Von Jung, Alexander und Kerbusk, Klaus-Peter
Bezos, 43, hat Amazon.com 1995 in Seattle zunächst als reinen Internet-Buchhandel eröffnet. Heute ist das Unternehmen der weltgrößte Online-Versender für Waren aller Art. Amazon beschäftigt 15 800 Mitarbeiter und bedient mehr als 72 Millionen Kunden. In diesem Jahr dürfte der Umsatz um ein Drittel auf über 14 Milliarden Dollar wachsen, seit 2002 macht Amazon Gewinn.
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SPIEGEL: Mr Bezos, als Sie Amazon starteten, mussten Sie mit 60 Leuten sprechen, um eine Million Dollar aufzutreiben. Heute bekommt der Facebook-Gründer Mark Zuckerberg 240 Millionen Dollar dafür, dass er 1,6 Prozent seiner Firma an Microsoft abgibt. Werden Sie da neidisch?
Bezos: Überhaupt nicht. Ich gönne jedem seinen Erfolg.
SPIEGEL: Haben wir es schon mit einer neuen Internet-Blase ähnlich wie zur Jahrtausendwende zu tun, als selbst für nebulöse Geschäftsideen viele Millionen lockergemacht wurden?
Bezos: Es wundert mich jedenfalls, wie viele Technologiekonferenzen es wieder gibt und wie groß der Andrang dort ist. Ob wir es mit einer Blase zu tun haben, kann man leider immer erst erkennen, wenn eine platzt. Jedenfalls werden im Moment für neue Geschäftsideen im Internet gewaltige Summen bezahlt.
SPIEGEL: Ist das nicht ein Beleg dafür, dass die Märkte wieder verrücktspielen?
Bezos: Es muss nicht unbedingt ein Fehler sein, viel Geld einzusetzen. Möglicherweise sind die Investoren diesmal klüger. Ich hoffe, sie haben aus der Erfahrung gelernt und prüfen die Geschäftspläne genauer. Das ist allerdings keine leichte Aufgabe. Ich persönlich bin froh, dass ich mir darüber nicht mehr den Kopf zerbrechen muss.
SPIEGEL: Sie kennen sich aber in dem Metier bestens aus und haben Spürsinn bewiesen, als Sie 1998 bei Google eingestiegen sind. Damals kostete die Aktie sechs Cent, heute liegt der Kurs bei rund 665 Dollar.
Bezos: Das war ein gutes Geschäft. Aber da hatte ich wohl mehr Glück als Verstand.
SPIEGEL: Vor der Gründung von Amazon haben Sie als Investmentbanker gearbeitet und dabei auch ganz ordentlich verdient.
Bezos: Das ist schon sehr lange her. Ich habe Anfang der neunziger Jahre für einen Hedgefonds gearbeitet. Wir haben damals Computer programmiert, die dann selbst Entscheidungen getroffen haben, wann Aktien gekauft oder verkauft werden sollten. Damit habe ich heute aber nichts mehr zu tun. Jetzt muss ich ein Unternehmen voranbringen.
SPIEGEL: Wäre es nicht interessant für Sie, ähnlich wie Microsoft bei einer der aufstrebenden Gründerfirmen einzusteigen? Immerhin sorgen Projekte wie MySpace oder Facebook, die soziale Netzwerke aufbauen, für viel Furore.
Bezos: In unserer Geschichte sind wir weitgehend aus eigener Kraft gewachsen. Daran sollte sich nichts ändern. Wenn wir Interesse hätten, solche Firmen zu übernehmen, müssten wir uns viel intensiver mit dem Thema auseinandersetzen.
SPIEGEL: Welches Potential räumen Sie diesen sozialen Netzwerken generell ein?
Bezos: Da sind bestimmt coole Innovationen darunter, schließlich unterstützen sie die zentrale Funktion des Internet, die Kommunikation zwischen Menschen zu vereinfachen. Deshalb sind so viele Nutzer auch so fasziniert davon. Ob man damit allerdings Geld machen kann, ist eine ganz andere Frage. Wir bei Amazon nutzen den Community-Gedanken ja schon lange. Die Leute schreiben seit Jahren Rezensionen über Bücher und empfehlen Produkte. Das ist ein wichtiger Zusatznutzen für unsere Kunden, aber kein eigenständiges Geschäft für uns. Wir müssen damit kein Geld verdienen. Dennoch beobachten wir die Entwicklung sehr genau - allein schon, um
uns Anregungen für die Weiterentwicklung zu holen.
SPIEGEL: Sie konzentrieren sich allein auf das angestammte Geschäft, den Versand?
Bezos: Ja, wir erwarten erneut Rekorde im Weihnachtsgeschäft, die Zuwachsraten nehmen sogar noch zu.
SPIEGEL: Spüren Sie keinerlei Auswirkungen der Kreditkrise in den USA?
Bezos: Ob solche volkswirtschaftlichen Effekte einen Einfluss haben, lässt sich bei uns schlecht abschätzen. Wir wachsen einfach zu schnell und erweitern ständig unser Angebot. Da ist ein Jahr kaum mit dem anderen zu vergleichen.
SPIEGEL: Beim Start 1995 haben Sie ausschließlich Bücher verkauft. Inzwischen bieten Sie in den USA bereits Produkte in rund 40 Kategorien an - bis hin zu Babykleidung, Schuhen und Schmuck. Wie weit kann eine Versandfirma wie Amazon ihr Angebot ausweiten?
Bezos: Ich sehe da prinzipiell keine Grenzen. Natürlich gibt es Artikel, die sich für uns nicht lohnen. Beispielsweise bieten wir in unserer Haushaltswarenabteilung kaum Besen an. Der Transport ist meist teurer als das Produkt selbst.
SPIEGEL: Inzwischen haben Sie sogar die Hauszustellung von frischen Lebensmitteln wieder eingeführt. Haben Sie die schlechten Erfahrungen, die Sie vor einigen Jahren damit gemacht haben, schon wieder verdrängt?
Bezos: Ganz gewiss nicht, wir haben damals eine Menge Geld verloren. Allerdings ist diese Dienstleistung bei den Kunden sehr beliebt, deshalb wagen wir noch einmal einen Test - zunächst nur in einem Teil von Seattle. Wir haben da keine Eile. Wir wollen herausfinden, ob es sich lohnt.
SPIEGEL: In Deutschland ist das Angebot von Amazon nicht so breit wie in den USA. Beschränken Sie sich mit Absicht?
Bezos: Nein, langfristig wollen wir in all unseren Märkten weltweit das Gleiche anbieten - das gilt auch für die Service-Leistungen. In Deutschland haben wir diese Woche den Service Amazon Prime eingeführt, den es in den USA schon länger gibt. Mit einer Pauschale von 29 Euro sind alle Versandkosten für ein Jahr abgegolten.
SPIEGEL: Was erhoffen Sie sich davon?
Bezos: Wir glauben, dass Stammkunden dadurch einen Anreiz bekommen, deutlich mehr zu bestellen. Kurzfristig werden wir dabei draufzahlen. Es ist wie bei einem Buffet zum Pauschalpreis: Da drängen sich auch zuerst die Unersättlichen um den Tisch. Aber auf lange Sicht wird es sich hoffentlich für uns rechnen.
SPIEGEL: Was unterscheidet eigentlich Kunden in Deutschland und in Amerika?
Bezos: Im Großen und Ganzen sind sich die Kunden überall sehr ähnlich. Sie wollen möglichst schnell beliefert werden zu günstigen Preisen. Nur bei der Bezahlung gibt es klare Unterschiede: Deutsche zahlen am liebsten per Rechnung, Amerikaner mit Kreditkarte, Japaner lassen sich die Ware per Nachnahme liefern. Und manchmal gibt es auch Besonderheiten bei der Zustellung. In China zum Beispiel setzen wir in den Metropolen vorzugsweise eigene Fahrradkuriere ein ...
SPIEGEL: ... aber wohl kaum aus ökologischen Gründen.
Bezos: Man ist dort mit dem Rad einfach schneller unterwegs. Grundsätzlich aber ist der elektronische Handel durchaus eine umweltfreundliche Angelegenheit. Das belegt eine Reihe wissenschaftlicher Studien. Es ist ziemlich ineffizient, mit einem tausend Kilogramm schweren Auto in die Stadt zu fahren, um Waren im Gewicht von ein paar Kilo einzukaufen. Da ist es doch sinnvoller, wenn ein Lkw auf einer Tour gleich mehrere Kunden beliefert.
SPIEGEL: Einen großen Teil des Mülls nehmen aber auch die Produktverpackungen ein, gerade beim Spielzeug.
Bezos: Das stimmt. Die Hersteller verpacken ihre Ware so großzügig, damit sie im Regal auffällt. Aber das ist bei uns ja nicht nötig, wir präsentieren das Produkt nur im Internet. Ich hoffe, dass wir die Hersteller bald dazu bringen können, für uns das Spielzeug in einer abgespeckten Verpackung zu produzieren. Das wäre ein echter Beitrag zum Umweltschutz.
SPIEGEL: Inzwischen beschränken Sie sich ja nicht nur auf den Versandhandel, sondern vermieten alles, was Amazon ausmacht, sogar an die Konkurrenz - das Lager, den Vertrieb, die Zahlungsabwicklung und auch Speicherplatz in Ihren Datenbanken. Befürchten Sie nicht, dass Sie damit nur Ihre Wettbewerber stärken?
Bezos: Das haben einige schon behauptet, als wir vor Jahren fremden Händlern erlaubten, ihre Waren auf unseren Seiten direkt neben unseren Produkten anzubieten. Tatsächlich hat uns der Wettbewerb nur gestärkt. Diesen Effekt erwarte ich auch, wenn wir unsere Infrastruktur öffnen. Ich bin überzeugt, dass dieses Dienstleistungsgeschäft über kurz oder lang zu unserem dritten Standbein wird. Dazu gehört auch der "mechanische Türke".
SPIEGEL: Wer bitte?
Bezos: So wurde im 18. Jahrhundert ein Schachautomat genannt, in dem in Wirklichkeit ein Mensch versteckt war. Wir haben so unseren Service für einfache Tätigkeiten genannt, die selbst der beste Computer nicht beherrscht: Computer sind zum Beispiel ganz schlecht im Erkennen und Sortieren von Bildern. Für einen Menschen ist das ein Kinderspiel. Solche Tätigkeiten vermitteln wir auf einem speziellen Online-Marktplatz.
SPIEGEL: Hört sich eher nach modernem Sklavenmarkt an.
Bezos: Nein, es gilt das Gesetz von Angebot und Nachfrage. Wenn der angebotene Lohn zu niedrig ist, wird niemand die Arbeit machen.
SPIEGEL: Der Online-Händler mit der weltweit größten Auswahl ist Amazon bereits. Jetzt kommen noch Dienstleistungen und sogar Personalvermittlung dazu. Wie sieht Ihr Unternehmen in zehn Jahren aus?
Bezos: Ich bin kein Hellseher, eines aber ist sicher: Ich bin süchtig nach Veränderung. Deshalb wird sich Amazon immer weiterentwickeln.
SPIEGEL: Werden Sie dann auch noch das Unternehmen führen?
Bezos: Mir macht der Job unheimlich viel Spaß. Ich wache keinen Morgen auf und bin gelangweilt.
SPIEGEL: Und dennoch verfolgen Sie noch andere hochfliegende Pläne: Sie haben eine Firma namens Blue Origin gegründet, die Raketen entwickelt, mit denen Sie in den Weltraum starten wollen?
Bezos: Ja, ein Prototyp hat sogar schon einen Testflug absolviert. Ich kann's kaum erwarten: Ich möchte endlich in die Schwerelosigkeit. INTERVIEW: ALEXANDER JUNG,
KLAUS-PETER KERBUSK
DER SPIEGEL 46/2007
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