29.10.2007

POP„Drei Stunden Sorglosigkeit“

Die Gruppe Die Ärzte über das Rockstar-Dasein mit Mitte 40, ihr gesteigertes Moralempfinden und den Sinn von politischen Botschaften
SPIEGEL: Die Ärzte gibt es seit 25 Jahren, Sie selbst sind Mitte vierzig, doch auf Ihrer aktuellen Single "Junge" besingen Sie erneut die Problemlage eines circa 16-Jährigen. Interessiert Sie Ihre eigene Lebenswelt nicht?
Urlaub: Wie viel Lebenswelt eines Mannes Mitte vierzig kriege ich denn mit? Komme ich von der Arbeit nach Hause zu meiner Frau und den Kindern? Nein. Was könnte ich darüber singen? Ich kenne nichts aus dieser Welt, obwohl ich 43 bin.
SPIEGEL: Aber die Probleme eines heute 16-Jährigen kennen Sie?
Urlaub: Die habe ich wenigstens mal vor 100 Jahren erlebt. Ich muss aber auch sagen, dass ich mir den Alltag eines 40-Jährigen nicht so spannend vorstelle.
SPIEGEL: Als vor gut 50 Jahren der moderne Pop erfunden wurde, hat niemand vorausgesehen, dass all diese jungen, frischen Musiker altern und Jahrzehnte später immer noch auf der Bühne stehen würden. Gerade für eine Band mit dem Originalitätsanspruch der Ärzte muss es äußerst anstrengend sein, immer wieder auf Neues zu kommen.
Urlaub: Ich denke ja nicht: Scheiße, jetzt muss ich mir wieder irgendwas aus dem Hirn melken, das es noch nicht gab. Ich habe kein Problem damit, Allgemeinplätze zu singen, wenn sie mir einfallen. "Ich liebe dich, aber du liebst mich nicht" zum Beispiel. Das reicht doch vollkommen.
SPIEGEL: Nur gibt es so ein Lied von Ihnen nicht.
Urlaub: Jedenfalls unterwerfen wir uns nicht mehr einem Originalitätszwang, wie ich ihn früher an uns festgestellt habe.
Bela B.: Für mich bestand das Problem nicht im Zwang zur Originalität, sondern im Alltag mit der Firma, die Die Ärzte inzwischen sind ...
SPIEGEL: ... Sie haben eine eigene Plattenfirma und kontrollieren von der Covergestaltung über die Musik, die Produktion bis zur Pressearbeit alles selbst. Dadurch sind Sie komplett autark.
Bela B.: Richtig, aber das macht es auch sehr anstrengend. Bei mir hat das vor der letzten Platte dazu geführt, dass mir die Musik keinen Spaß mehr machte.
SPIEGEL: Und das sagen Sie so nebenbei?
Bela B.: Nein. Es war eine schlimme Erfahrung. Man verdient sein Geld mit dem, was einem eigentlich am meisten Spaß macht. Und dann macht es plötzlich keinen Spaß mehr.
SPIEGEL: Wie kommt man da raus?
Urlaub: Ich bin ein Jahr auf Weltreise gegangen. Ich hatte zwar nicht die Lust an der Musik, wohl aber die Lust an den Ärzten verloren. Als ich zurückkam, war ich mir auch nicht sicher, ob ich weitermachen wollte. Wir haben uns also erst mal getroffen und ausgekotzt. Das war ein sehr schönes Gespräch.
SPIEGEL: Worum ging es?
Urlaub: Es ging darum, dass nie einer von uns Halt geschrien hat, wenn es zu viel wurde. Weil jeder immer dachte: Ich sage jetzt nicht Stopp. Vielleicht tun's ja die anderen. Tat aber keiner.
SPIEGEL: Der "Guardian" berichtete kürzlich, Forscher hätten herausgefunden, dass erstaunlich viele Popstars bereits mit Anfang vierzig sterben.
Bela B.: Als ich 40 geworden bin, hat mein Vater mich angerufen, der mich sonst nie anruft, und mich gefragt, warum ich denn noch leben würde. Offenbar hatte ich mit 16 getönt, dass ich mit 40 sowieso tot sein würde. Dass ich mir überhaupt nicht vorstellen könne, so alt zu werden.
SPIEGEL: Die Band The Who hat 1965 proklamiert "Hope I die before I get old".
Bela B.: Und das mit einigem Recht. Natürlich bringt man Musikern ab einem bestimmten Alter Misstrauen entgegen. Aber als beste Band der Welt, verdammt, da interessieren einen doch Altersfragen nicht!
SPIEGEL: Immerhin gehen auch Sie inzwischen regelmäßig joggen.
Bela B.: Stimmt. Diese Volkskrankheit. Ich hänge das eigentlich nicht gern an die große Glocke.
Urlaub: Wieso? Bald machen wir auch dieses Schnellgehen mit den Skistöcken!
Bela B.: Ich nehme auch keine Drogen mehr, trinke wenig Alkohol. Und neulich habe ich sogar zum ersten Mal in der Geschichte der Ärzte für ein Konzert allein Schlagzeug geübt.
SPIEGEL: Fällt einem wenigstens das Songschreiben mit den Jahrzehnten leichter?
Urlaub: Die Musik geht mir heute tatsächlich leichter von der Hand. Da genügt mir inzwischen eine sehr geringe Inspiration, um ein ganzes Lied daraus zu machen.
Bela B.: Das hört man!
Urlaub: Das Texteschreiben wird allerdings schwieriger. Ich ertappe mich dabei, dass ich denke: Oh, gute Idee. Und dann: Ach, Mist, gibt's ja schon. Und zwar von mir.
SPIEGEL: Vor über 20 Jahren haben Sie Stücke wie "Geschwisterliebe" veröffentlicht,
ein Lied, das den Geschlechtsakt zwischen Bruder und Schwester beschreibt und 1987 indiziert wurde. Wie blickt man eigentlich als Erwachsener auf solch eine Hinterlassenschaft?
Urlaub: Tatsächlich denke ich heute: Wie charmant. Eine so einfache Komposition. Ich weiß ja, dass ich den Song geschrieben habe, bevor ich überhaupt jemals eine nackte Frau gesehen hatte, nämlich mit 15. Heute würde ich mir wahrscheinlich selber im Wege stehen und mich so etwas Simples nicht mehr trauen.
SPIEGEL: Ihre Rolle als Provokateure haben heute sogenannte Gangsta-Rapper wie die des Labels Aggro Berlin übernommen.
Urlaub: Aber die provozieren aus Prinzip, um öffentliche Wahrnehmung zu bekommen. Bei uns war die Provokation tatsächlich ein Zufall. Als ich "Geschwisterliebe" mit 15 geschrieben habe, wollte ich niemanden provozieren. Ich wollte bloß ein Lied schreiben.
Bela B.: Na ja, wir haben damals über "Geschwisterliebe" innerhalb der Band diskutiert. Und ich glaube schon, dass wir provozieren wollten. Das ist ja auch legitim. Denn Musik ist für Jugendliche nur dann relevant, wenn die Eltern sie ablehnen.
SPIEGEL: Wenn "Geschwisterliebe" als charmantes Lied durchgeht, kann dann ein Song gegen Schwule, wie von dem Rapper G-Hot, nicht auch als Kunst gelten?
Urlaub: Nein. Das ist dumm und geschmacklos, finde ich. Als Mitglieder der Punkbewegung hatten wir natürlich vor 20 Jahren den klar besseren Ansatz: Wir waren immerhin gegen den Staat, die Bullen und das System. Wir waren gegen die da oben. Und nicht gegen Schwule oder Frauen.
Bela B.: Ich habe letztes Jahr in einer Jugendzeitschrift geblättert, in der ein Interview mit Freunden von einem in Deutschland ziemlich populären Aggro-Berlin-Rapper zu lesen war. Diese Freunde wurden dazu befragt, was sie schätzen an dem Rapper. Ihre Antwort war: "Ja, das ist total geil, der reißt immer zwei Nutten auf, und eine gibt er mir ab." Da habe selbst ich gezuckt und gedacht: Das finde ich nicht gut! Meine neunjährige Nichte liest so etwas völlig unreflektiert und erklärt mir dann noch, Tokio Hotel finde sie scheiße, denn die seien doch schwul. Interessanter Standpunkt für eine Neunjährige.
Urlaub: Jetzt hör auf mit deiner Nichte! Merkst du nicht, die wollen uns in die Alt- und-konservativ-Falle laufen lassen.
SPIEGEL: Eigentlich reden Sie jetzt genauso, wie die Eltern, die sich früher über Die Ärzte beschwert haben.
Bela B.: Das ist ein Problem. Denn tatsächlich verbietet mir mein Selbstverständnis als Sänger und Schlagzeuger der Ärzte, mich über pubertierende Gangsta-Rapper aufzuregen. Aus mir ist schließlich auch kein schlechter Mensch geworden, und ich habe eine Riesensammlung sehr fragwürdiger Musik, wirklich superherbes Zeug.
SPIEGEL: Während Sie sich früher keinerlei bürgerlicher Moral verpflichtet fühlten, betreiben Sie heute Ihre Tourneen klammheimlich mit Ökostrom. Warum bekennen Sie sich nicht offen dazu?
Bela B.: Wir möchten uns nicht als Gutmenschen aufspielen. Ich habe neulich mit jemandem von Attac gesprochen, die finden auch, dass wir mit dem Umweltengagement offensiv umgehen sollten. Aber dann wird es irgendwann auch beliebig.
Urlaub: Es gibt ja viele Sachen, für und gegen die es sich zu kämpfen lohnt. Aber letzten Endes sind wir eine Band von und für Hedonisten. Man soll zum Ärzte-Konzert gehen in der Absicht, es sich drei Stunden lang gutgehen zu lassen. Und ich blicke nicht ins Publikum und denke: Hoffentlich gehen die alle wählen. Es geht um drei Stunden Sorglosigkeit.
SPIEGEL: Das heißt, Rockmusik sollte auf politische Inhalte besser verzichten?
Urlaub: Man muss politische Themen sehr stark vereinfachen, um sie in Rockmusik zu verarbeiten. Das einzige Thema, das sich vielleicht für einen Rocksong eignet, sind
die dummen Neonazis. Das ist simpel, das kann man auf eine Zeile reduzieren. Alles andere ist viel zu komplex.
SPIEGEL: Gerade in letzter Zeit haben sich viele Musiker auf Klima- oder Anti-G-8-Konzerten engagiert.
Urlaub: Stimmt, aber man bekämpft dort einen Gegner, der gerade nicht anwesend ist, und zweitens sind Politiker als Prügelknaben ein viel zu einfaches Ziel. Ich mag solche Veranstaltungen nicht. Natürlich wäre es denkbar, dass wir eine Pressekonferenz gegen den G-8-Gipfel geben. Aber dann wären wir mit Fakten bewaffnet.
González: Wir wurden für das Live-Earth-Konzert in Hamburg auch angefragt. Wir haben geantwortet, wir wären dabei, wenn sie das Licht ausschalten und wir mit Akustikgitarren ohne Verstärker spielen würden. Das wäre die einzige Art gewesen, konsequent zu zeigen: Wir sind für Energiesparen. Darauf gab es komischerweise keine Antwort.
Bela B.: Richtig ist ja: Musiker, die auf eine Bühne gehen, können etwas bewegen. Natürlich macht Bono hin und wieder die richtigen Sachen oder spricht mit den richtigen Leuten, aber das meiste ist Selbstdarstellung. Es verkommt zu einer Form, der man misstrauen sollte.
Urlaub: Ja, aber Bono hat Kontakte. Der kriegt halt den amerikanischen Vizepräsidenten ans Telefon. Seien wir doch ehrlich: Wir sind die beste Band der Welt, aber da endet es.
SPIEGEL: Herbert Grönemeyer argumentiert, wenn er seine Popularität nutzen könne, in den "Tagesthemen" fünf Minuten daran zu erinnern, dass der Westen sein Versprechen gegenüber Afrika nicht einhält, dann habe er etwas Sinnvolles getan.
González: Was ist denn daran sinnvoll, dass der abends fünf Minuten in den "Tagesthemen" auftritt? Was ist daran sinnvoll, dass Bob Geldof mit ein paar anderen Zombies auf der Bühne ein Stück trällert? Die Musiker nutzen dieses Öffentlichkeitsvehikel für sich, weil sie wissen: Oh, wir kommen damit vielleicht in die Abendnachrichten.
Urlaub: Damit sind wir wieder bei den Nachteilen des Älterwerdens. Mit 18 oder 20 ist dir die Komplexität der Welt egal, weil du sie noch nicht erfahren hast. Deswegen sind deine Texte, wenn sie unschuldig sind, auch glaubwürdig unschuldig. Wenn ich jetzt einen unschuldigen Text schreibe, dann schwingt all das mit, worüber wir uns in den vergangenen zehn Minuten zu fünft echauffiert haben. Das macht es für mich tatsächlich schwieriger, einen ausschließlich fröhlichen Text zu schreiben.
INTERVIEW: CHRISTOPH DALLACH,
PHILIPP OEHMKE

Die Ärzte
wurden 1982 von Bela B. (Dirk Felsenheimer, l.), 44, und Farin Urlaub (Jan Vetter, M.), 43, in West-Berlin gegründet. 1993 stieß Rodrigo González (r.), 39, dazu. Besonders in der Frühphase war die Band wegen deutlich sexueller Texte umstritten, inzwischen erreichen die Platten der Ärzte regelmäßig Platz eins der Charts. Am Freitag erscheint ihr neues Album "Jazz ist anders".
* Farin Urlaub, der damalige Bassist Sahnie, Bela B. bei einem Fernsehauftritt 1985.
Von Christoph Dallach und Philipp Oehmke

DER SPIEGEL 44/2007
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