29.10.2007

INDIEN„Visa-Regeln lockern“

Premier Manmohan Singh, 75, über seinen Staatsgast Angela Merkel, die Energieprobleme des Landes und Abwerbung von Studenten ins Ausland
SPIEGEL: Herr Premierminister, diese Woche kommt Bundeskanzlerin Angela Merkel nach Neu-Delhi, und ihre Entourage füllt gleich zwei Airbusse: Manager, Wissenschaftler und Politiker. Wozu ein solcher Aufwand, wo doch die historischen Bande beider Staaten nicht überaus eng sind? Warum sind Indien und Deutschland so wichtig füreinander?
Singh: Wer sagt Ihnen, dass wir historisch nicht verbunden sind? Schon das Augsburger Handelshaus Fugger schickte 1505 Handelsschiffe nach Goa. Ihr Dichterfürst Goethe zeigte sich von unseren Sanskrit-Schriften enorm beeindruckt.
SPIEGEL: Aber Kanzlerin Merkel unternimmt ihre bisher längste Auslandsreise sicher nicht aus solchen Gründen. Wo genau liegen die beiderseitigen Interessen?
Singh: Dass Handel und Investition wachsen, ist ja kein Geheimnis. Wissenschafts- und Technologie-Transfer haben uns schon immer verbunden. Vor allem aber sind beide Staaten Demokratien, sie glauben an die Menschenrechte, und das macht die Beziehungen sicher einfacher und reibungsloser als mit anderen Ländern. Wir kooperieren mit den Deutschen über die EU, über die Treffen der G 8 und andere Gremien. Gemeinsam ist auch unser beider Interesse an einem permanenten Sitz im Uno-Sicherheitsrat. So viel Harmonie gibt es nicht oft unter führenden Nationen.
SPIEGEL: Umso mehr wird in Ihrem eigenen Land derzeit gezankt und gestritten, nämlich um das Nuklearabkommen mit den USA, das die internationale Kontrolle ziviler Atommeiler ermöglichen soll im Austausch für technologisches Know-how. Ihre eigenen Koalitionspartner, die Linksparteien, stellen sich quer. Platzt der Deal womöglich?
Singh: Gemach, gemach. Noch bin ich fest der Meinung, dass wir bald einen Konsens finden werden. Das Abkommen würde unsere Energieversorgung deutlich verbessern und sichern. Und was gut ist für Indien, ist auch gut für die Welt.
SPIEGEL: Viele Regierungen sehen das anders, denn Indien hat sich als Nuklearmacht stets geweigert, den Atomwaffensperrvertrag zu unterzeichnen. Auch Merkel hat vergangenes Jahr in einem Telefonat mit US-Präsident George W. Bush den geplanten Nukleardeal mit Indien kritisiert.
Singh: Frau Merkel, die ja seit dem letzten G-8-Gipfel besonders intensiv für regenerative Energien wirbt, kann ganz beruhigt sein. Wir haben zwar unser ehrgeiziges Nuklearprogramm und wollen auch den Anteil von Atomstrom erhöhen, aber klar ist gleichzeitig, dass wir alle umweltfreundlichen Energiequellen in Betracht ziehen werden. Internationale Kooperation kann dabei eine wichtige Rolle spielen, ich nenne als Beispiel das Deutsch-Indische Energie-Forum. Genauso wie deutsche Firmen zu den Ausrüstern unserer Kraftwerke gehören, sind auch saubere Kohletechnologie und erneuerbare Energiequellen Gebiete, auf denen Deutschland und Indien bereits zusammenarbeiten. Die deutschen Wirtschaftsführer begleiten ihre Kanzlerin garantiert nicht vergeblich.
SPIEGEL: Wenn das Abkommen mit den USA dennoch scheitert, schmälert das dann auch Indiens Chancen auf den Sitz im Uno-Sicherheitsrat?
Singh: Wo sehen Sie einen Zusammenhang?
SPIEGEL: Die USA könnten heftig mauern.
Singh: Sie sollten besser die Vorteile einer Erweiterung sehen: Deutschland und Indien können eine sehr konstruktive Rolle spielen. Und wenn die Uno an Glaubwürdigkeit und Wirksamkeit gewinnen soll, muss der Sicherheitsrat ohnehin reformiert werden, da gibt es gar keine Zweifel. Die Uno muss die Zeit und die Realitäten des 21. Jahrhunderts widerspiegeln.
SPIEGEL: Im Sicherheitsrat müsste Indien dann allerdings Farbe bekennen zu heiklen Themen wie Burma. Man hat den Eindruck, dass sich Ihr Land um eine klare Position drückt. Toleriert Indien die Junta, nur weil Burma für die Energieversorgung Indiens wichtig ist, als Lieferant von Erdöl und Gas?
Singh: Wie Deutschland und wie die EU will auch Indien Frieden und Stabilität in Südasien. Und alle Seiten arbeiten gemeinsam daran. Nur: Augenmaß ist in Bezug auf solche Krisen oft hilfreicher als eine Politik der scharfen Töne und Sanktionen.
SPIEGEL: Deutsche Universitäten werben seit einiger Zeit intensiv um indische Studenten, aber die bevorzugen Länder wie die USA und Kanada. Was machen die Deutschen falsch?
Singh: Sie sollten mehr Stipendien und Arbeitsmöglichkeiten anbieten und vor allem die Einreise erleichtern, also die Visa-Regeln lockern. Wir möchten, dass mehr indische Studenten von Deutschlands Stärken profitieren, in der Fortbildung und im Bereich Technologie, aber wir wollen auch mehr deutsche Akademiker in Indien sehen. INTERVIEW: PADMA RAO
Von Padma Rao

DER SPIEGEL 44/2007
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