05.11.2007

LITERATUR

Lächeln, halbgefroren

Von Ostermaier, Albert

Der Dramatiker und Lyriker Albert Ostermaier über Alexander Gorkows Roman "Mona"

Ostermaier, 39, lebt als Schriftsteller in München. Gerade hat er bei Suhrkamp den Gedichtband "Für den Anfang der Nacht" veröffentlicht.

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Dieser Roman lässt einen nicht kalt. Ein Kompliment, das Blum, der Protagonist aus Alexander Gorkows Roman "Mona", zweifelhaft, ja schlüpfrig finden würde: Blum ist Ingenieur und verantwortlich für Kühlkettensysteme, es geht ihm also darum, dass, wie er sagt, "die Dinge frisch bleiben auf ihrem Weg von hier nach dort"*.

Wobei man sich schon nach den ersten cool hingeworfenen Zeilen fragen möchte, ob dieser Erzähler noch ganz frisch im Kopf ist, wenn er sich weigert, selbigen "aus der Deckung zu heben", uns aber sofort gefangen nimmt und hineinzieht in sein geschlossenes System aus Liebestodwahnvorstellungen, hypochondrischen Beweisketten, Drogendelirien; wenn er eigenwillig sein Pilzsüppchen kocht, sich die Lippen verbrennt an der Liebe, sich Hitzewallungen und Kältewellen aussetzt. Das alles ist erzählt in rasendem Tempo, Rollenprosa, mit der sich der Journalist Gorkow, 41, über die Grenzen seiner Branche hinausschreibt, hinein in das wilde Schattenreich der Literatur.

Die Erlösung, sagt uns dieser Roman, liegt entweder in der Katastrophe oder in der Liebe. Oder halt in beidem, wenn beides in eins fällt: Das große Eine in diesem schmalen Roman ist Mona, die rumänische Schöne, der Magnet, dem sich Blum nicht mehr entziehen kann.

Zunächst beginnt dieser Bericht ganz nüchtern mit einem logistischen Problem: der erfolgreichen Installation eines Kühlkettensystems in

Rumänien, dessen Gesamtstromlage im Folgenden jedoch zunehmend ein Problem wird - es ist eine Qualität dieses Romans, uns mitunter absolut kaltschnäuzig Dinge zu servieren, die wir lieber geschluckt hätten, ohne Genaueres darüber zu erfahren: "Wenn Sie durch die Welt reisen und Kühlkettensysteme installieren, reduziert sich mit den Jahren die Wahrnehmung. Grundsätzlich ist es zu warm auf der Welt, und dass es immer wärmer wird, macht es nicht besser. Die Sachen verkommen ... Unter hygienischen Gesichtspunkten ist ein Buffet nicht zu empfehlen. Gehen mehr als ein Dutzend Menschen redend an einem Buffet vorbei, ist der nicht sichtbare, aber faktisch umhergesprühte Speichelregen von erstaunlicher Dichte, jedenfalls entkommt man ihm nicht ... Derart Verkeimtes, zurückgefallen auf den Teller der Unschuld, ist unter dem Gesichtspunkt der Hygiene und Gesundheit eine grelle Katastrophe." Das Buch glänzt mit einer Enzyklopädie von Keimen, die uns alltäglich auf die Geschmacksnerven gehen, ohne dass wir es bisher ahnten.

Abhilfe kann hier nur der "SnowThron M9" schaffen, der Verkaufsschlager von Blums Firma, den er nun auch in Rumänien an den Mann, genau genommen einen Schlachthofmagnaten und seine "Hintersassen" bringen will. Die Rumänen verstehen unter Frischfleisch etwas anderes als Blum, was dem jedoch nicht auffällt, denn er hat neben der diffizilen "rumänischen Gesamtstromlage" nur ein Auge für Mona, die ihm vom ersten Moment an allen Saft absaugt und sein Hirn kurzschließt. Dabei spricht sie ein derart komisches, wie hypnotisch fehlerhaftes Deutsch, dass er nicht anders kann, als sie richtig zu verstehen.

Dafür hat er mit ihr den atemberaubendsten Sex seines Lebens: "Alles geschah dann auf eine Art, wie die erwähnten Luftgeister es tun, und das vom Magnesium genährte Blaufeuer war auch wieder mit von der Partie. Globodron, Lexofex, was auch immer die Wahrnehmung trübt oder erweitert, in diesem Fall war es womöglich der im Globodron wie auch im Lexofex enthaltene Wirkstoff Tilidinhydrochlorid, der mich zusätzlich befeuerte." Gefolgt wird das von einem biochemischen Beweis, dass es Gott nicht gibt, dafür aber, wie schön und rätselhaft, die Liebe, den Wahnsinn, den Tanz.

Blum ist nicht allein im Kampf gegen die bösen Bukarester Hitzköpfe, an seiner Seite sind neben Mona deren rumänische Freundin Piranda und Leib- und Magenfreund Santiago Möll, ein cholerisch freundlicher Galerist. Alle treffen sie in Paris auf den ebenso reichen, exzentrischen wie genial unberechenbaren Victor Vitrac und seine Frau Katrin, die Inkarnation der idealen Ehefrau.

Danach geht alles drunter und drüber, rauf und runter, rein und raus, faktisch wie stilistisch: pynchoneske Clownerien und Erzählstrangverknäulungen, Actionkino, retardierende Reflexionen und sprunghafte Körperreflexe - und schließlich der Beweis, dass Liebe und Freundschaft nicht nur Berge, sondern auch gewaltbereite Rumänen in den ewigen Schlaf versetzen können.

Manchmal kommt einem dieser Blum in dem ganzen Getümmel aus Rache, Flucht und Liebe vor wie Jean Paul Belmondo, immer außer Atem, dabei aber wunderbar bei sich und der Frau in seinen Armen, immer eine Zigarette im Mund, dabei ein

Lächeln, das die Welt aufhalten könnte. Man kann das Leben verlieren, solange man die Liebe nicht verliert.

Am Ende dieser Geschichte ist Mona verschwunden, aber die Liebe nicht. Am Ende ist überraschend Luft für ein zweites Leben, das alte bleibt derweil schockgefroren zurück.

So ganz nebenbei lässt sich "Mona" als trauriges Porträt einer ganzen Generation lesen, die sich wie Blum auf Zimmertemperatur einrichtet, ihre Seelenwärme mit der Klimaanlage reguliert und dergestalt cool bis unterkühlt durchs Leben irrt. Die scheinbar immer kühlen Kopf bewahrt und dabei alles unter Kontrolle zu haben glaubt, in geschlossenen Kühlsystemen ihre angegammelten Wünsche, Hoffnungen, Ideen, Träume frisch hält für die wechselnden Aufmerksamtkeitsbuffets des Alltags.

Blum ist einer, der seine Gefühle immer im Griff zu haben glaubt und sich dabei in den Griff der Medikamente begibt, die ihn festhalten, umklammern, durchschütteln, die ihm vormachen, fliegen zu können, zumindest: auf die Schnauze. Blums Leben vor Mona ist ein Leben in Ironie, ein Leben, das ein Witz ist. Blum ist nicht nur Techniker, er ist, bevor er Mona trifft, auch Gefühlstechniker, er sieht die Liebe als Schaltplan und sucht den ungestörten Kreislauf, die Ausschaltung aller störenden Faktoren, wie Kommunikation etwa. Er ist nicht am Austausch von Gedanken, sondern an dem von Körperflüssigkeiten interessiert, er will nicht reden danach, beziehungsweise will lieber mit Freunden sein und es mit allem so halten wie sein Freund Santiago mit dem Flugverkehr: "Es ist wichtig, dass die Flüge umbuchbar sind, immer wieder buchen die Leute unumbuchbare Flüge. Und dann müssen sie doch umbuchen und sind frustriert."

Und dann trifft er Mona, und sie versteht er ohne Worte, ihre Körper sprechen miteinander, und wenn sie in Bruchstücken miteinander reden, setzt die Liebe die Bruchstücke zu einem glänzenden Ganzen zusammen. Je mehr ihn die Liebe hat, desto weniger hat er außer ihr, das länger noch zählt oder zählbar wäre. Er, der stets Idealtemperierte begegnet mit Mona seinem Hitzesuchbild.

Was könnte daran traurig sein? Vielleicht, dass wir dem Erzähler ja nicht glauben müssen. Vielleicht, dass diese Mona eine Projektion ist, ein Luftgeist, der ihn begreifen macht, dass in seinem Leben alles heiße Luft war bislang?

Mona: Sie ist am Ende eine gefrorene Rose, die zerspringt, wenn man sie berührt. Blum berührt sie, und auch sein Leben zerspringt dabei. Das ist ein Gewinn, aber es macht auch die Verluste sichtbar, die Scherben.

Die Liebe ist halt immer eine riskante Suchbewegung. "Dem Blöden", schreibt Goethe, "wird das Glück nicht zuteil, der Kühne sucht die Gefahr auf und erfreut sich mit ihr; sie hilft ihm wieder entkommen." In diesem Sinne ist "Mona" ein tragikomischer Verwicklungs- und Entwicklungsroman.

Manche werden alles von sich werfen, wenn sie diesen wunderbaren Roman lesen und sich dabei heißlachen. Aber vielleicht sollte man sich am Ende doch besser warm anziehen!

* Alexander Gorkow: "Mona". Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 192 Seiten; 17,90 Euro.

DER SPIEGEL 45/2007
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