15.10.2007

Walzer und Wahnsinn

Nahaufnahme: Im österreichischen Traun erinnert sich eine der letzten Überlebenden des „Frauenorchesters von Auschwitz“.
Geigen, gleich sechs, ein Bass, dazu Akkordeon, Schlagzeug und Mandolinen, welch "idiotische" Besetzung, sagt selbst der musikalische Arrangeur des Abends, der Komponist Stefan Heucke. 18 junge Frauen samt Dirigentin treten in der Kulturfabrik "Spinnerei" im oberösterreichischen Traun auf. Sie haben vor den wenigen Proben noch nie miteinander gespielt - und werden es vermutlich auch nie wieder tun. Es ist eine einzigartige Formation, die hier nachgestellt wird: das einstige Frauenorchester von Auschwitz.
Sie beginnen bedächtig, der "Marche militaire" von Franz Schubert, die "Träumerei" von Robert Schumann und Johann Strauß' wohl bekanntester Walzer, gespielt mit fröhlichem Blockflöteneinsatz: "An der schönen blauen Donau". Das Frauenorchester in Auschwitz hat diese Stücke gespielt, wenn zu früher Stunde die Zwangsarbeiter das KZ verließen, und wieder am Abend, wenn sie ins Todeslager zurückstolperten, oder zu besonderen Anlässen.
Eine zynische, perverse Verwendung von Musik. Walzer und Wahnsinn.
Anita Lasker-Wallfisch weiß, dass es auch mehr als 60 Jahre nach Ende des Krieges keine richtige Erklärung für diesen wohl größten Missbrauch von Musik gibt. Sie ist eine der letzten Überlebenden des Frauenorchesters, 82 Jahre alt. Sie war die Cellistin der Lagerkapelle. Das hat ihr das Leben gerettet.
Die alte Dame setzt sich an einen Tisch und beginnt von handgetippten Seiten vorzulesen, ruhig, mit resoluter Stimme: wie es war, als die Nazis ihre musikverliebte Familie in Breslau auseinanderrissen, wie ihre Schwester Marianne im "letzten Moment" nach England flüchtete und die Eltern am 9. April 1942 deportiert wurden. Wie sie schließlich nach Auschwitz kam, an einem Donnerstag, "Auschwitz-Tag": "Ich erinnere mich an schwarze Gestalten in Umhängen, an bellende Hunde, an Geschrei und Gestank."
Der Ort, an dem die Holocaust-Überlebende nun spricht, hat auch eine NS-Vergangenheit. Die alte gelbgetünchte Weberei der Firma Graumann in Traun, einem dynamischen 25 000-Einwohner-Städtchen, produzierte im Krieg dringend benötigte Faserstoffe. Nur wenige Kilometer entfernt liegt Linz, Hitlers erklärte Lieblingsstadt.
Lasker-Wallfisch erzählt ohne Pause, ohne Pathos. Auf den linken Arm wurde ihr die Nummer 69388 tätowiert, man rasierte ihr die Haare ab. Sie erwähnte bei der Registrierung im Lager ganz nebenbei, dass sie Cello spiele - und so kam sie, gänzlich unverhofft, in die Obhut von Alma Rosé. Die Nichte des Wiener Komponisten Gustav Mahler war die Dirigentin der "Kapelle", eine hervorragende Geigerin, stolz und perfektionistisch. Sie hielt die Mädchentruppe zusammen, stachelte sie zu Höchstleistungen an: "Wenn wir nicht gut spielen, kommen wir ins Gas."
An diesem Abend in Traun wird Alma Rosé von der Italienerin Carla Delfrate gegeben; die Cellistin ist Malva Hatibi, eine Meisterschülerin aus Albanien. Es sind Musikerinnen aus den unterschiedlichsten Orchestern, die sich zusammengefunden haben, für diesen Auftritt wurden sie extra gecastet. Heute allerdings spielen sie weniger Musik, sie spielen das düsterste Kapitel deutscher Geschichte nach.
Auch für die Nazis bot die Lager-Kapelle Entspannung: Einmal spielte Anita Lasker-Wallfisch vor Josef Mengele, dem berüchtigten KZ-Arzt, er liebte Schumanns "Träumerei".
Über ihre Gefühle damals will die begeisterte Musikerin nichts sagen, ihr Gesicht versteinert sich. "Wir waren in einer anderen Welt." Dann ringt sie sich doch zu einem Bekenntnis durch: Die "Kapelle" war wie eine Familie, sie war gut "für unsere seelische Gesundheit". In einem System der Entwürdigung bot das Orchester einen letzten Halt an Würde.
Noch heute, erzählt die einstige Cellistin, gratulieren sich die Überlebenden am 15. April zum Geburtstag. Das war der Tag der Befreiung aus Bergen-Belsen, 1944 waren die Musikerinnen mit Tausenden anderen dorthin transportiert worden.
Auch danach ließ das Cello, ihre große Leidenschaft, Anita Lasker-Wallfisch nicht mehr los. In ihrer neuen Heimat England gründete sie mit anderen das English Chamber Orchestra, ihr Leben lang tourte sie durch die großen Konzertsäle der Welt. Ihr Sohn ist ebenfalls ein bekannter Cellist. Und auch ihr Enkel übe gerade, sagt die alte Dame, Schumanns "Träumerei". "Die Nazis haben vieles kaputtgemacht, aber nicht die Musik."
Dann ist das Publikum dran, Fragen dürfen gestellt werden. Aufgeregt will ein älterer Herr wissen, ob die Überlebende seine Bekannte, Lilly Kramer, kannte, sie gelte noch immer als vermisst, eine Akkordeonspielerin, auch sie soll in Auschwitz aufgetreten sein; eine andere Frau sucht nach ihrer Großtante. Nein, sagt Anita Lasker-Wallfisch, "es waren ja Tausende und Abertausende von Menschen, die nicht aussahen wie Menschen".
Lange wollte die Cellistin nicht mehr nach Deutschland zurückkehren. Heute kommt sie häufig ins Land der Täter und spricht in Schulen. Sie will Brücken bauen, Jugendlichen "die Gehirne reinigen". Sie hat eine Mission, bevor es zu spät ist, bevor die letzten Überlebenden nicht mehr da sind. Es ist noch nicht vorbei.
Zum Schluss spielen die Mädchen aus Puccinis "Madame Butterfly" und den 1. Satz aus Beethovens 5. Symphonie. Die Trauner applaudieren lange, stehend, dann gehen sie nach Hause.
Vorbei? Erst vor wenigen Wochen hat das Simon Wiesenthal Center in Jerusalem die österreichische Regierung ermahnt - wegen des Versagens der Justiz bei der Verfolgung von NS-Tätern. MARION KRASKE
Von Marion Kraske

DER SPIEGEL 42/2007
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