SPIEGEL: Herr Schulze, in Ihrer Dankesrede bei der Entgegennahme des Thüringer Literaturpreises vorletzten Sonntag haben Sie angesichts der vielen durch private Unternehmen gesponserten Kulturveranstaltungen vor einer "Refeudalisierung des Kulturbetriebs" gewarnt und damit auch den Sponsor Ihrer Auszeichnung, den Energiekonzern E.on, heftig kritisiert. Weshalb haben Sie den Preis eigentlich nicht abgelehnt?
Schulze: Weil ich immer noch glaube, dass es besser ist, darüber zu reden, als nur abzuwinken. Außerdem kann es sich kaum ein Schriftsteller leisten, auf solche Zuwendungen zu verzichten. Ich werde in diesem Jahr mit einem aus Steuergeldern finanzierten Stipendium unterstützt. Deshalb konnte ich die 6000 Euro Preisgeld dem Land Thüringen quasi als Startguthaben für einen von Sponsorengeldern unabhängigen Literaturpreis zur Verfügung stellen.
SPIEGEL: Wie hat Thüringen auf Ihren Vorschlag reagiert?
Schulze: Innenminister Karl Heinz Gasser hat mir vorgeworfen, ich wolle zurück in die DDR und den Kommunismus. Absurd! Ich hoffe, das war noch nicht das letzte Wort. Die Vertreter von E.on dagegen verstanden, dass ich nicht sie angegriffen habe. Es ist ja grundsätzlich begrüßenswert, wenn sich Firmen für die Kunst einsetzen. Bedenklich wird es nur dann, wenn wir als Bürger dieser Gesellschaft von diesen Zuwendungen abhängig werden. Wir müssen souverän bleiben können.
SPIEGEL: Für Ihre Werke haben Sie schon viele Auszeichnungen entgegengenommen, darunter auch 1995, offenbar bedenkenlos, den aspekte Literaturpreis, der vom ZDF finanziert wird. Wie wichtig ist es, wer die Künste sponsert?
Schulze: Wenn eine Firma ein Kabarett sponsert, wird das Kabarett keine Witze über die Firma machen. Es entsteht, ob man will oder nicht, Dankbarkeit, Rücksicht, Abhängigkeit.
SPIEGEL: Was schlagen Sie vor?
Schulze: Unser Bruttosozialprodukt steigt mit jedem Jahr. Das Geld ist da. Wenn die demokratische Gesellschaft ihrer Verantwortung nicht nachkommen kann, muss sie die Gesetze ändern - oder sie stellt sich selbst in Frage. Kapitalismus braucht keine Demokratie.
DER SPIEGEL 46/2007
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