22.10.2007

JAZZ„Ich habe das Klavier gehasst“

Der Pianist Keith Jarrett, 62, über die Überwindung seines Chronischen Erschöpfungssyndroms, improvisierte Konzerte und die Frage, warum er häufig sein Publikum beschimpft
SPIEGEL: Mr. Jarrett, Interviews zu geben koste Sie mehr Energie, als Konzerte zu spielen, haben Sie mal gesagt. Wollen wir trotzdem anfangen?
Jarrett: Können wir. Es ist schwierig, immer die richtigen Worte zu finden, solche, die man nicht hin- und her interpretieren kann. Ich will mich immer klar ausdrücken, und das ist anstrengend. Beim Klavierspiel ist das anders. Man spielt eine Note und fertig. Darüber kann man nicht debattieren.
SPIEGEL: Sie sind jetzt zum ersten und einzigen Mal seit 15 Jahren für ein Solo-Konzert nach Deutschland gekommen, in die Alte Oper nach Frankfurt. Warum hat das so lange gedauert?
Jarrett: Wenn ich jedes Jahr käme, fingen die Leute an, mit dem Jahr davor zu vergleichen. Dann vergessen sie, dass sie eigentlich nur dasitzen und zuhören sollen, als wäre es das einzige Konzert des Universums. Alle 15 Jahre, das ist schon eine gute Dosis und besser für das Publikum.
SPIEGEL: Viele kommen dennoch, weil sie sich eine Wiederholung Ihres berühmten "Köln Concert" von 1975 erhoffen. Nervt es Sie, dass ein großer Teil Ihres Publikums den Rest Ihres Schaffens ausblendet?
Jarrett: Ja, das nervt, und es ist dumm. Es ist eine Art Genusssucht. Jemandem schmeckt ein Gericht besonders gut, also isst er es immer wieder, ohne zu schauen, was es sonst noch zu essen gibt. Mir erzählen Leute, sie hören das "Köln Concert", während sie ihre Wohnung putzen und der Staubsauger läuft. Das ist schaurig. Diese Leute machen es sich zu einfach. Sie missbrauchen Musik, um sich gegen die Lärmbelästigung der Welt zu schützen. Allein diese ganzen Kopfhörermenschen in den Städten: furchtbar. Da höre ich lieber die Geräusche der Autos und Lastwagen.
SPIEGEL: 2001 konnten Sie sich nicht vorstellen, jemals wieder Solo-Konzerte zu geben. Woher der Sinneswandel?
Jarrett: Ach, das habe ich 2001 gesagt? Ich dachte, so was habe ich auch schon in den Neunzigern und in den Achtzigern gesagt.
SPIEGEL: Aber 2001 besonders entschieden.
Jarrett: Mitte der Neunziger wurde ich sehr krank, litt am Chronischen Erschöpfungssyndrom. Ich konnte nicht mehr Klavier spielen, nicht mehr spazieren gehen, nicht mehr lesen. Ich war zu schwach, eine Buchseite umzublättern. Ein Solo-Konzert ist aber eine enorme physische Anstrengung. Nach meiner Genesung dachte ich erst, das schaffe ich nicht mehr. Ich entdeckte, dass ich zu mechanisch spielte. Zwar nicht so mechanisch, wie andere Pianisten ihr ganzes Leben lang spielen, aber für mich schlimm genug. Mechanik ist der Tod der Musik.
SPIEGEL: Warum hat es dann doch geklappt?
Jarrett: Ich habe mein Spiel in meinem Studio hier zu Hause regelrecht entgiftet. Ich ließ überflüssige Noten weg und konzentrierte mich aufs Wesentliche. Erste Live-Versuche in Japan bewiesen, dass es geklappt hat. Das japanische Publikum ist sehr höflich und geduldig. Die Auftritte dort waren wie Workshops für mich.
SPIEGEL: Früher waren Ihre Improvisationen oft mäandernd lang, teilweise 30 Minuten und mehr. Heute spielen Sie kaum länger als zehn Minuten pro Titel. Hängt das mit der Krankheit zusammen?
Jarrett: Ja, während meiner Krankheit habe ich mir meine alten Platten angehört, und bei manchen Solo-Stücken dachte ich: So würde ich das heute niemals wieder spielen, ich fühlte mich regelrecht schlecht dabei. Später setzte ich mich an den Flügel und spielte die Stücke noch mal, unterbrach sie aber dauernd, um nachzudenken, bis ich merkte, dass sie an den Stellen, an denen ich unterbrach, eigentlich vollkommen waren. Sonst hätte ich nicht unterbrochen.
SPIEGEL: Klingt, als hätten Sie Ihrer Krankheit durchaus was zu verdanken.
Jarrett: Und ob. Andere Musiker haben nicht die Chance, sich so eingehend mit ihrer eigenen Musik zu befassen. Sie müssen andauernd auftreten, Platten einspielen, diese Platten wieder promoten, und so weiter. Sie bekommen nicht die Chance, ihre eigene Musik so zu hinterfragen, wie ich das konnte.
SPIEGEL: Dabei hat es Ihnen eigentlich bisher nicht an Selbstbewusstsein gefehlt. Sie sagten mal, 99 Prozent aller Musik sei langweilig und schlecht.
Jarrett: Sie wollen sicher, dass ich mich selbst zu dem einen Prozent zähle, richtig? Ja, dazu gehöre ich, wenngleich ein Prozent eine ganze Menge Musiker sind! Ich würde mir wünschen, dass es mehr von meiner Sorte gäbe. Ich weiß, die Leute lieben es nicht, wenn man sich selbst so lobt. Gerade bei Ihnen in Deutschland gibt es ja immer wieder die Kontroverse, ob Mozart oder Beethoven der bessere Komponist war. Beide verstanden sich als Genies, doch Mozart kokettierte nicht ganz so offensichtlich damit wie Beethoven. Die meisten favorisieren deshalb Mozart. Ich finde auch, Mozart sollte gewinnen. Aber die Begründung kann doch nicht sein, dass er bescheidener war!
SPIEGEL: Diana Krall oder Norah Jones, die jetzt die Charts stürmen und den Jazz populär machen, zählen Ihrer Einschätzung vermutlich auch nicht zu dem einen Prozent, oder?
Jarrett: Die verkaufen doch nur so viele Platten, weil sie so gut aussehen. Es ist kein gutes Zeichen, wenn Jazzmusik in den Charts ist. Es darf nicht wichtig sein, ob sie sich verkauft oder nicht. Jazz ist kein stylisches Produkt, das man mit einem netten Gesicht anpreisen sollte. Wenn das geschieht, kann man getrost davon ausgehen, dass es kein Jazz ist.
SPIEGEL: So kritisch wie gegenüber Kollegen sind Sie auch gegenüber dem Publikum. Bei einem Konzert in Perugia diesen Sommer haben Sie es sehr heftig beschimpft. Und das nicht zum ersten Mal.
Jarrett: Nein, ich bin das Gegenteil von Glenn Gould, der nicht gern live aufgetreten ist. Ich liebe das Publikum und will dagegen nie wieder ein Studio betreten. Ich schätze es allein schon als Resonanzkörper in großen Konzertsälen. Musik in einer leeren Halle wird nie blühen. Ich brauche das Zwiegespräch mit dem Publikum. Es ist das größte Kraftzentrum für mich in einem Konzert.
SPIEGEL: Aber wenn jemand zu laut atmet oder hustet, fahren Sie aus der Haut.
Jarrett: Das ist Quatsch. Wenn ein Baby weint, dann weint es. Das gehört genauso zur Musik wie Vogelgezwitscher oder Hundegebell bei Freiluftkonzerten. Ich lehne nur jenes Publikum ab, das sich nicht auf die Musik konzentriert und wie wild rumfotografiert oder Mobiltelefone in die Luft hält, um das Konzert den Lieben daheim vorzuspielen.
SPIEGEL: Sind Sie so streng zu anderen, weil Sie von sich selbst Höchstleistung fordern, stets Perfektionist sein wollen?
Jarrett: Natürlich hat man gute Tage und man hat schlechte Tage. Aber 100 Prozent Leistung an einem schlechten Tag sind immer besser als 75 Prozent an einem guten. Ich will immer 100 Prozent dessen geben, was in diesem Moment möglich ist, besser noch 110 Prozent. Leistung ist existentiell.
SPIEGEL: Muss ein Keith Jarrett eigentlich noch üben?
Jarrett: Aber sicher. Ich übe jeden Tag und spiele jedes Mal ein imaginäres Konzert. Als ich jung war, habe ich teilweise über Monate nicht geübt und dann Solo-Konzerte gegeben. So was kann ich mir heute nicht mehr erlauben. Schon allein weil mein Körper streiken würde.
SPIEGEL: Sie haben das Genre des vollständig improvisierten Konzerts quasi erfunden. Dennoch gibt es so gut wie keine Nachahmer. Warum?
Jarrett: Um improvisierte Solo-Konzerte zu spielen, musst du dein Leben allein auf diesen Punkt fokussieren, dein gesamtes soziales Gefüge dreht sich nur darum. Die Buntheit des Lebens ist dahin. Jemand, der ein sogenanntes normales Leben führt, will dieses Opfer nicht auf sich nehmen.
SPIEGEL: Vier Wochen vor jedem Auftritt ziehen Sie sich zurück, um leer für das Konzert zu sein. Wie wird man leer?
Jarrett: Ich schließe alle Türen. Erst wenn ich an einem bestimmten Abend punkt acht Uhr für zwei Stunden improvisieren muss, öffne ich sie wieder. Dann ist alles neu. Bei einem Schriftsteller ist es genau anders herum. Er öffnet die Tür, geht hinaus in die Welt, um sich inspirieren zu lassen, er streift durch Wälder oder klettert auf Berge, dann schreibt er. Ich besteige den Gipfel erst während des Konzerts.
SPIEGEL: Sie spielen neben Klavier auch ganz hervorragend Saxophon. Warum hört man das nicht mehr auf Platten oder in Konzerten?
Jarrett: Oh, weil ich aufgehört habe, das Klavier zu hassen. Andere Instrumente spielte ich nur deswegen, weil ich das Klavier nicht mochte.
SPIEGEL: Sie hassten das Klavier?
Jarrett: Ja, ich habe es gehasst, weil es nicht singen kann. Es hat so einen starren Klang, so hart, ohne jegliche Tonbildung. Inzwischen habe ich mich damit abgefunden, ja, ich fühle mich sogar ganz wohl damit.
SPIEGEL: Ist das der Grund, warum Sie während Ihres Spiels so impulsiv stöhnen und summen?
Jarrett: Richtig, weil das Klavier keine Stimme hat. Wenn ich improvisiere, höre ich Töne in meinem Kopf, die ich mit dem Klavier nicht spielen kann. Die Distanz zwischen dem, was ich höre, und dem, was ich spielen will, aber nicht kann, versuche ich mit meiner Stimme zu überbrücken. Sollte ich mal stumm spielen, können Sie davon ausgehen, dass etwas nicht stimmt mit mir.
SPIEGEL: Sie verausgaben sich bei Ihren Solo-Konzerten oft dermaßen, dass hinter der Bühne ein Physiotherapeut wartet. Ist ein Konzert Leistungssport für Sie?
Jarrett: Es ist nicht so wie beim Stabhochsprung, wo man ständig versucht, die Latte höher zu legen. Auch sonst unterscheide ich mich sehr von einem Stabhochspringer. Der kennt zumindest seinen Anlauf und die Zeit, die er bis zum Absprung braucht. Das wiederholt sich bei ihm jedes Mal. Ich kenne das nicht. Ich weiß zu Beginn eines Konzerts nicht, wann mein Absprung kommt. Ich habe kein Routineprogramm, ich starte jedes Mal bei null. Wenn das Leistungssport ist, meinetwegen.
SPIEGEL: Sie haben mehr als 20 Soloplatten eingespielt und mehrere Dutzend Trio- und Quartettaufnahmen gemacht. Welche Platte liegt Ihnen besonders am Herzen?
Jarrett: Ich habe keinen Favoriten. Es ist immer die jeweils letzte Platte. Alles ändert sich doch ständig. Wir erneuern uns andauernd, da wäre es doch geradezu grotesk, wenn ich eine alte Platte besser finden würde als eine, die aus einem frischen Körper entsprungen ist. Ich will mit meiner Musik eine Botschaft loswerden. Da muss doch die jeweils aktuellste die spannendste sein und nicht eine, die 20 Jahre alt ist. Fragen Sie mal einen Schriftsteller, welches seiner Bücher er am besten findet. Er wird immer sagen: das letzte.
SPIEGEL: Seit 1972 halten Sie dem kleinen Münchner Plattenlabel ECM die Treue. Sie könnten zu einer der großen Plattenfirmen wechseln und sicher ein Vielfaches verdienen. Warum ECM?
Jarrett: Das mit dem Verdienst könnte vielleicht stimmen. Ich war ja auch bei anderen großen Firmen, Atlantic, Columbia, Impulse. Da waren die Fototermine wichtiger als die Aufnahmen im Studio. Und keiner verstand etwas von Musik. Man geht mit den Plattenchefs essen, sie trinken drei Martinis und machen rassistische Witze, während der japanische Koch ihnen gerade die Shrimps tranchiert. Das sind doch Versager.
SPIEGEL: Sie sind jetzt 62 und hatten viele gesundheitliche Probleme in der Vergangenheit. Welche Pläne haben Sie noch?
Jarrett: Ich habe den Plan, ein Improvisator zu sein, was so viel bedeutet, wie: Ich will meine Zukunft nicht kennen. Sollte meine Zeit aber vorbei sein, will ich nicht im Krankenhaus sterben. Dann werde ich die Ärzte fragen, ob sie mich vorher auf eine Bühne bringen können, auf der ein Klavier steht. INTERVIEW: JANKO TIETZ
Von Janko Tietz

DER SPIEGEL 43/2007
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