15.10.2007

TALKSHOWS

Hermans Schlacht

Von Tuma, Thomas

Sie haben die Skandal-Woche von Eva H. verpasst? Hier alle relevanten Fakten inklusive einer wiederverwertbaren Meinung.

Gut, dass es noch die Nazis gibt - auch wenn man nach so einem Satz erst mal eine Pause einlegen muss. Erstens, um Ihnen, den Lesern, kurz Zeit zu lassen, den Gruselreflex zu verarbeiten. Zweitens, um sich beim Kollegen Henryk M. Broder (Achtung: jüdischer Publizist!) rückzuversichern: Darf man mit so einem Satz eine Geschichte über Eva Herman anfangen?

Kurze E-Mail an Broder, der antwortet: "Super Einstieg, wie geht's weiter?"

Puh, also: Gut, dass es noch die Nazis gibt, denn sonst wäre Deutschland um viele Gespensterdebatten ärmer. Was - zum Beispiel - wäre Frau Herman ohne ein bisschen Hitler-Gänsehaut? Eine verhaltensauffällige Ex-"Tagesschau"-Sprecherin, die Bücher schreibt gegen Kinderkrippen und 68er sowie für klassische Geschlechterrollen, denen sie als mehrfach geschiedene, berufstätige Ab-und-an-Alleinerziehende auch nicht hundertprozentig gerecht wird.

Aber dann hat sie zu ihrem jüngsten Werk auf einer Pressekonferenz einen Satz gesagt, der hier nicht wiederholt werden soll. Nicht, weil er so scheußlich war. Das heißt, scheußlich war er schon, scheußlich unverständlich und obendrein viel zu lang für das Seitchen hier. Der "Nationalsozialismus" tauchte darin irgendwie auf und die doofen 68er, was flugs in dem Verdacht kulminierte, sie verherrliche die NS-Familienpolitik. War alles ziemlicher Quatsch. Aber seither ist die Hölle los.

Erst kündigte ihr der NDR. Dann ruderte sie ein wenig hin und her und wieder hin, bis Johannes B. Kerner sie am Dienstag aus seiner ZDF-Talkshow ("JBK") schmiss, nachdem sie sich über 50 Minuten lang partout nicht entschuldigen wollte, sondern sich immer nur falsch verstanden fühlte.

Unter PR-Gesichtspunkten wirkte der Abgang wie eine für beide Seiten super inszenierte Win-win-Situation: Um 17 Uhr wurde die Sendung aufgezeichnet. Um 20.09 Uhr lief die erste dpa-Meldung. Ab 22.45 Uhr wartete die Topquote von 2,65 Millionen Zuschauern auf den "Eklat", wie "Bild" das tags darauf nannte.

Dabei sind die Gegner von Frau Herman in ihrer reflexhaften Berechenbarkeit längst genauso anstrengend wie ihre wenigen Verteidiger. Einerseits keifte die schriftstellernde Feministin Thea Dorn schon vorher über das "Eva-braun-Prinzip", und Alice Schwarzer bemäkelte Hermans "Suada zwischen Mutterkreuz und Steinzeitkeule". Andererseits wollte die DVU gleich für Herman demonstrieren gehen und freute sich über das obligate Entsetzen der etablierten Parteien.

Ist "Trittbrettfahrer" eigentlich auch ein Nazi-Begriff? Bitte googeln!

Die Eskalationsstufen zündeten jedenfalls fröhlich: Nachdem Herman bei einem Katholikenforum auftreten durfte, empörte sich der Zentralrat der Juden in Deutschland, worauf sich wiederum der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, brüskiert zeigte.

Fast ein bisschen tragisch, dass Michel Friedman nicht mehr richtig mitspielen darf. Aber wenn's so weitergeht, wird Irans Staatspräsident Mahmud Ahmadinedschad der deutschen TV-Blondine bald eine Qaida-Ehrenmitgliedschaft antragen. Und eine Uno-Sonderresolution wird den Einsatz israelischer Mittelstreckenraketen im Großraum Hamburg verhindern. Was sagen eigentlich der Dalai Lama und Papst Benedikt XVI.?

Das alles sind Stellvertreterkriege, die sich um das Nichts gar nicht mehr scheren, das sie zugleich euphorisch umkreisen. Was beweist Herman, außer: Jeder Nazi ist ein Idiot, aber nicht jeder Idiot ist Nazi? Sie selbst ist mittlerweile vor allem Verschwörungsfanatikerin in eigener Sache.

Interessant ist, dass ausgerechnet die Gutmenschen sie in die Arme jener Rechtsausleger drängen, die ihr nun dankbar eine große politische Zukunft prophezeien. Hermans Apotheose zur multimedialen Märtyrerin wurde durch den "JBK"-Rausschmiss erst eingeläutet. Als dort auch noch das Eins-a-Reflex-Stichwort "Autobahn" fiel, hyperventilierten Margarethe Schreinemakers und Senta Berger derart empört, dass mancher Zuschauer sich beim Mitleid mit Herman ertappen musste. Und das will wirklich was heißen.

Ärgerlich ist, dass die eigentlich spannende familienpolitische Wertedebatte nun von einer unter Faschismusverdacht geratenen TV-Blinse dominiert und damit zugleich unmöglich gemacht wird. Wer traut sich künftig noch zu sagen, dass eine funktionierende Familie was ganz Schönes ist und man nicht immer nur an Krippen denken sollte, wenn von Kindern die Rede ist?

Zwölf Jahre NS-Wahnsinn sind hierzulande zwar allgegenwärtig, aber eben als sakrosanktes Tabu-Unikat, das auch im weiten Umkreis alles kontaminiert. So konnte selbst aus einer Herman eine intellektuelle Tiefflug-Fortsetzung des Historikerstreits mit den Mitteln des Boulevards werden. Kein Wunder, war sie "Bild" gleich vier Seite-eins-Schlagzeilen in Folge wert.

Am Donnerstag recherchierte das Blatt sogar der "FAZ"-Meldung hinterher, die Online-Ausgabe der "Süddeutschen Zeitung" habe kurzfristig von Kerners "Volksgerichtshof" fabuliert. Mein lieber Scholli, jetzt wird's echt ernst. Als Nächstes ist der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter dran, der sich BDM abkürzt. Und auch Langneses "Brauner Bär" kann nicht länger sagen, er habe von nichts gewusst.

THOMAS TUMA

P. S.: SPIEGEL-Leser dürfen Autobahnen weiterhin prima finden, müssen aber natürlich für den Weltfrieden sein und alles!


DER SPIEGEL 42/2007
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