15.10.2007

SPRACHELass ma krass reden!

GEISTESGRÖSSEN (XII): Im „Jahr der Geisteswissenschaften“ stellt der SPIEGEL in einer Serie herausragende Wissenschaftler und deren Arbeit vor. Die in Potsdam lehrende Germanistin Heike Wiese, 41, beschäftigt sich mit der Sprache der Jugendlichen in Berlin. Bedroht diese spezielle Form das Hochdeutsche, oder kann sie es bereichern?
Grammatik sei ihr Hobby. Das hatte Heike Wiese schon gleich beim ersten Gespräch zur Eröffnung gesagt. Grammatik? Aha. Klingt wohl für die meisten ziemlich abschreckend.
Wiese kennt das, diese Pausen der Verwunderung, wenn es um ihr besonderes Spezialgebiet geht. Vor allem aber kennt sie das Murren der Studenten. "Die wollen sich fast alle in die Literaturwissenschaften stürzen, wenn sie mit dem Germanistikstudium beginnen", sagt sie. "Wenn sie dann Kurse in Sprachwissenschaften belegen müssen, ist das Entsetzen groß."
Heike Wiese steht am offenen Fenster ihres kleinen hellen Büros und schaut auf den idyllischen Campus der Potsdamer Universität. Einige junge Frauen und Männer haben Picknickdecken auf den Rasenflächen ausgebreitet, manche schieben langsam ihre Fahrräder über die Kieswege. Dass man an diesem Ort lieber über deutsche Literatur diskutiert, als sich mit spröden grammatischen Analysen zu quälen, ist verständlich.
"Ich wusste, dass ich hier ein spannendes Thema finden muss, das die Studierenden für die Sprachwissenschaften begeistert", sagt Wiese, die seit einem Jahr als Professorin für Deutsche Sprache der Gegenwart am Institut für Germanistik in Potsdam lehrt. Sie ist auf ein überraschendes, ausgefallenes Thema gestoßen, nicht gerade selbstverständlich für eine Wächterin des Hochdeutschen - "Kiez-Sprache", die Sprache der Jugendlichen unterschiedlichster Schichten, beeinflusst durch die Einwandererkinder und die Subkultur. Dass dieses - kann man es so nennen? - Forschungsgebiet gesellschaftlich so schnell relevant werden würde, damit hatte sie freilich nicht gerechnet, als sie sich ihm 2001 das erste Mal näherte.
Wiese zog los mit ihren Studenten, in die Straßen von Berlin-Kreuzberg, Wedding und Neukölln, um dort den Jugendjargon zu studieren. Ihr war klar, dass die Feldarbeit nicht leicht werden würde. Seit 13 Jahren schon wohnt sie in Kreuzberg - nur wenige Straßen von der Rütli-Schule entfernt. Die Verschlossenheit in den Gesichtern
der Jugendlichen dort ist ihr bekannt. Die Mädchen und Jungen gaben der Wissenschaft ihre Kiez-Sprache nur zögerlich preis. Eine Sprachform, so schnell und so hart, wie man sie hierzulande wohl noch nicht gesprochen hat, und ganz anders als die angestammten Dialekte.
Faszinierend, welche Flut von Sprachkonstruktionen in den letzten Jahren bei den Jugendlichen unter dem Einfluss des Türkischen oder Arabischen entstanden sei, findet Wiese. "Wir beobachten da neue grammatische Phänomene." Zwar höre sich der Sprachmix für die meisten mitunter chaotisch an, tatsächlich aber sei er regelhaft und auf seine Weise korrekt.
Dafür führt Wiese einige Beispiele an: "Sätze wie 'musst du Doppelstunde machen', 'lass ma Hermannplatz aussteigen' oder 'gehst du Arbeitsamt' funktionieren nach demselben Muster", sagt sie. Spannend sei auch die Fülle an neuen Fremdwörtern wie "yalla", was so etwas wie "los geht's" bedeute, "wallah" (ich schwöre), oder "lan" (Kerl). Wiese ist sich sicher: Die Jugendsprache kann das Standarddeutsche um eine neue Varietät bereichern; sie zu bekämpfen ist kontraproduktiv, auslöschen lässt sie sich sowieso nicht.
Dass Politiker und Sprachhüter wie die Präsidentin des Goethe-Instituts Jutta Limbach das ganz anders sehen, ist Wiese sehr wohl bewusst. Erst kürzlich hat Limbach sich wieder besorgt über die Gefährdung der deutschen Sprache geäußert. In vielen Vierteln unserer Großstädte, so meint sie, nehme die Zahl der Jugendlichen mit Migrationshintergrund zu, die weder das Hochdeutsche noch die Sprache ihrer Eltern, etwa das Türkische, korrekt beherrschten. Mit dem Ergebnis, dass aus lauter Unbeholfenheit nur noch in Infinitiven geredet werde.
Rein linguistisch gesehen, teilt Wiese diese Befürchtung nicht. "Diese Form der doppelten Halbsprachigkeit gibt es nicht", sagt sie. Jeder Mensch erlerne im Kindesalter ganz automatisch eine Muttersprache. Dass jemand gleich mehrere Sprachen nur teilweise beherrsche, sei ihr in ihren Untersuchungen mit den Jugendlichen noch nie begegnet.
Die Panikmache um das krankende Deutsche, aber auch die Angst davor, dass andere bei uns gesprochene Sprachen erdrückend auf das Standarddeutsche wirken könnten, hält Wiese für übertrieben. "Sprache ist nicht etwas, das gottgegeben vom Himmel fällt", meint sie. Sie sei "lebendig" und aus gutem Grund auch "formbar".
Die Deutschen gingen "zu verkrampft mit der eigenen sprachlichen Identität um". In Ländern wie Schweden oder Dänemark dagegen sehe man sprachliche Evolutionen viel gelassener. Vor allem die Jugendsprache betrachte man dort eher als einen amüsanten, manchmal anregenden Dialekt.
Vor 200 Jahren schon trieb die Deutschen die Angst vor fremdsprachlichen Einflüssen auf die eigene Sprache um. Da wurden Wörter wie "Rendezvous", "Republik" oder "Karikatur" mit viel Nachdruck aus dem deutschen Sprachgebrauch entfernt und durch "Stelldichein", "Freistaat" und "Zerrbild" ersetzt. Noch viel früher hatten Gelehrte wie Gottfried Wilhelm Leibniz geschimpft, "dass man vielleicht, solange Deutschland steht, darin nie undeutscher und ungereimter geredet hat". Heute glaube man, türkische und arabische Einflüsse bekämpfen zu müssen, dabei lasse sich aus sprachwissenschaftlicher Sicht nicht beweisen, dass sie dem Deutschen schadeten. Auch linguistischer Einwanderung kann die Integration gelingen.
In ihren Vorträgen und Publikationen, zum Beispiel in ihrer im letzten Jahr veröffentlichten Schrift "Ich mach dich Messer", will Wiese nachweisen, dass Kiez-Sprache nichts zu tun hat mit einem gebrochenen, auf den Hund gekommenen Deutsch, wie viele glauben*. "Es ist nur eines von vielen Sprachregistern, die jeder Mensch im Laufe seines Lebens lernt, aber auch wieder ablegen kann", hält sie dagegen.
Der Wechsel von einer Varietät zur anderen muss allerdings gemeistert werden. Problematisch wird es eben dann, wenn die Kiez-Sprache zum einzigen Register wird. Gerade in den sozialen Randbezirken Berlins hat Wiese beobachtet, wie sich inmitten einer Gesellschaft, die sich als multikulturell offen versteht, einsprachige Inseln bilden, die mit dem Hochdeutschen nur noch wenig Kontakt haben.
"Manche Kinder und Jugendliche begegnen dem Standarddeutschen nur noch am Vormittag in der Schule", sagt sie. "Den Rest des Tages verbringen viele auf der Straße oder in Jugendzentren. Dort verständigen sie sich in ihrer Jugendsprache, in Kiez-Deutsch oder mit 'krass reden', so wie sie es bezeichnen."
Mit "Kanak Sprak", dem Ausdruck, der spätestens durch Comedyshows wie "Was guckst du?" oder "Erkan und Stefan" geprägt wurde, habe das aber nichts zu tun, will Wiese betonen. Trotzdem gehe diese negative Stereotypisierung, die sich in der Verulkung der Migrantenkinder in solchen Fernsehformaten zeige, nicht spurlos an den Betroffenen vorüber. "Natürlich bekommen die Jugendlichen mit, wie über sie in der Öffentlichkeit gesprochen wird", sagt sie. Mit dem Ergebnis, dass sie sich nur noch weiter innerhalb ihrer Grüppchen zurückziehen und die Kommunikation mit dem Rest der Welt meiden.
Das würde auf lange Sicht nicht nur bedeuten, dass ein stetig wachsender Anteil der Bevölkerung in Deutschland immer weiter ins Abseits gedrängt wird, sondern auch, "dass man ein gewaltiges Potential für die Gesellschaft und den Arbeitsmarkt verschleudert".
Wiese glaubt, dass die soziale Spaltung nur dort aufgehoben werden kann, wo sie beginnt: im Kindergarten oder spätestens in der Grundschule. Sie hatte gehofft, dass man sich angesichts der desaströsen Testergebnisse an deutschen Schulen zu verstärkten Sprachfördermaßnahmen durchringen werde, die in diesem Alter der Kinder sowieso fast nur noch der "Schadensbegrenzung" dienten. Das tat man ja auch - nur, wie sie bemerkt, wohl mehr für den Englisch- als für den Deutschunterricht.
Ist also das Hochdeutsche doch in Gefahr, zwischen der familiären Subsprache und dem Englischen als internationaler Lingua franca in die Zange genommen und zerquetscht zu werden?
Zwingend ist das in keiner Weise. Wiese ist für mehrsprachige Erziehung bei Kindern. "Das menschliche Gehirn ist gar nicht angelegt auf das Erlernen von nur einer Sprache", sagt sie.
Da ist es nur konsequent, dass Wieses knapp vierjährige Tochter zu Hause nicht nur Englisch (Wiese ist mit einem Briten verheiratet) und Deutsch spricht - sie besucht in Kreuzberg auch einen deutsch-türkischen Kindergarten. VERENA ARAGHI

* Heike Wiese: "Ich mach dich Messer" - Grammatische Produktivität in Kiez-Sprache ("Kanak Sprak"), in "Linguistische Berichte 207/2006". Buske Verlag, Hamburg.
Von Verena Araghi

DER SPIEGEL 42/2007
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