29.10.2007

BILDUNGEndorphine fürs Leben

An einer Schule in Heidelberg unterrichten Theaterschauspieler, Leistungssportler und Familientherapeuten - damit die Schüler lernen, was Glück ist.
Fanny Rögler liegt auf dem Rücken, 20 Hände drücken sie auf den Parkettboden des Musiksaals. Auf Kommando greifen die Finger ihrer Mitschüler langsam um, suchen Halt unter Fannys Körper, heben ihn wie in Zeitlupe sanft empor - und tragen die 18-Jährige sicher durch den Raum. "Am Anfang hatte ich ein bisschen Angst", erzählt Fanny später, "aber dann habe ich gespürt, dass ich mich auf die anderen verlassen kann." Richtig schwerelos habe sie sich da gefühlt.
Was wirkt wie die Einstiegsübung in ein Manager-Seminar, ist regulärer Unterricht an einer deutschen Schule. Auf dem Lehrplan heißt das Fach Glück.
Es ist eine bundesweit einzigartige Veranstaltung, die da in der Willy-Hellpach-Schule in Heidelberg drei Stunden pro Woche abgehalten wird - eine irritierende, für manch traditionsbewussten Lehrkörper wohl auch provozierende Veranstaltung.
Doch Ernst Fritz-Schubert, 59, Direktor des Wirtschaftsgymnasiums, ist es ernst: Ziel des Unterrichts sei nicht weniger als "die Stärkung der Persönlichkeit, der Zuversicht und der Lebensfreude von Schülern sowie die Förderung von sozialer Verantwortung und Selbstverantwortung". Es gehe um Mut, Konzentration, Motivation und gezielte Endorphinausschüttung nach dem Motto: "Schon die Beschäftigung mit Glück macht glücklicher." Und natürlich gibt es am Ende Noten - zumindest für den Theorieteil von Aristoteles bis Stoffwechselkunde.
Für das neuartige Konzept den Segen des gemeinhin als unflexibel geltenden baden-württembergischen Kultusministeriums erkämpft zu haben, zählt sicher zu den großen Siegen im Leben des Hobby-Triathleten Fritz-Schubert. Zwar spricht man im Stuttgarter Ministerium lieber vom Fach "Lebenskompetenz", wenn die Heidelberger Glücksstunden gemeint sind. Aber seit Beginn des neuen Schuljahrs gilt: Das neue Unterrichtsangebot hat nicht nur Pilotcharakter, es kann sogar als Prüfungsfach beim Abitur gewählt werden. In der angegliederten Berufsfachschule steht es in Klasse 9 und 10 auf dem Lehrplan.
Glück ist "die anhaltende Wahrnehmung des eigenen Lebens als erfüllt, sinnvoll und angenehm", besagt die Definition des amerikanischen Sozialpsychologen David Myers, eines der Vorreiter der boomenden Glücksforschung. Aber kann man das wirklich von der Tafel lernen? "Zumindest kann man verschiedene Wege dorthin aufzeigen", heißt es im Glücks-Konzept der Willy-Hellpach-Schule.
In Zeiten, in denen fast jeder fünfte Teenager zwischen 12 und 17 Jahren bereits einmal eine depressive Phase durchlebt hat, so das Ergebnis einer Studie der Universität Bremen mit mehr als tausend Jugendlichen, "reicht es nicht mehr, nur im Ethik- oder Religionsunterricht über den Sinn des Lebens zu diskutieren", glaubt Direktor Fritz-Schubert. "Wir müssen jedem klarmachen, wie viel Potential in ihm selbst und in der Gemeinschaft mit seinen Mitschülern steckt."
Deshalb hingen die Schüler zuletzt während des Unterrichts in Gurten an einer Kletterwand; deshalb tragen sie gemeinschaftlich Fanny Rögler durch den Musiksaal. "Glück durch gesteigertes Körperbewusstsein" lautet die praktische Unterrichtseinheit. Neben den Gymnasiallehrern gestalten externe Fachkräfte die Stunden - Familientherapeuten, Ernährungswissenschaftler, Leistungssportler, ein Arzt und auch Schauspieler wie Björn Bonn.
Der Mime vom Heidelberger Theater ist Initiator der gerade von Fanny gemeisterten "Vertrauensübung", manche Schüler erkennen ihn als Brad aus der letzten "Rocky Horror Show"-Inszenierung. Björn Bonn, in Trainingshose und weißem T-Shirt, will die Teenager unter anderem dazu animieren, auch im Alltag all ihre fünf Sinne einzusetzen und sich ihrer ganz individuellen Bewegungsmuster bewusst zu werden. "Nicht nur für einen Schauspieler ist der Körper ein wichtiges Ausdrucksmittel", glaubt der 29-Jährige. In jedem Vorstellungsgespräch sei es schließlich hilfreich, zu wissen, wie die Körperhaltung auf das Gegenüber wirke.
"Freude an der eigenen Leistung", "Ernährung und körperliches Wohlbefinden", "Das Glück des Augenblicks" - die meisten Lehrplaneinheiten des Fachs vermitteln längst bewährte Werte. "Natürlich ist das ein Basiswissen, das bislang überwiegend im Elternhaus weitergegeben wurde", gibt der zweifache Vater Fritz-Schubert zu, "aber wie in jedem Fach bringen auch hier die Schüler heutzutage ganz unterschiedliche Voraussetzungen mit."
In der Tat sind die Bundesbürger ihren Kindern keine großen Vorbilder in Sachen Glücklichsein. Bei einer Zufriedenheitsstudie der Deutschen Bank vom April dieses Jahres, in der 22 reiche Industrienationen verglichen wurden, schneiden sie trotz einer relativ niedrigen Korruptionsrate und einem hohen Bildungsniveau ziemlich bescheiden ab. Deutsche gehören danach eher zur traurigen Sorte Wohlständler, weit hinter Australiern, Dänen oder Schweizern.
Fanny Rögler, nach ihrem Ausflug in die gefühlte Schwerelosigkeit wieder auf dem Boden des Schulalltags angekommen, möchte über mangelnde Vorbilder nicht klagen. Ihre Gedanken kreisen vielmehr um die 60-seitige Hausarbeit, die sie zum Schuljahresende in ihrem neuen Wahlfach vorlegen muss. "Denn eines weiß ich genau", sagt sie und grinst, "eine gute Note im Fach Glück wird mich auf jeden Fall noch glücklicher machen." SIMONE KAISER
Von Simone Kaiser

DER SPIEGEL 44/2007
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