12.11.2007

LEGENDENDer gute Deutsche

Vor 100 Jahren wurde Claus Schenk Graf von Stauffenberg geboren, der Hitler-Attentäter vom 20. Juli 1944. Nach dem Rummel um die Dreharbeiten für den Film „Valkyrie“ mit Tom Cruise in Berlin ist der Widerstandskämpfer endgültig zur Ikone geworden. Von Malte Herwig
Erst jetzt wohl ist dieses Leben endgültig Legende, erst jetzt ist dieser gute Deutsche jene universelle Lichtgestalt, die die globalen Phantasien beflügeln wird, tapfer, von düsterer deutscher Romantik. Als Tom Cruise sich vergangene Woche aus Berlin verabschiedete, warf er dem deutschen Publikum geschichtspolitische Kusshände zu: "Durch Stauffenberg habe ich mich mit der deutschen Seele beschäftigt. Ich bin demütig geworden." Cruise spielt Stauffenberg, und nun liebt er Deutschland und die Deutschen.
Ein Superstar spielt einen Superhelden: Schließlich ließ sich sogar das deutsche Finanzministerium vom zwingenden Charme dieses Projekts erweichen und erteilte dem US-Filmteam um Regisseur Bryan Singer ("Superman Returns") die Dreherlaubnis im historischen Bendlerblock, in dem Stauffenberg in der Nacht des 20. Juli nach dem gescheiterten Attentat hingerichtet wurde. Damit hatte ein monatelanger Streit um den Hollywood-Film "Valkyrie" sein versöhnliches Ende gefunden.
Stauffenberg, endgültig Ikone. Schon früh steuerte dieses Leben auf heldenhafte Statuarik zu. Es gehört zu den Ironien in der Geschichte des deutschen Widerstands, dass ausgerechnet die Nazis das erste Monument jenes Mannes errichten sollten,
der es einmal auf Hitlers Leben absehen würde: Am 2. Dezember 1939 wurde in Magdeburg ein 40 Zentner schweres Pionierstandbild aufgestellt, für das Stauffenberg Modell gestanden hatte.
März 1934. Auf dem Hopfenboden einer verlassenen Brauerei in Bamberg steht ein junger Offizier in Wehrmachtsuniform. Hoch aufgerichtet, die linke Hand am Koppelschloss, die rechte zur Faust geschlossen, den Blick wie geistesabwesend zur Seite gewandt. Geduldig lässt er sich fotografieren. Ein SA-Denkmal soll entstehen, und der schneidige Oberleutnant ist ein Modell ganz nach dem Geschmack der Bildhauer.
Claus Schenk Graf von Stauffenberg war durchaus zunächst ein Held, wie er im Bilderbuch
des Deutschen Reiches stand. Der Spross einer alten schwäbischen Adelsfamilie wurde am 15. November 1907 als drittes Kind des königlich-württembergischen Oberhofmarschalls Alfred Schenk Graf von Stauffenberg geboren. Als 1914 der Krieg ausbrach, soll der Sechsjährige eines Morgens zu seiner Mutter gerannt sein und sie gebeten haben, "heldisch" zu sein und ihn und seine Brüder eines Tages auch in den Krieg ziehen zu lassen.
Obwohl sich der junge Schüler für Musik und Literatur begeisterte, entschied er sich für eine Karriere beim Militär und trat nach dem Abitur 1926 in die Reichswehr ein. Er wolle "in seinem Berufe dem Staatswohl nützen", hatte der 14-Jährige in einem Schulaufsatz geschrieben. Das spartanische Heldenleben, das Stauffenberg sich vom Militärdienst erhoffte, diese zutiefst romantische Idee des aufopfernden Dienstes für den Staat, stand nicht etwa im Gegensatz zu seiner Vorliebe für Dichtung. Es entsprach genau den Gedanken, die der Dichter Stefan George seit Jahren in dem verschwörerischen Kreis predigte, der sich "das geheime deutschland" nannte und zu dem Claus und sein Bruder Berthold 1923 stießen.
Die Stauffenberg-Brüder fühlten sich als Auserwählte und Nachfahren deutscher Kaiser: "Des Staufers und Ottonen blonde erben", wie der 16-jährige Claus in einem Gedicht schrieb. George bestärkte sie in diesem Glauben und setzte sie als seine geistigen Erben ein. Noch während der Vorbereitungen für den Umsturz 1944 werden sich die Brüder mit der Planung einer Gedenkfeier für den 1933 verstorbenen George beschäftigen.
Stauffenbergs Verhältnis zum Nationalsozialismus war, wie bei vielen der Männer des 20. Juli, anfangs ambivalent. Er begrüßte Hitlers Ernennung zum Reichskanzler und half bei der militärischen Ausbildung von SA-Mitgliedern. Doch bereits als er 1934 einem Freund aus dem George-Kreis Modell für jenes SA-Denkmal stehen sollte, weigerte er sich, dabei eine SA-Uniform zu tragen. Er wird zur Ikone wider Willen, nicht ohne Eitelkeit. "Ich habe mich zwar mit meiner Verewigung ausgerechnet als S.A. Mann noch nicht ganz abgefunden", schreibt Stauffenberg seinem Bruder Berthold, "tröste mich aber damit, dass es für die Nazi weit härter ist als für mich." Als der Entwurf wenige Wochen später fertig ist, kommentiert er zufrieden, er sehe "recht unnazistisch aus".
1940 nahm Stauffenberg als Generalstabsoffizier am Frankreich-Feldzug teil, dessen rascher Erfolg auf deutscher Seite ihn noch einmal für Hitler begeisterte. Drei Jahre später wurde er beim Rückzug von Rommels Armee in Nordafrika schwer verwundet und verlor die rechte Hand, ein Auge und zwei Finger der linken Hand. Die Illusionen über Hitler und den Krieg hatte er zu diesem Zeitpunkt längst verloren.
Anders als sein Idol Stefan George, der sich nach Hitlers Machtergreifung lediglich vage äußerte, erkannte Stauffenberg, dass das "Dritte Reich" nicht das "Neue Reich" Georges war, auf das er und seine Brüder gesetzt hatten. Bereits im August 1942 - also vor der Niederlage der deutschen Armee in Stalingrad - hatte Stauffenberg Hitlers Krieg als "sinnloses Verbrechen" erkannt, wie aus einem russischen Vernehmungsprotokoll seines Vertrauten Joachim Kuhn hervorgeht, das der Historiker Peter Hoffmann jetzt erstmals veröffentlicht hat*.
Es ist ein Dokument sittlicher Empörung. Lange galt das Hitler-Attentat als Aufstand der Militärs gegen die strategischen Fehler des Führers nach Stalingrad. Kuhns Einlassung von 1944 unterstreicht jedoch, dass es die Empörung über den Mord an den Juden und die Verbrechen im Osten waren, die den Stauffenberg-Kreis trieben.
Stauffenberg suchte Kontakt zu den Widerständlern um Generalmajor Henning von Tresckow und ließ sich nach seiner Verwundung in Afrika zum Allgemeinen Heeresamt nach Berlin versetzen, wo er zur treibenden Kraft der Attentatsplaner auf Hitler wurde. Dabei diente die raunende Heimlichtuerei im Kreis der George-Jünger den Stauffenbergs auch als Abschottung. Seit die Brüder zum George-Kreis gestoßen waren, schreibt Biograf Hoffmann, habe zwischen den Brüdern und der übrigen Welt eine unsichtbare Wand gestanden, "durchdringbar nur für den, der den Gedanken Georges zugewandt war".
Doch der Versuch, Hitler am 20. Juli in der "Wolfschanze" durch eine von Stauffenberg eingeschmuggelte Bombe zu töten, schlug fehl. Noch in derselben Nacht wurde Stauffenberg zusammen mit weiteren Mitverschwörern im Innenhof des Heeresamts hingerichtet.
Der Hollywood-Ruhm, der Stauffenberg nun sicher scheint, ist der erstaunliche Höhepunkt einer postumen Karriere, die alles andere als selbstverständlich schien.
Noch Anfang der sechziger Jahre hielt jeder vierte Deutsche Stauffenberg und seine Mitverschwörer für Verräter. Auch die 68er konnten mit dem militärischen Widerstand gegen Hitler wenig anfangen: Im Kreis der Umstürzler fanden sich Antisemiten und ehemalige NS-Mitläufer.
Der Mythos der Männer vom 20. Juli wurde den Westdeutschen von oben verordnet. Konrad Adenauer, der sich 1946 vehement gegen die finanzielle Unterstützung von Angehörigen der Widerstandskämpfer ausgesprochen hatte, verkündete
pünktlich zum 10. Jahrestag des Anschlags, die "Opfer des 20. Juli" seien "der Hochschätzung und Verehrung aller würdig".
Seitdem war der 20. Juli Chefsache. Der Gedenktag diente, so der Militärhistoriker Tobias Baur, "nach außen zur Widerlegung der Kollektivschuldthese, nach innen zur Stiftung einer neuen Identität in einer Tradition der Freiheit". Von Carlo Schmid wurden Stauffenberg und seine Kameraden offiziell zu christusähnlichen Erlösern stilisiert: "Der harte Lorbeer, den sie, einer Dornenkrone gleich, in ihre Stirne gedrückt haben", beschwor Schmid 1958, "hat die Schuld weggenommen, die auf uns lastete." Ausgerechnet der ehemalige NS-Marinerichter Hans Filbinger sprach 1974 als Bundesratspräsident von der "Reinigung des deutschen Namens" durch die Helden des militärischen Widerstands.
Verglichen mit derartigem Gedenktagsschwulst ist das Hollywood-Drehbuch zu "Valkyrie" von geradezu nüchterner Präzision - keine Spur von dem "grauenvollen Kitsch", den Stauffenberg-Sohn Berthold von der Produktion befürchtet. Stattdessen: Stauffenberg als ernster, pflichtbewusster Familienvater und Offizier. Ein Held fast wider Willen, der erst von seinem Bruder überzeugt wird, dass Hitler beseitigt werden müsse: "Jemand muss aufstehen und der Welt zeigen, dass nicht alle von uns wie er sind."
Ohne Draufgängertum und markige Sprüche kommen auch die Verschwörer in "Valkyrie" nicht aus. "Someone is watching over that son of a bitch" ("Irgendjemand beschützt diesen Hurensohn"), flucht der von Kenneth Branagh gespielte Mitverschwörer Henning von Tresckow gleich am Anfang des Films, nachdem Hitler wieder einmal durch pures Glück einem Attentat entkommen ist. Ähnliches ist auch von Stauffenberg überliefert, der 1942 einen Kameraden gefragt haben soll, ob sich denn in Hitlers Hauptquartier kein Offizier finde, "der das Schwein mit der Pistole umlegt!"
"So pathetisch es klingt", sagte Nina von Stauffenberg einmal über ihren Mann, "er ging bewusst den Weg eines Heldenlebens." Der tapferste Held ist der, der bereit ist, für andere sein eigenes Leben zu opfern - das ist Legendenstoff, das war in der Antike nicht anders als heute im Kino.
* Mit Kevin McNally, Christian Berkel, Bill Nighy, Terence Stamp, David Schofield, Kenneth Branagh.
* Peter Hoffmann: "Stauffenbergs Freund". Verlag C. H. Beck, München; 248 Seiten; 24,90 Euro.
Von Malte Herwig

DER SPIEGEL 46/2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 46/2007
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

LEGENDEN:
Der gute Deutsche

  • Schülerrede auf dem UN-Klimagipfel: Wie eine 15-Jährige mit Politikern abrechnet
  • Unterwegs mit einem Jäger: Darum ist Wild das bessere Fleisch
  • Angriffe auf Frauen in Nürnberg: Tatverdächtiger hat zahlreiche Vorstrafen
  • Bester Deutscher Big-Wave-Surfer: Sebastian Steudtner reitet Riesenwellen