Von Dahlkamp, Jürgen
Corinna W. stand an der Tauber. Sie hatte die letzten 14 Meter ihres Lebensweges hinter sich, vom Radweg zum Flussufer, sie hatte das Schlimmste noch vor sich: Schläge, Tritte, Schläge und Tritte, immer wieder. Irgendwann sackte sie ins Gras, benommen. Doch statt sich zusammenzukrümmen vor Schmerz, sich wegzuducken zum Schutz, saß sie einfach nur da, im Schneidersitz. So als warte sie darauf, auch noch die letzte Demütigung ihres Lebens zu empfangen.
Da rammte ihr einer der Männer, die um sie herumstanden, sein Knie ins Gesicht, mit so viel Wucht, dass man das Brechen des Nasenbeins hören konnte, das Blut herausschießen sah. Dass sie das Bewusstsein verlor und nach hinten kippte.
So starb, nur ein paar Minuten später, Corinna W., 30, wie sie gelebt hatte: wehrlos, hilflos, umgeben von Menschen, die keine Skrupel hatten, mit ihr zu machen, was sie wollten. Tod durch Ertrinken stand hinterher im Obduktionsbericht, vermutlich war es ein Tod durch Ertränken, am 3. August, abends gegen 20 Uhr, in Tauberbischofsheim. Vorher hatte einer der Täter noch auf sie uriniert.
Es gibt jedes Jahr um die 800 Morde in Deutschland. Alle sind brutal, die meisten grausam, nur wenige Fälle aber werden zum Fanal. Fälle, die Fragen aufzwingen zum Zustand einer Gesellschaft, zu den Zuständen an ihren ausfransenden Rändern.
Das Verbrechen von Tauberbischofsheim gehört dazu. Schon wegen der bekannten Umstände: Da ist der Tatort - kein schmutziger Hinterhof in der Großstadt, stattdessen so idyllisch gelegen, dass er in den Prospekten grundsätzlich mit dem Adjektiv "lieblich" verschweißt ist: "liebliches Taubertal". Das letzte Tötungsdelikt in der Kleinstadt Tauberbischofsheim liegt vier Jahre zurück.
Vor allem aber ragt die Tat wegen jener Umstände heraus, die bisher in keiner Pressemitteilung der Staatsanwaltschaft Mosbach standen: Corinna W., das Opfer,
war geistig behindert. Ihr Martyrium zog sich mehr als eine Stunde hin - die Täter trieben sie quer durch ein Wohngebiet bis zur Tauber. Und: Während nach dem Stand der Ermittlungen drei der Männer Corinna W. quälten, am Flussufer, am helllichten Tag, und während zwei danebensaßen, fuhren Radfahrer und Inline-Skater vorbei. Auf dem Radweg, nur 14 Meter entfernt. Ohne etwas zu merken?
Es ist bisher seltsam ruhig gewesen um diese Tat. Die "Bild" brachte überregional eine Meldung, mehr nicht. Und selbst die ermittelnde Oberstaatsanwältin Elke O'Donoghue in Mosbach wimmelt Nachfragen erst mal mit dem Satz ab: "Da hatten wir doch schon ganz andere Fälle."
Vermutlich flaut das allgemeine Interesse auch recht schnell ab, wenn über das Opfer gleich in einer der ersten Polizeimeldungen steht, es sei wegen "kleiner Delikte" selbst mal auffällig geworden. Und in einer anderen, vier der fünf Verdächtigen hätten bereits eine Verurteilung kassiert, wegen Körperverletzung oder anderer Dinge. Es geht also um polizeibekannte Leute, die das Falsche trinken, das Verbotene rauchen. Menschen, die sich ab und zu schlagen und die zu oft auf dem Marktplatz herumlungern, weil sie keine Arbeit haben oder keine Arbeit wollen.
Man kann es sich deshalb einfach machen und Totschlag für ein normales Lebensrisiko von Leuten halten, die sich in schlechter Gesellschaft bewegen, für ein Ergebnis übler, aber nicht unüblicher Verwahrlosung. Das aber ist nun die Frage: Wie viel Verwahrlosung ist am unteren Ende der Gesellschaft inzwischen schon so üblich, dass man sie nur noch routiniert zur Kenntnis nimmt? Und wie viel Schulterzucken noch erträglich, wenn ein geistig behinderter Mensch in diesem Milieu umkommt? "Die Frau war das gefundene Opfer", sagt Kripo-Chef Walter Wörrlein: naiv, leichtsinnig, schutzlos.
Die Behinderung der Corinna W. war eine von der Sorte, die man auf den ersten Blick nicht sah, aber auf den zweiten nicht übersehen konnte. Sie hatte mal erzählt, dass sie als Kind vom Balkon gefallen war. Kurz danach schluckte sie Tabletten, die aus einem Schrank gekippt waren - seitdem war sie das, was der Volksmund in manchen Landstrichen "ein bisschen niedlich" nennt, also geistig zurückgeblieben.
Es reicht bei ihr nur für die Sonderschule; eine Ausbildung zur Hauswirtschaftstechnischen Helferin bricht sie ab. Sie bekommt eine gesetzliche Betreuerin, macht Therapien. In letzter Zeit arbeitet sie morgens in einer Behindertenwerkstatt, sie verpackt Schrauben in Plastiktütchen für die Firma Würth, die Stunde für 1,50 Euro.
In Tauberbischofsheim, 13 000 Einwohner, wird eine wie Corinna W. schnell zur öffentlichen Frau. Man sieht sie auf dem Bürgersteig sitzen, wie ein Kind, das spielt, nur dass sie schon erwachsen ist. Sie geht durch die Fußgängerzone, spricht mit sich selbst, kichert vor sich hin. Sie fällt auf, erst recht, seit aus dem verschüchterten Kind eine aufgedrehte - viele behaupten - aufdringliche Frau geworden ist.
"Bei einem Rockkonzert am Nürburgring hatte sie zum ersten Mal Drogen bekommen, vor sechs oder sieben Jahren, danach wurde sie völlig anders", sagt ein Bekannter. Sie lässt sich nun auf alles ein, lässt alles an sich heran. Ihr fehlt jeder Schutzinstinkt, was gut für sie ist und wer schlecht, jedes soziale Immunsystem, wem sie vertrauen kann und was sie sich trauen darf. Was ist richtig, was falsch, was gefährlich?
Und was vielleicht tödlich? Sie weiß es nicht. Und schon gar nicht weiß sie es bei Männern.
Dass sie zum ersten Mal einen richtigen Freund hat, erkennt man schon bald an ihrem Gesicht, ihrem Hals: grüne und blaue Flecken, Würgemale. Er schlägt sie, sogar als sie schwanger ist; sie verliert das Kind. Der nächste Freund kommt aus Würzburg, nimmt auch Drogen und sagt ihr, dass er sie nur im Suff erträgt - es stört sie angeblich nicht. So wenig wie Sex mit irgendwelchen Männern. Einmal verabredet sie sich mit zwei Freundinnen zu einem Hardrock-Festival drüben in Lauda-Königshofen, acht Kilometer von Tauberbischofsheim. Sie kommt zu spät, sie sagt, sie habe dem Typen, der sie mitgenommen habe, dafür erst noch was Gutes getan. Welchem Typen? Keine Ahnung.
"Sie war auf der Suche nach Liebe, nach einem Halt, aber alle haben sie immer nur ausgenutzt", sagt Alexandra Geiger, beste Freundin in den letzten Wochen ihres Lebens. Die Jungs, die ihr Hasch besorgten, nutzten sie aus, und die Kerle, die an einem Tag Sex mit ihr hatten und am nächsten nichts mehr von ihr wissen wollten, taten es auch. Männer, zu denen auch Michael S. gehört haben soll. Auch wenn der immer behauptete, von der "Conny" wolle er bestimmt nichts, die nerve nur.
Ihrer Freundin Alexandra erzählte Corinna W. etwas anderes: Sie habe Sex mit Michael S., dafür bekomme sie Drogen. Er scheint der eine Mann zu viel gewesen zu sein, die eine Gefahr, die sie nicht erkannt hat - weil sie Gefahren nicht erkennen konnte.
Fünf Männer stehen am 3. August, abends gegen sechs, auf dem Wörtplatz, am Rande der Innenstadt von Tauberbischofsheim - keiner ihrer Anwälte will zu den Ereignissen der kommenden drei Stunden etwas sagen, zu den Vorwürfen. Auch Polizei und Staatsanwaltschaft äußern sich dazu nicht - die Ermittlungen sind noch nicht abgeschlossen. Trotzdem lässt sich ein Ablauf rekonstruieren, aus Aussagen der mutmaßlichen Täter, die zum Teil geständig sind, aus dem, was die Kripo mittlerweile herausgefunden hat.
Es ist im Moment nur eine Version dieser letzten Stunden im Leben der Corinna W., eine Version, die sich noch ändern kann, bis die Staatsanwaltschaft ihre Anklage vorlegt und der Prozess beginnt, voraussichtlich Anfang Dezember. Vor allem gibt es unterschiedliche Angaben, wer von den fünf Männern was genau getan haben soll. Aber in den großen Linien steht für die Ermittler das Bild. Und wenn es ein Rätsel gibt, dann das Motiv: "Wir haben keine Erklärung", sagt Oberstaatsanwältin O'Donoghue; "das kann man nicht begreifen", sagt auch der Kripo-Chef Wörrlein und gibt den Versuch auf, die Tat mit der üblichen Kausalkette von Ursache und Wirkung zu erklären.
Es ist eines dieser Verbrechen, die anscheinend aus dem Nichts passieren, und sie beginnen dann so, wie es einer der Verdächtigen, André B., später in seiner Vernehmung beschrieb: Warum er mit den anderen mitgegangen sei, zu jenem Wohnungseinbruch, mit dem alles anfing? "So halt. Ich hatte eh nichts Besseres zu tun."
Fünf Männer: Stefan G., 24, André B., und Stefan S., beide 23, Martin S., 19. Der fünfte ist Michael S., 21, der Bekannte von Corinna. Sie sind keine feste Clique; André etwa lebt erst ein gutes halbes Jahr in Tauberbischofsheim. Vor zwei Monaten ist Stefan G. bei ihm eingezogen, die anderen kennt André nur flüchtig, wenn überhaupt. Sie finden sich trotzdem: Sie haben Zeit, es ist der erste Abend des Wochenendes, und drei von ihnen haben sowieso keine Arbeit. Sie haben sich zu nichts Besonderem getroffen, nur zum Trinken.
Mit der Polizei haben alle schon mal zu tun gehabt: drei mit läppischeren Sachen - eine Sachbeschädigung hier, eine Cannabis-Geschichte dort. Für Stefan S. liefert der Computer dagegen fast ein Dutzend Treffer, für Michael S. noch mehr: Körperverletzung, Eigentumsdelikte - er saß schon mal im Knast. Aber Mord? Die Ermittler gehen zurzeit davon aus: Keiner der fünf Männer hat am Morgen auch nur die blasseste Ahnung, dass sie einen Menschen auf dem Gewissen haben werden, noch bevor der Tag zu Ende ist.
Sie hängen schon seit dem Nachmittag zusammen, fangen an zu trinken, streunen zum Wörtplatz, der nicht mehr ist als ein großer Parkplatz. Da bekommt Michael S. jenen Anruf, mit dem alles beginnt. Am Apparat: Corinna W. Kurz danach steht sie bei ihnen. Sie brauche Hilfe, sagt sie. Sie habe einem Mann 200 Euro gegeben, aber der habe den versprochenen Stoff nicht herausgerückt.
Corinna will das Geld zurück, alle zusammen gehen sie zum Haus des Mannes, und als der nicht da ist, treten sie die Tür ein. Sie filzen die Wohnung im zweiten Stock. Doch das Einzige, was sie oben finden, sind zwei Flaschen Schnaps; einen Braunen, einen Klaren, beide nehmen sie mit. Und ein Stück von einem Besenstiel - Martin kommt damit die Treppe herunter.
Sie sind jetzt schon geladen, ein paar Bier, aber mehr noch, weil sie nichts entdeckt haben, was es wert gewesen wäre. Ein Einbruch für zwei Flaschen Schnaps? Plötzlich ist da Wut, mehr als man erklären kann, nur ein Anlass fehlt jetzt noch zur Entladung. Das ist der Moment, in dem Corinna W., die behinderte Corinna mit ihrer Unfähigkeit, etwas richtig einzuschätzen, einen Satz daherplappert, der die anderen explodieren lässt: dass es ja gar nicht 200 Euro waren. Nur 25.
Was nun folgt, ist weitgehend die Version der Fahnder, wie sie im Haftbefehl steht. Demnach laufen die fünf mit Corinna W. quer durch ein Wohngebiet. Nur 100 Meter vor ihrem Elternhaus biegen sie ab, auf einen schmalen Weg. Es geht an Garagen vorbei, zu einer Treppe, Corinna W. setzt sich hin, und Martin nimmt den Besenstiel. Er holt weit aus und schlägt ihn hart in ihr Gesicht.
Sie hält sich die Wange, sie weint, sie bettelt, sie spaltet die Täter in zwei Gruppen: Totmacher und Zugucker. Stefan S. meint, die anderen sollten doch aufhören, auch André steht nur dabei, sie werden die Beisitzer eines tödlichen Tribunals sein. Martin aber schlägt Corinna jetzt auch
noch die Faust ins Gesicht; Michael und Stefan G. feuern ihn an. Ihre Richter, ihre Henker.
"Ich kann nichts dafür, dass die sie ficken", rechtfertigt sich Stefan S. später bei der Polizei dafür, dass er zwar nicht mitmacht, aber auch nicht dazwischen- geht. Und André barmt in seiner Vernehmung: "Ich bin da ganz blöd in etwas reingerutscht, was ich nicht wollte."
Michael, Martin und Stefan G. zwingen Corinna mitzukommen, "sonst bekommst du noch eine reingehauen", sagt einer. Sie gehen durch zwei Wohnstraßen - die Schlachtstraße und die Schlachtsteige - ihr verängstigtes Opfer zwischen sich, so erreichen sie das Tauberufer: nur 100 Meter links ein McDonald's, nur 200 Meter rechts eine Filiale der Sandwich-Kette Subway.
Martin und Stefan G. dreschen und treten auf Corinna ein, Martin rammt ihr das Knie ins Gesicht, sie liegt jetzt bewusstlos auf dem Boden. Stefan S. hockt daneben, als ginge ihn das alles nichts an. Er spielt mit seiner Ratte, die er schon den ganzen Nachmittag mit sich herumschleppt.
Dann setzt er sich weiter weg, mit André, auf eine Bank direkt vor McDonald's, noch in Rufweite. Aus Sicht der Ermittler stehen sie "Schmiere", und zumindest geht keiner der beiden ins gutgefüllte Schnellrestaurant, sie holen keine Hilfe, sie rufen nicht die Polizei. Sie schlagen die Zeit tot, während weiter rechts Stefan G. und Martin S. jetzt mit morschen Stöcken auf die bewusstlose Corinna einschlagen, ihr in den Rücken treten. Und während Stefan G. auf sie uriniert.
Corinna blutet aus dem Mund, der Nase, das Ergebnis einer Gewaltorgie, die sich hinzieht, möglicherweise bis zu einer Dreiviertelstunde.
Es ist ein warmer, trockener Sommerabend, Wochenende, sechs oder sieben Radfahrer und Inline-Skater kommen in dieser Zeit auf dem Radweg vorbei, sagt André später aus. Das Gras im Uferstreifen ist Anfang August 20 Zentimeter hoch - zu hoch, um etwas zu sehen? Doch dafür ist der Abstand zum Radweg eigentlich zu gering. Die anderen sollen jedes Mal mit den Schlägen und Tritten aufgehört, die Passanten laut mit "Hallo" gegrüßt haben, behauptet André. Denkt man sich also nichts dabei, wenn eine Frau blutend am Boden liegt und Männer, die um sie herumstehen, freundlich grüßen, als wäre das nichts Besonderes? Oder will man sich nichts denken?
Corinna W. bewegt sich nicht mehr, aber tot ist sie noch nicht, sie röchelt. Ihre Peiniger lassen sich Zeit. Einer holt erst mal zwei Sixpacks Bier von der Shell-Tankstelle neben dem McDonald's. Nach dem Bier bringen sie es zu Ende, angeblich aus Angst, dass Corinna W. sie wegen des Wohnungseinbruchs verpfeifen könnte.
Martin, so die Version der Ermittler, sticht ihr ein Messer in die linke Brust, nicht tief, nur drei Zentimeter. Auch das ist noch nicht tödlich - vielleicht noch so ein sadistischer Exzess, wie vorher das Urinieren. Nun aber rollen alle drei ihr Opfer mit den Füßen in die Tauber. Und als sie immer noch nicht sterben will, als sie nicht untergeht, soll Michael S., so der Vorwurf, einen Stock genommen und ihren Kopf unter Wasser gedrückt haben. Bis es vorbei war.
Dann gehen sie zurück zu André und Stefan S., erzählen angeblich vom Messer, vom Stock und dass sie Corinna in der Tauber "versenkt" haben. Sie lachen. Stefan S. sagt später, die drei hätten es "total geil" gefunden. Um 20.22 Uhr ruft ein Passant bei der Polizei an. In der Tauber treibe ein Mensch.
Michael S., Martin S. und Stefan G. sitzen jetzt unter Mordverdacht in U-Haft, Stefan S. und André B. sind wieder frei - gegen sie läuft ein Verfahren wegen Beihilfe zur gefährlichen Körperverletzung und unterlassener Hilfeleistung.
Die fünf wurden noch am gleichen Abend gefasst. Sie hatten einen großen Bogen geschlagen, Michael S. verbrannte unterwegs sein T-Shirt, Martin S. seine Joggingjacke, dann kehrten sie zum Tatort zurück: Was denn da passiert sei, fragten sie einen Polizisten. Der wusste schon, wer die Tote war, man kannte sie ja. Er hatte auch gehört, dass sie mit fünf Jugendlichen zusammen war; viele hatten sie gesehen. Er nahm die Männer auf der Stelle fest.
In der Kleinstadt rätseln sie nun: "Die Tauberbischofsheimer sind erschüttert", sagt Bürgermeister Wolfgang Vockel, "hier ist die Welt doch eigentlich sehr viel heiler als anderswo." Heiler ja. Aber heil eben auch nicht mehr.
Wenn die Ermittler nicht noch auf ein handfestes Motiv stoßen, steht die Tat also am ehesten für einen Verfall: Dummheit, die es immer schon gab, ist auch auf dem Land mutiert zu Dumpfheit, brutal und gnadenlos; aus den Tumben sind auch hier inzwischen die Abgestumpften geworden, in denen sich kein Mitgefühl regt. Nun reicht die menschliche Verwahrlosung von den Problemvierteln deutscher Metropolen bis tief in die Provinz.
"So etwas hat es hier noch nicht gegeben", erschrickt selbst Kripo-Chef Wörrlein - ein Erschrecken über die Täter, so grausam, so gleichgültig, aber mehr noch über das Symptomatische: "Ich weiß nicht, wo unsere Gesellschaft noch hindriftet."
Am Tatort steht eine Esche. Jemand hat einen Zettel darangeheftet, in Erinnerung an Corinna W. "Sie hat so oft nach Liebe geschrien, aber es hat keiner hören wollen", steht da, und: "Ist es nun das Taubertal oder das taube Tal?"
Vermutlich ist das Taubertal nur so taub wie jede andere Gegend auch. Dass jeder noch auf jeden achtet, gehört zu jenem Prinzip Provinz, das nun zerfällt. Und dass alle zusammen ein bisschen auf den Dorftrottel aufpassen, damit ihm nichts zustößt, zu einem längst vergilbten Bild des Landlebens. Seit auch in den so geruhsamen Dörfern und Kleinstädten jeder genug mit sich zu tun hat, geht auch dort der Blick weg, nicht mehr hin. Selbst 14 Meter können dann zu einer Entfernung werden, zu groß, um noch genau hinzugucken.
So schützte am Ende niemand Corinna W. - vor dem Irrsinn der Täter, vor dem Leichtsinn, mit dem sie sich ihnen auslieferte. "Vielleicht geistert in manchen Köpfen doch das Vorurteil, die ist doch selbst Schuld", steht auf dem Zettel an der Esche. "Schämt Euch."
DER SPIEGEL 41/2007
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