05.11.2007

TERRORPROZESSOhne Beweis

Hinter Gittern lauschte Rabei Osman Ahmed im Mailänder Justizpalast per Videokonferenz, wie der Richter in Madrid am vergangenen Mittwoch sein Urteil verkündete: Freispruch für "Mohammed den Ägypter" - das ist Ahmeds Spitzname. Die spanische Staatsanwaltschaft hält ihn für den Chefplaner der Zugattentate vom 11. März 2004, bei denen 191 Menschen ums Leben kamen, konnte es ihm allerdings nicht nachweisen. So blieb allein der Vorwurf, Ahmed habe einer terroristischen Vereinigung angehört; doch dafür verbüßt er schon eine Haftstrafe von acht Jahren in Italien. Die italienische Polizei hatte Telefonate und Gespräche abgehört, die Ahmed mit Vertrauten führte. Dabei schien er sich selbst als Kopf der Attentäter von Madrid zu entlarven. Wie sich später herausstellte, waren die entscheidenden Passagen jedoch falsch übersetzt worden. Das spanische Gericht sah deshalb "keinen sicheren Beweis für seine Intervention als Urheber oder Teilnehmer". Während Ahmed straffrei davonkam, verurteilten die Richter zwei Marokkaner und den spanischen Sprengstoffbeschaffer als "materielle Täter" für 191 Morde und 1800 Fälle versuchten Mordes zu insgesamt 129 000 Jahren Haft, von denen jeder höchstens 40 abbüßen muss. 18 weitere Terroristen erhielten ebenfalls hohe Strafen.
Die konservative Volkspartei (PP), zum Zeitpunkt der Anschläge in Madrid an der Regierung, nutzt jetzt Ahmeds Freispruch, um weitere Ermittlungen nach den Drahtziehern zu fordern. Die Arbeit der Justiz sei unvollständig geblieben, behauptet PP-Chef Mariano Rajoy. Bislang hing er noch der Theorie an, dass baskische Terroristen von der Eta in den bisher schwersten Anschlag in Europa verwickelt seien.

DER SPIEGEL 45/2007
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