29.10.2007

„Meine Bilder sind Fremdkörper“

Der Berliner Maler Norbert Bisky, 37, über seine Familie, sein Leben in der DDR-Boheme und die Kritik an seinen Bildmotiven im Stil totalitärer Propaganda
SPIEGEL: Herr Bisky, was nervt mehr: auf Ihren Vater, den Linkspartei-Chef Lothar Bisky, angesprochen zu werden oder ständig die vielen Blondschöpfe, all diese durchtrainierten Jungs, auf Ihren Bildern verteidigen zu müssen?
Bisky: Mit meinem Vater verstehe ich mich gut, auch wenn immer alle vermuten, es gebe da sicher einen Konflikt. Wir haben natürlich zu vielen Dingen unterschiedliche Meinungen, aber wenn jemand Botschaften für meinen Vater hat, dann bin ich die falsche Adresse, ich bin nicht die Poststelle der Linkspartei.
SPIEGEL: Und was halten Sie von den heftigen Reaktionen auf Ihre Malerei? Die wird Ihnen für viel Geld weltweit aus den Händen gerissen und ist zugleich umstritten, weil sie die Utopien einer totalitären Vergangenheit zu zitieren scheint.
Bisky: Also Geld spielt für mich keine große Rolle, ich mag mich aber auch nicht rechtfertigen, wenn ich welches verdiene. Worüber ich mich wirklich ärgern kann, ist die Art, wie über meine Bilder gesprochen wird. Da hatte ich oft den Eindruck, den Leuten ist es zu kompliziert, sich mit Malerei zu beschäftigen, sie suchen lieber nach Schlagworten.
SPIEGEL: Vielleicht liegt das an Ihrer Bildsprache: viele lichte Sequenzen voller blonder Jungs, mit ernster Miene, adrettem Seitenscheitel und nacktem Oberkörper, die miteinander ringen oder Speere werfen, mit Titeln wie "Keine Gnade", "Freund Feind". Vieles wirkt wie ein Rückgriff auf die Körper- und Jugendidealisierungen der dreißiger Jahre. Ihre neueren Bilder sind weniger retrospektiv, dafür extrem bunt. Ist das eine Reaktion auf die Kritik?
Bisky: Ich hatte durchaus das Gefühl, ich muss einige Dinge auf den Bildern stärker akzentuieren, damit sie auch verstanden werden.
SPIEGEL: Noch immer sind auf den Leinwänden junge, athletische Männer zu sehen. Aber sie scheinen brutaler geworden zu sein - und manchmal sogar brünett.
Bisky: Ich habe Ende der neunziger Jahre mit spießig-kitschigen Motiven angefangen, aber die waren auch schon Ausdruck einer Aggression. Wenn Sie als Künstler anfangen, kommt es darauf an, eine eigene Sprache zu finden. Meine frühen Bilder waren innerhalb der Kunstwelt Fremdkörper, und das sollten sie auch sein.
SPIEGEL: Haben Sie da von Ihrem einstigen Lehrer Georg Baselitz gelernt, dessen Credo lautet, dass eine Karriere möglichst mit einem Skandal beginnen sollte?
Bisky: Wer als Künstler heute einen Skandal will, der hängt sich nackt an eine Glocke, der malt doch keine Bilder.
SPIEGEL: Auch Maler können provozieren. Mit Ihren Motiven, mit den wie in Serie erschaffenen Idealtypen, haben Sie an einen empfindlichen Nerv dieser Gesellschaft gerührt - an die Erfahrung mit der Diktatur und ihrer Gleichschaltung auf allen Ebenen. Dem Markt, der die Provokation liebt, gefiel es, der Kunstkritik weniger.
Bisky: Ich wollte nicht provozieren. Solche Allmachtsphantasien habe ich nicht, dass ich denke, ich könnte die Öffentlichkeit steuern. Mir wurde vieles unterstellt. Aber nichts davon stimmte, und ich habe mich immer dagegen gewehrt.
SPIEGEL: Ist Humor eine Ihrer Waffen? Eine Ihrer Ausstellungen nannten Sie "alles muss raus". Die nächste Schau heißt nach einem Bildtitel "Ich war's nicht"*.
Bisky: Mir sind Komödien lieber als Tragödien. Witze, Humor, das alles bringt auch Distanz. Aber dennoch: Diese ganzen Verdächtigungen, ich wollte irgendeine NS-Kunst wiederbeleben, haben mich tief getroffen. Mit Nazi-Scheiße habe ich nichts zu tun. Es ist doch das genaue Gegenteil der Fall. Ich bin Anfang der neunziger Jahre mit einem Freund Arm in Arm die Prenzlauer Allee entlanggegangen, wir wurden von Skinheads angegriffen und durch die Straßen gejagt. Das Letzte, was ich malen würde, wären rechtslastige Bilder.
SPIEGEL: Trotzdem spielten Sie jahrelang mit einer Ästhetik, die mindestens missverständlich war, da schimmerte etwas durch, was einen leicht an den Kör-
perkult einer Leni Riefenstahl erinnern konnte.
Bisky: Die blöde Riefenstahl hat nichts erfunden, sie hat alles gestohlen vom schwulen Sergej Eisenstein, der das Bild von der russischen Revolution geprägt hat. Und die Bilder der russischen Revolution sind es, die in der DDR den Maßstab bildeten, mit denen ich aufgewachsen bin. Vielleicht ist das für viele die schmerzhafte Erkenntnis: dass es Bilder gibt, die oberflächlich gleich aussehen, aber jeweils etwas ganz anderes meinen. Die Leute lassen in Bezug auf meine Person besonders viele Hemmungen fallen, vielleicht auch wegen meiner Familie, die als anrüchig gilt.
SPIEGEL: Wegen Ihres Vaters?
Bisky: Ich weiß es nicht, ich glaube nur, dass mit mir anders umgegangen wird als mit anderen Künstlern.
SPIEGEL: Anders als mit einem Jonathan Meese, der auf stundenlangen Performances immer wieder "Heil Hitler" schreit, und alle finden es großartig?
Bisky: Mit Meese will ich mich gar nicht vergleichen, generell ist es so, dass bei mir immer etwas gewittert wird. Ich gebe aber zu, dass ich irgendwann zu einer Trotzreaktion geneigt habe.
SPIEGEL: Wie meinen Sie das?
Bisky: Nun ja, ich habe mich mit den Bildern auseinandergesetzt, mit denen ich groß geworden bin, eben mit der Kunst des Sozialistischen Realismus. Und ich dachte, ich muss selbst den Zeitpunkt bestimmen, an dem ich mit diesen Bildern abgeschlossen habe, ich wollte mir das nicht von außen diktieren lassen. Das hat vielleicht dazu geführt, dass ich länger an etwas festgehalten habe, als ich das sonst wohl getan hätte.
SPIEGEL: Sonst hätten Sie schon viel früher von Blond zu Brünett gewechselt?
Bisky: So kann man es auch sagen. Aber es ist nicht so, dass ich beim Malen ans Publikum denke, da stehe ich allein im Atelier. Ich mache
Dinge, die für mich selbst eine Herausforderung, ein Abenteuer sind.
SPIEGEL: An der Überhöhung des Körperlichen halten Sie aber fest. Ihre Protagonisten sehen so aus, als kämen sie aus dem Fitnessstudio.
Bisky: Den Körperkult gab es schon im Jugendstil und eben auch auf den Sowjetschinken.
SPIEGEL: Was genau hat Sie denn so daran gereizt, sich mit den Bildern des Sozialistischen Realismus auseinanderzusetzen - mit einer totalitären Kunstdoktrin?
Bisky: Weil es mit meiner eigenen Geschichte zu tun hat. Ich habe Mitte der neunziger Jahre von Spanien aus eine Außenansicht auf Deutschland entwickelt, auf das Land, in dem ich groß geworden bin und das es nicht mehr gab. Als ich zurückkam, habe ich beschlossen, etwas zu malen, das etwas mit mir zu tun hat. Ich nahm mir vor, probehalber ein einziges Bild im Stil des Sozialistischen Realismus zu malen. Nur ein einziges, das aber ohne jede Ironie.
SPIEGEL: Und dann?
Bisky: Dann sind aus einem Bild ganz viele Bilder geworden, die haben sich wie von allein gemalt. Das waren Bilder, wie es sie Mitte der neunziger Jahre eigentlich nicht gab, außer in meinem Kopf. Noch interessierte sich keiner für eine Auseinandersetzung mit der Kultur der DDR. Meine Bilder sprudelten aus mir heraus, ich hatte etwas gefunden, wo ich ansetzen konnte. Kunstgeschichte und das Private haben sich verknüpft. Da gab es, in diesen neunziger Jahren, noch eine Wut.
SPIEGEL: Worauf?
Bisky: Ich habe als Jugendlicher die achtziger Jahre in der DDR als dekadent erlebt und fand das großartig. Die DDR war bereits auf dem Weg nach unten, es gab in Berlin eine Boheme, die Leute, die dazugehörten, trugen bunte Tücher, tranken Rotwein, denen ging es gut, vieles hat sie gar nicht so beschäftigt. Dann fiel die Mauer, und alles war egal. Das süße Boheme-Gefühl war weg.
SPIEGEL: Gehörten Sie denn zur Boheme?
Bisky: Ich hatte Kontakte zu Künstlern und Filmleuten. Die machten einen freien Eindruck, so als hätten sie mit der dreckigen, grauen Welt der Produktion nichts zu tun, auch nicht mit den widerlichen Parteisekretärsschergen. Das waren Menschen, die ein elitäres Bewusstsein hatten, und ich habe mich als kleiner, arroganter Gymnasiast zugehörig gefühlt. Später hatte ich nicht mehr den Eindruck, dass ich machen kann, was ich möchte - einen Eindruck, den ich als 18-Jähriger in der zerbröckelnden DDR durchaus hatte.
SPIEGEL: Ihre Eltern waren Teil der staatlichen Kultur, Ihr Vater als Rektor der Filmhochschule Babelsberg, Ihre Mutter als Kulturbeamtin. Stellte Ihre Familie für all die Unangepassten unter den Künstlern nicht eher ein Feindbild dar?
Bisky: Nein, sicher nicht. In der Wohnung meiner Eltern wurde immerhin der Film "Coming out" gedreht. Damals kannte ich niemanden, der meine Eltern als Feinde empfunden hätte.
SPIEGEL: Ihr Bruder, der Journalist Jens Bisky, hat das Entstehen dieses Films über eine schwule Beziehung in seinem Buch "Geboren am 13. August" beschrieben. Er schildert darin aber auch die repressiven Seiten der DDR eindringlich - und erwähnt die Kontakte Ihrer Mutter zur Stasi. Haben Sie die Schattenseiten verdrängt?
Bisky: Nein, überhaupt nicht, aber mir wurde als Kind und Jugendlicher das Gefühl vermittelt, dass mein Land mich braucht. Das wiedervereinigte Land brauchte mich dagegen gar nicht. Das habe nicht nur ich, das haben viele zu spüren bekommen. Natürlich war das meiste in der DDR Mist, aber das so vorgeführt zu bekommen war auch nicht toll. Ich hatte das Gefühl, im Weg zu stehen.
SPIEGEL: Sie haben eine Blitzkarriere hingelegt, eine ungeheure Resonanz gehabt, auch Ausstellungen in Asien, Amerika.
Bisky: Damit konnte ich, als ich mit diesen Bildern anfing, nicht rechnen. Ich habe in
einem dreckigen Hinterhof gestanden und leuchtende Gelbtöne auf die Leinwand gesetzt und mich damit auch gegen eine bestimmte Tradition einer seltsam grauen Berliner Malerei gewehrt.
SPIEGEL: Heute sieht man auf Ihren Bildern eine blutrünstige Drastik: Menschen am Galgen, abgerissene Beine und Häupter - alles aber schreiend bunt. Ihre Kunst hat sich deutlich verändert.
Bisky: Inzwischen habe ich ja auch wirklich nichts mehr mit der DDR oder ihrer Kunst zu tun. Ich habe alles geklärt und muss da bis an mein Lebensende nichts mehr aufarbeiten. Ich habe fast genauso lange in der Gegenwart der Bundesrepublik gelebt wie zuvor im abgeschirmten Osten. Dieses zweite Leben beeinflusst mich viel mehr. Jetzt bin ich von der Gegenwart fasziniert. Ich wollte immer jeglichen Zeitgeist aus meinen Bildern heraushalten, aber nun reizt mich das Gegenteil. Was ich auf jeden Fall erreichen will, ist maximale Freiheit, auch im Umgang mit Farbe. Ich fahre regelmäßig nach Brasilien. In meinem Kopf hat das viel verändert.
SPIEGEL: Auch in Ihrer Kunst, die farbenfroh ist wie ein Sambafest. Außerdem fallen auf Ihren Bildern hier im Atelier die leidenden Jesusfiguren auf, mal am Kreuz, mal ins Nirgendwo fallend. Was hat die christliche Symbolik in Ihrer Kunst zu suchen? Ist die Beschäftigung mit dem Katholizismus ein Souvenir aus Brasilien?
Bisky: Meine persönliche Bibel ist ein Buch über die italienische Malerei der vergangenen 500 Jahre. Und da gibt es jede Menge Kreuze, an diesem Motiv kommt man gar nicht vorbei.
SPIEGEL: Aber Sie wollen doch in der Gegenwart ankommen, und nun machen Sie wieder Ausflüge in die Kunstgeschichte?
Bisky: Die Religion ist doch allgegenwärtig, selbst bei H & M finden Sie Kruzifixe.
SPIEGEL: Die einem Atheisten wie Ihnen besonders ins Auge stechen?
Bisky: Ich bin ja kein Atheist, ich komme doch aus einer Religionsgemeinschaft: Der Kommunismus ist eine sektenartige Ange-
legenheit. Man glaubt an das, was bestimmt noch kommt, was Erlösung bringt.
SPIEGEL: Also kommen Sie doch von Ihrer Kindheit nicht los.
Bisky: Der Kommunismus ist Gegenwart. Wir leben im chinesischen Jahrhundert, und ich kann sagen, dass ich mich in China sehr unwohl fühle, weil ich da auf fatale Weise an ganz viel Scheiße aus der DDR erinnert werde.
SPIEGEL: Auf einem Ihrer unvollendeten Bilder hier sieht man eine Jesusgestalt, die rote Hot Pants trägt - der ganze Jesus sieht aus, als tanzte er, wenn er nicht gerade am Kreuz hängt, bei den California Dream Boys. Damit könnten Sie den einen oder anderen Betrachter wieder provozieren.
Bisky: Das ist nicht meine Absicht. Ich weiß auch noch nicht, wie das Bild letztlich aussehen wird, es ist längst nicht fertig. Es ist schon so, dass mich starke Bilder, starke Symbole interessieren. Ich könnte also leicht einen kleinen, netten Jungen malen, dem ich auf der Leinwand den Kopf abreiße. Einem Jesus aber könnte ich nicht den Kopf abreißen, dazu habe ich zu viel Respekt. Ihm aber eine bunte Hose anzuziehen ist doch okay.
SPIEGEL: Auch Frauen kommen inzwischen häufiger in Ihrer Kunst vor.
Bisky: Das ist eine Herausforderung. Irgendwann merkte ich, dass ich 400 junge Männer gemalt habe und erst eine Frau, also musste ich üben.
SPIEGEL: Warum die Scheu?
Bisky: Wenn ich einen Mann male, der etwas Brutales macht, habe ich weniger Hemmungen, als wenn ich eine Frau in dieser Situation male. Einen Mann auf der Leinwand empfinde ich immer auch als einen Stellvertreter von mir.
SPIEGEL: Ihre Bilder haben an Offenheit zugenommen, auch was Sex unter Männern betrifft.
Bisky: Die Mehrzahl meiner Bilder hängt dennoch in nichtschwulen Haushalten, man sollte nicht unterschätzen, wie liberal und entspannt die meisten Leute sind.
SPIEGEL: Noch so ein Thema, das wie ein Bumerang immer wieder zu Ihnen zurückkommt, ist der Umstand, dass der FDP-Politiker Guido Westerwelle Werke von Ihnen sammelt. Das jedenfalls wird in Berichten über Sie gern zitiert.
Bisky: Er selbst hat das für seine Zwecke so genutzt. Anfang 2001 hat er das letzte Bild von mir gekauft, und zwar auf einer Messe, das habe ich nicht eigens für ihn gemalt.
SPIEGEL: Bei aller Veränderung bleiben Sie als derjenige berühmt, der nackte Jünglinge malt.
Bisky: Ich stehe am Anfang und habe noch viele Jahrzehnte Zeit, dieses Vorurteil gründlich durcheinanderzurütteln.
SPIEGEL: Herr Bisky, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
* Im Haus am Waldsee in Berlin, vom 2. November 2007 bis 13. Januar 2008.
* Mit den Redakteurinnen Susanne Beyer und Ulrike Knöfel in seinem Berliner Atelier.
Von Susanne Beyer und Ulrike Knöfel

DER SPIEGEL 44/2007
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