Von Meyer, Cordula
Der Capital Yacht Club Washington liegt mitten in Washington, und deshalb sind die Liegeplätze in seinem kleinen Hafen sehr begehrt. Am D-Dock liegt zum Beispiel die "Suz II" solide vertäut, eine große Motoryacht, 14 Meter lang. Darauf lebt und wohnt der Senator Larry Craig aus Idaho. Er ist sehr konservativ, sehr moralisch und seit 25 Jahren sehr gut verheiratet mit Ehefrau Suzanne. Er nennt sie Suz, und so kam auch das Boot zu seinem Namen.
Senatoren sind eine Macht in Washington. Sie haben große Büros, sie haben viele Mitarbeiter, sie dürfen in der Welt herumreisen und können Einfluss ausüben zugunsten der Bundesstaaten, aus denen sie kommen. Sie verbringen nicht die ganze Woche in der Hauptstadt, und daher ist es auch nicht unbedingt anrüchig, wenn sie auf ihren Booten hausen anstatt in einer Wohnung am Dupont Circle oder rund ums Kapitol.
Der Senator Craig, 62, hat sich allerdings verdächtig gemacht, und flugs wurden seine Lebensumstände genauer untersucht. Gut möglich, dass seine "Suz II" nicht mehr lange im Capital Yacht Club liegen wird.
Craig kam im Juni zu Ruhm, als er in Minneapolis, bei einem Zwischenaufenthalt auf dem Flug nach Hause, eine Toilette aufsuchte und dem Mann in der Nachbarkabine per Klopfzeichen offenbar sexuelle Avancen machte. Dabei handelte es sich aber nicht um einen interessierten Homosexuellen, sondern um einen getarnten Ermittler. Der Zeichengeber kam erst kurz in Haft, dann in die Zeitungen und gab weitschweifige Erklärungen ab, weshalb er gar nicht schwul sein könne und alles ein Missverständnis sei.
Er trat als Senator zurück, trat dann gleich wieder vom Rücktritt zurück und zieht seither seine Schmuddelaffäre unnötig in die Länge. Seine Parteifreunde wollen nichts mehr mit ihm zu tun haben.
Craigs Tage in Washington dürften gezählt sein.
Der Senator ist beileibe nicht der Einzige seines Fachs, der auf einem Boot an einem Seitenarm des Potomac lebt. Ein knappes Dutzend hochrangiger Politiker tut es ihm gleich. Erstaunlich viele von ihnen bekamen Schwierigkeiten mit der Polizei und dem Justizwesen des Landes. Gleich drei zogen in den vergangenen Jahren von ihren Booten ins Gefängnis um.
Nahe bei der "Suz II" liegt die "CW's Way", eine hellbraune Motoryacht im Besitz von Ted Stevens, 83. Er vertritt den Bundesstaat Alaska im Senat und nennt Craig seinen Freund, immer noch, obwohl ihm seine Anwälte den Rat gaben, lieber nicht öffentlich für ihn einzutreten. Für Stevens ist das eine Sache der Ehre, denn Craig hat etwas gut bei ihm. Der Mann aus Idaho bürgte für den Mann aus Alaska bei der Aufnahme in den Capital Yacht Club.
Dazu kommt, dass Stevens momentan nicht allzu wählerisch sein kann. Seit August ermittelt das FBI gegen ihn, er soll Schmiergeld von einer Firma angenommen haben, die hoch oben im Norden der Vereinigten Staaten vom Ölgeschäft lebt. Wie es aussieht, ließ er sich außerdem sein Holzhaus in der Nähe von Anchorage ausbauen, angeblich gratis. Stevens bestreitet alle Vorwürfe.
Mittlerweile findet es der Yacht Club gar nicht mehr amüsant, dass ein paar prominente Bootsbesitzer ins Gerede gekommen sind, und bangt um seinen schönen Ruf. Edwin Perez ist Docksteward und bemüht sich, das exklusive Flair zu retten. "Unsere Mitglieder schätzen Diskretion", sagt er. "Hier lebt niemand auf seinem Boot."
Quatsch, meint Zsolt Esztergomy, "man trifft hier viele Leute, die man aus dem Fernsehen kennt". Esztergomy ist der Kapitän der "Copasetic", einer privaten Riesenyacht. Mit Senator Craig sei er schon mal am Maschendrahttor des Stegs zusammengestoßen. "Natürlich weiß jeder
genau, was passiert ist", amüsiert sich der Skipper. "Aber keiner spricht offen darüber, das Ganze ist einfach zu peinlich, eine echte Schmach."
Der Club ist ein Refugium mit wohliger Atmosphäre. Die Boote schaukeln nur Armlängen voneinander entfernt, die Besitzer sitzen wie nebeneinander, Privatsphäre gibt es hier nicht. Jeder kennt jeden, jeder sieht jeden kommen und gehen.
Morgens kurz nach acht fährt eine schwarze Limousine vor, ein kahlköpfiger Bodyguard kommt an den Bootssteg, funkt Craig an, und nach kurzer Wartezeit eilt der Senator im dunklen Anzug zum Parkplatz.
Craig hat den Namen seines Bootes am Heck mit einem grauen Schlauchboot verdeckt. Um sein Cockpit hängt ein Plastikvorzelt wie bei einem Wohnwagen, drinnen stapeln sich blaugestreifte Sitzpolster. Craigs Nachbar hat den Bug seines Segelbootes mit einer Hexenpuppe drapiert, die wohl böse Geister vertreiben soll. Es gehe halt "unprätentiös" zu, meint Skipper Esztergomy.
Im Clubhaus treffen sich die Bootsbewohner nicht nur an den Postfächern und im Waschsalon, sondern auch unter der Gemeinschaftsdusche. Möwen schreien, angelockt von den angeschmuddelten Fischbuden neben dem Marina-Zaun. Aus der Nähe besehen verliert der Club rasch an Aura. Eine achtspurige Autobahn führt daran vorbei. Der Lärm wird oft noch übertönt von den Flugzeugen, die gegenüber auf dem Inlandsflugplatz der Hauptstadt starten und landen.
Das stört Gary Ackerman, einen demokratischen Abgeordneten im Repräsentantenhaus aus New York, recht wenig. Denn die Vorteile liegen für ihn auf der Hand: Mit 500 Dollar im Monat ist ein Liegeplatz für sein Hausboot unschlagbar billig, vor allem im Vergleich zu Washingtoner Immobilien. Außerdem liegt die Marina nah am Kapitol. Wenn zur Abstimmung gerufen wird, schafft Ackerman es noch rechtzeitig vom Boot in den Saal, um seine Stimme abzugeben.
Ackerman ließ sich auch nicht vom Leben auf dem Wasser abschrecken, als sein erstes Boot, das passenderweise "Unsinkable" hieß, am Steg sank - er hatte es 24 Stunden vorher gekauft. Später erwarb er ein anderes Hausboot, dem es ebenfalls an Schönheit mangelt, und nannte es "Unsinkable II". Seither verfügt er über einen Logenplatz für die Affären von Washington. Was er besonders schätzt: "Wenn mir die Nachbarn wirklich nicht mehr gefallen, lichte ich den Anker und bin weg."
Als Erstes erwischte es Ackermans originellen Parteifreund James Traficant. Der Abgeordnete aus dem Staat Ohio war ständig in Geldnot, er bekam immer wieder Ärger mit dem Finanzamt. Ein Untersuchungsausschuss fand heraus, dass er Parlamentsmitarbeiter Muscheln vom Rumpf des Bootes abkratzen ließ.
Er rechtfertigte den Einsatz so: Gemeinsame Arbeit stärke den Teamgeist, und das wiederum komme dem Bürobetrieb zugute.
Einmal aufmerksam geworden, stießen die Ermittler auf Firmen und Geschäftsleute, die Traficant bevorzugt behandelte - und die im Gegenzug kostenlos sein Boot flickten. Als er im Ethik-Ausschuss befragt wurde, warum er eigentlich auf seinem Schiff lebe, antwortete er: "Ich wollte, dass 'Playboy'-Hasen sich nachts mit mir treffen und ich promisk sein konnte."
Der Spaßvogel wurde bei nur einer Gegenstimme aus dem Repräsentantenhaus relegiert. Ein Gericht schickte ihn wegen Bestechlichkeit für acht Jahre ins Gefängnis.
Robert Neys Boot lag nebenan. Auch er ist ein Abgeordneter aus Ohio, auch er musste Anfang dieses Jahres ins Gefängnis, für zweieinhalb Jahre. Von einem Lobbyisten ließ er sich zu ausgedehnten Golfreisen und Casinobesuchen einladen. Zu den Firmen, die ihm gefällig waren, gehörte eine, die Flugzeugteile an Iran verkaufen wollte, was aufgrund von Sanktionen verboten ist. Zudem gewann Ney bei Casinobesuchen angeblich mehr als 50 000 Dollar, das war so ziemlich genau der Betrag, den er an privaten Schulden angehäuft hatte.
Im Capital Yacht Club lag auch das Boot, das Sonny Callahan gehörte, einem Abgeordneten aus Alabama. Er schmiss rauschende Partys für Politiker und Lobbyisten. Callahan verkaufte sein Schiff dann an den Kongressabgeordneten Randy Cunningham aus Kalifornien, der die Tradition der wilden Feste beibehielt. Das FBI schritt ein, als er sich von einem Rüstungsunternehmen ein noch schöneres Boot an den Steg legen ließ, inklusive Whirlpool.
Praktischerweise führte der Abgeordnete Cunningham genau Buch darüber, wofür er wie viel Bestechungsgeld bekommen hatte. Es waren insgesamt fast zwei Millionen Dollar. Die Summe reichte für acht Jahre Gefängnis.
Fast sieht es so aus, als gäbe es einen Zusammenhang zwischen dem Leben auf dem Boot und der Anfälligkeit fürs Laster.
Zum Glück gibt es aber auch Gegenbeispiele, zwei skandalfreie Bootsbesitzer, zwei wohlbeleumdete Politiker im Capital Yacht Club von Washington.
Es handelt sich um Gary Ackerman, den Demokraten aus New York mit der "Unsinkable II ", und um Dirk Kempthorne, immerhin der Innenminister der Vereinigten Staaten von Amerika. CORDULA MEYER
DER SPIEGEL 46/2007
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