05.11.2007

Die Früchte der Revolution

Von Osang, Alexander

Am 9. November 1989 entstand ein neues Deutschland. Mit dem Fall der Mauer wurden Millionen DDR-Bürger aus einer Diktatur befreit. Die Kinder, die an diesem Tag in Berlin auf die Welt kamen, werden in dieser Woche volljährig. Sie sind die erste Generation Ostdeutschlands, die in einer Demokratie groß wurde. Sind sie jetzt wirklich frei? Von Alexander Osang

Es ist schwer zu sagen, ob Torsten Harmsen am 9. November 1989 gegen fünf Uhr morgens von der Geburt seiner Tochter Laura träumte oder von Egon Krenz.

Man kann aber sagen, dass er noch an die 10. Tagung des SED-Zentralkomitees dachte, bevor er ins Bett ging, denn Harmsen hat ein Wendetagebuch geführt, in dem man seinen persönlichen Revolutionsherbst des Jahres 1989 detailliert nachvollziehen kann.

Er schreibt über Fruchtwasserspiegelungen seiner Frau, über die lustigen Transparente der Demonstranten auf dem Alexanderplatz, über seine Kohlenlieferung, über den Entwurf eines Reisegesetzes für DDR-Bürger, den Rücktritt der Regierung Stoph, die Diskussionen in der Redaktion der "Berliner Zeitung", für die er als Redakteur arbeitete, er zitiert Stefan Heym und die Westnachrichten. Er sorgt sich um sein Kind, das eigentlich schon am 30. Oktober geboren werden sollte, und immer wieder um sein Land, aus dem täglich Tausende in den Westen fliehen. Er versucht, persönliche und gesellschaftliche Interessen in Übereinstimmung zu bringen, wie es seine Partei von ihm fordert, aber es ist nicht einfach. Am 8. November beginnt

das 10. ZK-Plenum der SED, und seine Frau hat ein starkes Ziehen im Rücken.

"Oh Mann, musste denn alles auf einmal kommen!", schreibt Harmsen in sein Tagebuch.

Abends sitzt er in der Redaktion und liest die Berichte des 10. ZK-Plenums Korrektur. Generalsekretär Krenz fordert die Erneuerung der SED. Das Politbüro tritt vollständig zurück, Harmsens Frau hat jetzt im Abstand von fünf Minuten Wehen. Als die Zeitung fertig ist, fährt er in die Wohnung seiner Schwiegermutter in die Ho-Chi-Minh-Straße und wartet auf den Anruf aus dem Krankenhaus Köpenick, wo seine Frau bereits im Kreißsaal liegt.

"Es ist die Situation für eine kämpfende Partei, ähnlich der KPD in der Weimarer Republik. Ja wir werden wieder kämpfen", schreibt Harmsen am Abend des 8. November in sein Tagebuch. Der erste Eintrag am 9. November lautet: "Hurraa, ich bin Papa! Murkel kam heute um fünf Uhr auf die Welt. Ich schreibe in der S-Bahn, während ich ins Krankenhaus nach Köpenick fahre."

Laura Harmsen ist 3050 Gramm schwer und 50 Zentimeter lang, ihr Vater sieht sie durch eine Glasscheibe, bemerkt das linke verklebte Auge und die leichten Spuren auf dem Kopf des Babys, die die Saugglocke verursacht hat, mit der es ins Leben geholt wurde. Dann fährt Harmsen in die Redaktion der "Berliner Zeitung" zurück, stößt mit den Kollegen auf seine Tochter an und korrigiert seinen Kommentar über die Angst vor neonazistischen und antisemitischen Tendenzen in der Herbstrevolution, der am nächsten Tag auf der Titelseite der "Berliner Zeitung" erscheinen wird. Abends, während draußen die Mauer fällt, schreibt Torsten Harmsen in sein Tagebuch, dass die Ausreisewelle nicht abebbt, das Neue Forum legalisiert wird und die

"Berliner Zeitung" einen neuen Chefredakteur bekommen hat. Erst am Morgen des 10. November erfährt der Leser seines Tagebuchs, dass auch eine neue Zeit angebrochen ist.

"Gestern (an Lauras Geburtstag): eine historische Entwicklung. Heute war die Grenze zu West-Berlin offen. Nahezu ohne Kontrolle konnten Massen von DDR-Bürgern hinüber und wurden wie Helden empfangen. Nachts begann die Sache und weitete sich zur Massenpsychose aus. In den Westmedien gab es kein anderes Thema mehr als die ,deutsche Einheit'", schreibt Harmsen. In atemlosen Sätzen skizziert er die Szenen an der Grenze, er schwankt zwischen Freude und Angst und schöpft neuen Mut aus der Kundgebung der SED im Berliner Lustgarten. "Wir finden zu uns selbst zurück!", schreibt Harmsen. "Ein herrliches Gefühl."

Für ein paar Tage werden die gesellschaftlichen zu persönlichen Interessen und tragen den Chronisten Harmsen weg

von seiner Familie. Erst am 14. November findet er zu seiner neugeborenen Tochter zurück.

Unter dem Eindruck der letzten Wochen formuliert er eine Art Segen für Laura.

"Werde groß mein liebes Mädchen. Wache auf als freier, mündiger Mensch. Und lass dich nicht von uns zu sehr deformieren, die wir geprägt sind von vielem, was wir jetzt loswerden wollen. Auch wir nabeln uns ab. Du bist neugeboren. Auch wir sind es in diesen Tagen. Auch wir erkennen die Welt nicht wieder. Werde mit uns groß und glücklich. Auch wir lernen jetzt neu laufen. Wir werden zusammen lernen."

Fast 18 Jahre später sitzt seine Tochter still und blass am Wohnzimmertisch ihrer Eltern in Berlin-Köpenick. Ihre Mutter sitzt ihr gegenüber. Draußen auf dem Flur hört man ihren Vater Seiten aus seinem Wendetagebuch kopieren, das kindlich und offen klingt jetzt, zart fast. Laura fühlt nicht viel, wenn sie an den Tag denkt, an dem die Mauer fiel, vielleicht ist sie auch schon zu oft danach gefragt worden. "Ich hab ja nichts getan, ich bin geboren worden, das ist alles", sagt sie.

Es ist ein einfaches, schmuckloses Wohnzimmer, es ist alles da, was man braucht: ein Tisch, vier Stühle, ein Fernseher, eine Couch und eine kleine Musikanlage. Harmsen wohnt schon sein Leben lang in Köpenick - bereits sein Großvater hat hier gelebt -, 1988 zog er mit seiner Frau in eine kleine Wohnung am Bahnhof, die sie bekamen, nachdem sein Vater einen vierseitigen Protestbrief an SED-Generalsekretär Erich Honecker geschrieben hatte. Die ersten beiden Jahre ihrer Ehe hatten die Harmsens noch abwechselnd im Studentenwohnheim in Leipzig und in den Wohnungen ihrer Eltern verbracht. Laura hat keine Erinnerung an die Wohnung, in der sie ihre ersten drei Lebensjahre verbrachte. Sie hat eine vage Vorstellung vom Leben ihrer Eltern in der DDR. "Es war ziemlich niedlich", sagt sie.

"Niedlich?", fragt ihre Mutter.

"Die Tapeten oder so. Viele Muster, so Siebziger-Jahre-mäßig. Es hat nichts so richtig zusammengepasst."

Sie hat die Filme "NVA" und "Sonnenallee" gesehen, und natürlich hat sie mit ihren Eltern gesprochen oder die haben mit ihr geredet, und daraus ist ein Bild entstanden von der Zeit, in der sie gezeugt wurde.

Es fällt Laura leichter, darüber zu sprechen, wie es nicht war, damals. Vor ein paar Tagen hat sie zusammen mit ihrem Vater den Fernsehfilm "Die Frau vom Checkpoint Charlie" gesehen. Und so war es nicht, auf keinen Fall.

"Es war nicht so, dass jeder jeden bespitzelt hat", sagt Laura. "Natürlich gab es das, aber doch nicht überall. Das Leben war normaler als in dem Film. Man ging in die Schule und dann nachmittags halt zu den Pionieren und den FDJlern, das war ja auch gar nicht so schlecht. Es gab ein Gemeinschaftsgefühl, man hat was Sinnvolles gemacht, Altstoffe gesammelt zum Beispiel, außerdem konnte man auch nicht anders."

"Wie meinst du denn das?", fragt ihr Vater.

"Na ja, wenn man so groß wurde wie ihr, kam man ja auch nicht auf die Idee, großartig zu rebellieren oder so."

Harmsen erzählt, dass sie als Pioniere niemals im Kreis saßen wie die Pioniere im Film mit Veronica Ferres und dass er seine Pionierbluse auch nicht täglich trug, sondern höchstens zweimal im Jahr. Seine Tochter schaut auf den Tisch. Man fragt sich wie das Wort Pionierbluse in ihren Ohren klingt. Niedlich, wahrscheinlich.

Es sind volkstümliche Positionskämpfe, die viele Ostler führen, seit sie den Eindruck haben, Veronica Ferres und Florian Henckel von Donnersmarck nähmen ihnen ihre Geschichte weg. Eine Tür scheint ins Schloss zu fallen, und sie werfen sich dagegen, indem sie sagen, Ulrich Mühe hätte in "Das Leben der anderen" gar nicht auf dem Dachboden sitzen können, um Sebastian Koch abzuhören, weil da ja immer die Wäsche aufgehängt wurde. Vielleicht redet Harmsen über Ausstattungsdetails des Sozialismus, weil auch er seine Gefühle aus dem November 1989 nicht mehr zurückholen kann. Die kopierten Seiten aus seinem Tagebuch liegen auf dem Tisch wie eine alttestamentliche Schriftrolle. Er ist erstaunt darüber, wie sehr und wie lange er gehofft hat, sagt er. Als seine Tochter in diesem Frühjahr nach Rostock fuhr, um gegen den G-8-Gipfel zu demonstrieren, ist er nicht mitgegangen.

"Ich hatte nicht mehr den inneren Drang", sagt er. "Ich habe mich gefragt, was es bringt, gegen diese Leute zu demonstrieren, die ja eigentlich vernünftige Gespräche führen. Aber zu dem Irak-Kriegsding vor ein paar Jahren bin ich noch mit dir hingegangen."

"Deine Zeit ist vorbei, Papa", sagt Laura. "Du hast doch resigniert."

"Vielleicht", sagt Harmsen und schaut seine Tochter stolz an, als habe sie seinen Staffelstab übernommen, jetzt da er müde geworden ist. Harmsen hat ein Buch geschrieben, in dem er seiner Tochter die Zeit der Mauer als ein Märchen erklärt. Es heißt "Die Königskinder von Bärenburg" und war kein großer Verkaufsschlager, aber eigentlich hat er es ja auch nur für Laura geschrieben. Es ist noch etwas zu früh, um zu sagen, ob der Segen wirkt, den er im November 1989 gesprochen hat. Sie haben ihr Kind nicht deformiert, aber etwas von ihnen lebt in ihm weiter.

"Wir kämpfen wieder!", schrieb er in sein Tagebuch.

"Es ist schon lustig, wenn man was hat, wogegen man sein kann", sagt seine Tochter 18 Jahre später.

Wogegen ist sie denn?

"Ich finde es ungerecht, dass die acht größten Industriestaaten unter sich über Dinge entscheiden, die die ganze Welt betreffen. Die haben doch vor allem ihre eigenen Interessen im Kopf. Sie haben sich da oben im totalen Luxus abgeschottet", sagt sie. Sie wollte eigentlich mit einer Freundin fahren, aber deren Eltern haben es verboten, und so hat ihre Mutter sie zum G-8-Gipfel nach Heiligendamm begleitet. Es hat ihnen beiden gut gefallen. Die positive Energie, der ernsthafte Spaß erinnerten Laura an den Karneval der Kulturen der Welt, ihre Mutter eher an die Pfingsttreffen der FDJ.

"Es hat mir Mut gemacht, dass es noch junge Leute gibt, die sich für eine Sache einsetzen, die mehr Werte im Kopf haben als die Marken ihrer Hosen und Turnschuhe", sagt die Mutter.

Laura nickt, sie denkt an ihre Altersgenossen, die abends vorm Einkaufsforum Köpenick stehen, rauchen, trinken und ab und zu ihre Handys kontrollieren. Die meisten sind auch schon in der Ausbildung, sagt sie, und es klingt wie eine Entschuldigung. Sie versucht die Tür offenzuhalten, so lange wie möglich. Sie geht auf ein sprachorientiertes Gymnasium, wo sie Englisch, Französisch und Spanisch lernt. Nach dem Abitur möchte sie als Au-pair ins Ausland gehen, am liebsten nach England, dann würde sie gern noch ein soziales Jahr in Südamerika machen. Danach will sie etwas studieren, bei dem die Sprachen und das Soziale irgendwie zusammenfließen, etwas Sinnvolles, sagt sie, das sei das Wichtigste. Ihr Vater nickt.

Fühlt sie sich als Ostdeutsche?

"Ich komme ja kaum in den Westen, mir fehlt der Vergleich", sagt sie. Sie hat gehört, dass die Ostler offener sein sollen als

die Westler, aber sie kennt kaum Westler. Als das Jubiläum näherrückte, ihr Geburtstag, wurde sie für die Lokalzeitungen immer mal wieder neben einem Mauerstück fotografiert, meist vor der Eastside-Gallery.

Und dann gab es auch immer die jährlichen Treffen mit den anderen Berliner Mauerkindern. Aber Laura Harmsen kann nicht mehr sagen, wer von denen nun aus dem Westen kommt und wer aus dem Osten. Die anderen werden dicker oder dünner, die Haare wachsen oder fallen, und sie erkennt höchstens, wer aus welcher sozialen Schicht kommt.

Es ist nicht viel bekannt über die ostdeutschen Kinder, die in diesem November volljährig werden. Sie sind jünger als die Zonenkinder, die Jana Hensel in ihrem Buch beschrieb, sie haben nie Pioniertücher getragen. Alles, woran sie sich erinnern können, sind die verblassenden Erinnerungen ihrer Eltern. Sie sind in eine neue Zeit geboren, in eine Gesellschaft, mit der auch ihre Eltern, ihre Kindergärtner und ihre Lehrer keinerlei Erfahrungen hatten. Ihre Geschichte ist die Geschichte der Wende. Eine ziemlich wacklige, windige Zeit, die wenig Orientierung bot, aber dafür viele Möglichkeiten. Sie kennen keine Mauer, aber sind sie wirklich frei?

Die Mauerfallkinder, schreibt die Jenaer Kulturhistorikerin Tanja Bürgel, haben "kaum Ansatzpunkte, von denen aus sie eigene kulturelle Wurzeln positiv deuten können".

Die ostdeutschen Kinder, die jetzt erwachsen werden, sind in gewisser Weise die letzte DDR-Generation, sagt der Psychologe Hans-Joachim Maaz. Aber was macht diese Generation aus?

Maaz weiß auch nicht genau.

Im Sommer 1990 kam ein Wolfsburger Volkswagen-Funktionär auf die Idee, die Babys, die am 9. November 1989 in Berlin geboren wurden, zusammen mit ihren Eltern zum Istaf-Sportfest ins Olympiastadion einzuladen, wo sie in neuen Golf Cabrios eine Stadionrunde drehen sollten. Dietrich Pusch war damals der Chef des West-Berliner Händlerbeirats für VW. Pusch saß im Stadion, sah die Babys und die Eltern und dachte, dass dies größer war als ein Golf Cabrio. Es war Sommer 1990, kurz nach der Währungsunion, die deutsche Einheit stand noch bevor. Pusch fühlte sich verantwortlich, vielleicht auch, weil der Fall der Mauer ja ein großes Geschäft für den Autohändler war.

Er schlug im Händlerbeirat vor, eine Patenschaft für die Berliner Mauerkinder zu übernehmen. Sie wollten sich einmal im Jahr zum Geburtstag treffen, ein Sparbuch für die Kinder anlegen, auf das jährlich 100 Mark gezahlt werden sollten. Die Händler stimmten zu.

Etwa 80 Kinder wurden am 9. November 1989 im Westen und Osten von Berlin geboren, das war eine überschaubare Anzahl. Die Initiatoren schalteten Anzeigen, von den 80 Familien meldeten sich 66, die meisten kamen aus Ost-Berlin. Die erste Geburtstagsfeier fand im Hotel Intercontinental statt. Viele erinnern sich, dass die meisten Mädchen schon laufen konnten, die meisten Jungs krabbelten noch.

Dietrich Pusch hat die Einladungen zu den 17 Geburtstagsfeiern alle in seiner Mauerkindermappe aufbewahrt. Dreimal wurden sie vom Bürgermeister im Roten Rathaus empfangen, zweimal war es Diepgen, einmal Wowereit. Sie besuchten das Kabarett Chamäleon, den Friedrichstadtpalast, den Funkturm und eine Mountain-Climbing-Anlage, sie sahen ein Alba-Berlin-Basketballspiel und eine Vorstellung des Zauberers David Copperfield.

Pusch hat keine Ahnung, dass er hier 17 Jahre lang eine unerforschte Generation beobachtet hat. Er habe nicht erkannt, wer aus dem Osten kam und wer aus dem Westen, sagt er. Aber er kann sagen, dass manche Eltern ziemlich fordernd aufgetreten sind. Einige brachten zu den Feiern auch entfernte Verwandte mit sowie Tüten, in die sie das kalte Buffet und Teile der Geburtstagsdekoration stopften.

Draußen fällt schwerer Regen, in ein paar Tagen treffen sich die Mauerkinder zum letzten Mal. Dann ist auch das vorbei.

Damals, als die Mauerkinder anfingen zu laufen, haben die VW-Händler in ihre Patenschaft geschrieben, dass sie ihre Schützlinge auch bei der Vergabe von Ausbildungsplätzen unterstützen wollen. Wenn sich zwei gleich gute Kandidaten auf einen Ausbildungsplatz bewerben, bekommt ihn das Mauerkind, das war die Idee. Es klingt wie eine Quotenregelung für die gebeutelten Wendeopfer. Wenn es so gemeint war, haben die VW-Leute alles richtig gemacht. Tanja Bürgel schreibt über die Mauerfallkinder: "In weitaus geringerem Maße als Wohlstandskinder im Westen können sie darauf zählen, dass Besitzstände ihrer Vorfahren sie über längere krisenbedingte Durststrecken hinweg retten werden. Das betrifft nicht allein die materiellen Aspekte existentieller Absicherung, sondern in gleicher Weise jene Sicherheiten, die historische und kulturelle Verwurzelungen zu bieten vermögen."

Ein Benachteiligtenbonus also. Wenn man sich das Leben von Dario Guerra anschaut, kann man sagen, dass er ihn verdient hat.

Er steht vor dem Hauseingang seines Neubaublocks in Ahrensfelde und wartet auf seine Mutter. Ahrensfelde ist der äußerste Rand der Ost-Berliner Plattenbauwelt. Es ist Sonntagmittag, Liane Guerra ist gerade von der Frühschicht aus der Charité zurückgekommen, wo sie als Krankenpflegerin arbeitet, und macht sich nur ein bisschen frisch. Sie möchte nicht, dass wir uns in der Wohnung unterhalten, sagt Dario, "weil's da ziemlich chaotisch aussieht". Seine Oma habe im Sommer irgendwas umgeschmissen, und nun quillt das Laminat. Er steckt sich eine Zigarette an und überlegt, wo wir hingehen könnten, weil es ja draußen doch ziemlich kalt ist. Ihm fällt nichts ein. Man sieht auch nur Neubaublöcke und Parkplätze, dahinter beginnt Ackerland. Sie sind hier Mitte der neunziger Jahre aus Oberschöneweide hergezogen, weil dort ein Skinheadclub aufmachte. Die Skinheads hätten seine Familie bedroht, sagt Dario. Sein Vater ist Kubaner, deswegen wohl. Genau weiß er es auch nicht, er war ja noch klein.

"Hier ist zwar nicht viel los, aber dafür lebt man fast im Grünen, und es gibt auch nicht so viele Ausländer", sagt Dario überraschenderweise und dann, zur Erklärung: "Also Türken und so weiter."

Dann kommt seine Mutter. Sie schlägt vor, zu McDonald's nach Lindenberg zu fahren, weil Dario da immer gern hingeht.

Sie steigen in ihren alten BMW und fahren etwa drei Kilometer durch nackte, glänzende Äcker zum McDonald's-Pavillon, der am Rande eines Autobahnkreuzes steht. Liane Guerra stöhnt ein bisschen über die vielen Dienste, die sie im Moment machen muss.

"Entweder man hat zu viel Arbeit oder gar keine", sagt Dario vom Rücksitz.

"So isset", sagt seine Mutter.

Liane Guerra würde gern auf die Ausbildungshilfe von VW zurückkommen, weil Dario keine Lehrstelle findet. Er hat im Sommer die Realschule abgeschlossen und sich bei verschiedenen Betrieben beworben, aber keiner will ihn. Liane Guerra hat ein paarmal bei VW angerufen, aber es war immer der Falsche am Apparat, sagt sie. Der Letzte, sie hat den Namen vergessen, sagte ihr nur, dass es in diesem Jahr definitiv nichts wird mit dem Ausbildungsplatz für Dario. Dario sieht sie erstaunt an.

Liane Guerra hat ihren Mann Roberto 1983 in einer Disco in der Rhinstraße kennengelernt. Da war sie 15 Jahre alt und er 18. Roberto kam aus Guantanamo, er war von seiner Regierung nach Berlin geschickt worden, um im VEB Goldpunkt eine Lehre als Schuhfacharbeiter zu absolvieren. Sie trafen sich zwei, drei Jahre heimlich, weil Liane

Angst hatte, ihren Eltern einen Ausländer vorzustellen. Ins Wohnheim der Kubaner durfte sie auch nicht, so verbrachten sie viel Zeit auf der Straße, wo ihr die Berliner Männer oft zuriefen, sie habe was Besseres verdient als den Schwarzen. Als sie 18 war, hat sie ihren Eltern einfach ein Foto gezeigt und gesagt: Das ist mein Freund.

Sie hatte keine Vorstellungen von Kuba, aber Roberto hatte ihr nicht nur von Palmen und Strand erzählt, sondern auch von Stromausfällen und Lebensmittelknappheit. Seine Ernsthaftigkeit habe ihr gefallen, sagt sie, es gab ja auch andere Kubaner. Dreimal haben sie einen Eheschließungsantrag gestellt, den letzten im Frühjahr 1989, da war sie schon schwanger. Sie wurden alle abgelehnt.

Es hat Roberto ziemlich getroffen, dass Dario ein uneheliches Kind war, denn er kommt aus einer strengkatholischen Familie, sagt Liane Guerra. Dario wurde um 1.30 Uhr im Krankenhaus Köpenick geboren, sie hat nicht mitbekommen, was draußen auf den Berliner Straßen los war, sie hat sich nur gewundert, warum niemand sie besuchte. Spät abends kam dann Roberto mit einem Bugs Bunny ins Zimmer, den er schnell in Rudow gekauft hatte. Sie selbst war erst im Januar 1990 zum ersten Mal drüben, sie hatte kein Interesse am Westen, sagt sie. Irgendwie habe sie wohl geahnt, dass es für sie dadurch nicht besser wird.

Sie zogen erst mal in die Wohnung ihrer Eltern, später in eine Zweizimmerwohnung in Oberschöneweide. 1993 machte direkt gegenüber eine Kneipe auf, in der Rechtsradikale verkehrten. Sie bedrohten sie und ihren Mann, am Telefon, auf dem Bürgersteig und durch die Fenster, sie warfen einen Stein in die Windschutzscheibe ihres Autos, und als einer der Skinheads versuchte, Dario über den Kindergartenzaun zu heben, rief Liane Guerra die Polizei an. Sie schickten den Staatsschutz, vier Wochen lang beobachteten Beamte ihre Wohnung, sie hörten die Telefone ab, patrouillierten vor ihrem Haus.

Liane Guerra wirkt stolz, wenn sie darüber spricht, vielleicht freut sie sich über die ungewohnte Aufmerksamkeit. Am Ende der Überwachung empfahlen ihnen die Beamten, aus der Gegend wegzuziehen, sie besorgten ihnen eine Dreizimmerwohnung in Ahrensfelde, ganz draußen am Rande der Stadt.

Es war ein bisschen seltsam zuerst, sagt sie, aber als sie sah, dass hier Vietnamesen lebten und auch Kubaner, entspannte sie sich. 1995 bekamen sie ihren zweiten Sohn und zogen in eine Vierzimmerwohnung im selben Block.

Ihr Mann verlor seine Arbeit in der Schuhfabrik, er arbeitete als Reinigungskraft bei der Bahn, später manchmal als Trockenbauer. Er wurde als Ausländer beschimpft, oft zahlten sie ihm einfach keinen Lohn, sein Selbstwertgefühl sank immer mehr, sagt Liane Guerra, am Ende saß er nur noch niedergeschlagen in der Wohnung. Es war zu der Zeit, als sie sehr krank wurde, etwa vor zweieinhalb Jahren. Sie blieb ein Jahr zu Hause, sie mussten von Hartz IV und dem Krankengeld leben, es ging nicht mehr. Sie versucht jetzt, die Familie allein durchzubekommen, sagt sie.

Dario sitzt die ganze Zeit still am Tisch, als seine Mutter dieses Leben ausbreitet, das ja auch sein Leben ist. 18 Jahre, in denen ganz schön viel schiefgelaufen ist. Er

schaut mit großen, träumerischen Augen als hörte er das alles im Radio. Er hat ein kleines Foto von seinem Vater in seiner Brieftasche, auf dem ein junger Mann, der ein bisschen aussieht wie Jimi Hendrix, an einem Berliner Küchentisch sitzt. Das Foto ist total abgegriffen, vielleicht weil Dario es gern zeigt. Er ist als Baby mal mit seinen Eltern nach Kuba gereist, er kann sich natürlich nicht erinnern, aber er hat gewisse Vorstellungen vom Land seines Vaters.

"Die Leute da sind arm, aber glücklich", sagt er.

"Na ja, glücklich?", sagt seine Mutter.

"Jedenfalls ist es besser als hier, denke ick manchmal", sagt Dario und guckt raus auf den verlassenen Kinderspielplatz von McDonald's, der von feinem Nieselregen besprüht wird.

So beschreibt er seinen Tagesablauf: "Ich geh mit dem Hund runter, ich dusche, mache ein bisschen sauber, dann guck ich ein bisschen fern, warte ein bisschen, dann, wenn mein kleiner Bruder aus der Schule kommt, spiel ich mit dem oder helfe ihm bei den Hausaufgaben, dann treffe ich mich mit meinen besten Kumpels, die als Gebäudereiniger arbeiten, auf dem Spielplatz, quatsche ein bisschen. Dann wieder nach Hause, bisschen fernsehen, schlafen. Es fehlt ein richtiger Rhythmus, so wie zu Schulzeiten, also ich möchte kein Langzeitarbeitsloser sein, auf keinen Fall."

"Das ist der Unterschied zu den Westkindern. Die Ostjugendlichen haben noch den Druck zu arbeiten", sagt seine Mutter.

Dario lächelt zufrieden. Manchmal sind die Klischees alles, worauf man sich zurückziehen kann: Die Ostler sind irgendwie ehrlicher. Sie können sich nicht so verkaufen wie die Westler. Sie haben eine sozialere Ader. All diese Dinge hat Dario immer wieder gehört und wiederholt sie, wenn man ihn fragt, weil sie seine Lage zu erklären scheinen. Als er auf dem Spielplatz eine Zigarette raucht, sagt seine Mutter: "Dario ist zu jut für die Welt. Ich hoffe wirklich, dass es mit VW klappt."

Auf der Rückfahrt nach Ahrensfelde entwickelt Dario Guerra auf dem Rücksitz noch einen Alternativplan. "Ich arbeite hier ein bisschen, und dann geh ich nach Kuba, bis das Geld alle ist. Da kann man für 1000 Euro im Monat leben wie ein König, da haste sogar noch jemanden, der dich den janzen Tag mit der Palme bewedelt."

Es bleibt wieder nur Kuba. Er träumt den Traum, den schon seine Mutter träumte und auch die anderen Mütter der Mauerkinder, die einen Ausländer heirateten, um ihrer kleinen grauen Welt zu entkommen. "In die warmen Länder würden sie so gerne fliehen, die verlor'nen Kinder in den Straßen von Berlin", sang die ostdeutsche Band Silly in den achtziger Jahren. Die meisten hatten keine Religion mehr, an der sie sich festhalten konnten. Man konnte immerhin von den unerreichbaren exotischen Plätzen dieser Welt träumen. Das Paradies war ja verbaut. Insofern war die Mauer auch eine Entschuldigung für ungenutzte Möglichkeiten. Als sie fiel, war auch die Entschuldigung weg.

Der Psychologe Hans-Joachim Maaz sagt, dass die Kinder, die in den letzten 18 Jahren aufwuchsen, durch die Erfahrungen sozialisiert wurden, die ihre Eltern machten. "Es ist dabei nicht mal so entscheidend, ob die Eltern in der DDR staatsnah waren, angepasst oder sogar oppositionell. Entscheidend ist, was aus ihnen nach der Wende geworden ist, wie sie die Möglichkeiten genutzt haben, ob sich ihre Erwartungen erfüllt haben. Das prägt die Kinder", sagt Maaz.

Vanessa Hentrich hat sich ihr Kinderzimmer in eine Art Nest verwandelt, sie hat die Decken und Wände mit pastellfarbenen Stoffbahnen abgehängt, weil es so weicher ist. Überall baumeln kleine Feen- und Elfenpuppen, denn sie mag Feen und Elfen sehr gern. Sie ist ein Fantasy-Fan. Wenn sie sich irgendwann mal etwas tätowieren lässt, dann eine Elfe, das steht fest. Beim ersten Treffen waren ihre Haare blond, beim zweiten dann orange, weil sie von diesem "Blondie-Image" wegkommen wollte, sagt sie.

Was ist denn das Blondie-Image?

"Na ja", sagt Vanessa Hentrich und kichert.

"Alle Männer wollen Blondinen", sagt ihre Mutter Grit.

Auch sie war mal eine Blondine. Es gibt ein Foto, auf dem sie Vanessa zusammen mit ihrem Mann aus dem Krankenhaus Köpenick nach Hause trägt. Vanessa ist in eine Decke eingeschlagen, ihre Eltern sehen aus wie Jugendliche, denen jemand ein Baby in die Hand gedrückt hat.

Auf dem Foto jedenfalls ist Grit Hentrich ganz blond. Heute hat sie schwarze Haare mit einer kahlen Schneise links über dem Ohr, als sei der Friseur mit der Rasiermaschine eingeschlafen. Sie will es so, es ist Teil ihrer Verwandlung, sagt Grit Hentrich.

"Meine dunkle Seite kommt wieder durch. Ick war ja schon zu Ostzeiten Grufti gewesen", sagt sie. Die Verwandlung von Grit Hentrich hat begonnen, als sie vor etwa vier Jahren zu einem Vorher-nachher-Style-Wettbewerb der Zeitschrift "Brigitte" in Hamburg war. Ihr Mann war mit, er hat sie als Blondine abgegeben, und Stunden später kam sie als Brünette heraus.

"Ick hab seinen Blick gesehen, und dann hat er gesagt: 'Ach du Scheiße', und da wusste ick, dit ist der Anfang vom Ende. Wir sind einfach zu verschieden", sagt sie.

Grit Hentrich hat mal EDV-Kauffrau gelernt, später umgeschult und arbeitet seit ein paar Jahren im Ikea-Markt in Waltersdorf als kaufmännische Angestellte, ihr Mann ist Gas-Wasser-Installateur. Sie wollte eigentlich kein Kind, jedenfalls nicht so schnell. Sie hatte ursprünglich vor, noch ein paar Jahre als Saisonkraft an die Ostsee zu gehen, bevor das richtige Leben anfing. Sie

war 20, als Vanessa geboren wurde. Sie wechselte ein paarmal die Wohnung, irgendwann landete sie in einer Plattenbauwohnung in Berlin-Johannisthal, die ihr Lebensgefährte komplett umbaute. Er riss Wände heraus, verlegte Laminat, richtete ein Art Bar ein, vergrößerte die Küche.

Heiko wollte mir eigentlich immer ein Haus bauen, sagt Grit Hentrich, aber für ein Haus reichte es nicht. Mitte der neunziger Jahre kauften sie die Plattenbauwohnung am Rande der Stadtautobahn für 165 000 Mark. Vanessa spielte mit den Kindern auf dem Hof, es war ein kleines Glück, aber Grit Hentrich fühlte sich, als sei sie hier einbetoniert worden. 650 Euro müssen sie im Monat abbezahlen, 20 Jahre lang. Das Beste an der Gegend sei die Stadtautobahn, weil man so schnell von hier wegkomme, sagt Grit Hentrich.

Seit drei Jahren besucht sie regelmäßig irgendwelche indischen Feste, stellte buddhistische Zeichen auf und ließ sich eine große Ranke auf den Oberkörper tätowieren, demnächst möchte sie sich auf den Jakobsweg begeben.

"Die Zeichen deuten darauf hin", sagt sie.

Welche Zeichen?

"Ick hab auf Ebay jemanden kennengelernt, der es gemacht hat. Dann habe ich in meiner Krankenkassenzeitung davon gelesen, und dann habe ich in Großbeeren ein Poster zum Jakobsweg gesehen. Alles innerhalb von zwei Wochen, mehr muss ich wohl nicht sagen", sagt Grit Hentrich.

Vanessa sieht ihre Mutter nachdenklich an. Sie hat mehr von ihrem Vater, sagt sie. Das Weiche, das Heimelige. Sie richtet sich gern ein. Sie liest Frauenzeitschriften. Sie träumt oft, auch in der Schule. In der neunten Klasse ist sie sitzengeblieben, und so richtig gut sieht es in diesem Jahr auch nicht aus. Sie würde gern was im medizinischen Bereich machen, sagt sie. Leuten helfen, das ist wichtig. An ihrem Hals trägt sie eine Kette, an der ein Herz hängt, das man aufklappen kann. Dort drin ist ein Bild von Cinderella.

Vanessa fragt, was die anderen Berliner Mauerkinder so machen. Die meisten sind auf dem Gymnasium, manche waren im Ausland, eine studiert schon in Wien.

"Manchmal wünsch ich mir, ich wäre ein bisschen selbstsicherer zur Welt gekommen. Und auch ein bisschen klüger", sagt Vanessa.

"Ach wat. Du schaffst jetzt deinen Realschulabschluss", sagt Grit Hentrich. "Und wenn nicht, iss och nicht so schlimm. Bleibste halt noch ein bisschen bei mir. Dit Leben da draußen kommt noch früh genug und ist nicht immer nur angenehm."

Vor ein paar Wochen waren sie zusammen auf einem Gwen-Stefanie-Konzert, eigentlich sollte Vanessa die Karte für ein gutes Zeugnis bekommen, aber weil es gerade keine Zeugnisse gab, kriegte sie sie so. Als Ansporn vielleicht. In den Herbstferien waren sie zusammen in der Türkei, sie machen überhaupt viel gemeinsam. Wie Freundinnen. Vielleicht will Grit Hentrich nicht, dass ihre Tochter zu früh ihre Träume aufgibt, welche das auch immer sind. Vielleicht ist Vanessa auch nur der Teil der großen Sinnsuche ihrer Mutter. Manchmal fragt man sich, wer von den beiden eigentlich der größere Teenager ist.

"Wir beide bleiben noch 'ne Weile alleine hier", sagt Grit Hentrich. "Da kommt sowieso kein Mann mit, die wollen nur, dass man sich anpasst, und ick pass mich schon den ganzen Tag uff Arbeit an."

Glaubt sie, dass sie noch mit Vanessas Vater zusammen wäre, wenn die Mauer noch stünde? "Jut möglich", sagt Grit Hentrich. "Sehr jut möglich. Insofern, doppelt jut, dass se weg ist, die Mauer."

Es sind die Verwerfungen der Eltern, die die Novemberkinder noch zu einer ostdeutschen Generation machen. All der Streit, die Trennungen, die Umzüge, die Verzweiflung, die Hoffnungen, das Schweigen, die Euphorie ihrer Mütter und Väter stecken tief in ihnen. Erwachsenwerden ist ja sowieso schwer, aber für sie ist es noch schwerer. Sie sind die Früchte der Revolution.

In einer Umfrage, die TNS Forschung für den SPIEGEL machte, betrachten die jungen Ostdeutschen die vereinte Bundesrepublik als ein Land, in dem ihre Eltern sich nicht immer zurechtfinden. Sie sehen die DDR in freundlicheren Farben als ihre Altersgenossen im Westen, die soziale Absicherung, das Schulsystem, die Krankenbetreuung seien die besondere Stärke der DDR gewesen, erklärten die ostdeutschen Jugendlichen. Die Geschichten von früher mischen sich mit den Erfahrungen der letzten Jahre. Fest steht, dass die 18-jährigen Ostdeutschen unter weitaus schwierigeren Lebensbedingungen groß wurden als die Westler. Deutlich mehr Ost- als Westkinder sind bei Alleinerziehenden aufgewachsen. Sie haben weniger Geschwister als Gleichaltrige im Westen, ihre Mütter sind häufiger vollbeschäftigt. Der Sozialismus sei eigentlich eine gute Idee gewesen, nur schlecht ausgeführt, sagten viele der ostdeutschen Mauerkinder in der TNS-Umfrage. Was den Lebensstandard angeht,

glauben sogar mehr ostdeutsche Jugendliche als ihre eigenen Eltern, dass er damals höher war.

Es war ja nicht alles schlecht.

Marius Kiefer ist ein hübscher blonder Junge. Er sitzt gelassen und ruhig neben seinem Vater, einem schweren, bärtigen Mann. Sie haben die gleichen Hände, sagt Marius. Und wahrscheinlich heißt das, dass sie sonst kaum etwas gemein haben.

Als Ulrich Kiefer erfuhr, dass seine Frau Heike schwanger war, tourte er gerade mit dem Berliner Rundfunk-Sinfonieorchester durch Amerika. Er weiß nicht mehr genau, wo er gerade war, in New York wahrscheinlich oder in Chicago, aber er weiß noch genau, dass er so schnell wie möglich nach Hause wollte. Sie hatten lange auf dieses Kind gewartet. Als seine Frau am 9. November Wehen bekam, entschuldigte sich Kiefer bei der Leitung des Rundfunk-Sinfonieorchesters, das an diesem Tag Richard Strauss' "Die Tageszeiten" aufnahm, weil er bei der Geburt dabei sein wollte. Ihr Sohn Marius wurde um 21.05 Uhr im Krankenhaus Pankow geboren. Kiefer weiß noch, dass sie manchmal ganz allein im Kreißsaal waren, weil die Ärzte und Schwestern sich im Fernsehen ansahen, wie die Mauer fiel. Für Kiefer war das, was dort draußen passierte, nicht ganz so aufregend. Sein Sohn war endlich da, und er kannte die Welt ja von seinen Orchesterreisen.

Seine Frau und er teilten sich das Babyjahr, sie suchten den besten Kindergarten und schickten Marius später auf eine musikorientierte Schule. Seit er fünf ist, spielt er Cello. Marius geht jetzt aufs Händel-Gymnasium in Friedrichshain, und damit er es nicht so weit hat, zogen sie Anfang des Jahres von Köpenick in einen der sanierten Stalin-Bauten an der Frankfurter Allee. Vom Umzug selbst hat Marius nicht viel mitbekommen, denn er war gerade auf einer Highschool in Syracuse, im US-Bundesstaat New York.

Heike und Ulrich Kiefer haben sich auf einem Berliner Musikinternat kennengelernt, sie sind ein Paar, seit sie 14 sind, das sind jetzt 33 Jahre. Sie hätten die DDR nicht verlassen, aber sie sind auch nicht unglücklich, dass es sie nicht mehr gibt.

Es scheint so, als wäre die einzige Wende, die sie erlebt haben, die Geburt ihres Sohnes. Der 9. November 1989 ist vor allem sein Geburtstag.

Marius sieht auf die selbstverständliche Art gut aus, wie Musiker gut aussehen. Es ist ihm mitgegeben worden, wie das Highschool-Jahr in Syracuse, die Reisen mit seinem Schulorchester um die ganze Welt und sein musikalisches Talent. Das Einzige, was Marius zu einem Mauerkind macht, sind die vielen Möglichkeiten, die er in der Nacht seines Geburtstags bekommen hat.

Er hat nicht ernsthaft genug Cello geübt, um daraus eine Karriere zu machen. Irgendwann wollte er lieber Klavier lernen, aber nach drei Jahren Klavierunterricht wurde ihm das auch zu langweilig. Irgendwann sah er einem Mann auf der Straße zu, der mit Keulen jonglierte, und beschloss, Artist zu werden. Er konnte immer schon gut mit Bällen umgehen, er hat ein paar Jahre lang Fußball gespielt, ein paar Jahre lang Basketball. Drei Jahre lang besuchte er in seiner Freizeit eine Artistikschule in der Wuhlheide. Er hatte auch dafür großes Talent. Aber dann kam das Angebot aus Amerika dazwischen.

Im Highschool-Team spielte Marius Volleyball, und er lernte eine neue Leidenschaft in sich kennen, die Fotografie. Sein Gastvater war Fotograf und lieh ihm seine Kamera. Als er wieder zurück war, musste er sich um seine Band kümmern, die zu zerfallen drohte, weil der Gitarrist ihre Musik mainstreamiger wollte. Marius spielt E-Cello und möchte die Band offenhalten für alle möglichen musikalischen Einflüsse. Er möchte sich nicht beschränken, und das scheint auch für sein Leben zu gelten.

"Ich kann eben viele Dinge ganz gut, aber nichts richtig gut", sagt Marius. Sein Vater lächelt. Er bereut nicht, dass sie Marius nicht mehr angetrieben haben. Sie wollten, dass er sich ausprobiert, sich findet.

"Ich hatte die Chance nie. Als ich groß wurde, war die Welt noch so klein", sagt Kiefer. "Ich hatte überhaupt keine andere Möglichkeit, als Bratsche zu üben."

Einen Moment lang sieht ihn Marius an, als würde er ihn darum beneiden. Es gibt so viele Möglichkeiten. Ein Artist, vielleicht wäre das der passendste Beruf für ein ostdeutsches Mauerkind.

Der Psychologe Hans-Joachim Maaz weiß nicht, ob in der ostdeutschen Mauerkindgeneration eine besondere Potenz steckt. Er könnte sich vorstellen, dass die sozialen Anlagen der Eltern, das höhere Bedürfnis nach Gemeinschaftlichkeit vielleicht prägend sein können. Ein gesellschaftlicher Vorteil, vor allem für die Kinder, die nicht ganz so erfolgreich sind.

Könnte es nicht sein, dass die Ostler aus ihrem Underdog-Gefühl heraus einen besonderen Ehrgeiz entwickeln? Wie die erfolgreichen jüdischen Anwälte in Amerika, die lange Jahre von den großen Kanzleien abgewiesen wurden.

"Ein interessanter Gedanke", sagt Maaz.

Carolin Großwendt ist das meistfotografierte Novemberkind, kaum ein Zeitungsbericht über die Mauerkindtreffen von VW, in dem sie nicht vorkommt. In diesem Jahr, zum 18-jährigen Jubiläum, hat RTL einen Fünfminutenbeitrag über sie gedreht, der wahrscheinlich am 9. November zur Mittagszeit gezeigt werden soll. Es könnte daran liegen, dass Carolin Großwendt am ehesten zu einem freudigen, optimistischen Mauerjubiläumsbeitrag zu passen scheint.

Sie ist hübsch, lacht gern, redet viel und studiert inzwischen Tanz an einem privaten Konservatorium in Wien. Besser geht's nicht.

Carolin Großwendt steht wie verabredet vor dem Zara-Kaufhaus am Stephansplatz in Wien. Sie ist erkältet, aber guter Dinge. Sie habe noch nicht viel von Wien gesehen, sagt sie, aber sie fühle sich zu Hause, sagt sie. Sie fühle sich sowieso schnell zu Hause, was vielleicht damit zusammenhängt, dass sie fast die Hälfte ihres Lebens in Internaten verbrachte. Sie möchte in ein italienisches Restaurant in der Nähe ihrer Tanzschule, sie will nichts essen, nur einen Kaffee trinken und rauchen. Die Zigarette ist der erste feine Riss im Bild vom perfekten Mauerfallmädchen, und man kann davon ausgehen, dass im RTL-Beitrag nicht geraucht wird.

Carolin Großwendt wurde um 21.45 Uhr in der Charité geboren. Unten auf den Straßen war die Hölle los, aber ihre Mutter Heike bekam nicht viel mit. In der Nacht hörte sie im kleinen Radio an ihrem Krankenhausbett, dass die Mauer offen war. Es freute sie, aber es warf sie nicht aus der Bahn. Sie war damals Lehrerin für Sport und Geschichte, und das ist sie immer noch. Auch ihr Mann arbeitet immer noch als Kundendienstmonteur. Sie wohnten 1989 in einer Dreizimmerwohnung in Marzahn, sie waren nicht unzufrieden, aber irgendwie hatten sie das Gefühl, sich entwickeln zu müssen, und so bauten sie 1992 eine Doppelhaushälfte in Pankow-Rosenthal.

Ihre Tochter turnte in einem Amateurverein, weil Frau Großwendt ihr den Druck des Leistungssports ersparen wollte. Sie war zu DDR-Zeiten Leistungsturnerin und musste Pillen schlucken, von denen sie nicht wusste, was die mit ihr machten. Aber Carolin schien den Druck zu suchen. Als sie zehn Jahre alt war, wurde sie von einer Freundin zu einem Talentwettbewerb an der Staatlichen Ballettschule in Prenzlauer Berg mitgenommen. Die Freundin wurde abgelehnt, Carolin bestand den Test. Es war eine ziemlich weite Fahrt von Rosenthal nach Prenzlauer Berg, und weil sie ihre Tochter in den Wintermonaten nicht in der Dunkelheit durch die Stadt reisen lassen wollten, gaben die Eltern sie aufs Internat der Ballettschule. Carolin sagt, sie war glücklich da, fünf Mädchen auf dem Zimmer, da war immer was los.

Die Schule war oft zweitrangig, was zählte, war das Tanzen. Es ist ein umkämpfter Beruf, auf ausgeschriebene Stellen bewerben sich bis zu 1000 Kandidatinnen, und mit 35 ist die Karriere meist vorbei. Es gab Kinder mit Essstörungen, denen Lehrer gesagt hatten, sie seien zu dick. Die Großwendts redeten mit ihrer Tochter, deuteten an, dass man

Tanzen auch als Hobby betreiben könne. Aber sie wollte es so. Und sie war auch ein Talent, in der Weihnachtszeit hatte sie bis zu 15 Auftritte, oft in der Staatsoper.

Anfang der 10. Klasse riss Carolin bei einem Solo in der Schule ein Band am Sprunggelenk. Das Solo war etwa anderthalb Minuten lang, in der Mitte spürte sie, wie es knallte. Sie tanzte die Übung dennoch zu Ende, und das machte alles nur noch schlimmer. Ihre Mutter saß im Publikum, hob ihre Tochter auf und fuhr sie nach Hause. Carolin sagt, dass es keine große Solidarität gab, doch man hört keinen Vorwurf in ihrer Stimme.

"The show must go on", sagt sie und lacht die harte Zeit weg, die ihrem Unfall folgte, sie ging an Krücken, zum ersten Mal in ihrem Leben wusste sie nicht, wie es weitergehen sollte. Sie nahm zehn Kilo zu, fast ein Fünftel ihres Körpergewichts.

Carolin hatte gute Ärzte, die ihr gerissenes Band kurierten. Sie verließ die Staatliche Ballettschule und fand zwei Trainer, die sie ein Jahr lang privat unterrichteten, klassisch und modern. Um die Ausbildung bezahlen zu können, arbeitete sie für eine Event-Agentur als Hostess und Kellnerin. Morgens trainierte sie, abends servierte sie auf Empfängen, meist in großen Hotelsälen. Am Ende der Ausbildung war sie bereit für Wien. Die zehn Kilo waren weg, im September fing sie am Konservatorium an.

Wenn sie sich treffen, schaut Heike Großwendt ihrer Tochter immer zuerst auf die Stelle über der Brust, weil man dort erkennt, ob sie hungert oder nicht. "Wenn sie in Richtung Bulimie geht, ist Feierabend", sagt sie.

"Alles ist gut", sagt Carolin und lacht. Sie zeigt noch ihr Konservatorium, ein schönes, ganz modernes Gebäude im Herzen Wiens mit vielen hellen Tanzsälen und einem gläsernen Fahrstuhl, der die Künste miteinander verbindet, die hier unterrichtet werden. Im Foyer steht ein Thomas-Bernhard-Zitat an der Wand: "Auf die Irritationen kommt es an. Wir sind nicht dazu da, den Leuten eine Gefälligkeit zu erweisen". Carolin Großwendt läuft ganz selbstbewusst durch das Gebäude, niemand würde ihr ansehen, wo ihr Weg begonnen hat. Und sie glaubt nicht daran, dass der Osten irgendetwas mit ihrem Leben zu tun hat.

"Nee, ich bin Skorpion. Und Skorpione sind so. Die müssen oft durch so viel Müll durch. Das macht sie stärker", sagt Carolin.

Eigentlich wollte das RTL-Team auch Jamila Al-Yousef interviewen, die oft zusammen mit Carolin Großwendt auf den Fotos der Mauerkinderjubiläen posierte. Ihre Mütter haben sich damals schon in der Charité kennengelernt, in der Nacht, als ihre Töchter geboren wurden. Sie haben zusammen runter auf die Invalidenstraße geschaut, wo sich Menschenmassen Richtung Westen schoben. Aber RTL hat in der letzten Minute abgesagt. Vielleicht war Güstrow zu weit weg.

Jamila wartet auf dem Marktplatz in Güstrow, einem mecklenburgischen Städtchen, in dem sich ihre Eltern 1993 als Ärzte niederließen. Sie hat ihren Eltern oft vorgeworfen, dass sie sie in die Provinz verschleppt haben. Die Eltern haben ihr gesagt, dass sie vielleicht gerade hier so viel schafft, wo es so wenig gibt. Aber wenn das so ist, ist sie am Ziel. Viel mehr kann man nicht schaffen.

Jamila macht Abitur, sie ist die Beste ihres Jahrgangs, sie hat eine Zwei plus in Mathematik, sonst alles Einsen. Sie spricht Englisch, Französisch, Spanisch und ein bisschen Portugiesisch. Zurzeit bringt sie sich Schwedisch bei, weil sie nicht will, dass die Sprache ausstirbt, sagt sie. Danach würde sie gern Chinesisch und Russisch lernen. Arabisch konnte sie schon, bevor sie Deutsch sprach; ihr Vater Mufid ist Palästinenser. Sie hat seine Familie in Jordanien oft besucht und auch mal einen Sommerkurs an der Universität in Amman belegt. Sie sagt, sie sei schon als kleines Mädchen mit ihren Eltern auf Ärztekongressen in der ganzen Welt gewesen.

Sie liest Kafka und Freud und ist ein "Riesenfan" von Schopenhauer. Sie spielt Klavier und Klarinette und singt im Jugend-Jazzorchester des Landes Mecklenburg-Vorpommern. Sie hat zwei dritte Plätze bei einem Fotowettbewerb auf Rügen gewonnen, einen Preis des Hermann-Hesse-Festivals für ihre Gedichte und auch mal einen Bauchtanzwettbewerb in Istanbul, "gegen eine Ägypterin, die ziemlich talentiert war". Sie schreibt für die Jugendseite der Lokalausgabe der "Schweriner Volkszeitung". Sie hat dreimal in Folge das Rockfestival "Rockt die Jugend" im Güstrower Speedwaystadion organisiert. Der besten Band hat sie einen Plattenvertrag bei einem kleinen Rostocker Label verschafft. Sie war Produktionsassistentin bei einem Spielfilm namens "Amoniak". Sie hat mit zwei anderen Mädchen 2000 Unterschriften gegen den Thor-Steinar-Laden gesammelt, in dem sich die rechte Szene von Güstrow trifft. In ihrer Freizeit besucht sie Vorträge, neulich war sie auf einem, bei dem es um genveränderte Lebensmittel ging.

Sie hat alles ausgereizt, sie ist zu groß für die Stadt geworden. Sie verbringt jede freie Minute in Hamburg und Berlin.

"Das Engstirnige, Kleinkarierte hier kann ich nicht mehr ertragen", sagt sie. Sie schaut gar nicht zu den blonden Mädchen an den anderen Tischen, die rauchen und auf ihre Handys starren, sie nimmt die gar nicht wahr. Gelegentlich hat man den Eindruck, dieses Gespräch selbst ist ein Art Performance, die phantastische Geschichte eines Mädchens, das mitgenommen werden möchte. Die Frage ist, wo die Reise hingehen soll.

Später zeigt sie noch das Haus, das ihr Vater am Stadtrand von Güstrow gebaut hat. Es ist ein Palast mit einem Türmchen auf dem Dach und einer riesigen gusseisernen Pforte, die man elektrisch auf- und zuschwingen lassen kann. Der Fußboden

ist aus Marmor, es gibt jede Menge Säulen und Möbel mit geschwungenen goldenen Beinen, das Haus hat 300 Quadratmeter Wohnfläche, ein Kaminzimmer, mehrere Gästezimmer, eine Sauna und vier Bäder, aber es ist leer. Jamilas Eltern sind für eine Woche in den Urlaub in die Türkei geflogen, und Geschwister hat sie nicht.

Wofür braucht man denn ein so großes Haus?

"Es ist etwas sehr Arabisches zu zeigen, dass man es geschafft hat. All der Prunk, ich weiß, es sieht aus wie ein Museum, aber mein Vater hat nicht viel Anerkennung bekommen hier. Jedenfalls nicht die, die er verdient", sagt Jamila, die für einen Moment sehr klein aussieht in diesem großen, leeren Haus, das am Rande einer mecklenburgischen Kleinstadt steht wie ein Denkmal.

Bei den jährlichen Treffen der Novemberkinder wurden immer Reden gehalten, in denen jemand, meist eine VW-Person, vom Glück des Mauerfalls, von der historischen Stunde sprach, in der die Kinder geboren wurden. Die Reden wurden mit den Jahren immer kürzer, weil die Kinder kein Interesse zeigten.

Als Torsten Harmsen vor ein paar Jahren oben auf dem Funkturm aus seinem Mauermärchenbuch "Die Königskinder von Bärenburg" vorlas, steckten sich einige der Jubilare demonstrativ die Kopfhörer ihrer MP3-Player in die Ohren. Wie sollen sie dieses Glück empfinden? Sie haben die Mauer nie gesehen, da ist es schwer, sich zu freuen, dass sie weg ist. Es ist unmöglich, sich zu einem solchen Geschichtsbrocken in Verbindung zu setzen. Aber es wird verlangt.

Richard Stiebitz erzählt schon am Telefon, dass er direkt am Mauerstreifen wohne. Er möchte sich am 3. Oktober treffen, dem Tag der Deutschen Einheit, in einer Kneipe, die direkt an der Grenze liegt, gerade so auf West-Berliner Seite. Er ist ganz aufgeregt, als er das erzählt. Das Mauerkind, der Tag der Deutschen Einheit, der Todesstreifen. Stiebitz steckt darin fest wie in Beton, alles, was er sagt, klingt nun natürlich ziemlich belanglos.

Er sitzt in der verrauchten Kneipe und erzählt vage Dinge aus seinem Leben. Er geht aufs Gymnasium, macht Kraftsport, er arbeitet zweimal die Woche in einem Callcenter und mag alle möglichen Arten von Musik. Er war ein Jahr zum Austausch im Mittleren Westen, in Springfield, Missouri. Er hat bei einer alten Dame gelebt, die nach dem Krieg aus England nach Amerika kam. Sie hat ihm Standardtanz beigebracht. Er spielt auch E-Gitarre. Er hat Physik als Leistungskurs, er wird wohl etwas Technisches studieren. Er kennt seinen Vater nicht und will ihn auch nicht kennen. Seine Mutter stammt aus Weinböhla in Sachsen, sie kam nach Berlin, um zu studieren. Was macht denn seine Mutter?

"Kein Kommentar", sagt Richard.

Man kann ihre Wohnung von unserem Kneipentisch aus sehen, vielleicht steht seine Mutter da hinter der Gardine und schaut zu ihm runter. Dort draußen also war die Mauer, man sieht es nicht mehr, gar nichts. Richard überquert den Todesstreifen jeden Tag, er wohnt im Osten, aber seine Schule ist im Westen. Das Haus, in dem sie wohnen, war noch lange Jahre ziemlich schäbig, grau. Aber dann haben sie es irgendwann grün angestrichen, und jetzt fügt es sich in den bunten Reigen der alten Mietshäuser, der sich von Treptow nach Neukölln zieht.

Richard sagt, dass er oben ein Video habe, das zu Mauerzeiten von der Westseite aufgenommen wurde. Mit Grenzern, Hunden, Maschinenpistolen und allem, das sei auch ziemlich interessant. Als sie in der Schule die DDR-Zeit durchnahmen, war er in Amerika. Er hat von seiner Mutter Dinge erfahren, zum Beispiel, dass es eigentlich ganz normal war, gar nicht so schlecht, die Leute hätten mehr zusammengehalten, sich öfter besucht. Aber irgendwann wurden sie dann unzufrieden, weil sie nicht reisen durften und es keine Konsumgüter gab. Sie haben noch einen alten Elektrogrill aus DDR-Zeiten, sagt er. Aber sonst? Er schaut aus dem Fenster in Richtung Osten.

"Die Bäume sind überall grün", sagt Richard.

Später klingelt er noch mal bei seiner Mutter und fragt, ob sie nicht doch noch runterkommen will. Aber sie sagt, sie habe bereits "ihre Abendgarderobe" an. Richard sieht traurig aus, als er die Botschaft überbringt, so, als habe ihn sein Kronzeuge sitzengelassen. Er weiß, dass er in einer besonderen Zeit geboren wurde, aber er kann sie nicht beschreiben, ohne seine Mutter.

Er sagt, dass seine Mitschüler ihm manchmal sagen, er habe einen sächsischen Akzent. Man hört ihn nicht, und er hat ja auch sein ganzes Leben in Berlin verbracht.

"Aber ich spreche ja jeden Tag mit meiner Mutter", sagt Richard. "Vielleicht färbt da was ab."

Es sind nur Spuren, die an das Vorleben der Eltern erinnern. Sie sind undeutlich, verwischt von den Eltern, manchmal ganz beseitigt.

Björn Meisel spülte das Pech, das seine Mutter mit ihren Lebenspartnern hatte, vor 13 Jahren von Berlin-Kaulsdorf nach Hohen Neuendorf und im vergangenen Jahr von Hohen Neuendorf nach Hennigsdorf, wo die beiden in eine der anonymen Stadtrandsiedlungen zogen, die auf dem brandenburgischen Acker wuchsen. Er würde gern seinen Vater kennenlernen, aber er weiß nicht, wo der ist. Es ist eine Lücke in seinem Leben, die nie gefüllt wurde, sagt er. Manchmal fährt Björn in das Neubaugebiet nach Kaulsdorf, wo er seine ersten Lebensjahre verbracht hat. Aber die Häuser da erzählen ihm nichts.

Mercedes Messerschmidt wohnt mit ihrer Mutter Marion und ihrer Katze in einer ähnlichen Wohnanlage in Falkensee. Auch

ihr Vater ist in der Wendezeit abhandengekommen. Er war ein Tänzer, der mit ihrer Mutter, die Musikerin war, in den achtziger Jahren ein Boheme-Leben in Prenzlauer Berg lebte, aber für die neuen Zeiten nicht geschaffen war. Eine Weile haben sie noch zusammen in einem alten Mietshaus in Berlin-Rummelsburg gelebt, ihre Mutter unterrichtete an einer Schule in Lichtenberg, Mercedes besuchte einen Ostkindergarten und wurde auch noch in einer ehemaligen Polytechnischen Oberschule eingeschult, aber irgendwann beschloss ihre Mutter, das alte Leben hinter sich zu lassen, und zog so weit in den Westen, wie es ging. Mercedes geht jetzt auf ein Gymnasium in Spandau, ihre Mutter unterrichtet dort in einer Grundschule. Sie hat ihren Mann zurückgelassen und nur die schweren, dunklen Gründerzeit-Möbel aus den Ost-Berliner Tagen mitgenommen. Sie drängeln sich jetzt zusammen mit dem Cello und dem Klavier in der flachen Erdgeschosswohnung der Falkenseer Stadtvilla wie ein stummer Widerspruch zu den Beteuerungen Frau Messerschmidts, die nicht aufhören kann, darüber zu reden, wie leicht ihr der Wechsel vom Osten in den Westen gefallen sei.

Sie arbeite jetzt viel im Garten vor ihrer Wohnung, sagt Frau Messerschmidt, und es klingt, als mache sie dort draußen eine Therapie.

"Wir brauchten eigentlich im Osten so eine Art Auseinandersetzung, wie die 68er sie mit ihren Eltern geführt haben. Was hast du damals gemacht? Wieso hast du dich nicht gewehrt?", sagt der Psychologe Maaz. "Aber ich glaube nicht, dass das passieren wird."

"Auch wir lernen jetzt neu laufen. Wir werden zusammen lernen", schrieb der Journalist Torsten Harmsen im November 1989 in sein Wendetagebuch. Es ist nicht leicht, von jemandem laufen zu lernen, der es selbst noch nicht kann.

Das macht auch Miriam Khalife zu einem Ost-Berliner Mauerkind, obwohl sie am 9. November 1989 in West-Berlin geboren wurde und bis heute immer dort gelebt hat. Sie hat schwarze Augen, spricht ein leicht kippelndes Deutsch und lernt seit dem 1. September in einem Friseursalon namens Romano Capelli in Schöneberg. Aber sie hat auch einen Großvater in einem Ost-Berliner Neubaugebiet.

Ihre Mutter Caroline wurde 1966 in Berlin-Friedrichshain geboren, die Eltern ließen sich scheiden, Caroline wuchs mit Mutter und zwei Schwestern in Hohenschönhausen auf, irgendwann lernte Carolines Mutter einen Palästinenser kennen und reiste mit ihren Töchtern in den Libanon aus. Caroline Khalife war 18 Jahre alt, als sie im Januar 1985 mit einer Interflug-Maschine nach Beirut flogen. Sie musste ihre Lehre als Druckerin abbrechen, und ihr leiblicher Vater stemmte sich gegen die Ausreise seiner Töchter, aber Caroline entschied sich mitzugehen. Es war eine Bauchentscheidung, aber als sie die warme Luft spürte, die ihr in Beirut entgegenschlug, wusste sie, dass sie alles richtig gemacht hatte.

Die Familie ihres Stiefvaters empfing sie herzlich, sie sagt, dass diese Tage in Beirut die glücklichsten ihres Lebens waren. Es waren nicht viele Tage, der Bürgerkrieg im Libanon hielt immer noch an, und nach zwei Monaten beschloss die Familie, den Libanon wieder zu verlassen. Kurz bevor sie abflogen, gestand ihr der jüngere Bruder ihres Stiefvaters seine Liebe. Sie fand ihn nicht unsympathisch. Sie flogen nach Deutschland zurück, verbrachten ein bisschen Zeit in Gießen und kamen im April, drei Monate nachdem sie losgeflogen waren, wieder in Berlin an, im Westen diesmal. Wenig später folgte der verliebte Bruder ihres Stiefvaters, ihr Onkel gewissermaßen. Noch im selben Jahr, 1985, heiratete sie ihn und begann, wie sie es nennt, eine Familie aufzubauen. Sie zeugten sechs Kinder. Miriam war das zweite.

"Es war natürlich ein bisschen riskant, denn ich kannte ihn ja gar nicht richtig, aber er ist wirklich ein Lieber", sagt Caroline Khalife.

"Glück gehabt", sagt ihre Tochter Miriam.

In der DDR hatte Caroline Khalife nichts mit Religion am Hut gehabt, sie war bei den Pionieren und in der FDJ, aber nun, auf der anderen Seite der Mauer angekommen, begann sie sich mit dem Islam zu beschäftigen. 1986 fing sie an zu fasten und zu beten, 1989, kurz bevor Miriam geboren wurde, band sie dann das Kopftuch um. Sie hat es seitdem nicht wieder abgenommen, seit 18 Jahren, auch ein Jubiläum. Ihre beiden Schwestern, die damals mit ausreisten, haben auch Muslime geheiratet und sind ebenfalls zum Islam konvertiert, ihre Mutter sowieso. Sie leben alle hier in Neukölln.

"Meine große Tochter hat einen Inder geheiratet, ebenfalls einen Muslim, und lebt in Dubai. Und meine Miriam probiert das Kopftuch auch manchmal", sagt Caroline Khalife und schaut ihre Tochter verzückt an.

"Nein, nein, Mama", sagt Miriam. "Ich arbeite im Friseursalon, da geht das nicht. Außerdem habe ich auch gar keine Lust, also noch keine Lust vielleicht, weißt du. Ich finde meine Haare schön, ich mach sie jeden Tag anders, ich will die auch zeigen."

Ihre Mutter lächelt nachsichtig. Das gibt sich schon. Sie hat als Jungpionier angefangen, und jetzt ist sie seit 18 Jahren Muslimin.

Miriam wurde am 9. November 1989 um 11 Uhr vormittags in eine Welt geboren, in der es nicht nur Tanten mit Kopftuch gab und Onkel, die Wasserpfeife rauchten, sondern auch einen Opa mit blauen Augen, der in einer Neubauwohnung in Ahrensfelde lebte und in der Adventszeit gelegentlich als Weihnachtsmann arbeitete. Er tauchte irgendwann plötzlich auf wie der Elektrogrill von Richard Stiebitz und öffnete Miriam Khalife eine Tür zur Vergangenheit ihrer Familie, die sie bis dahin nicht kannte.

"Er ist ein richtiger Opa", sagt Miram Khalife. "Einer, der mir zuhört, der mir Dinge erklärt und Schokolade mitbringt. Es

war natürlich gewöhnungsbedürftig. Wenn es hieß, wir fahren zu Opa, hatte ich immer das Gefühl, wir fahren ins Ausland. Und es war ja auch ein bisschen so. Die Leute da sind schon anders drauf", sagt Miriam, und ihre Mutter lächelt.

Wie denn anders?

"Krasser. Die Hosen haben so viel Schlag wie bei uns vor fünf Jahren. Und natürlich berlinern die auch viel mehr", sagt sie.

Am Tag der Deutschen Einheit hat ihr Opa mit Miriam eine Tour durch den Osten gemacht, er hat ihr das Nikolaiviertel gezeigt, den Fernsehturm, das Rote Rathaus und die Ruine des Palasts der Republik, bevor der ganz weg ist. Eine Spur. Vor ein paar Tagen hat sie ihren Opa zum ersten Mal allein mit der S-Bahn besucht. Sie sagt es so stolz, als hätte sie den Ärmelkanal durchschwommen. Im Sommer sind sie jetzt oft auf dem Wochenendgrundstück ihrer Ostverwandtschaft in Teupitz, einer Kleinstadt in Brandenburg. Sie gehen gern zum Nikolassee, einer kleinen Kiesgrube im Wald. Die Kinder baden, und Caroline Khalife sitzt mit ihrem Kopftuch am Strand und schaut zu. Die Brandenburger reagieren interessiert auf sie, aber nicht unfreundlich, sagt Miriam.

Ende Oktober, zwei Wochen vor ihrem 18. Geburtstag, trafen sich neun der ostdeutschen Mauerkinder in Berlin-Mitte für ein Gruppenfoto. Jamila Al-Yousef kam nicht, sie war im Spanienurlaub. Sie stehen im Alten Postfuhramt in der Oranienburger Straße und mustern sich wie bei einem Blind Date. Man spürt, dass sich die Jugendlichen miteinander messen. Sie standen, wenn man so will, gemeinsam an der Startlinie und können nun, nach 18 Jahren, sehen, wie weit sie gekommen sind.

Carolin Großwendt ist aus Wien angereist, sie hat zwei verschiedene Outfits fürs Foto mitgebracht und auch ihre Mutter Heike, die alle zehn Minuten darauf hinweist, dass ihre Tochter "den Flieger" bekommen muss. Laura Harmsen hat eine Taschenbuchausgabe von "A Streetcar Named Desire" dabei, in der sie liest, während sie auf den Fotografen warten. Marius Kiefer sagt, dass er zu den letzten beiden Treffen nicht kommen konnte, 2005 war er in China, 2006 in New York. Carolin Großwendt hebt den Kopf, wie es nur Tänzerinnen können.

Vanessa Hentrich hat schon wieder eine neue Haarfarbe, dunkel jetzt, nicht so dunkel wie ihre Mutter, aber doch auf dem Weg dahin. Sie registriert die langen Beine von Carolin, den lässigen Blick von Marius Kiefer und das zerlesene Tennessee-Williams-Stück, sie klammert sich instinktiv an Dario Guerra und er sich an sie.

Dario trägt ein Basecap und eine weiße weite Jacke. Als die anderen über ihre Leistungskurse reden, sagt er, dass ihm heute beinahe sein Handy ins Klo gefallen ist. Vanessa kichert. Mercedes Messerschmidt sieht die beiden mit ausdruckslosem Gesicht an. Sie wirkt groß und sehr unabhängig zwischen den anderen, als hätte sie die weiteste Reise hinter sich. Nur wenn der Fotograf darum bittet, lässt sie ein großes weißes Lächeln aufblitzen wie ein amerikanisches Schulmädchen.

Miriam Khalife steckt in einer schillernden Bluse, sie hat ihre Haare auftoupiert, und die Lippen sind rot geschminkt. Es wirkt fast so, als möchte sie so viel Abstand wie möglich zwischen sich und ihre Mutter bringen, die mit ihr kommt und sich unter einer dunklen Kutte und einem verwaschenen Kopftuch versteckt hält. Als die Fotosession schon fast vorbei ist, kommt Richard Stiebitz in das alte Hauptpostamt gerannt. Er hatte den Termin anders in Erinnerung, sagt er.

"Wat will er denn jetzt noch? Denkt der, wir warten die ganze Zeit uff ihn?", ruft Dario Guerra erstaunlich gereizt, vielleicht weil er sich nicht ernst genommen fühlt. Er war als Erster da, er ist immer pünktlich, und er hat trotzdem keine Arbeit. Es hilft nichts, es zahlt sich nicht aus. Draußen vor den hohen Fenstern der Halle wird es langsam dunkel, obwohl es den ganzen Tag lang nicht richtig hell war. Der Herbsthimmel hängt tief über den Straßen von Berlin, aber die Kinder hier drin leuchten. Sie wirken keineswegs verloren, vielleicht weil sie zusammenstehen und kaum Eltern dabei sind.

In ein paar Tagen treffen sich die Berliner Mauerkinder zum letzten Mal zu ihrem Geburtstag in der Volkswagen-Niederlassung Unter den Linden. Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass sie sich dann für immer aus den Augen verlieren werden. Bis auf Dario und Vanessa kann sich heute schon niemand an den anderen erinnern. Das kann daran liegen, dass sie sich nur einmal im Jahr sehen. Aber auch daran, dass sie in so verschiedene Welten getaucht sind. Sie haben viel erlebt in den vergangenen 18 Jahren. Sie haben sich in jedem Jahr weiter voneinander entfernt. Eine will die Welt retten und einer seine Band, eine will zum Broadway und einer zu VW. Sind sie frei? Schwer zu sagen. Sie sind verschieden. Und wahrscheinlich ist das der erfreulichste Aspekt an ihrem gemeinsamen, symbolischen Geburtstag.

Die Mauer ist weg, das Leben fängt an.

* Vorn: Laura Harmsen, Carolin Großwendt, Vanessa Hentrich, Björn Meisel; hinten: Richard Stiebitz, Marius Kiefer, Dario Guerra, Miriam Khalife, Mercedes Messerschmidt.* Während einer Pressekonferenz am 9. November 1989, bei der er die Maueröffnung ankündigte.

DER SPIEGEL 45/2007
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