12.11.2007

Das Buch meines Lebens

Thomas Bernhard erzählt in dem 1976 erschienenen zweiten Band seiner Jugenderinnerungen, wie er nach abgebrochener Schulausbildung als Lehrling neuen Lebensmut findet.
Gelesen habe ich mein Lebensbuch - "Der Keller" von Thomas Bernhard - auf Anweisung meiner Freundin Anna Maria Jokl, der Jerusalemer Schriftstellerin. Sie hatte in ihrer mäßig großen Wohnung nur eine kleine Bibliothek, in der wundersam alles Wesentliche enthalten war. Inzwischen besitze ich ihr Exemplar, denn sie ist gestorben. Jetzt habe ich den schmalen autobiografischen Band noch einmal gelesen. Der 16-jährige Bernhard läuft statt ins Gymnasium zur Lebensmittelhändlerlehre in die Scherzhauserfeldsiedlung, in jenen Keller, in dem er von seinem Chef Karl Podlaha Lebensmöglichkeiten und Menschenmöglichkeiten lernt und sich selbst als einen fröhlichen Menschen feststellt. Was unbedingt ist, habe ich aus diesem Buch, unbedingt nicht im Abstrakten, sondern in dem, was Menschen und was ihr Leid betrifft. Zur Unbedingtheit, mit der man einer Sache folgen soll, wird man in diesem Buch ermutigt. Bernhards Pessimismus ist dabei schneidend und doch die einzige menschliche Haltung, die den Menschen Luft zum Atmen lässt in Würde. Thomas Bernhard: "Kein Mensch kann einem andern die Beschäftigung ersetzen, nicht wenn er einen Menschen, und sei es der für ihn entscheidende, der ihm wichtigste, geliebteste, verliert, geht er zugrunde, wenn man ihm Arbeit und Beschäftigung nimmt, geht er ein und ist in kurzer Zeit tot." Es ist die einzige Haltung, die ich kenne, die dem Jubel, dem Übermut, dem Stolz den Platz einräumt, der ihnen gebührt. Die einzige Haltung, die anmaßend ist, wie es eine menschliche Haltung sein soll, und die nie falschen Trost bedeutet. Wer nie unbarmherzig denkt und empfindet, hat wohl kaum Erbarmen für andere Menschen. "Wir sind widerstandsfähig geworden, uns kann nichts mehr umwerfen, wir hängen nicht mehr am Leben, aber wir verschleudern es auch nicht zu billig, hatte ich sagen wollen, aber ich hatte das nicht gesagt. Manchmal erheben wir alle unseren Kopf und glauben, die Wahrheit oder die scheinbare Wahrheit sagen zu müssen, und ziehen ihn wieder ein. Das ist alles."

DER SPIEGEL 46/2007
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