22.10.2007

TIERESpinnenflut am Hafenrand

Brückenspinnen werden zur Plage: Der Trend zum Wohnen am Wasser ebnet ihnen den Weg - zu Hunderttausenden verdrecken sie die Fassaden der neuen Wohntempel.
Wenn es Nacht wird in der Hamburger HafenCity, kriechen sie aus Ecken und Spalten. Lautlos erklimmen die Spinnen die Rotklinkerwände, weben ihre Netze vor Lüftungsrohre, ziehen Fäden zwischen Rettungsleitern, Balkongeländern und Fensterbrettern.
Feist sitzen die Achtbeiner dann in ihren Netzen. Die leeren Chitinpanzer verspeister Beute und die verklebten Reste alter Seidenfäden schaukeln sanft im Nachtwind. Weißer Spinnenkot bedeckt wie Taubenschiss die Fensterbretter.
Doch Biologen sind entzückt. "Das ist aber ein großes Weibchen", ruft Anja Nioduschewski begeistert und zeigt auf eine Spinne inmitten eines 40 Zentimeter messenden Radnetzes, "die sitzt da jetzt und wartet auf leckeres Fressen."
Nioduschewski ist einer Plage auf der Spur. Die Biologin der Hamburger Universität untersucht die Brückenspinne, wissenschaftlich Larinioides sclopetarius genannt. Mit finanzieller Unterstützung der HafenCity Hamburg GmbH seilt sich die 29-Jährige nächtens von den Bürohäusern des hanseatischen Vorzeigeviertels ab. Vor ihr an der Wand wogt ein Spinnenmeer.
"Ich habe schon 70 Tiere pro Quadratmeter gezählt", berichtet Nioduschewski. Ideale Bedingungen finden die Tiere in der HafenCity. Aber nicht nur dort: Auch anderswo dringt die Brückenspinne in die Städte. Der Trend zum Wohnen und Arbeiten am Wasser ebnet ihr den Weg.
In Dortmund etwa sollen rund um den künftigen Phoenix-See Wohnhäuser und Büros entstehen. Mülheims "Ruhrbania"-Projekt wird mit der nahen Ruhrpromenade glänzen. Am Spreebogen neben dem Berliner Hauptbahnhof ist ebenfalls ein ganz neues Stadtviertel geplant.
Für die Spinnen sind die Quartiere in Wassernähe ideale Lebensräume. "Brückenspinnen sind Kulturfolger", sagt Marcus Schmitt von der Universität Duisburg-Essen, "sie profitieren von Bauwerken am Wasser und von künstlichem Licht." Als "Felsersatz" bezeichnet er die Büro- und Wohnkomplexe: Ehedem webte die Brückenspinne ihr Netz einzig an wassernahen Felsen. Nun zieht sie Flaniermeilen wie die des Duisburger Innenhafens vor.
Dort protokollierte Nioduschewski schon vor zwei Jahren den Massenansturm der Arachniden. "Brückenspinnen leben in Kolonien", erläutert sie das Erfolgsrezept der Tiere. Während sich andere Arten oftmals sogar gegenseitig verspeisten, seien sich die grau-braunen Tiere nur selten spinnefeind. Zudem zieht künstliches Licht die nachtaktiven Räuber fast magisch an - genau dort winkt fette Beute.
Auf den Dächern der Hamburger HafenCity wird das Problem überdeutlich. Im Licht zahlloser Scheinwerfer erstrahlen die Fassaden. Unten plätschert leise der Elbkanal, ideale Brutstätte für Myriaden von Stech- und Büschelmücken, Zuckmücken und Eintagsfliegen. "Ein Spinnenparadies", sagt Nioduschewski und legt Klettergurt und Sicherheitshelm an. Dann schwingt sie sich am Doppelseil über den Abgrund. Kollege Artur Jezewski führt das Protokoll. Unten angekommen, nehmen die akademischen Klettermaxe den Aufzug zur nächsten Fassade. Polizisten hielten die Wissenschaftler schon für Einbrecher.
In drei Innenhöfen erforschen die Biologen derzeit die Spinnen. Die Fragestellung: Wie viele Spinnen leben in der HafenCity? Wo sind ihre Schlupfwinkel? Und schließlich: Wie kann man die achtbeinigen Störenfriede wieder loswerden?
Zwar sind die Brückenspinnen für die Hafenanrainer auch nützlich. Sie verspeisen Unmengen garstiger Insekten. Dass sie zugleich die Fenster verkleben und das teure Pflaster der HafenCity verdrecken, stinkt den Anwohnern jedoch gewaltig.
"Der Spinnenkot beschädigt die Fassaden", klagt Bianca Penzlien von der HafenCity Hamburg GmbH. Ähnlich wie bei Taubenplagen drohe Wertverlust. Zudem würden immer mehr Menschen am Hafenrand wohnen und arbeiten: "Da werden die Spinnen immer mehr wahrgenommen."
Wie also lässt sich die Spinnenflut eindämmen? Derzeit untersucht Nioduschewski, welche Lichtfarbe am wenigsten Insekten anlockt: "Je weniger Insekten, desto weniger Spinnen." Doch auch direkt auf die Achtbeiner hat sie es abgesehen. Nistkästen hängen in den Innenhöfen. Für Spatzen und Meisen sind die Spinnen Leckerbissen. Auch Veränderungen an den Fassaden könnten helfen: "Wir müssen die Schlupfwinkel der Spinnen verschließen."
Schon bald hofft sie zudem, die Sexuallockstoffe der Spinnenweibchen im Labor zu synthetisieren. Liebestolle Spinnenmännchen sollen dann in sogenannte Pheromon-Fallen taumeln.
Ob sich das Problem so einfach wird lösen lassen, ist indes fraglich. Nioduschewski hat gut reden, wenn sie vom Liebesleben der Brückenspinne schwärmt. "Bei den Männchen liegen die Begattungsorgane direkt neben den Beißwerkzeugen." "Über Kreuz" würden sie ihre "Bulben" nach behutsamer Annäherung in die zwei Geschlechtsöffnungen der Weibchen einführen.
Das Ergebnis des Spinnensex lehrt die Hafenrandbewohner das Grausen. "Unter optimalen Bedingungen baut ein Weibchen in seinem Leben etwa zehn Kokons, aus denen jeweils etwa hundert Jungspinnen schlüpfen", sagt die Hamburger Biologin.
Spinnenphobiker aufgepasst: Aus zwei Spinnen werden tausend - in nur einem Jahr. PHILIP BETHGE
Von Philip Bethge

DER SPIEGEL 43/2007
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