Von Tuma, Thomas
SPIEGEL: Herr Raab, am Donnerstag startet Ihr einstiges TV-Ziehkind Oliver Pocher mit Harald Schmidt eine neue Nachtshow in der ARD. Wie empfinden Sie die Fahnenflucht?
Raab: Ich war ja vorab informiert. Außerdem haben wir mit Pocher gemeinsam eine Firma, die weiterexistiert, auch wenn er jetzt für ein halbes Jahr mal bei der ARD aushilft. Dann schauen wir, was kommt.
SPIEGEL: Das heißt, Sie und ProSieben halten für Pocher die Tür offen?
Raab: Selbstverständlich. Er kann jederzeit zurückkommen. Wir wollen Leute schließlich fördern, nicht fertigmachen. Sein Wechsel zu Schmidt und ARD ist sicher die beste Möglichkeit, die er haben kann, wenn seine persönliche Philosophie stimmt.
SPIEGEL: Pocher hat eine Philosophie?
Raab: Stellen Sie sich einen Fußballverein vor, der jahrzehntelang ganz oben mitgespielt hat und nun fast rettungslos in Abstiegsnot gerät ...
SPIEGEL: Das soll wohl Schmidt sein ...
Raab: ... und nun wird ein junger, motivierter Trainer gesucht.
SPIEGEL: Pocher?
Raab: Dieser Trainer glaubt, dass er gar nicht verlieren kann. Wenn der Verein trotz seiner Hilfe absteigt, war er nicht schuld, weil die Kicker schon vorher viel zu tief in der Scheiße steckten. Gelingt ihm die Sensation, den Karren aus dem Dreck zu ziehen, ist er der Held. Dass Oli so eine Chance nutzt, hat mich nicht überrascht.
SPIEGEL: Am Late-Night-Konzept sind viele gescheitert - von Thomas Gottschalk bis Anke Engelke. Selbst Harald Schmidt hatte zuletzt offenbar keine Lust mehr, sich mehrmals wöchentlich den Abend zu verderben. Nun sind Sie mit "TV total" der große alte Mann des Late-Night-Geschäfts. Komisch, oder?
Raab: Ich bin eben ein zäher Hund. Das halte ich übrigens für eine wichtige Charaktereigenschaft - nicht nur im Fernsehgeschäft: Man darf sich nicht von anderen sagen lassen, wie gut oder schlecht man ist. Und wenn Herr Schmidt dem SPIEGEL erzählt, er habe wegen Late Night kein Privatleben mehr gehabt, dann muss ich - trotz aller Bewunderung für ihn - sagen: So ein jammerlappiges Verhalten liegt mir nicht. Das ist 'ne ausgesprochene Kurzstreckenläufer-Denke. Ich dagegen bin ein Steher.
SPIEGEL: Man glaubt es kaum, aber Sie senden "TV total" bereits seit acht Jahren.
Raab: Unsere fernsehgeschichtliche Leistung wird dabei noch immer unterschätzt.
SPIEGEL: Bitte, was?
Raab: Wir zeigen ja heute nicht deshalb weniger TV-Trash, weil wir ihn nicht mehr mögen, sondern weil es weniger gibt. Durch ständiges Wiederholen und Zurschaustellen mancher Nummern aus anderen Sendern haben wir viel Schrott samt den Akteuren vernichtet. Denken Sie nur an die früheren Nachmittags-Talkshows!
SPIEGEL: Sie wollen behaupten, dass Sie das Fernsehen sauberer gemacht haben?
Raab: Manchen Wahnsinn haben wir zumindest transparent gemacht - und damit auch unmöglich.
SPIEGEL: Meist ist mangelnde Quote schuld, wenn was verschwindet. "TV total" gibt's trotz gesunkenen Zuspruchs noch immer. Machen Sie die viermal wöchentliche Nachtsendung vielleicht nur noch deshalb, weil es eine prima Werbeplattform für all Ihre Event-Shows ist - von Wok-WM bis Poker-Nacht, vom Promi-Turmspringen bis "Bundesvision Song Contest"?
Raab: Natürlich macht uns "TV total" als Werbeplattform für unsere eigenen Events extrem unabhängig. Ich brauche keine "Bunte", "Gala" oder "Bild", und ich muss auch nicht in anderer Leute Talkshows sitzen, um für unsere Shows zu werben. Aber ich bin auch überzeugt, dass "TV total" als reine Reklame-Insel keine Chance hätte, sondern aus sich selbst heraus erfolgreich sein muss ...
SPIEGEL: ... was es nicht ist. Die Quoten rutschen längst unter die Million-Marke.
Raab: Wichtig ist der Marktanteil. Da liegen wir über dem Senderschnitt von ProSieben, so dass sich niemand beklagt.
SPIEGEL: Eine Ihrer erfolgreichsten Event-Ideen ist "Schlag den Raab", wo Sie in etlichen Wettkämpfen gegen einen Kandidaten antreten, der am Ende mindestens 500 000 Euro gewinnen kann. Der letzte Wettkampf dauerte rund fünf Stunden und war die vielleicht längste Live-Show der hiesigen TV-Geschichte. Wie lange darf eine gute Show dauern?
Raab: Lang heißt nicht langweilig. Eine Sendung ist erst dann zu lang, wenn die Leute abschalten. Uns schauten selbst nachts um halb zwei noch drei Millionen zu. Es muss also spannend gewesen sein.
SPIEGEL: Trainieren Sie dafür viel?
Raab: Seh ich so aus?
SPIEGEL: Sie wirkten schon teigiger.
Raab: Also im Moment könnte ich ein wenig Training vertragen, habe aber Knieprobleme. Meine Gegner sind inzwischen echte Kampfschweine ... Leistungssportler mit Approbation und Philosophiestudium, die nur noch einen Bruchteil der deutschen Bevölkerung repräsentieren. Da wird's für mich immer schwerer.
SPIEGEL: Man merkt Ihnen jedenfalls den unbedingten Siegeswillen an.
Raab: Ehrgeiz ist Teil meines Charakters und das Erfolgsrezept der Sendung. Es macht mir einfach keinen Spaß, Zweiter zu sein. Das heißt aber nicht, dass ich ein schlechter Verlierer wäre. Bei der letzten Show lag ich fast uneinholbar vorn. Am Ende habe ich meinem Gegner den Sieg wirklich gegönnt, denn er hat sich einfach nicht aufgegeben.
SPIEGEL: Sie gehen offenbar gern dahin, wo's wehtut. Bei einem Promi-Turmspringen sind Sie Kopf voran vom Zehn-Meter-Turm gesprungen. Ist Fernsehmachen für Sie eine permanente Mutprobe?
Raab: Nur fürs Publikum bin ich in Berlin beim letzten Mal sogar 17 Meter aus der Hallendecke gesprungen und habe mir dabei das Steißbein gebrochen. Da hatte ich viele Monate lang Spaß mit. Anderen Mitspielern ist aber auch schon einiges passiert. Das Risiko gehört dazu.
SPIEGEL: Die Boxerin Regina Halmich brach Ihnen vor fast acht Millionen Zuschauern mal die Nase. Sind Sie risikofreudig oder einfach schmerzgeil?
Raab: (lacht) Ich kann viel ab. Und ich weiß um meine Eigenschaft, einigermaßen schmerzresistent zu sein, körperlich wie seelisch. Ich bin aber kein Masochist, kein Hasardeur und kein Irrer. Man kann nur nicht jede Eventualität einplanen, auch wenn wir uns beim großen "TV total"-Springreiten zum Beispiel sogar überlegen mussten, was wir machen würden, wenn sich eines der Pferde ein Bein bricht.
SPIEGEL: Wäre nicht mehr lustig, wenn man das Tier vor Millionen erschießen müsste.
Raab: Aber deshalb muss man auch nicht gleich auf Schiffe versenken oder Hallen-Mau-Mau ausweichen. Es kann immer was in die Hose gehen. Das macht ja auch den Reiz solcher Shows aus.
SPIEGEL: Ihre TV-Events werden zusehends bombastischer - transportieren aber auch immer mehr Reklame. Mittlerweile könnten Sie so was wie die Wok-WM auch als "Dauerwerbesendung" laufen lassen.
Raab: Erstens: So sieht Sport nun mal aus. Selbst bei der Fußball-Nationalmannschaft hängen die Reklamebanner heute in Dreierreihen übereinander. Können Sie sich Tour de France oder Formel 1 ohne Reklame vorstellen? Zweitens: Das Engagement der Industrie sorgt für Wettbewerb unter den Teams, die dann auch wirklich an sich und ihrer Ausrüstung arbeiten. Drittens: Derart aufwendige Shows könnten wir uns ohne Werbepartner gar nicht mehr leisten.
SPIEGEL: Sie pervertieren den Sportgedanken.
Raab: Wir professionalisieren ihn. Denn viertens ist ProSieben ein werbefinanzierter Privatsender. Eigentlich sind wir eine Triebfeder der deutschen Wirtschaft.
SPIEGEL: Vor allem ist das Raab-Show-Imperium heute der Kern von ProSieben. Gibt es Momente, in denen Sie die Macht Ihrer Bedeutung für den Sender spüren?
Raab: Sie glauben, dass ich denen die Pistole auf die Brust setzen und schreien kann, dass ich den Samstagabend bis halb zwei durchsenden will?
SPIEGEL: Darauf läuft es doch hinaus.
Raab: Im Gegenteil: ProSieben nötigt uns, so was zu machen. Ich lasse mich allerdings gern nötigen, denn es macht unglaublichen Spaß ...
SPIEGEL: ... obwohl Ihre Senderkette seit einem halben Jahr einer Reihe anonymer Finanzinvestoren gehört, die angeblich an allen Ecken sparen.
Raab: Ich kenne diese Leute gar nicht. Aber dass Investoren die Rendite hochpeitschen wollen, ist doch klar. Wer das nicht übers Programm schafft, versucht es mit Sparprogrammen hinter den Kulissen. Das ist nun mal die harte Geschäftsrealität. Den Jammerern im TV-Geschäft kann ich nur zurufen: Macht euch unersetzbar! Liefert ein Spitzenprogramm! Dann kann niemand auf euch verzichten. "Schlag den Raab" wurde zum Beispiel mittlerweile in die USA verkauft, nach England, Norwegen und Australien. Wir erzeugen Content und generieren Rechte.
SPIEGEL: Sie sind überhaupt ein fanatischer Sammler von Rechten und Lizenzen, oder?
Raab: Seit ich nach der Schule mit der Produktion von Werbejingles anfing, ist mir klar, wie wichtig die sind. Nicht wegen der Kohle, sondern weil ich Einfluss haben möchte auf das, was mit meiner Arbeit passiert. Meine wahre Passion ist ohnehin das kreative Entwickeln neuer Konzepte wie eben "Schlag den Raab". Dabei ist es allenfalls praktisch, dass ich auf mich selbst als Protagonist zurückgreifen kann. Ich sehe mich aber nicht in erster Linie als TV-Gesicht.
SPIEGEL: Wirklich nicht?
Raab: Wirklich nicht. Meine Eitelkeit reicht nicht so weit, mich den Leuten aufzudrängen, bis sie kotzen. Vorher geh ich halt. Über meine Ideen wäre ich auch so auf dem Schirm präsent - als Songschreiber, Produzent, Formatentwickler und so weiter.
SPIEGEL: Mit der "Stock Car Crash Challenge" füllten Sie gerade die Arena auf Schalke. Sie haben das Konzept entwickelt, sind einer der Kandidaten, produzieren die Show, haben auch noch die Musik geschrieben und führen die selbsterschaffene Band Dicks on Fire an. An wie vielen Ecken verdienen Sie eigentlich mit?
Raab: Das kann man in Zahlen gar nicht mehr ausdrücken. Aber im Ernst: Darum
geht's doch gar nicht. Ich will's krachen lassen. Und wenn sich keine Heavy-Metal-Band findet, die so eine Show mit guter, lauter Musik unterstützt, dann mach ich das eben selbst. Bei so einem Spektakel sollen alle chauvinistischen Schubladen aufgerissen werden. Da kann ich mir nicht von irgendeinem Altrocker sagen lassen: "Du, die nackten Mädels in den Käfigen passen nicht so zu unserem Image." So ein Auftritt muss knallen, Rock'n'Roll muss halt manchmal wie Krieg aussehen.
SPIEGEL: Als Nächstes legen Sie sich mit RTL an: Sie persiflieren die Castingshow "Deutschland sucht den Superstar" ("DSDS").
Raab: Das ist keine Persiflage. Wir bieten ab Donnerstag eine echte Alternative - mit richtiger Musik. Bei uns wird auch nicht lange mit diesem emotionalen Dünnpfiff rumgeschwurbelt. Da geht's direkt zur Sache.
SPIEGEL: Das Format heißt "SSDSDSSWEMUGABRTLAD" und steht für: "Stefan sucht den Superstar, der singen soll, was er möchte, und gerne auch bei RTL auftreten darf". Geht's noch absurder?
Raab: Auslöser war, dass bei "DSDS" der 18-jährige Max Buskohl als Kandidat ausstieg. Ich wollte ihn bei "TV total" auftreten lassen. Das verhinderte RTL und pochte auf Verträge. Die Reaktion fand ich albern, unentspannt und kleinlich. Sie zeigte aber auch, dass der Pfeil gesessen hat. Nun wollen wir einfach noch mal beweisen, dass man so eine musikalische Castingshow auch richtig gut machen kann, künstlerische Freiheit inklusive.
SPIEGEL: Der RTL-Juror Dieter Bohlen flippte prompt aus und beschimpfte Sie. "Trittbrettfahrer" war noch die höflichste Anrede.
Raab: Alle nötigen Kommentare dazu werde ich allenfalls in meiner Show zum Besten geben.
SPIEGEL: Sie sind ein Feigling!
Raab: Nö. Wieso?
SPIEGEL: Weil Häme und Beschimpfungen zu Ihrer Art von Show gehören.
Raab: Zur Show ja. Aber hier beim Interview bin ich die Privatperson Stefan Raab. Und die will eigentlich nur ihre Ruhe.
SPIEGEL: Herr Raab, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
DER SPIEGEL 43/2007
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