08.10.2007

Gefühl und Glauben

Zur Frankfurter Buchmesse stellt die Kulturredaktion wichtige Neuerscheinungen vor: spannende Expeditionen in die Welten der Emotionen, des Geistes und zu den Religionen der Welt.

HELD WIDER WILLEN

Der Roman des Katalanen Jaume Cabré handelt vom Trauma des Spanischen Bürgerkriegs.

Der Bürgerkrieg ist zu Ende, aber noch nicht vergangen. Alte Wunden schwären, neue werden geschlagen. An den Hauswänden des kleinen spanischen Pyrenäendorfs Torena am Fluss Pamano kleben der Hass und die Angst.

Der brutale faschistische Bürgermeister Valentí Targa, genannt der Henker von Torena, tyrannisiert mit seinen Falangisten die Bewohner, unter denen er überall rotes Gesindel wittert, mit Mord und Totschlag. Die kluge, kalte Großgrundbesitzerin Elisenda Vilabrú sinnt auf Rache und manipuliert die Männer mit ihrem unermesslichen Reichtum und ihrer betörenden Schönheit. Von den Berghängen her verüben die übriggebliebenen Widerstandskämpfer Vergeltungsanschläge.

Zwischen alle Fronten gerät der junge Dorfschullehrer Oriol Fontelles, ein zartbesaiteter, ängstlicher Mensch, dessen schwangere Frau ihn wegen seiner vermeintlichen Feigheit verlässt. Fontelles verstrickt sich in ein gefährliches Doppelleben, in dem er nicht länger nur als Marionette existieren will, was ihm am 18. Oktober 1944 zum Verhängnis wird.

Starb der Held wider Willen in der Kirche als Märtyrer? Aber für wen - für die Faschisten oder den Widerstand?

Fast 60 Jahre später findet die Lehrerin Tina Bros in der alten, zum Abriss bestimmten Dorfschule das geheime Tagebuch, das Fontelles hinter der Schiefertafel versteckt hatte, in der Hoffnung, irgendwann werde es sein Kind erreichen. Sie macht sich auf die Suche nach der Wahrheit - und facht alte Leidenschaften aufs Neue an. Auf mehreren Zeitebenen, von den dreißiger und vierziger Jahren bis in die Gegenwart, erzählt der großartige katalanische Autor Jaume Cabré, 60, in raschen Schnitten mit wechselnden Perspektiven ein dramatisches Geschehen - und entwirft zugleich ein spannendes Politik- und Sittengemälde Spaniens von Franco bis heute. ROMAIN LEICK

Jaume Cabré

Die Stimmen des Flusses

Aus dem Katalanischen von Kirsten Brandt. Insel Verlag, Frankfurt am Main; 672 Seiten; 22,80 Euro.

ZERRÜTTUNG DES LEBENS

Präzise beschreibt Annette Pehnt die Bedrohung einer bürgerlichen Existenz.

Es beginnt mit einer Kündigung. "Das war's", sagt Jo zu seiner Frau am Küchentisch. Monatelang ist er von seiner neuen Chefin gemobbt worden, nun darf der Familienvater von einem Tag auf den anderen nicht mehr an seinen Arbeitsplatz zurück. Die Frau reagiert ungläubig, sie schüttelt den Kopf, fängt an zu lächeln.

Es sind Beobachtungen wie diese, die Annette Pehnts Roman "Mobbing" zu einem herausragenden Buch machen. Mit unerbittlicher Genauigkeit geht sie den Zerrüttungen nach, zu denen eine plötzliche Arbeitslosigkeit mitten im Leben führen kann. Anfangs versucht die Frau, ihrem Mann den Rücken zu stärken, beide reden sich ein, dass man doch nun endlich mal zu den Dingen käme, die man schon immer tun wollte. Doch die Aussichtslosigkeit legt sich wie eine Lähmung über die ganze Familie. Keine Arbeit, kein Geld, kein Zugang mehr zu den bürgerlichen Glücksversprechen: Die Ferien müssen ausfallen, der Musikunterricht für die Kinder wird gestrichen, Abendeinladungen finden nicht mehr statt. Und das sind nur die nach außen sichtbaren Folgen.

Besonders bewegend ist dieses Buch in den Schilderungen der inneren Katastrophen - wie sich die Ehepartner irgendwann darauf einigen, still beieinanderzusitzen, weil jedes Wort zu neuem Streit führt. Trotz des düsteren Stoffs erzählt Annette Pehnt, 40, in leichtem Ton, mit leichter Hand und verwandelt das Thema Mobbing auf beeindruckende Weise in Literatur.

CLAUDIA VOIGT

Annette Pehnt

Mobbing

Piper Verlag, München; 168 Seiten; 16,90 Euro.

RADIKAL STILLE EXISTENZ

Das Bild einer jungen Frau, die versucht, sich dem Leben zu verweigern - mit Poesie gezeichnet von Jagoda Marinic.

Sich selbst ganz und gar ernst zu nehmen, verzweifelt ernst - das gehört zur Adoleszenz, auch wenn die Verzweifelte Humor hat.

Die 1977 in Waiblingen geborene Jagoda Marinic hat eine Menge Ingrimm und satirischen Witz und damit ein Buch der Verzweiflung geschrieben, das schwarz ist wie eine Nacht im Gebirge und ruhelos wie ein Tag in Berlin.

Ihre Heldin, eine junge Frau aus der Provinz, lebt in der Hauptstadt rasanter Mitte ein radikal stilles Leben: in einer Wohngemeinschaft, die ihr nichts bedeutet, mit einer Arbeit, die sie nur beschäftigt, und nicht einmal willig, sich zu verlieben. "Im nächsten Leben: Bernstein werden", das nimmt sie sich vor.

Absolut in seinem poetischen Ernst, spartanisch in seinen Mitteln ist dieser erste Roman der Theaterautorin und Erzählerin Marinic. Er preist, darin ein klassisches Jugendwerk, die Verweigerung des Lebens als würdige Alternative zu dessen Verplemperung. ELKE SCHMITTER

Jagoda Marinic

Die Namenlose

Verlag Nagel & Kimche,

Zürich; 160 Seiten;

16,90 Euro.

DER FLUCH DER GERECHTEN

Jan Siebelink analysiert in seinem Roman die destruktive Kraft des religiösen Fanatismus.

Sein Vater ist einer der Gerechten. Der aus der Bibel zitiert, bevor er seinen Sohn mit bloßer Hand verprügelt. Hans Sievez fürchtet den Vater, seine Härte, seine Religiosität, die er wie eine Waffe benutzt. Als die Mutter stirbt und als der Vater dann noch Hans' Kaninchen tötet, da macht sich der Junge heimlich davon - aus der niederländischen Provinz flieht er in die Stadt und beginnt eine Gärtnerlehre. Dort arbeitet auch Jozef Mieras, ein massiger, merkwürdiger Geselle, ein Außenseiter und Laienprediger, der Hans in den Kreis fundamentalistischer Calvinisten einführen möchte. Hans ist fasziniert und abgestoßen, und am Ende siegen Furcht und Abscheu. Jahre später kehrt Hans in seine Heimat zurück und verwirklicht seinen Traum: eine eigene Gärtnerei. Er heiratet seine Jugendliebe, wird Vater, doch das private Glück ist getrübt - die Gärtnerei läuft nicht richtig. Und dann fällt ein noch schwärzerer Schatten auf Hans und seine Familie: Mieras und seine schwarzgekleideten, hässlichen Predigerkumpane tauchen wieder auf. Dieses Mal, bedrängt

Jan Siebelink

Im Garten des Vaters

Aus dem Niederländischen von Bettina Bach. Arche Literatur Verlag, Zürich; 528 Seiten;

24 Euro.

von wirtschaftlicher Not, beugt sich Hans der Macht ihrer bibelgestützten Drohungen und Versprechungen, er entfremdet sich immer mehr seiner Familie - und sich selbst.

Der Schriftsteller Jan Siebelink, 69, hat mit "Im Garten des Vaters" seine Beziehung zu seinem strenggläubigen Vater aufgearbeitet; und er hat die destruktive Kraft des Fundamentalismus so zum Fürchten genau beschrieben, dass er Todesdrohungen in seinem Briefkasten vorfand. Das Thema beschäftigt offensichtlich sehr viele seiner Landsleute: Das Buch ist mit 600 000 verkauften Exemplaren der erfolgreichste niederländische Nachkriegsroman.

MARIANNE WELLERSHOFF

BLANKENESE, BERLIN

Eine moderne Schule der Gefühle, vorgelegt von Konstantin Richter.

Hamburg-Blankenese ähnelt anderen vornehmen Vororten. Die Muttis (und Väter auch) wollen für ihre Kinder nur das Allerbeste - der Wettbewerb um die perfekteste Begluckung ist unerbittlich. Man spielt Hockey, man feiert Kindergeburtstage, man erwärmt sich in Maßen für die Welt jenseits von Blankenese. Nur Alexanders Mutter ist anders. Sie lässt Bach-Kantaten durchs Haus dröhnen, sie ist für alles Vorstadtferne zu begeistern, für Kultur, Gefühl und Weltoffenheit, für das ganze Curriculum des bürgerlichen 68ertums. Sie stellt ihrem Sohn einen Mann vor, der all diese mütterlichen Sehnsüchte symbolisiert: den Anwalt Bettermann. Die Mutter und Herr Bettermann drängen Alexander zu einer Freundschaft mit dem Sohn des Anwalts, einem vom Internat geflogenen Banausen. Die von den Erwachsenen

eingefädelte Jünglingsfreundschaft geht auseinander, was Alexander vor allem wegen der Anwaltstochter Anna bedauert.

Der Autor dieses Romans, der in Berlin lebende Konstantin Richter, 36, beschreibt Alexanders weiteres Leben in nüchternkurzen Sätzen, so als sei der Held der coole Herr seiner Entscheidungen. Alexander landet in der internationalen Finanzwelt.

Auf kurzweiligen Erzählstrecken erfährt der Leser vom Corpsgeist der jungen Bankertruppe, vom Spott über das kapitalistisch zurückgebliebene Deutschland. Doch wo ist Anna? Alexander muss zurück nach Blankenese, zum Ort, wo mütterliche Liebessehnsucht einst einen nichtsahnenden, emotionalen kindlichen Gefangenen gemacht hat. Der coole Held der globalisierten Ökonomie lernt in dieser Schule der Gefühle, ohne dass es kitschig wird, Tränen zu vergießen. Er wird frei. Besser können moderne Geschichten nicht enden.

NIKOLAUS VON FESTENBERG

Konstantin Richter

Bettermann

Verlag Kein & Aber, Zürich;

240 Seiten;

17,90 Euro.

Dr. Will Friedrich, erzählen will; dieser Friedrich hat ein offenbar sensationell potentes Antidepressivum entdeckt und es an dem Außenseiter Casper Gedsic getestet.

Man kennt diese leichten Verstrickungen zwischen Autobiografischem und Fiktionalem bei Wittenborn.

In "Casper" wird der zu Beginn als Erzähler fungierende Sohn von Dr. Friedrich sehr bald durch einen auktorialen abgelöst, und erst nach 190 Seiten und dem überaus tragischen Ende der Geschichte von Dr. Will Friedrich und seinem Pro

FINSTERE KOLONIEN

Alex Capus traut sich was: einen Roman über deutsche Schiffsbauer in Afrika.

Bei seinem vierten Roman hat der Schweizer Vielschreiber und Erfolgsautor Alex Capus, 46, sich erneut für eine seiner Abenteuergeschichten entschieden: Drei deutsche Schiffsbauer verschlägt es am Vorabend des Ersten Weltkriegs nach Afrika an den Tanganjikasee, wo sie es mit einer fremden und üppigen Natur, mit Krankheit, Tod und einem exzentrischen Captain der britischen Navy zu tun bekommen. Die Zutaten für eine Hit-Handlung (ein bisschen Weltkrieg, Fitzcarraldo, Tania Blixen) stimmen also, und Capus, als Spezialist für dokumentarisch abgesicherte Fiktionen im Besitz eines Bestseller-Rezepts, bedient das Genre "süffig ge

banden darf der Sohn wieder übernehmen. Das zuvor Erzählte wird nun neu beleuchtet, und Wittenborn, 55, gelingt so eine geschickte Beschreibung jenes Ostküsten-Amerikas der Nachkriegszeit, als die Medizin in der Pharmazie ein großes Heilversprechen sah. Wie schon in seinem Erfolgsroman "Unter Wilden" geht es auch in "Casper" um das uramerikanische Leitmotiv von Außenseitertum, Aufstieg und Ambition. PHILIPP OEHMKE

schriebener Kolonialroman" nahezu perfekt. Woher kommt es also, dass sich der Leser, um mit Marcel Reich-Ranicki zu sprechen, ab Seite 20 trotzdem ganz hübsch langweilt? Simple Erklärung: Der Autor hat keine eigene Sprache. Oder sie findet über die Ausdruckskraft eines Reporters, der mit farbigem Vokabular fesseln möchte, nicht hinaus: So kommt es, dass bei Abfahrt eines Dampfschiffs das Signalhorn "dröhnt", die Ankerketten "rasseln", die Dampfmaschine "faucht". Capus scheut sich nicht, eine Bootstour in den Dschungel als Reise ins "Herz der Finsternis" zu bezeichnen - das muss man sich als Autor, der ja immer auch das Klischeehafte einer Redewendung im Blick haben muss, erst einmal trauen.

Dieser Roman wird, wie bisher alle Bücher von Alex Capus, viele glückliche Leser und einige Kritiken, die nicht ganz so glücklich sind, bekommen. Und daran ist ausnahmsweise einmal alles gerecht.

MORITZ VON USLAR

Alex Capus

Eine Frage der Zeit

Knaus Verlag, München; 304 Seiten;

19,95 Euro.

ERSTE LIEBE AM COMER SEE

Vornehm und fein: Alberto Vigevani blickt in die Welt bourgeoiser Delirien.

Pubertät, was für ein Horror-Wort, auch und gerade in der Literatur: in aller Regel ein Katastrophenstoff.

Doch diesmal heißt es nicht "Frühlings Erwachen", sondern "Sommer am See". Der italienische Autor, Verleger und Buchhändler Alberto Vigevani (1918 bis 1999) erzählt mit zartester, nervösester Einfühlung von Angst, Qual und erotischen Delirien eines Halbwüchsigen, entfacht einen Sog der Verzweiflung und gibt doch dieser Geschichte der "letzten Ferien der Kindheit" poetischen Zauber und geradezu Proustsche Delikatesse.

Der Reiz dieses vor fast fünfzig Jahren zuerst erschienenen und nach langer Vergessenheit wiederentdeckten Buchs liegt in seiner ganz und gar altmodischen Noblesse.

Es erzählt von einer Mailänder Bürgerfamilie, die sich - in der noch heilen Welt der dreißiger Jahre - zur "Sommerfrische" für ein Vierteljahr eine Villa samt Dienstboten am Comer See leisten kann, und es erzählt von einer in ihrer Prüderie noch ganz unangefochtenen Gesellschaft.

Die "Initiation" des schüchternen, im Schatten zweier großer Geschwister dahinkümmernden Giacomo ist da keine Sache handfester Erfolge, vielmehr ein Rausch fiebriger Phantasien, und doch - durch Vigevanis Erzählkunst - eine Erfahrung fürs Leben. URS JENNY

Alberto Vigevani

Sommer am See

Aus dem Italienischen von Marianne Schneider. Verlag Friedenauer Presse, Berlin; 128 Seiten; 16 Euro.

AUFSTIEG UND AMBITION

Die USA der Fünfziger, von Dirk Wittenborn erzählt aus Sicht der Psychiatrie.

Dirk Wittenborns Vater war Professor für Psychologie in Yale in den frühen fünfziger Jahren, als "die psychiatrischen Krankenhäuser überfüllt" waren "mit verstörten Veteranen" und psychische Anomalien mit einem "vergoldeten Eispickel" geheilt wurden, der "durch den Tränenkanal fünf Zentimeter weit ins Hirn" geschoben und einmal kräftig gedreht wurde. Von derartigen Zuständen berichtet der Ich-Erzähler in "Casper", der angibt, ebenfalls Sohn eines Yale-Professors für Psychiatrie zu sein, und nun das Leben seines Vaters,

Dirk Wittenborn

Casper

Aus dem Amerikanischen von Angela Praesent. DuMont Literatur- und Kunstverlag, Köln; 420 Seiten; 22,90 Euro.


DER SPIEGEL 41/2007
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