19.11.2007

UNTERNEHMENGeschäfte mit Rheinlando-San

Ob Autos, Flachbildschirme oder Teddybären - die Sicherheit ihrer Produkte lässt die asiatische Industrie bevorzugt vom TÜV Rheinland prüfen.
An seine TÜV-Besuche hat Jürgen Rüttgers überhaupt keine guten Erinnerungen. Mit flauem Gefühl fuhr er seinen ersten Wagen zu den Prüfungsterminen, immer in der Sorge, sein altersschwacher Käfer könnte aus dem Verkehr gezogen werden. Später, als die Autos neuer waren, ärgerte er sich regelmäßig über die Unfreundlichkeit der Kontrolleure.
Diese Erlebnisse schilderte der nordrhein-westfälische Ministerpräsident kürzlich in Japan - und seinen Gastgebern gefroren vorübergehend die Gesichtszüge. Rüttgers war beim TÜV Rheinland in Yokohama zu Besuch, und dort will man rein gar nichts mehr mit abgefahrenen Reifen und ruppigem Service zu tun haben.
Im fernen Asien ist der Technische Überwachungsverein aus Köln ein Global Player. Und höher noch als der diesjährige Umsatz von fast 180 Millionen Euro ist das Ansehen des Unternehmens einzuschätzen: "Rheinlando-San" werden die TÜV-Leute genannt, die Ehrenwerten aus dem Rheinland.
Wer weiß hierzulande schon, dass dieser TÜV Weltmarktführer in der Prüfung von Glühbirnen (Vietnam), Plüschtieren (Südkorea) und Solarzellen (Japan, Taiwan und Köln) ist; dass jeder zweite der rund 12 000 Angestellten des TÜV Rheinland inzwischen im Ausland arbeitet, 3000 allein im asiatischen Raum, zu dem auch Australien und Neuseeland gerechnet werden. 24 Niederlassungen gibt es in den boomenden Wirtschaftszentren Chinas, weitere sind in Planung. "Asien ist der wichtigste Wachstumsmarkt", sagt Vorstandschef Bruno Braun, "wir arbeiten dort an den Schnittstellen der weltweiten Handelsströme und prüfen unmittelbar am Produktionsort."
Der Qualitätsbegriff des "Made in Germany" hat mithin einen kleinen Bruder bekommen: Das "Geprüft von Deutschen". Eine Entwicklung, über die Ralf Wilde, der oberste Rheinlando-San in Japan, immer noch staunt. 1983 kam der Kölner Elektroingenieur nach Tokio, der TÜV unterhielt dort seinerzeit ein kleines Büro mit sechs Leuten; eine Art Brückenkopf für die deutsche Kraftwerksindustrie, die damals aus Japan spezielle Kessel und Stahlsorten bezog. Die Kölner waren für die Qualitätsüberprüfung vor Ort zuständig. "Lange ein Verlustgeschäft", berichtet Wilde, der inzwischen Präsident der TÜV Rheinland Japan und Asien-Group ist, "1986 haben wir das erste Mal Geld verdient."
Und weil die Japaner gern kopierten, was anderswo erfunden wurde, entwickelte sich das TÜV-Geschäft zum Boom. "Dinge verfeinern ist eine japanische Leidenschaft", schmunzelt Wilde. Diese "Lümmeljahre" wiederholen sich jetzt in China, nur in einem viel größeren Umfang.
In den Testräumen des TÜV-Hauptquartiers in Yokohama sieht es ein wenig aus wie bei Mr Q in den James-Bond-Filmen. Da wird mit Bleikugeln auf Glasscheiben geschossen, um die Bruchsicherheit von Sicherheitsglas zu testen, da wird Teddybären das Fell ausgerupft, die zuvor mit Flammenwerfern auf Feuerfestigkeit
untersucht wurden. Und hinter dicken, gepolsterten Türen wird die elektromagnetische Strahlung von Flachbildschirmen und Computern gemessen.
Viele Erlkönige der japanischen, zunehmend auch chinesischen und südkoreanischen Autoproduktion werden beim TÜV geprüft. Für den Rüttgers-Besuch wurde eigens ein Mercedes ausgeliehen, aus "Höflichkeit unseren Kunden gegenüber", umschreibt Wilde. Die Japaner sähen zwar gern ihr eigenes Produkt mit dem hohen Gast, aber keinesfalls ein Auto der asiatischen Mitbewerber.
So steht nun ein Daimler unter dem gewaltigen Lichterbogen, der jede x-beliebige Sonnenbestrahlung simulieren kann, mittels deren die Lesbarkeit der elektronischen Anzeigen am Armaturenbrett überprüft wird.
In gewaltigen Kühl- und Hitzekammern werden bei minus 40 bis plus 85 Grad Celsius Sonnenkollektoren, Koffer und allerhand Maschinenteile einem künstlichen Alterungsprozess unterzogen. Bis zu sechs Wochen dauert so ein Test, der für Elektronikelemente schon mal in einem ultimativen Bad im mit 3000 Volt geladenen Wasserbett endet, der Kontrolle auf die Isolationsfestigkeit.
Als einziges nichtjapanisches Unternehmen darf der TÜV Rheinland Produkte für den dortigen Markt zulassen: Ein umfangreiches Verfahren, bei dem nicht nur die Qualität etwa aller in einem Turnschuh verwendeten Materialien untersucht wird, sondern auch die Arbeitsbedingungen und die Lieferanten kontrolliert werden. Unangemeldete Besuche in den Produktionsstätten - für viele asiatische Unternehmer ein gewöhnungsbedürftiges Procedere - inklusive.
Mitunter finden die TÜV-Prüfer dann Waren, die zwar das "GS"-Siegel ("Geprüfte Sicherheit") tragen, das Testverfahren indes gar nicht durchlaufen haben. Bei Verstößen werden die Abnehmer gewarnt und das Siegel "GS" entzogen.
Weltweite Rückrufaktionen, wie kürzlich bei Spielzeug aus China, sind teuer - und kommen dem Kölner Unternehmen gerade recht. Große Einkäufer und Handelsketten verlangen zunehmend das TÜV-Siegel oder ein vergleichbares der Wettbewerber, ehe sie Produkte für ihre Geschäfte ordern.
So muss sich Asien-Chef Wilde um die Zukunft wenig sorgen. Die Dependance des rheinischen Unternehmens ist ein klassischer Profiteur der Globalisierung, der chinesischen Exportoffensive und der wachsenden Mobilität. Noch vor dem Beginn der Olympischen Spiele in Peking im August 2008 sollen dort TÜV-Hauptuntersuchungen und Abgasmessungen nach deutschem Standard eingeführt werden. Die ersten Prüfstrecken für Automobile und Motorräder werden gerade gebaut.
BARBARA SCHMID
Von Barbara Schmid

DER SPIEGEL 47/2007
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