mich nicht. Pocher wird das packen."
Der Letzte, der daran Zweifel hat, ist Oliver Pocher selbst. Er sitzt auf einer Couch hinter der Bühne im Quatsch Comedy Club in Hamburg, es ist Anfang September. Pocher tritt an diesem Abend zusammen mit vier anderen Comedians auf, und auf einem kleinen Fernseher, der das Geschehen auf der Bühne überträgt, kann Pocher verfolgen, wie ein Comedian gerade mit dem Publikum kämpft. Es springt nicht richtig an. Der Standup ist zu langsam, und Comedy ist ein schnelles Geschäft.
Deutsche Komiker leben oft von Auffälligkeiten. Karl Dall, Mike Krüger, Dieter Hallervorden, Kurt Krömer - sie sind immer auch selbst Teil des Witzes. Pocher ist klein, blond und unauffällig. Sein Gesicht ist glatt, ein Jungengesicht. Man unterschätzt ihn deshalb, und vielleicht schützt es ihn auch. Pochers Humor lebt davon, dass es ein Opfer gibt, ein Witz-Opfer. Irgendjemand bietet sich im Publikum immer an, manchmal auch freiwillig.
Pocher geht raus auf die Bühne, schaut in den Saal, wartet einen Augenblick und sagt: "Meine Fresse, wat für Weiber hier heute Abend." Dann läuft er durchs Publikum, auf der Suche nach einem Witz.
"Und, wer bist du?", fragt er einen jungen Türken.
"Emre."
"Gehst du noch zur Schule, Emre?"
"Ja, zehnte Klasse."
"Zehnte Klasse? Gibt's doch gar nicht auf der Hauptschule!"
Alle lachen, auch Emre.
"Was willste denn mal werden?"
"Polizist", sagt Emre.
"Verstehe, endlich auch mal vorne sitzen im Polizeiauto."
Es ist ein einfaches Prinzip, aber es funktioniert. Letztendlich muss man eine Nummer verkaufen können wie Gold, wie den größten Gag der Welt. Harald Schmidt kann das. Und Pocher auch.
Er hat trainiert. Er schrieb ein Programm und ging damit auf Tour. Er spielte es in den vergangenen zweieinhalb Jahren 163-mal, und am Ende wollten ihn 1200 Leute sehen in der Jahrhunderthalle in Frankfurt am Main. Pocher suchte nach Bühnenerfahrung, er klaute die schneidenden Gesten von Harald Schmidt, manchmal kippte seine Stimme ins Falsett wie bei Otto.
Es ist schwer, bei der ARD jemanden zu finden, der über Pocher reden will. Es ist, als fragte man nach dem Teufel. Monika Piel, die WDR-Intendantin, wäre eigentlich eine interessante Gesprächspartnerin. In einem Interview sagte sie, dass Oliver Pocher nicht ihre "Art von Humor" vertrete. Die Pressesprecherin in Köln meint, dass Piel keine Zeit habe und man sowieso besser mit Verena Kulenkampff, der WDR-Programmdirektorin, reden solle. Die sei schließlich für Inhalte zuständig. Leider hat dann Kulenkampff auch keine Zeit. Wochenlang, auch nicht für ein Telefongespräch. Man könne aber Fragen hinschicken. Ansonsten, sagt die Pressesprecherin in Köln, wäre Günter Struve eine Möglichkeit, der ARD-Programmdirektor.
Struve ist 67, er geht bald in Rente, vielleicht schicken sie ihn deshalb vor. Der Pressesprecher in München sagt, dass Struve keine Zeit habe, man könne aber vielleicht ein schriftliches Statement von Struve über Oliver Pocher vorbereiten, aus dem könne man dann zitieren.
Ein schriftliches Statement.
Dann ruft der Pressesprecher wieder an und sagt, Herr Struve könne doch was sagen, am Telefon, 15 Minuten.
Struves Stimme schnarrt. "Schmidt fühlte sich in der alten Form ja nicht mehr wohl. Vielleicht ist ein Pingpongspiel das Richtige. Eine echte Doppelmoderation. Und suchen Sie mal jemanden, der das mit Schmidt machen will und machen kann."
Kann Pocher das?
"Er hat ein flinkes Mundwerk, er kann schnell aus der Hüfte schießen. Er soll sich
in der ARD ja auch nicht kastrieren, es wird da keinen Political-Correctness-Check geben. Zur Not wird Harald Schmidt mäßigend auf ihn einwirken."
Schmidt kam von Sat.1 zur ARD, Reinhold Beckmann und Jörg Pilawa auch. Das war kein Problem, sie passen eigentlich überall hin, in jedes Programm.
Oliver Pocher riecht nach Privatfernsehen. Er war nie woanders. Er ist der Typ aus dem Stefan-Raab-Elton-Sonya-Kraus-Universum, und seine Fans sind so jung, dass nicht sicher ist, ob sie jemals von der ARD gehört haben.
Als Pocher in diesem Sommer auf Tour geht, sind die Hallen voller Kids. Er tritt auf vor 13-Jährigen, 15-Jährigen, 18-Jährigen. Er ist ihr Held. Sein ganzes Comedy-Programm spielt in ihrer Welt - der Privatfernsehwelt. Pocher steht auf der Bühne und erzählt von der "Super Nanny", von "Germany's Next Topmodel", "GZSZ" und "Gülcans Traumhochzeit". Er parodiert Detlef D! Soost, Alexander Klaws, manchmal tanzt er wie die Backstreet Boys.
Harald Schmidt sagt seit Jahren, dass er nur noch ungern im Fernsehen auftritt. Lieber würde er Theater spielen, aber irgendjemand muss den Mist ja machen. In Interviews bringt er gern den Namen Peymann unter. Oder Zadek.
Wahrscheinlich ist es Schmidt egal, wo er seine Show macht. Bei Sat.1 wurde er zum Helden, das deutsche Feuilleton liebte ihn sehr. Er war der Anti-Verfall, und manchmal machte er altes Fernsehen. Schmidt saß bei den Privaten, wirkte dabei aber ab einem gewissen Zeitpunkt irgendwie öffentlich-rechtlich. Er wurde Welterklärer, Haltungsvermittler und intellektuelle Lachrichtlinie.
Oliver Pocher saß im Kinderfernsehen. Erst bei Viva, dann bei ProSieben. In seinen Shows gab es Spaß und Provokationen, und es ist schwer, jemanden zu finden, der das Privatfernsehen so sehr verkörpert wie Oliver Pocher. Er hat immer nur neues Fernsehen gemacht. Er ist selbst im Privatleben noch Privatfernsehen.
Pocher sagt, dass er morgens zuerst den Fernseher anschalte. Dann schaue er sich im Videotext die Quoten an. Er sagt, dass er mit Büchern nichts anfangen könne, aber er lese gerade das Buch "Die TV-Falle" des ehemaligen Sat.1-Chefs Roger Schawinski. Pochers Bühnenprogramm heißt "It's my Life. Aus dem Leben eines B-Promis". Er wurde bei "Hans Meiser" entdeckt, und seine Freundin
ist Monica Ivancan, ein Model, das in der RTL-Show "Bachelorette" nach einem Mann suchte und zuletzt in der ProSieben-Show "Das Model und der Freak" zu sehen war.
In gut zwei Wochen startet die neue Show "Schmidt & Pocher" in der ARD. Sie sitzen dann zusammen an einem Tisch: der öffentlich-rechtliche Schmidt und Oliver Pocher vom Privatfernsehen. Sie sind ein Duo. Altes und neues Fernsehen in einem Studio. Womöglich ist das der Schlusspunkt, sozusagen die vorerst letzte Entwicklungsstufe im deutschen Fernsehen, die 1984 mit dem Sendestart von RTL begann. Wahrscheinlich sind sich beide Systeme noch nie näher gewesen. Vielleicht hebt diese Sendung tatsächlich die letzten Unterschiede zwischen privatem und öffentlich-rechtlichem Fernsehen auf.
Pocher ist jetzt an einem Punkt angekommen, wo nach oben nicht mehr viel Luft ist. Seinen Bekanntheitsgrad sieht er bei "rund 60 Prozent. Jauch, Gottschalk, Schmidt sind so bei 99 Prozent. Diese Lücke muss man noch schließen".
Sein Auftritt beim Deutschen Fernsehpreis war bereits der nächste Schritt. Noch vor drei, vier Jahren, sagt Pocher, sei ihm von RTL indirekt, durch die Hintertür, das Dschungelcamp angeboten worden. Jetzt holten sie ihn als Laudator für die beste Informationssendung. Sie besorgten ihm auch einen Privatflieger, und Pocher stieg nach der Show einfach ein und flog weiter zu einem Auftritt nach Berlin.
Er hat noch keine große Niederlage erlebt, und manchmal staunt er über sein eigenes Leben. "Ich frage mich: Hört das irgendwann auf? Kommt der Zeitpunkt, wo das alles stoppt? Oder wirst du größen-
wahnsinnig und denkst: Wenn alles läuft wie geschnitten Brot, dann versuchst du es jetzt auch noch in Amerika?"
Amerika.
Im kommenden Jahr wird Oliver Pocher 30. Er überlege, sagt er, ob man das in der ARD feiern könnte - so als Show.
* Bei der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises mit "RTL Aktuell"-Moderator Peter Kloeppel, Redaktionsleiter Michael Wulf und Moderatorin Ulrike von der Groeben.
Von Jochen-Martin Gutsch

DER SPIEGEL 41/2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 41/2007
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

UNTERHALTUNG:
Der Lauteste der Lauten

Video 02:01

Roy Moore in Alabama Steve Bannon als Wahlkampfhelfer

  • Video "Charles Jenkins gestorben: US-Deserteur lebte 40 Jahre in Nordkorea" Video 00:54
    Charles Jenkins gestorben: US-Deserteur lebte 40 Jahre in Nordkorea
  • Video "Zweite walisische Liga: Wenn Fußball zum Wintersport wird" Video 00:27
    Zweite walisische Liga: Wenn Fußball zum Wintersport wird
  • Video "Tobsuchtsanfall im Verkehr: Angriff auf die Windschutzscheibe" Video 00:50
    Tobsuchtsanfall im Verkehr: Angriff auf die Windschutzscheibe
  • Video "Virales Video: Junge erzählt von Mobbing in der Schule" Video 01:53
    Virales Video: Junge erzählt von Mobbing in der Schule
  • Video "Sexuelle Belästigung: Drei Frauen erneuern ihre Vorwürfe gegen Donald Trump" Video 01:18
    Sexuelle Belästigung: Drei Frauen erneuern ihre Vorwürfe gegen Donald Trump
  • Video "Champions League: Heynckes darf noch vom Triple träumen" Video 02:05
    Champions League: "Heynckes darf noch vom Triple träumen"
  • Video "Reh-Rettung von zugefrorenem See: Gerade noch mal glatt gegangen" Video 00:56
    Reh-Rettung von zugefrorenem See: Gerade noch mal glatt gegangen
  • Video "SIPRI-Studie: Warum die Welt wieder mehr Waffen kauft" Video 03:16
    SIPRI-Studie: Warum die Welt wieder mehr Waffen kauft
  • Video "Ägypten: Archäologen finden 3500 Jahre alte Mumie" Video 00:43
    Ägypten: Archäologen finden 3500 Jahre alte Mumie
  • Video "Verhungernder Eisbär in Kanada: Keine Nahrung weit und breit" Video 01:02
    Verhungernder Eisbär in Kanada: Keine Nahrung weit und breit
  • Video "Havarie: Fähre strandet im Hafen von Calais" Video 00:47
    Havarie: Fähre strandet im Hafen von Calais
  • Video "Trump vs. Reality: Der Tweet-Commander" Video 02:54
    Trump vs. Reality: Der Tweet-Commander
  • Video "Kalifornien: Waldbrände sorgen für bizarre Wolkenbildung" Video 00:31
    Kalifornien: Waldbrände sorgen für bizarre Wolkenbildung
  • Video "Frontalangriff: Elefant vs. Bus" Video 01:35
    Frontalangriff: Elefant vs. Bus
  • Video "4:4 verloren: Bosz in immer größerer Bedrängnis" Video 01:42
    4:4 verloren: Bosz in immer größerer Bedrängnis
  • Video "Roy Moore in Alabama: Steve Bannon als Wahlkampfhelfer" Video 02:01
    Roy Moore in Alabama: Steve Bannon als Wahlkampfhelfer