15.10.2007

SCHAUSPIELER„Mein erster Prothesenfilm“

Michelle Pfeiffer, 49, über ihre Rückkehr nach Hollywood, das pervertierte Streben nach Schönheit und ein paar ungezogene Esel
SPIEGEL: Mrs Pfeiffer, Sie hatten sich für fast fünf Jahre aus Hollywood zurückgezogen. Jetzt wagen Sie Ihr Comeback. Zuerst als altgewordene Beauty-Queen in "Hairspray", nun als eine 5000 Jahre alte Hexe in "Der Sternwanderer". Finden Sie nicht, Hollywood hätte Ihnen etwas schickere Rollen anbieten können?
Pfeiffer: Verstehen Sie, ich wollte unbedingt wieder arbeiten. Außerdem gefiel mir die Sozialkritik, die in der Rolle der Hexe angelegt ist. Matthew Vaughn, der Regisseur, hat mir erklärt, dass meine Rolle auch als Kommentar zu verstehen ist zu unserer heutigen Besessenheit von Jugend, Schönheit und Perfektion. Meine Rolle spießt das auf. Ich spiele eine Hexe, die auf der Jagd nach ewiger Schönheit ist und dabei immer hässlicher wird.
SPIEGEL: Was genau soll das kritisieren?
Pfeiffer: Das verzweifelte Streben dieser Hexe nach Jugend ist eine Metapher für die groteske Selbstverstümmelung in unserer Gesellschaft. Ich will niemandem reinreden, der ein bisschen hier oder dort an seinem Körper hat manipulieren lassen. Aber die Leute haben doch inzwischen komplett aus den Augen verloren, was noch schön ist. Das ist die Krankheit unserer Zivilisation. Auch davon handelt der Film.
SPIEGEL: Wie geht das überhaupt: die Schönheitsikone Michelle Pfeiffer in eine Hexe zu verwandeln?
Pfeiffer: Wenn Sie wüssten! Ich hatte keine Ahnung, auf was ich mich da eingelassen hatte. "Der Sternwanderer" war ja mein erster Prothesenfilm.
SPIEGEL: Ihr erster Prothesenfilm?
Pfeiffer: Ja, ein Film, in dem Teile des Körpers, in diesem Fall vor allem das Gesicht, aus Prothesen bestehen. Am Anfang hat es sechs Stunden gedauert, die Prothesen in meinem Gesicht anzubringen. Es sah entsetzlich aus. Als ich mich so zum ersten Mal betrachtete, rannte ich auf die Toilette und versteckte mich.
SPIEGEL: Sie bekamen nicht einfach eine Maske aufgesetzt?
Pfeiffer: Das dachte ich auch. Nun, falsch! Sie bekommen ... fünf, sechs, nein, sieben Gesichtsprothesen, die alle Quadratzentimeter für Quadratzentimeter auf die Haut geklebt werden. Als die Prothesentechniker das zum ersten Mal bei mir gemacht haben, war ich mir nicht sicher, ob ich das sechs Stunden lang aushalten würde, ob ich nicht in Panik geraten würde.
SPIEGEL: Und?
Pfeiffer: Ich habe meditiert in der Zeit. Ich kann, wenn es sein muss, mich einfach aus der Realität herausziehen.
SPIEGEL: Empfanden Sie es dennoch nicht als Frevel, Sie eine Hexe spielen zu lassen? Sie galten als schönste Frau Hollywoods!
Pfeiffer: Wieso? Man muss eine gute Schauspielerin sein, um das zu spielen.
SPIEGEL: Reizt es Sie, sich von Ihrem Image als Schönheit zu distanzieren?
Pfeiffer: Zu Beginn meiner Karriere habe ich diesen Zwang stärker gespürt. Anfang der achtziger Jahre war das Vorurteil "Die ist hübsch, kann aber nicht schauspielern" viel ausgeprägter. Ich habe deshalb oft, wenn ich die Wahl zwischen zwei Rollen hatte, die weniger glamouröse gewählt.
SPIEGEL: Sie werden bald 50. Es gibt in Hollywood nur eine Handvoll Schauspielerinnen in diesem Alter. Anders als bei den Männern scheint kein Bedarf da zu sein.
Pfeiffer: Es gibt nicht so viele Rollen, das ist richtig. Aber jene, die es gibt, sind sehr interessant. Sehen Sie, was Meryl Streep und Susan Sarandon, beide ein bisschen älter als ich, heute für tolle Sachen spielen. Sie
haben den Weg geebnet für substantiellere weibliche Rollen. Aber natürlich, es gibt für mich weniger zu tun als für eine 32-jährige Schauspielerin.
SPIEGEL: Haben Sie sich deshalb so lange aus dem Filmgeschäft zurückgezogen?
Pfeiffer: Nein. Ich war nur zu beschäftigt mit anderen Dingen. Ich bin ja umgezogen, zum Beispiel. Raus aus Los Angeles aufs Land nach Nordkalifornien. Davor habe ich mich gefürchtet: die ganze Familie, meinen Mann, meine Kinder, in eine neue, zudem sehr ländliche Gegend zu verpflanzen, wo man sich ständig verfährt. Und dann mit all den Tieren! Alle in meinem Auto.
SPIEGEL: Was für Tiere?
Pfeiffer: Als wir umzogen, hatte ich zwei Ratten, eine Katze, Baumfrösche und zwei Hunde im Auto. Später haben wir uns noch Miniatur-Esel angeschafft. Ich dachte, Miniatur-Esel seien die süßesten Tiere, die es gibt. Sie sind ungefähr so groß wie ein gigantischer Hund, eigentlich perfekt proportioniert, nur der Kopf ist vielleicht ein Stück zu groß und, nun ja, die Ohren.
Riesige Eselsohren. Leider mussten wir die Esel loswerden.
SPIEGEL: Das klingt grausam.
Pfeiffer: Es ging nicht mehr. Miniatur-Esel brauchen viel Aufmerksamkeit. Wenn sie die nicht bekommen, werden sie merkwürdig. Sie haben sich vernachlässigt gefühlt und angefangen, unsere Gäste zu beißen.
SPIEGEL: Das Tier- und Familienidyll auf dem Land ist also auch keine Lösung?
Pfeiffer: Um ehrlich zu sein, Claudia Rose und John Henry - meine Kinder - fragten mich schon ziemlich bald: Mama, glaubst du, du wirst je wieder anfangen zu arbeiten? Die haben mich buchstäblich zur Haustür hinausgetrieben nach Hollywood. Was mich wunderte, denn die meisten meiner Filme haben sie nie gesehen, die sind ja nicht unbedingt für Kinder geeignet.
SPIEGEL: Sie wollen sagen, Ihre Kinder, immerhin 13 und 14 Jahre alt, kennen die Schauspielerin Michelle Pfeiffer gar nicht?
Pfeiffer: Außer in "Grease 2". Bei dem Film wollte ich eine Ausnahme machen. Ergebnis: Nach ungefähr 20 Minuten verloren sie das Interesse.
SPIEGEL: Die Kritikerin Pauline Kael hat Sie als "paradiesisch schön" beschrieben. Wie haben Sie sich - außer durch Ihr Aussehen - 1983 in Ihrem ersten großen Film "Scarface" den Respekt von Al Pacino verschafft?
Pfeiffer: Ich warf bei Probeaufnahmen mit Tellern. Plötzlich spritzte Blut. Die Leute rannten auf mich zu, riefen "O Gott, die hat sich geschnitten", untersuchten mich, fanden aber nichts. Ich schaute hinüber zu Pacino und sah: Seine Hand blutete. Das brach das Eis. Danach nahm er mich ernst. Ich glaube, er mochte mich sogar.
SPIEGEL: Trotzdem scheint es ein Höllenjob gewesen zu sein: Sie als einzige Frau unter einem Haufen Männer, die südamerikanische Gangster spielten.
Pfeiffer: Ich hatte schon ein bisschen Angst. Hier die kleine Blondine aus Orange County, dort erfahrene Schauspieler. Aber ich hatte noch größere Angst, mich zu blamieren, und das hat mich am Ende gerettet. Bis heute übrigens.
SPIEGEL: Wenn Sie arbeiten, so sagen Ihre Freunde, verschwinden Sie in einem schwarzen Loch. Können Sie sich diese Form von totaler Hingabe noch leisten, jetzt da sie Familie haben?
Pfeiffer: Das ist nun mal meine Natur. Deshalb habe ich bei vielen Rollen gezögert oder sie am Ende abgelehnt, "Basic Instinct" zum Beispiel. Aber wenn ich mich einmal entschieden habe, ist es, als würde ich vom Erdboden verschluckt.
SPIEGEL: Sie haben Karriere gemacht, eine glückliche Ehe, Kinder und sogar Tiere. Offenbar geht das doch alles zusammen.
Pfeiffer: Man kann das alles haben. Der Trick ist, dass "having it all" nicht heißt "doing it all". Ich glaube, ich habe jetzt allmählich die richtige Balance gefunden.
INTERVIEW: THOMAS HÜETLIN, PHILIPP OEHMKE
* Oben: In "Der Sternwanderer"; unten: Mitte.
Von Hüetlin, Thomas, Oehmke, Philipp

DER SPIEGEL 42/2007
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