08.10.2007

STARSDie Sanftwütige

Innerhalb weniger Jahre hat sich die Schauspielerin Veronica Ferres vom naiven Blondchen zu einer omnipräsenten Staats-Aktrice mit Betroffenheits- und Quotengarantie emporgearbeitet. Bei den Zuschauern ist sie beliebt - in der Branche weniger.
Die Werbung für "Die Frau vom Checkpoint Charlie" klebte noch überall, als der TV-Film schon gelaufen war. Aufmüpfig-entschlossen blickte Veronica Ferres, 42, von den Plakaten, ein wenig aufdringlich in Szene gesetzt vor schwarzrotgoldenen Flaggen.
Rechnet man die Zuschauer zusammen, die den Zweiteiler zuerst bei Arte gesehen haben und dann bei der ARD, waren es im Schnitt zehn Millionen. Das ist die Kategorie, in der nur noch "Wetten, dass ...?", Fußball-Nationalelf und manchmal Formel 1 rangieren. Der zweite Teil des DDR-Dramas am Montagabend vergangener Woche schlug alles andere um Längen, auch Jauch. Die zehn Millionen sind ihr Triumph und ein Beleg: Ferres kann Quote.
"So schön, so sinnlich, so sexy", seufzte die "Bunte". "Deutschlands einzige Diva", beklatscht sie ARD-Programmchef Günter Struve. "Deutschlands erfolgreichste Schauspielerin", legt sich das ARD-Kulturmagazin "ttt - Titel Thesen Temperamente" mit in die Spur.
Ihr Triumph ist auch das Produkt einer medialen Kampagne. Vor "Checkpoint Charlie" und der Ferres gab es kein Entkommen in den vergangenen Tagen. Die "Bild"-Zeitung flankierte den Film mit großflächiger Dauerberichterstattung. Die ARD-Werbung lieferte eine Reklame-Kanonade. Dazu kamen Auftritte in den ARD-Sendungen "Beckmann" und "Anne Will", wo Ferres berichtete, wie sehr sie schockiert sei von dem Unrecht, das ihr Film erzählt. Betroffenheit steht ihr gut.
In Deutschland, einig Ferres-Land, ist sie mittlerweile omnipräsent: Jahrelang flanierte sie ätherisch entrückt durch die Blubberreklame eines Mobilfunkkonzerns. Wenn irgendwo ein Filmpreis vergeben wird, steht Ferres schon auf dem roten Teppich. Kaum ein Boulevard-Cover, kaum eine Benefiz-Gala, kaum ein TV-Ereignis ist vor ihr sicher. Neulich hat sie sogar ein Luxusfährschiff getauft.
Anders als klassische Diven macht sich Ferres mit wachsendem Ruhm nicht rar, sondern zum allgegenwärtigen Abziehbild. Ihre Tage scheinen 48 Stunden zu haben. Anders ist ihre Dauerpräsenz in Presse, Fernsehen und Gesellschaft kaum noch zu erklären, die doch nur noch dem einen Sinn dient, ihre monolithische Madonnenhaftigkeit zu unterstreichen. Das ist die eine Ferres.
Die andere bricht auch mal ein Interview ab, wenn es ihr nicht passt. Wer Kritisches schreibt, kann beinahe darauf wetten, dass er Post von ihrem Anwalt bekommt. Auch Nickeligkeiten lässt sie gern richtigstellen. Und selbst wer mit ihr arbeitet, schlägt oft diesen höhnischen Ach-Gott-die-Ferres-Ton an.
Selbsterschaffene Ikone und Realität sind dabei immer schwerer zur Deckung zu bringen. Die eine Ferres, unzählig oft in "Bild" und "Bunte" angepriesen, stellt sich dar als den guten Star, der sich aus komödiantischen Tiefen ins ernsthafte Fach hochgearbeitet hat, tiefbetroffen ernste Themen ins Fernsehen bringt und Wohltätiges tut mit einem Verein namens Power-Child, der gegen Kindesmissbrauch kämpft.
Die andere Ferres schildern Fernsehmacher, die sie kennen. Sie beschreiben eine Diva. Anstrengend sei sie, launisch und wählerisch. Eine, die zeige, wer der Star ist. Zu dieser Diskrepanz passt durchaus, dass die Person, in der diese Gegensätze kulminieren, immer kleiner zu werden scheint, je näher man ihr kommt.
Es ist Dienstag vergangener Woche. Die "Checkpoint"-Traumquoten sind bereits bekannt. Veronica Ferres erscheint mit dem Fahrrad zu dem Treffen in einem Münchner Biergarten. Sie trinkt Rhabarberschorle. Sie ist Schauspielerin, auch hier. Gerade hier. Sie lässt sich in die Rolle der bescheiden-gelassenen Aktrice fallen. In der folgenden knappen Stunde ist sie gut darin, auch wenn - nein, auch weil sie Sätze sagt, die zwischen Glückskeksweisheit und fernöstlicher Philosophie pendeln. Sätze, wie sie in Pilcher-Verfilmungen genauso gesagt werden könnten wie in Frisiersalons. Aber sie sagt sie mit Andacht.
Etwa: Egal, mit wie vielen Preisen und Medaillen man einen Menschen überhäufe, wenn er sich nicht aus dem Inneren heraus als der liebe, der er ist, dann sei er ständig auf der Suche nach etwas, was ihm von außen niemand geben kann. Sie sagt viele solcher Sätze, und sie schaut sehr, sehr sanft dabei.
Sie bewundert den Dalai Lama. Sie schwärmt für den Buddhismus. Ihre Lieblingsautoren sind Hermann Hesse und Paulo Coelho. Sie begeistert sich für "Der Prophet" von Khalil Gibran und "Die Möwe Jonathan" von Richard Bach. Bücher, aus denen sich reihenweise Sinnsprüche destillieren lassen, die perfekt in jeden Großdruck-Glücksratgeber passen.
Auf die Fernsehwelt übertragen, droht daraus Bescheidenheitskitsch zu werden: Wenn "Checkpoint Charlie" nur einem einzigen Menschen helfe, sein Leben zu ändern, sei das wichtiger als jede Quote. Der Weltfrieden ist in solchen Momenten nur noch ein Handauflegen entfernt.
Vielleicht ist das aber auch schon das Geheimnis ihres Erfolgs. Man hat den Eindruck, dass bei ihr die komplizierte Welt stets auf eine begreifbare Botschaft zusammenschnurrt. Sie überfordert niemanden, weder in ihren Interviews noch als Tragödin. Sie spielt starke Frauen immer so, wie sich die Mehrheit starke Frauen vorstellt.
Man könnte auch sagen: Es ist unmöglich, die Ferres nicht zu begreifen.
In der gewissermaßen offiziellen Geschichtsschreibung der Promi-Presse ist diese buddhistisch angehauchte Glückseligkeit, über die der Star in unendlich vielen Variationen plaudern kann, das Ergebnis eines biografischen Reifungsprozesses:
Mädchen aus der Provinz, Tochter eines Kartoffelhändlers in Solingen, arbeitet sich hoch. Schwierige Jugend. Als Teenager ritzt sie sich die Unterarme auf, leidet unter Fettsucht und Magerkeit. Sie will ans Theater. Mehrere Schauspielschulen lehnen ab. Das Mädchen jobbt als Spülerin in einer Kneipe, putzt, schraubt am Fließband Deckel auf Leberwurstgläser, nimmt Unterricht auf eigene Rechnung bei besten Lehrern.
Irgendwann wird ein Regie-Star auf sie aufmerksam. So wurde sie das Blondchen an der Seite von Helmut Dietl ("Kir Royal"), den manche mittlerweile schon eher als Ferres-Ex wahrnehmen, denn das Märchen ging weiter: Mädchen und Regisseur trennen sich. Das macht das Mädchen nur noch stärker. Es spielt jetzt ernsthafte Rollen, die größer und größer werden.
Der Boulevardpresse erzählt Ferres ohne Scheu von ihrer eigenen Hirnhautentzündung, vom Tod ihrer Mutter und wie sie in die "stahlblauen Paul-Newman-Augen" ihres jetzigen Mannes, eines Marketingexperten, abtauchte. Hauptsache, es kommt rüber, wie sehr sie seitdem eine andere ist. In der Nach-Dietl-Zeit. Der ernsthaften Phase. Man könnte den Eindruck haben, dass sie es vor allem sich selbst immer wieder vorsagen muss.
Die Schriftstellerin und TV-Moderatorin Elke Heidenreich schrieb über eine Begegnung mit Ferres: "Wir verstanden uns auf Anhieb an genau diesem Punkt: mit unendlicher Anstrengung etwas zu tun, das man liebt, und mit dem tiefen Wunsch, dafür nicht angegriffen, sondern respektiert zu werden."
Das hat sie geschafft. Und sie will, dass es so bleibt.
Mit Journalisten gehen sie und ihr Stab dabei oft pingelig um. Das "SZ-Magazin"
bekam nach einer kritischen Geschichte einen Brief vom Anwalt. Der benölte etwa, es stimme nicht, dass das Büro von Frau Ferres ein Stockwerk über der Firma ihres Mannes liege. Es ist lediglich im gleichen Haus.
Im Bahnmagazin "mobil" ließ sie nach einer Geschichte eine drittel Seite mit Richtigstellungen drucken. Dabei war das Porträt durchaus wohlwollend.
Ein Gespräch mit einer Journalistin der "Frankfurter Rundschau" ("FR"), die ein Porträt schreiben wollte und ziemlich kritisch nachhakte, brach Ferres nach rund 20 Minuten ab, weil die Journalistin ihren neuen Film nur ausschnittweise gesehen hatte.
Am folgenden Tag schickte die Produktionsfirma der "FR" eine Mail, das Blatt solle bitte jemand anderen schicken.
Nach außen möge das mäkelig wirken, sagt Veronica Ferres. Aber sie habe das Recht dazu.
Sie ist jetzt ein Star. Sie kann sich die Diva leisten.
Nach den Jahren an der Seite von Helmut Dietl, nach ihren Anfängen als komische Blondine in Filmen wie "Rossini" (mit Götz George) und "Das Superweib" hat sie sich aus eigener Kraft so weit nach oben gearbeitet, dass sie sich heute Drehbücher und Regisseure aussuchen kann. Und die Leute von der Maske und die Hotels und tausend Kleinigkeiten außerdem.
Mancher Verantwortliche in den TV-Zentralen stöhnt über den Betreuungsaufwand, den die Quotenkönigin Ferres erfordert und der, glaubt man den Erzählungen, höher ist als bei anderen Schauspielerinnen - selbst in ihrer Kategorie.
"Starallüren habe ich nicht", sagt Ferres dazu. "Das wäre mir neu." Vor allem gehe es ihr darum, ihre Tochter mit am Drehort zu haben. Sie wolle dort lediglich den gleichen Standard haben wie zu Hause, und wenn es einem Film diene, könne sie auch ihre Ansprüche zurückstellen.
Tatsächlich wird sie betütert wie kaum ein zweiter deutscher Star. Sie ist jetzt mächtig. Ihr Einfluss ist groß. Sie kann fast überall mitreden.
Doch der Genuss dieser Macht, ja schon der Genuss von Luxus passt natürlich nicht zu ihrem eigenartigen Ideal von Abgeklärtheit, das sie immer statuenhafter werden lässt.
Sie sagt zwar, sie habe von der Mutter die preußische Diszipliniertheit und vom Vater die Zerrissenheit. Doch in ihrer öffentlichen Rolle und in ihrem Spiel taucht Zerrissenheit nicht mehr auf. Sie hat sich selbst zu einer Säulenheiligen des Fernsehens glattpoliert.
In den "Checkpoint Charlie"-Fernsehkritiken, die von "Kitsch" bis "großartig" die ganze Bandbreite von Zustimmung bis Ablehnung abdeckten, taucht eine Charakterisierung ihrer Rolle auf, die auch eine Charakterisierung ihrer Person sein könnte: Jeanne d'Arc.
So tritt sie auch auf, wenn sie etwa bei "Anne Will" über das Unrecht in der DDR doziert. Sie hat dann etwas Erleuchtetes, Missionarisches, von der eigenen Überzeugung Euphorisiertes.
So ist das häufig. Es gibt eine Art Imagetransfer zwischen der Schauspielerin Veronica Ferres und den Rollen, die sie spielt. Oft sind es engagierte Frauen, die ihren Weg gefunden haben und zu Ende gehen, gegen eine Welt von Widerständen. So sieht sich die Ferres auch selbst gern.
Sie erzählt von politisch engagierten Drehbüchern, die eigentlich kein Sender haben wollte. Nun spielt sie in Dramen um Stasi und die Nervenkrankheit ALS. Sie ist ernsthaft, sie ist auf der Seite der Opfer. Sie braucht die Schwachen und Entrechteten förmlich.
Sie macht nie Sachen, die falsch sind. Sie blamiert sich nicht. Und es klingt immer unheimlich ehrlich, wenn sie sich für das Wahre und Gute einsetzt. Aber auf Dauer ist die Diva auf dem Selbstfindungstrip ermüdend. Sie provoziert.
In den vergangenen Tagen hätte nur gefehlt, dass sie auch noch den Deutschen Fernsehpreis bekommen hätte. Sie war zwar nominiert, klar, für ihre Rolle in "Vom Ende der Eiszeit". Aber ausgezeichnet wurde am Ende Maria Furtwängler, die andere Quotenbringerin des deutschen Fernsehens.
Veronica Ferres sitzt hinter ihrem Rhabarberschorle-Glas. Sie lächelt es weg, vergisst aber auch nicht, noch rasch aufzuzählen, welche Auszeichnungen sie schon besitzt. Dann kommen wieder die Sprechblasen: Ein Preis mache einen Film doch nicht besser oder schlechter.
Am Rande der Verleihung wanderte ein Kamerateam durch die Promi-Reihen. Irgendwann stand Stefan Raab da, der den Preis für "Schlag den Raab" bekam. Das Kamerateam solle mal zur Ferres rüber, gucken, was die für ein Gesicht mache. Raab grinste sehr breit. Er meinte es nicht nett. MARKUS BRAUCK
Von Markus Brauck

DER SPIEGEL 41/2007
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