12.11.2007

MOBILFUNKErlösung durchs Jesus-Phone

Die Mobilfunkwelt steht vor einem Umbruch: Das sehnsüchtig erwartete iPhone von Apple kommt nach Deutschland, und die Suchmaschine Google steigt in die Handy-Software ein. Die beiden ungleichen Firmen ringen um ein neues Geschäftsfeld: das mobile Internet in der Hosentasche.
Ein Hauch von Kindergeburtstag, von Bescherung, von Harry Potter lag in der Luft, als am vergangenen Donnerstag Hunderte geduldiger Fans in der Kölner Schildergasse Schlange standen, trotz Sturms und Regens durch Orkantief Tilo, bis sie endlich um Mitternacht eingelassen wurden. Sie warteten nicht auf das erste Exemplar eines neuen Romans, sondern auf ein Kultobjekt, das die Phantasie mindestens ebenso stark beflügelt: das iPhone, das neue Mobiltelefon von Apple.
Stolz grinsend kamen kurz nach Mitternacht die ersten Kunden aus dem Laden und hielten ihr Gerät empor wie eine Trophäe: flache Handschmeichler aus gebürstetem Metall und mit einem riesigen berührungsempfindlichen Glas-Display.
Das iPhone, kein Zweifel, ist weit mehr als ein Handy. In ihm glauben viele die Zukunft zu erkennen: das mobile Internet im Hosentaschenformat. Sogar das Datum trieft vor Symbolik: Verkaufsstart am 9. November, dem Tag des Mauerfalls. Schließlich verheißt das iPhone Reisefreiheit für den Datenverkehr.
Neidisch auf Apples Propagandaerfolg, überboten sich die Konkurrenten mit eigenen Ankündigungen. Der Mobilfunkkonzern Vodafone zum Beispiel brachte zeitgleich ein Alleskönner-Handy von Samsung auf den Markt, ein Me-too-phone gewissermaßen. In dieser leicht hysterischen Atmosphäre drohte die wichtigste Meldung fast unterzugehen: Auch Google steigt in den Mobilfunkmarkt ein.
Denn der große Suchmaschinenkonzern aus dem kalifornischen Mountain View will die Komplexität der Handy-Welt reduzieren, nur eben nicht mit einem Telefon, sondern viel eleganter: mit "Android", einer Software, die auf fast jedem Telefon laufen soll, egal von welchem Hersteller. Schon hat sich eine illustre Allianz aus 34 Unternehmen zusammengefunden. "Für die Mobilfunkbranche ist diese Ankündigung mindestens so wichtig wie der Verkaufsstart des iPhone in Europa", sagt Roman Friedrich von der Unternehmensberatung Booz Allen Hamilton.
Derzeit aber beherrscht das Apple-Telefon die Schlagzeilen. "Jesus-Phone" wird es bereits mit nur halb ironischem Unterton genannt. Schon die Ankündigung des neuen Geräts hatte im Januar für weltweite Aufregung gesorgt. Niemand durfte damals den Prototyp berühren, der in einer Vitrine in Szene gesetzt war wie eine Reliquie.
In Deutschland läuft der Vertrieb exklusiv über die Telekom-Tochter T-Mobile, zum saftigen Preis von 399 Euro und nur in Verbindung mit einem Zweijahresvertrag. Allein der Kaufpreis und die Grundgebühren belaufen sich zusammen auf mindestens 1600 Euro.
Dennoch verkauft sich das teure Stück gut. Denn das Jesus-Phone verspricht den Nutzern nichts Geringeres als Erlösung: Erlösung von hässlichen Plastiktelefonen mit unförmigen Antennenstummeln, von komplizierten Internet-Einstellungen, verborgen tief in kryptischen Menüstrukturen, von all den Zumutungen des digitalen Alltags. Auch deshalb standen die Menschen Schlange in dieser Novembernacht in Köln.
Schon die äußere Gestalt löst einen Teil des Versprechens ein: Unglaublich schlank liegt das Gerät in der Hand, gerade einmal 1,16 Zentimeter dick, und mit nur einer einzigen Taste auf der Vorderseite - dem "Home Button", der zum Übersichtsmenü führt.
"Jede gelungene Technik ist ununterscheidbar von Magie", hat der Science-Fiction-Autor Arthur Clarke einmal gesagt, und genau dieses magische Gefühl soll das iPhone vermitteln. Dazu tragen Tricks bei wie dieser: Wer ein Foto genauer betrachten will, legt einfach zwei Finger zusammen auf das Display und zieht sie langsam auseinander - schon wird das Bild größer. Und wenn das Handy aus der Hochkanthaltung zur Seite gekippt wird, dreht sich auch das Bild automatisch in die Horizontale.
All das sei ja ganz nett, mäkelt dagegen eine Minderheit von Kritikern und zählt auf, was das iPhone alles nicht kann - und das ist eine Menge: Es beherrscht den schnellen Datenfunk UMTS nicht, was das Internet-Surfen bisweilen quälend langsam macht; es kann keine Satellitennavigation; es spielt keine DivX-Filme oder Windows-Media-Dateien; es zeigt keine Javaspiele; es lässt keine fremden Klingeltöne zu; und nicht einmal der Akku lässt sich vom Kunden austauschen. Deshalb ist, wer auf ein wirklich leistungsfähiges Smartphone angewiesen ist, mit einem Nokia oder einem Blackberry besser beraten.
Auch die Bedingungen, die Apple seinen Partnern diktieren kann, sind bislang einmalig in der Branche: Die Firma wird an den Umsätzen beteiligt, welche die MobilProvider mit den iPhone-Kunden erzielen, und zwar angeblich mit weit über 20 Prozent. Das Gerät gilt als Gelddruckmaschine, der Aktienwert von Apple hat sich seit Jahresanfang verdoppelt.
Bereitwillig wie die Kunden lässt sich auch der Mobilfunkriese Telekom von Apple am Nasenring herumführen: Denn er verspricht sich vom iPhone eine Art dringend benötigtes Wunder.
Seit zwei Jahren stagnieren die Umsätze der Mobilfunkbranche, unter anderem, weil der Preiskrieg Gespräche zur Billigware gemacht hat. Nun soll das iPhone die Trendwende einleiten, denn es steht für die Verwandlung des Handys in ein mobiles Internet-Gerät. "Der Branche ist klar, dass fallende Gesprächspreise in Zukunft nur durch mehr mobile Datenübertragung aufgefangen werden", sagt Philipp Geiger von der Unternehmensberatung Solon. "Und wer auf das mobile Internet setzt, braucht dafür Geräte, die Spaß machen."
Genau das aber leistet das iPhone. Bisher waren die Mobilfunker beharrlich daran gescheitert, den Spaß am Gerät zu wecken. Immer wieder haben sie ihre ratlosen Kunden traktiert mit Buchstabensalat wie WAP, UMTS, MMS, DVB-M. Keines der sperrigen Kürzel sprach wirklich die Phantasie der Kunden an.
Das iPhone dagegen kann jeder begreifen - auch im Wortsinn. Der technisch minderbemittelte Handschmeichler lädt einfach zum Spielen ein. Wieder einmal scheint Steve Jobs ein Überraschungscoup zu gelingen, wie schon einmal, als er 2001 die verkrustete Musikindustrie aufmischte mit der Einführung des iPod.
In den USA hat Apple bisher über 1,4 Million iPhones verkauft. Das klingt nach mehr, als es ist. Nokia verkauft diese Anzahl fast an einem einzigen Tag. Die Bedeutung des iPhone liegt deshalb viel mehr in seiner Symbolkraft: Ein Ruck geht durch die Mobilfunkwelt, und Apple hat ihn ausgelöst. Denn bisher waren moderne Handys Riesen in der Zwangsjacke von Zwergen. Sie sind in mancherlei Hinsicht leistungsfähiger als ein zehn Jahre alter PC, ihre Bedienung aber erinnert oft eher an die eines veralteten Taschenrechners.
Vor allem aber herrscht in der Handy-Welt heillose Kleinstaaterei, denn hier wurde die Trennung von Hardware und Software immer noch nicht vollzogen, die der Computerindustrie in den achtziger Jahren erst ihren rasanten Aufschwung ermöglichte. Fast jedes Handy braucht andere Software, und ständig laufen die Benutzer gegen unsichtbare Mauern, wenn ein Spiel auf ihrem Gerät nicht läuft oder ein Klingelton nicht dudelt.
Diesen Hürdenlauf will Google mit einem neuen Betriebssystem beenden: "Android" soll es den Nutzern ermöglichen, ihr Handy völlig frei auf ihre eigenen Bedürfnisse zuzuschneiden, mit genau den Programmen, die man braucht: Spiele, Landkarten, Wetterbericht, Musik.
Derlei Androiden-Handys wären damit voll eingemeindet in ein offenes, allgegenwärtiges Internet in der Hosentasche. Das System soll die Programmiersprache Java nutzen - die das iPhone allerdings bislang nicht beherrscht. Das Google-Phone-Programm soll für die Anwender kostenlos sein, denn es wird über das Einspielen von Werbung finanziert.
Die treibende Kraft hinter dem Androiden-System ist der Entwickler Andy Rubin, der in den neunziger Jahren für Apple arbeitete, um einen mobilen Computer zu entwickeln. Das System floppte, aber Rubin blieb dran und gründete unter anderem die Firma Android, die Mitte 2005 von Google aufgekauft wurde. Sein Google-Phone könnte den Mobilfunkmarkt damit nachhaltiger umkrempeln als jedes iPhone. Es würde nicht Millionen Nutzer erreichen, sondern Milliarden.
Verglichen mit der Vision von Android, erscheint das Apple-Phone geradezu engstirnig und rückwärtsgewandt. Denn hinter dem freundlichen Display lauert ein paranoides Grenzregime, welches das Gerät hermetisch abriegeln soll.
Anstoß nehmen selbst strenggläubige iPhone-Jünger besonders an der Zwangsehe von Telefon und Provider: Wer ein iPhone bei T-Mobile kauft, darf es nicht in den Netzen der Konkurrenz benutzen.
Zwar haben findige Hacker natürlich längst Software, "Jailbreak" (Knastausbruch) genannt, entwickelt, mit der sich das Apfelfon auch für fremde Netze freischalten lässt. Schon vor dem deutschen Verkaufsstart waren im hiesigen Vodafone-Netz viele tausend auf diese Weise geknackte iPhones in Betrieb, so heißt es; weltweit wird die Zahl der Frei-Phones auf eine Viertelmillion geschätzt. Doch Apple warnt, dass durch den Eingriff die Garantie für die Geräte erlöschen könnte; und mit einem Software-Update drohen sie sogar ganz unbrauchbar zu werden.
Ironie der Technikgeschichte: Apple-Chef Jobs hat selbst einmal als Telefonhacker angefangen. In den siebziger Jahren verkaufte er sogenannte Blue Boxes. Mit diesen kleinen elektronischen Kistchen ließen sich Fernsprechapparate so manipulieren, dass man kostenlos in alle Welt telefonieren konnte. HILMAR SCHMUNDT
Von Hilmar Schmundt

DER SPIEGEL 46/2007
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