22.10.2007

ATOMKRAFTDer Störfall

Keine Panne in einem deutschen Kernkraftwerk hat die Öffentlichkeit so beschäftigt wie der Brand im Atommeiler Krümmel. Die Rekonstruktion der Ereignisse zeigt, dass auch die Aufsichtsbehörden ein falsches Spiel gespielt haben. Von Jan Fleischhauer und Roland Nelles
Von den 17 Kernkraftwerken in Deutschland ist Krümmel das einzige, das eine nahezu identische Kopie seiner Leitwarte besitzt. Der zweite Leitstand ist wie das Original ein etwa 210 Quadratmeter großer, fensterloser Raum, an dessen Wänden alle Schaltkreise und Steuerungselemente des Kraftwerks durch kleine Lampen nachgebildet sind. Er liegt etwas außerhalb des Reaktorgebäudes auf dem Werksgelände und dient dazu, die Mitarbeiter auf den Umgang mit Störfällen vorzubereiten.
An einem Donnerstag Anfang September steht Rainer Goeritz in der Simulator-Leitwarte und blickt auf die lange Stirnwand des Raums. Die Computerbildschirme auf den Arbeitstischen sind schwarz, bis auf das Surren der Klimaanlage ist kein Ton zu hören. Goeritz ist Schichtleiter, Chef der vier- bis fünfköpfigen Bedienmannschaft, die im Normalbetrieb auf der Leitwarte Dienst tut, ein großer, bedächtig wirkender Mann in Jeans und T-Shirt. "Noch eine Minute bis zur Schnellabschaltung", sagt er und verschränkt die Arme vor der Brust.
Die Simulation des Störfalls vom 28. Juni beginnt mit dem Schrillen einer Feuersirene, Sekunden später kommt ein zweiter Alarm dazu, ein anhaltender, dumpfer Basston. Über die plötzlich zum Leben erwachten Computermonitore huschen Datenreihen in einem wirren, gespenstischen Zeichentanz. Durch den Kreis, der den Reaktorkern mit seinen 205 Steuerstäben darstellt, wirbeln blendend rote Zahlen kolonnen. "Da wird man auf einen Schlag hellwach, nicht wahr?", sagt Goeritz.
Genau 28 Minuten läuft das Programm, es ist der aus 30 000 Messdaten rekonstruierte Ablauf der Ereignisse des Junitages, der mit der dauerhaften Netzabtrennung des Reaktors in Krümmel endete. Immer wieder spielen die Techniker seitdem durch, was auf der Leitwarte geschah, in der Zeit zwischen 15.02 und 15.30 Uhr, es ist Teil ihrer Übungsroutine geworden, aber auch eine Art Exorzismus.
Seit 1961 das erste Atomkraftwerk in Deutschland in Betrieb ging, hat es immer wieder Unfälle und ernste Pannen gegeben, aber das allgemeine Interesse hielt sich meist in Grenzen. Der Störfall in Krümmel beschäftigte die Öffentlichkeit drei Wochen lang. Die Staatsanwaltschaft
in Lübeck hat sich mit den Vorgängen befasst, die Landesregierung in Schleswig-Holstein, zwei Landtagsausschüsse des Kieler Parlaments und der Bundestag. Am Ende schaltete sich sogar die Kanzlerin ein.
Im Laufe der drei Wochen kamen immer neue Details ans Licht, die die Zuverlässigkeit der Betreiberfirma Vattenfall in Frage stellten. Was anfangs nach einem normalen Betriebsunfall ausgesehen hatte, nach einem Trafobrand außerhalb des Reaktorgebäudes ohne Auswirkungen auf die Sicherheit der Anlage, wirkte immer mehr wie eine Beinahekatastrophe.
Der Kühlwasserstand sei zwischenzeitlich bedrohlich abgesunken, berichteten die Zeitungen am 5. Juli, gleichzeitig habe es wegen einer Kommunikationspanne auf der Warte einen Druckabfall im Reaktor gegeben. "Brand in Krümmel offenbar verharmlost", meldete die "Süddeutsche Zeitung". "Bild" fragte: "Wie gefährlich war dieses Feuer?" Und Greenpeace warnte: "Ein solcher Vorfall kann der erste Schritt zu einer Kernschmelze sein."
Von Verletzten war die Rede, dann auch von Schwerverletzten. Die Staatsanwaltschaft schickte die Kriminalpolizei aufs Gelände, weil es angeblich Tote gegeben hatte und die Ermittler dem Verdacht nachgehen wollten, dass die Kraftwerksleitung die Leichen hatte verschwinden lassen. Alles schien am Ende möglich, selbst die größten Ungeheuerlichkeiten.
Kein anderer Störfall in einem deutschen Kernkraftwerk hat der Atomindustrie in Deutschland so geschadet wie die 28 Minuten von Krümmel.
Anfang des Jahres hatte es so ausgesehen, als könnte die Sorge um den Klimawandel den unter Rot-Grün gefassten Beschluss, das Land von der Atomenergie abzukoppeln, ins Wanken bringen. Der Brand in Krümmel hat die Diskussion über die Zukunft der Kernenergie an den Punkt zurückgebracht, wo sie nach dem Unfall in Tschernobyl immer war, vielleicht hat er die Diskussion sogar ein für allemal beendet. Nicht nur für SPD-Umweltminister Sigmar Gabriel ist der Störfall der Beweis, dass Atomkraft eine "Risikotechnologie" ist, die so schnell wie möglich abgeschafft gehört.
Was genau am 28. Juni geschah, lässt sich inzwischen präzise rekonstruieren. Tatsächlich ist der Störfall auch ein Lehrstück über die Manipulation von Meinung, über Opportunismus und die Versuchung, mit Ängsten Politik zu machen. Zu besichtigen sind in den Hauptrollen eine für die Atomaufsicht zuständige Landesministerin, ein Bundesumweltminister und ein Unternehmen, das die Öffentlichkeit zu lange als Gegner betrachtet hat.
DER BRAND
Es ist kurz nach 15 Uhr, als am 28. Juni ein Kurzschluss einen der beiden Transformatoren lahmlegt, der das Werk mit dem 380 000-Volt-Stromnetz verbindet. Der Kurzschluss ist so stark, dass gleich nach Trafo AT01 auch AT02 abschaltet. Das Kernkraftwerk ist nun für einen Moment komplett vom Netz getrennt, bevor es auf eine Ersatzleitung umschaltet. Die kurzzeitige Netzabtrennung löst um genau 15.02 Uhr automatisch eine Reaktorschnellabschaltung aus - die 28 Minuten von Krümmel beginnen.
15.02:20 Uhr. Innerhalb von zwei Sekunden schießen die Steuerstäbe in den Reaktorkern, um die nukleare Kettenreaktion zu unterbrechen. Durch das Kraftwerk läuft ein Zittern, das noch außerhalb des Geländes zu spüren ist. Es ist die 24. Schnellabschaltung seit Inbetriebnahme der Anlage im Jahr 1983. Krümmel ist für insgesamt 400 solcher Abschaltungen ausgelegt.
15.04:25 Uhr. Eine der drei Pumpen, die den Reaktor mit Speisewasser versorgt, schaltet sich ab, Folge eines Programmierungsfehlers, wie sich später herausstellt. Der Druck im Reaktorbehälter liegt bei 70 bar, der Füllstand beträgt 12,04 Meter, er wird in den nächsten Minuten langsam sinken. Insgesamt befinden sich vier Techniker auf dem Leitstand, erfahrene Leute. Der diensthabende Schichtleiter ist seit 28 Jahren im Werk, der Reaktorfahrer ein Jahr weniger, beide waren schon beim Bau dabei. Sie haben ihre Arbeit gerade begonnen, Schichtwechsel war um 14 Uhr.
15.07 Uhr. Aus dem Trafohaus dringt erster Rauch, Trafo AT01 hat Feuer gefangen. Insgesamt 70 000 Liter Öl umgeben
den Transformator zur Kühlung, es dauert sieben Stunden, den Brand zu löschen. Der Schichtleiter alarmiert die örtliche Feuerwehr und lässt Reaktorgebäude und Maschinenhaus räumen.
15.12:46 Uhr. Der Füllstand im Reaktor ist unter die Schwelle von 11,92 Meter gesunken, eine der beiden Hochdruckpumpen springt an, 100 Liter Wasser schießen pro Sekunde in den Reaktordruckbehälter. Gleichzeitig schließen die Dampfleitungen, damit nicht noch mehr Flüssigkeit entweicht. Das Wasser über den Brennstäben steigt wieder an.
15.13:07 Uhr. Der Druck im Reaktor ist auf 75 bar gestiegen. Bei der Stromerzeugung erhitzen die Brennstäbe das Wasser im Reaktorbehälter auf 286 Grad Celsius, auch nach einer Schnellabschaltung sind die Stäbe noch immer so heiß, dass weiter Dampf entsteht. Der Schichtleiter weist den Reaktorfahrer an, nicht darauf zu warten, dass die Anlage automatisch Dampf ablässt, sondern den Druck langsam von Hand zu reduzieren. Der Fahrer öffnet per Knopfdruck zwei Entlastungsventile.
15.14 Uhr. Der Schichtleiter bittet einen seiner Kollegen, einige Atemschutzgeräte aus einem der Metallspinde im Gang herbeizuschaffen, eine Vorsichtsmaßnahme, die sich dann als unbegründet erweist. Die Belüftungsrohre für die Klimaanlage liegen ganz in der Nähe des brennenden Trafohauses. Filter halten den Qualm ab, aber in der Luft liegt leichter Brandgeruch.
15.20 Uhr. Der Schichtleiter bemerkt, dass der Füllstand wieder fällt. Es hat ein Missverständnis gegeben: Der Reaktorfahrer sollte den Druck auf 60 bar herunterbringen, indem er die Ventile abwechselnd öffnet und schließt. Der Fahrer hatte jedoch verstanden, dass er die Anlage auf 15 bar bringen soll, den sichersten Zustand des Kernkraftwerks, und die Ventile die ganze Zeit offen gehalten. Über vier Minuten ist Dampf und damit auch Flüssigkeit in die Kondensationskammer geströmt. Bei 11,60 Meter springt die zweite Hochdruckpumpe an und hebt den Wasserpegel innerhalb der nächsten Minuten auf 14 Meter.
Um 15.30 Uhr sind Druck und Füllstand wieder stabil, die Klimaanlage wird auf Umluft gestellt. Einige Mitarbeiter haben wegen der eingeleiteten Brandgase etwas gerötete Augen, andere spüren ein leichtes Kratzen im Hals, "so als ob man etwas zu nah an einem Osterfeuer gestanden hat", erinnert sich einer der Beteiligten. Eine Auswertung der Luftmessung ergibt später, dass die maximale Belastung mit Rauchgasen bei 10 ppm lag, der Grenzwert sind 60 ppm.
Damit ist die Schnellabschaltung abgeschlossen, der Reaktor heruntergefahren und gesichert. "Wir hatten, als alles vorbei war, ein gutes Gefühl", erinnert sich Goeritz an den allgemeinen Eindruck bei einer ersten Besprechung in einem Nebenraum des Leitstands. "Wir fanden, dass alles sehr ruhig abgelaufen war, sehr professionell, wie in einer Übung."
Wie ein Störfall zu bewerten ist, dafür gibt es genaue Richtlinien. Weltweiter Standard ist heute die von der Atomenergiebehörde IAEA in Wien aufgestellte International Nuclear Event Scale (Ines), auf die sich nach dem Tschernobyl-Unglück alle Nationen verständigt haben, die kerntechnische Anlagen betreiben. Die Ines-Skala erfasst Pannen in sieben Kategorien, von "1 Störung", über "2 Störfall", bis "7 Katastrophaler Unfall". In Deutschland ist für die Einstufung die Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit in Köln zuständig. Dort hat man die Ereignisse in Krümmel in Abstimmung mit der Aufsichtsbehörde in Kiel und mit dem Bundesumweltministerium bewertet, allerdings nicht als Störfall, nicht einmal als Störung. Der Vorfall gilt als "Ereignis ohne oder mit geringer sicherheitstechnischer Bedeutung", das ist auf der Ines-Skala Stufe 0.
Schon eine Woche nach dem Brand kam der zuständige Experte des TÜV zu der Einschätzung, dass die Sicherheitssysteme bestimmungsgemäß funktioniert hätten. Alle Abweichungen vom Normalbetrieb - der Ausfall beider Trafos, das Abschalten einer Speisewasserpumpe, das Öffnen von zwei Entlastungsventilen per Hand - seien Fehler ohne Auswirkungen auf die Sicherheit der Anlage gewesen. "Der Brand des Trafos selber hat keine direkten Auswirkungen auf das Reaktorgebäude und den Reaktor gehabt", hielt der TÜV-Gutachter fest. Es ist eine eindeutige Aussage, aber niemand nahm sie zur Kenntnis, vielleicht wollte sie auch keiner hören.
DIE AUFKLÄRER
Gitta Trauernicht sagt heute, sie habe sofort erkannt, dass der Störfall in Krümmel etwas Besonderes ist: "Es passiert nicht so häufig, dass es in einem Kernkraftwerk brennt."
Die Sozialministerin des Landes Schleswig-Holstein sitzt gerade mit ihrem Pressesprecher zusammen, um die Termine des nächsten Tages abzustimmen, als sie ein Mitarbeiter um halb vier über den Brand informiert. Es ist schnell klar, dass keine Radioaktivität freigesetzt wurde. Aus der Leitwarte in Krümmel kommt die beruhigende Auskunft, dass der Reaktor in sicherem Zustand ist.
Es ist das zweite Mal an diesem Tag, dass in Schleswig-Holstein ein Atomkraftwerk unbeabsichtigt vom Netz geht. Zwei Stunden zuvor hatte eine Netzstörung bereits eine Schnellabschaltung im Kernkraftwerk Brunsbüttel ausgelöst, es ist eine merkwürdige Koinzidenz, die sofort Fragen nach der Netzstabilität aufbringt. Tatsächlich konzentrieren sich die Nachforschungen zunächst darauf, ob es zwischen beiden Vorkommnissen einen Zusammenhang gibt. Die Experten gehen heute von einem Zufall aus.
Trauernicht ist erst seit zwei Jahren für die Atomaufsicht in Schleswig-Holstein zuständig. Sie ist eigentlich Sozialwissenschaftlerin, eine energische Frau mit runder Brille und braunroten Haaren. Atomrecht ist eine sehr komplizierte Sache, aber Trauernicht hatte, wie sie sagt, schon immer
ein "Faible für technische Fragen", sie hat sich eingearbeitet in die schwierige Materie.
Nach dem Störfall sind das Ministerium und Vattenfall um enge Zusammenarbeit bemüht. Es gibt in der ersten Stunde des Brandes gleich zweimal telefonischen Kontakt zwischen den Mitarbeitern der Leitwarte und den Beamten in der Kieler Aufsichtsbehörde. Der Text der Pressemitteilung, die um 17.16 Uhr an die Redaktionen geht, ist mit dem Vattenfall-Pressesprecher Ivo Banek Wort für Wort abgestimmt. Für den Samstag wird eine erste Expertenrunde im Ministerium angesetzt, zur Rekonstruktion des Störfalls.
Vier Stunden dauert das Gespräch am 30. Juni, der TÜV ist da, die Brandgutachter vom Germanischen Lloyd, die Beamten der Fachabteilung, insgesamt 25 Leute. Die Verantwortlichen aus Krümmel haben eine Powerpoint-Präsentation vorbereitet, mit einem Schwerpunkt auf den Problemen bei der Schnellabschaltung. Es kommt alles ausführlich zur Sprache, der Ausfall der Speisewasserförderung, das Öffnen der beiden Entlastungsventile von Hand, der Füllstandsabfall im Reaktor. "Es war eine sehr sachliche, freundliche Atmosphäre", erinnert sich der Atomkraftwerksleiter Hans-Dieter Lucht an das Fachgespräch. Nichts deutet auf die Auseinandersetzungen der kommenden Tage.
Trauernicht ist nur die ersten 15 Minuten dabei. Als sie den Besprechungsraum verlässt, bittet sie den Geschäftsführer der Kernkraftsparte bei Vattenfall Europe, Bruno Thomauske, später noch einmal in ihrem Büro vorbeizuschauen. Thomauske, ein großgewachsener, zupackender Kerl, ist der Mann, an den sich die Ministerin in den nächsten Tagen immer wieder wenden wird, wenn es Schwierigkeiten gibt. Sie lobt die gute Zusammenarbeit, man vereinbart, sich weiter eng abzustimmen. Die Schnellabschaltung in Krümmel habe "ordnungsgemäß funktioniert, ohne dass eine Gefährdung für Menschen und die Umwelt bestanden hätte", heißt es in der Presseerklärung, die am Samstagnachmittag das Ministerium verlässt. Niemand sieht die Notwendigkeit, über die festgestellten "Abweichungen" zu berichten, bei Vattenfall nicht, aber auch nicht im Sozialministerium.
Das ändert sich schlagartig am Dienstag, fünf Tage nach dem Brand. Es gibt keine wirklich neuen Erkenntnisse, aber das Bundesumweltministerium hat sich in Kiel gemeldet, mit Nachfragen. Ministerialdirigent Dieter Majer, Abteilung Reaktorsicherheit, hat sich die Powerpoint-Präsentation vom Samstag per Mail zuschicken lassen. Ihm genügt ein Blick auf das Wort "Abweichungen", um elektrisiert zu sein. Umweltminister Gabriel verteidigt das letzte unangetastete Erbe von Rot-Grün, den Beschluss zum Ausstieg aus der Kernenergie, gegen Vattenfall und die drei anderen Stromkonzerne, und Majer steht bei diesem Kampf an vorderster Front. Bei der Atomaufsicht in Kiel haben sie die Darstellung des 28. Juni immer mit den Augen von Fachbeamten gelesen, im Bundesumweltministerium erkennen Gabriels Mitstreiter, was man aus dem Störfall in Krümmel im politischen Meinungskampf machen kann.
Mit Verzögerung setzt sich diese Sichtweise auch im Sozialministerium in Kiel durch, ausgelöst durch die Nachfragen aus Berlin. Trauernicht ist in eine unmögliche Lage geraten. Sie muss fürchten, dass der Umweltminister das Vattenfall-Material nutzt, um sich als Aufklärer in Szene zu setzen, zu ihrem Schaden. Die beiden Parteifreunde sind schon ein paarmal über Kreuz geraten, das letzte Mal nach einem Störfall im schwedischen Kernkraftwerk Forsmark, wo sie einander wechselseitig beschuldigten, nicht rechtzeitig reagiert zu haben. Trauernicht besitzt genug politischen Instinkt, um sofort zu erkennen, welche Gefahr ihr droht, wenn der Eindruck entsteht, dass der Störfall in Krümmel doch nicht so harmlos war wie angenommen. Bei der Atomaufsicht versagt zu haben ist ein Vorwurf, der eine Karriere beenden kann, erst recht in der SPD.
Sie muss Gabriel zuvorkommen, also entscheidet sie sich, eine Pressemitteilung herauszugeben, dass es bei der Abschaltung des Reaktors in Krümmel zu Problemen gekommen sei, allerdings ohne Einfluss auf die Sicherheit der Anlage. Abteilungsleiter Wolfgang Cloosters meldet sich bei Thomauske, um ihn darüber vorab in Kenntnis zu setzen, noch fühlt man sich in Kiel an das Kooperationsversprechen mit Vattenfall gebunden. Thomauskes Bitte, etwas Zeit für eine eigene Erklärung zu bekommen, lehnt Cloosters mit Hinweis auf den nahenden Redaktionsschluss in vielen Zeitungen ab. Der Bundesumweltminister sei am Abend bei einer Podiumsdiskussion am Pariser Platz in Berlin zur Kernenergie auf dem Podium; die Ministerin habe Sorge, dass Gabriel die Gelegenheit nutzen könnte, die Sache hochzuziehen. So schildert Thomauske den weiteren Gesprächsverlauf; Cloosters sagt heute, dass er sich an diese Einzelheiten des Gesprächs nicht mehr erinnern könne.
Die Pressemitteilung hat einen ganz anderen Effekt als geplant. Was als Entlastung gedacht war, stürzt Trauernicht in eine Krise. Der Ministerin wird vorgeworfen, sie habe mit wichtigen Informationen hinterm Berg gehalten. Vor dem Ministerium ziehen Greenpeace-Aktivisten auf und rollen Atommüllfässer in den Eingang.
Irgendwann an diesem Tag entscheidet sich Trauernicht, alle Rücksichtnahme fallenzulassen und die Rolle der abwägenden Behördenchefin gegen die der zornigen Anklägerin zu tauschen. Die Ministerin bezichtigt Vattenfall der Täuschung. Sie wirft dem Unternehmen in den nächsten Tagen immer wieder vor, die wirklichen Ereignisse bagatellisiert oder einfach weggelassen zu haben.
Viele Vorwürfe sind nicht haltbar, aber das interessiert zu diesem Zeitpunkt niemanden. "Erst am 4. Juli wurde der Aufsicht mitgeteilt, dass die Ventile rund vier Minuten geöffnet waren", behauptet das Ministerium - das soll erklären, warum Trauernicht erst verspätet die Öffentlichkeit über Probleme auf der Leitwarte informierte. Tatsächlich sind die vier Minuten in Kiel bereits seit dem Fachgespräch am Samstag, dem 30. Juni, bekannt, wie aus den Unterlagen der Sitzung hervorgeht. "Nach heutigem Kenntnisstand ist nach Ausbruch des Brandes, entgegen der Darstellung
der Betreiberin, Brandgas durch die Zuluftanlage in die Warte gelangt", heißt es in einem Bericht des Ministeriums anklagend. Entgegen der Darstellung von Vattenfall? Im Protokoll der Sitzung vom Samstag findet sich der Vermerk, dass die Krümmel-Mitarbeiter auch über "Qualmeintrag" in die Warte berichteten; Teilnehmer erinnern sich, dass über den Punkt "Qualm/Rauch/Feuer" gut eine Stunde geredet wurde.
Auch Gabriel steigt nun ein, nachdem er sich bei seiner Parteifreundin in einem Telefonat vergewissert hat, dass man auf einer Linie ist. Er nennt Krümmel einen "Gefährdungsreaktor" und bezweifelt die Verlässlichkeit der Atomindustrie insgesamt: "Die deutschen Atomkraftwerke sind weltweit die sichersten, nur gelegentlich knallt's und brennt's." Sein Parlamentarischer Staatssekretär Michael Müller rückt Krümmel sogar in die Nähe der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl: "In keinem Szenario war offenkundig dieser Vorfall vorgesehen, und das zeigt, dass eben nicht nur in der Dritten Welt oder in Osteuropa solche Unfälle passieren können, sondern auch in einem hochentwickelten Land."
Natürlich weiß Gabriel, dass die Fehler bei der Schnellabschaltung, von denen nun alle reden, sicherheitstechnisch nicht wirklich bedeutsam sind. Er lässt sich direkt von seiner Fachabteilung unterrichten, zum Teil mehrmals täglich. "Es gab in der Angelegenheit engen Kontakt mit dem Minister und dem Staatssekretär", sagt Ministerialdirigent Majer. Auch zwischen Berlin und Kiel wird in den folgenden Tagen viel telefoniert.
Vattenfall ist ein einfaches Ziel. Der Energiekonzern hat nie gelernt, die Öffentlichkeit für sich einzunehmen, und sei es einfach durch Offenheit. In der Kernkraftsparte sind an verantwortlicher Position häufig Ingenieure, die Mühe haben zu verstehen, wie beängstigend es auf viele Leute wirkt, wenn sich in einem Kernkraftwerk plötzlich eine Speisewasserpumpe abstellt. Hinzu kommen interne Meinungsverschiedenheiten über die Kommunikationsstrategie. Thomauske drängt auf eine baldige Pressekonferenz, um Vattenfall aus der Defensive zu bringen. Doch bei der Vattenfall-Holding in Berlin ist man zögerlich, will lieber darauf warten, dass sich die Dinge von selbst beruhigen.
Am Morgen des 6. Juli trifft Thomauske Trauernicht zu einem Gespräch in ihrem Büro, aber eigentlich hat man sich nichts mehr zu sagen. Die Ministerin hat einen Vermerk auf dem Tisch liegen, dass der Reaktorfahrer eine der Atemmasken aufgesetzt hatte, die in der Leitwarte bereitlagen. Diese Information stammt von Vattenfall; das hält sie nicht davon ab, das jetzt als weiteren Beleg für eine verschleppte Aufklärung zu werten. Thomauske teilt ihr mit, dass der Konzern eine Pressekonferenz plane, um alle offenen Fragen zu beantworten, so hat er es zwischenzeitlich mit Vorstandschef Klaus Rauscher vereinbart. Doch es nützt nichts mehr. Thomauske ist auf dem Weg in die Hamburger Zentrale, als er im Radio hört, die Ministerin habe Vattenfall aufgefordert, sich endlich der Öffentlichkeit zu erklären. Es sieht so aus, als ob die Pressekonferenz nur auf ihren Druck zustande gekommen sei. Auch die Geschichte mit der Maske ist schon in der Welt. Ein Mitarbeiter habe seinen Dienst nur mit Atemschutz fortsetzen können, lautet die Meldung des Ministeriums, es klingt dramatisch. Was nicht gesagt wird: Zum Zeitpunkt, als der Reaktorfahrer die Maske aufsetzt, ist die Schnellabschaltung längst abgeschlossen.
DIE DURCHSUCHUNG
"Wir hätten das alles überstanden, irgendwann hätte sich die erste Aufregung wieder gelegt", sagt Thomauske, "womit niemand gerechnet hat, war das Eingreifen der Staatsanwaltschaft." Am 13. Juli, gegen 11 Uhr, fahren zehn Beamte der Kriminalpolizei Geesthacht in Krümmel vor, sie haben einen Durchsuchungsbeschluss des Amtsgerichts Schwarzenbek dabei. Ein Fotograf wartet schon bei der Einlasskontrolle des Kraftwerks, zwei Kamerateams treffen zeitgleich mit den Beamten ein. Es mache ihn "fassungslos", dass die Ermittlungsbehörden zu diesem Schritt gezwungen gewesen seien, erklärt SPD-Justizminister Uwe Döring, ein enger politischer Freund Trauernichts, wenig später bei einer Sitzung des Landtags: "Das kenne ich eigentlich nur aus anderen Zusammenhängen, die ich hier jetzt nicht weiter benennen möchte."
Die Polizei ermittelt im Auftrag der Staatsanwaltschaft Lübeck wegen des Verdachts der fahrlässigen Körperverletzung. Es ist sicher eine der seltsamsten Durchsuchungsaktionen der deutschen Rechtsgeschichte. Sie ist in jeder Hinsicht unverhältnismäßig. Weder gibt es eine Strafanzeige noch einen wirklich Verletzten. Die Brandgutachter haben menschliches Fehlverhalten bereits ausgeschlossen.
Es gibt eigentlich nur einen obskuren Hinweis der "taz". Der Feuilletonredakteur Daniel Wiese hat von einem Bekannten gehört, dass es bei dem Brand zwei Tote und einen Schwerverletzten gegeben habe, eine genauere Quelle gibt es nicht, der Bekannte hat das ebenfalls vom Hörensagen. Wiese fragte im Zuge der Recherche auch bei der Staatsanwaltschaft in Lübeck nach, "die waren gleich sehr interessiert", sagt er.
Zweimal war die Kripo schon auf dem Gelände, um Werksmitarbeiter zu dem "taz"-Hinweis zu befragen. Beide Male erkundigten sie sich in dem Zusammenhang auch nach dem Namen des Reaktorfahrers, der am 28. Juni nachmittags Dienst hatte. Doch Vattenfall entschied, den Namen nicht zu nennen, der Verdacht, es habe Tote gegeben, erschien zu absurd.
"Es ist nicht auszuschließen, dass der Reaktorfahrer Anzeichen einer Rauchvergiftung wie Reizungen der Schleimhäute, Atemnot etc. erlitten hat", heißt es in dem Durchsuchungsbeschluss, den die Beamten am Freitag präsentieren. "Bei der Schwere und Bedeutung der in Rede stehenden Straftat sind die Durchsuchung und etwaige Beschlagnahme wegen der Notwendigkeit für die weiteren Ermittlungen erforderlich und verhältnismäßig."
Natürlich hätte man den Namen des Mitarbeiters herausgeben können, sagt Thomauske, im Nachhinein betrachtet er seine Sturheit in der Sache als entscheidenden Fehler. Er habe sich von den Politikern nicht länger vorführen lassen wollen, sagt er: "Es war auch ein Kräftemessen, das ich verloren habe."
Als die Nachricht von der Durchsuchung über die Medien geht, ist dem Vorstand
klar, dass nichts mehr zu retten ist. Noch am Abend bietet Thomauske seinen Rücktritt an, fünf Tage später ist auch Rauscher weg. Der schwedische Konzernchef Lars Göran Josefsson entschuldigt sich für "Fehler" des Unternehmens und kündigt eine unabhängige Kommission zur Aufarbeitung des Störfalls an.
Vier Monate sind vergangen seit der Schnellabschaltung des Kernkraftwerks. Anfang Oktober wurde ein neuer Trafo eingebaut, außerdem hat Vattenfall das gesamte Kraftwerk turnusgemäß einer Revision unterzogen. Fachleute untersuchen derzeit eine Reihe fehlerhafter Dübelverbindungen, zum Jahreswechsel bereitet Vattenfall das Wiederanfahren der Anlage vor.
Jeder Tag Stillstand kostet eine Million Euro, aber das Unternehmen hat beschlossen, Streit mit dem Sozialministerium in Kiel aus dem Weg zu gehen. Es verzichtet auf jede Eile.
Die Auswirkungen des Störfalls sind in allen deutschen Stromkonzernen zu spüren. In den Vorständen haben sie die Hoffnung aufgegeben, den Ausstiegsbeschluss in naher Zukunft noch einmal zur Diskussion stellen zu können.
In der Union, die der Kernenergie aufgeschlossen gegenübersteht, finden sich kaum noch Leute, die offen für die Atomkraft eintreten. Die Stimmung ist gekippt: Inzwischen ist wieder eine Mehrheit der Deutschen in Umfragen für den Ausstieg aus der Atomkraft.
Die beteiligten Politiker ziehen es vor, nicht mehr zurückzublicken oder andere für Übertreibungen verantwortlich zu machen. Gabriel lässt durch seinen Sprecher ausrichten, dass der Minister keinen Bedarf sehe für ein Gespräch über Krümmel. Ministerin Trauernicht findet heute, dass "Greenpeace und die Grünen nach dem Störfall ein bisschen den Überblick verloren" hätten: "Wir standen hier nicht vor einer Kernschmelze."
Und sie selber? Am 13. Juli fragte die schleswig-holsteinische Sozialministerin im Landtag nach der Durchsuchung in Krümmel: "Warum wurde verheimlicht, dass es entgegen ersten Aussagen doch Verletzte gab?" Nun ja, sagt die Ministerin im Nachhinein, ein paar Mitarbeiter hätten am Tag des Brandes schließlich über Atemprobleme geklagt, es habe auch Schnittverletzungen gegeben.
Das ist wahr: Am Morgen des 28. Juni, etwa viereinhalb Stunden vor dem Störfall, hatte sich ein Schlosser bei Bohrarbeiten auf dem Kraftwerksgelände einen Schnitt am Finger zugezogen. Er war zum Sanitäter gegangen, um sich ein Pflaster zu besorgen, dann nahm er die Arbeit wieder auf, so steht es auch im Verbandsbuch.
Es ist an diesem Tag, neben dem Insektenstich eines Monteurs, der einzige Eintrag.
Von Jan Fleischhauer und Roland Nelles

DER SPIEGEL 43/2007
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