08.10.2007

GESTORBENWalter Kempowski

Walter Kempowski , 78. Am 10. November 1989, dem Tag nach dem Mauerfall, notierte er in sein Tagebuch: "Wieso hat niemand den Choral ,Nun danket alle Gott!' angestimmt? - Weil niemand mehr den Text kennt. - Aber woher kennen sie den Schlager ,So ein Tag ...'?"
Typisch Kempowski: In wenigen Sätzen konnte er eine Zeitstimmung erhellen. Gegen die Verklärung der DDR war der Schriftsteller immun: Er hatte als junger Mann acht Jahre im Zuchthaus Bautzen zugebracht, als politischer Häftling. Und er glaubte, in einem brutalen Verhör seine Mutter verraten zu haben, die wegen Mitwisserschaft 1948 ebenfalls in Haft kam.
Diese traumatische Erfahrung war ein Grund dafür, dass bei Kempowski, der Mitte der fünfziger Jahre in die Bundesrepublik kam und viele Jahre als Lehrer arbeitete, stets ein schwermütig-melancholischer Grundton mitklang.
Nach seinen Ideen entstand in Nartum, nahe Bremen, ein Haus mit Turm, Innenhof und einem Anbau für sein 1980 gegründetes Archiv unpublizierter Autobiografien, das Grundlage für das zehnbändige "Echolot" (1993 - 2005) war, jene Stimmen-Collage über den Zweiten Weltkrieg, die Kempowski zusammengetragen und komponiert hat (der SPIEGEL veröffentlichte daraus Ende 1992 erste Proben) - eine der großen Leistungen in der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts.
Dass dieses Werk ungemein viel Bewunderung fand, tröstete ihn. Er fühlte sich nach anfänglicher Anerkennung vom Literaturbetrieb lange Zeit verkannt - sein Debüt "Im Block" (1969), der Bericht über seine Haftzeit, war ein großer Erfolg bei der Kritik gewesen.
Tatsächlich gab es jahrelang Missgunst dem politischen Eigenbrötler und Bestsellerautor gegenüber, der nicht nur mit seinem später für das Fernsehen verfilmten Roman "Tadellöser & Wolff" (1971) einen großen Publikumserfolg erzielen konnte.
Kempowski wurde populär, aber über lange Jahre mit Literaturpreisen nicht gerade verwöhnt; den Büchner-Preis hat er nie erhalten.
Dafür lud er sich Kollegen und Gäste ins Haus, veranstaltete beliebte Literaturseminare, auf denen er nie vergaß, aus eigenen Werken vorzutragen - ein begnadeter Vorleser.
In seinen Tagebüchern, die er regelmäßig, geradezu süchtig führte, war er ganz bei sich. Mehrere Bände sind noch zu Lebzeiten veröffentlicht worden, Tausende Seiten ruhen mit anderen Manuskripten aus dem Nachlass im Archiv der Berliner Akademie der Künste.
Dort, am Pariser Platz, fand im Mai aus Anlass einer Ausstellung jene große Veranstaltung zu Ehren Kempowskis statt, auf der Bundespräsident Horst Köhler vom "Volksdichter" sprach - eine späte Genugtuung für den Mann, der sich zeitlebens nie Ruhe gegönnt hat. Er selbst konnte nicht nach Berlin kommen, er war unheilbar an Darmkrebs erkrankt.
Bis zuletzt freute sich Kempowski über Besuch von Freunden, saß mit seiner Frau Hildegard am Kaffeetisch und erzählte mit zunehmend leiserer Stimme. Er hielt sich tapfer aufrecht, viel länger, als es ihm die Ärzte prophezeit hatten. Walter Kempowski starb am 5. Oktober in Rotenburg/Wümme.

DER SPIEGEL 41/2007
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