19.11.2007

AFFÄRENTerror um ein Bild

Zwei dem WAZ-Konzern gehörende Tageszeitungen in Bulgarien machen mit nationalistischen Parolen Jagd auf eine Wissenschaftlerin.
Wohl selten in der Weltkulturgeschichte hat der Streit um ein Gemälde die Volksseele derartig kochen lassen: "Das Massaker von Batak", 1892 von Antoni Piotrowski auf breiter Leinwand in Szene gesetzt und seit jeher in den Schulbüchern präsent, prägt bis heute das patriotische Bewusstsein Bulgariens.
Das Bild erinnert an die Auslöschung des Dorfes Batak, die in der Geschichtsschreibung mit einem heldenhaften Abwehrkampf bulgarischer Patrioten verknüpft wird - den es allerdings nicht gab. 1877/78 kämpfte das russische Heer in Bulgarien, um "seine Slawen vom türkischen Joch zu befreien" - eine Schlacht, die beiderseits mit äußerster Brutalität geführt wurde.
Piotrowskis Bild zeigt weibliche Opfer, hingemetzelt und verstümmelt, vor der Kulisse brandschatzender Muselmanen. Das "Massaker von Batak" entfachte einen Sturm im europäischen Bewusstsein; das Christentum brachte sich heroisch gegen den Islam in Stellung, die bulgarische Nation formierte sich.
Die bulgarische Kunsthistorikerin Martina Baleva hat das Bild Piotrowskis nun genau analysiert. Sie fand heraus, dass der Maler sich für seine Darstellung auf Fotografien stützte, die er zwölf Jahre nach den Ereignissen inszeniert hatte und die seitdem als authentische Aufnahmen des Massakers in der nationalen Geschichtsschreibung kursieren. Durch Steuerregister aus der Zeit ermittelte Baleva außerdem, dass die Opferzahlen damals aus patriotischen Propagandagründen drastisch übertrieben wurden.
Der Sturm der nationalen Empörung über Balevas Aufhellungen war gewaltig. Besonders die zur WAZ-Gruppe gehörenden Boulevardblätter "24 Tschassa" ("24 Stunden") und "Trud" ("Arbeit") heizten
die Stimmung an. Das Vokabular, mit dem die 35-Jährige seit April 2007 am Telefon, in Internet-Foren und per E-Mail bedacht wird, möchte sie lieber nicht wiederholen. Ihre Telefonnummer hat sie inzwischen geändert, ihren Aufenthaltsort hält sie geheim.
Eine Konferenz nebst Ausstellung in Sofia zum Thema - mit der Freien Universität Berlin, an der sie studiert, und dem Goethe-Institut in Sofia als Partnern - wurde kurzfristig abgesagt. Der Aufstand war gewaltig. Nahezu alle gesellschaftlichen Kreise beteiligten sich am nationalen Protestgebrüll - bis hin zur geistigen und politischen Elite des Landes.
Die bulgarische Partei Ataka, die seit diesem Frühjahr mit zwei Abgeordneten im Europaparlament vertreten ist, bietet 2500 Euro für Balevas Adresse - jeden Mittwoch um 18 Uhr im Skat-TV, dem Sender der rechtsradikalen Partei, die nicht nur gegen Baleva zu Felde zieht, sondern auch gegen andere Feinde Bulgariens: die türkische Minderheit, Roma und natürlich die Juden. Die üblichen Verdächtigen.
Die Speerspitze der Hetze bildeten indes - neben Ataka - die beiden Massenblätter der WAZ-Gruppe. Am 25. April etwa wetterte "Trud" mit der Überschrift: "Schindluder mit den Knochen von Batak" - ganz so, als hätten wilde Grabräuber die Skelette der Opfer geplündert und entehrt. Dazu zeigte das Blatt in Nahaufnahme menschliche Gebeine.
In "24 Tschassa" drohte der Direktor des Nationalhistorischen Museums Boschidar Dimitrow, Baleva und ihren Berliner Forschungspartner Ulf Brunnbauer wegen "Leugnung des Holocaust" zu verklagen. Und dreist behauptete er, Baleva habe sich an die Türkei "verkauft". Dass die Wissenschaftler die Existenz des Massakers nie in Abrede gestellt hatten - davon findet sich in der Zeitung kaum ein Wort.
Der Essener WAZ-Konzern residiert in Sofia in einem monumentalen Gebäude mit imposanter Säulenfront, hier entstand einst die Kommunistische Parteizeitung "Die Sache der Arbeiter". Heute hat Axel Schindler hier das Sagen, er ist Hauptgeschäftsführer der WAZ für Bulgarien. Das Büro des 39-Jährigen ist hell und modern, an den Wänden hängt eine riesige Landkarte. Jeden Morgen liest der dynamische Pfälzer, der seit Monaten fleißig Bulgarisch lernt, die interne Presseschau. "Ich selbst verstehe nicht viel von dem, was in den Zeitungen steht", sagt er.
Wie aber vollzieht sich die Kontrolle über das, was in den hauseigenen Zeitungen geschrieben wird, und das, was vielleicht besser nicht geschrieben würde? Schindler winkt ab, eine Kontrolle gebe es nicht. Oberstes WAZ-Prinzip, sagt er, sei die "klare Trennung von Verlag und Redaktion". Bodo Hombach sei davon überzeugt, dass eine Zeitung nur dann gut sein könne, wenn sie unabhängig sei. "Die kriegen einen Etat und können sich dann frei bewegen."
Mit diesem Prinzip fahren die Deutschen - zumindest wirtschaftlich - ganz gut. "24 Tschassa" und "Trud", sagt Schindler, der Mann der Zahlen, seien "sehr erfolgreich". Der Jahresumsatz des WAZ-Konzerns liege in Bulgarien bei 55 Millionen Euro im Jahr. Eine Einschränkung gebe es allerdings, und das seien die Menschenrechte. "Insofern verstehe ich mich hier auch als Hüter der Werte der WAZ."
Dass die - wie im Falle Baleva - mitunter komplett aus den Angeln gehoben werden, wenn nationalistisch gesinnte Redaktionen, von denen viele ihr Handwerk noch zu kommunistischen Zeiten gelernt haben, bei der Berichterstattung freie Bahn haben, will im Hause WAZ bislang niemand bemerkt haben. Schindler, der drei Wochen, bevor die hauseigenen Medien den "Fall Batak" erfanden und damit Auflage machten, seinen Job in Sofia antrat, schaut fast verlegen auf die kompromittierenden Überschriften und räumt ein: "Davon höre ich heute zum ersten Mal."
Unbeaufsichtigt kann vor allem "Trud", die auflagenstärkste Zeitung im Lande, ihre Macht ausspielen. Chefredakteur Toscho Toschew thront an einem dicken Holztisch, sein Büro am Rande des Sofioter Zentrums ist vollgestopft mit moderner Kunst der "bekanntesten bulgarischen Maler", wie er stolz sagt. Er trägt ein dunkelbraunes Sakko, um den Hals eine Goldkette, das dunkle Hemd ist atemraubend weit aufgeknöpft. Bevor er zu sprechen beginnt, zündet er sich eine Zigarre an. Toschew sieht nun aus wie die bulgarische Antwort auf Hugh Hefner.
Als "Trud" noch den Gewerkschaften gehörte, war er Redakteur. Dann kam er, irgendwie, zu Geld, kaufte emsig Anteile auf und übernahm schließlich das Blatt. In Sofia munkelt man, es seien seine Freunde, die Oligarchen, gewesen, die Toschew finanziell ausstatteten, um im Gegenzug eine Zeitung zu bekommen, die ihren Interessen nicht im Wege stehen würde.
In den Neunzigern, erzählt Toschew, habe er dringend Partner gesucht, er sei in London gewesen bei der "Times", schließlich aber habe es doch mit der WAZ geklappt.
"Das sind reine Zeitungsmacher", sagt er, "das gefällt mir."
Schnell wurde man handelseinig, die WAZ stieg ein, und auch Toschew ist nach wie vor an "Trud" beteiligt, mit sieben Prozent. "Bei der Ausrichtung des Blattes habe ich aber das alleinige Sagen, kein anderer." Und Batak? Ja, sagt Toschew und pustet eine kräftige Wolke Zigarrenqualm in den Raum, "ein delikates Thema". Batak berühre "die Seele der Bulgaren" und sei eine Art "geistiges Denkmal". Da müssten eben auch Wissenschaftler "vorsichtig sein".
Als die ersten Berichte über das Forschungsprojekt Batak auftauchten, habe es in der Hauptstadt regelrecht "gebrannt". "Trud" habe entsprechend reagiert. "Wir zeigen, was die Leute denken. Ich will mein Publikum nicht verlieren." Und was ist mit dem Interview, das seine Zeitung herausbrachte und in dem die Interviewerin Baleva anherrschte, warum sie in der bulgarischen Historie "herumwühle"? Toschew lehnt sich zurück und befindet kühl: "Eine unserer besten Mitarbeiterinnen."
Der bulgarische Zeitungsmarkt "ist stark Yellow-Press-dominiert", sagt Ognjan Zlatew vom Sofioter Zentrum für Medienwissenschaften. "Nach der Wende hatten die Leute genug von Politik und Partei, sie suchten Zerstreuung - und fanden sie im Boulevard."
Die wohl seriöseste Tageszeitung, "Dnevnik", hat eine Auflage von gerade mal etwa 12 000 Exemplaren. Sie bewies, dass ernsthafter Journalismus auch bei hartem Wettbewerb möglich ist. Sie dokumentierte die Entgleisungen der Konkurrenz und kam zu dem Schluss, es handle sich um eine "zlovesta groteska", eine üble Groteske.
Eine Groteske mit allerdings bösen Folgen. Baleva, durch ein privates Foto, das der WAZ-Boulevard ohne Erlaubnis druckte, landesweit identifizierbar, traut sich seitdem nicht in ihre Heimat zurück. Sie hält Kontakt zum deutschen Staatsschutz und sieht ihren Wunsch, "mein Wissen meinem Land zur Verfügung zu stellen", inzwischen als undurchführbar an. "Ich werde versuchen, hier eine Stelle zu finden."
Gespräche darüber gibt es bereits. Gegen die Ataka-Partei und den ihr nahestehenden Fernsehsender hat sie wegen Aufruf zum Mord Anzeige erstattet; der Antrag liegt den Ermittlungsbehörden seit Juni vor - "einstweilen unbearbeitet". Eine ethische Verpflichtungserklärung des WAZ-Konzerns, die unlängst veröffentlicht wurde, nahm sie mit Erstaunen zur Kenntnis.
Mittlerweile scheint Bodo Hombach die Kampagne seiner Blätter gegen Martina Baleva zu denken zu geben: "Wir sind zu dem Schluss gekommen", sagte er jetzt, "dass das nicht in Ordnung war, und wir werden Konsequenzen ziehen." Eine erste ist nun die Berufung von Aidan White, Generalsekretär der Internationalen Journalistenvereinigung, zum Berater des Konzerns in Bulgarien. MARION KRASKE, ELKE SCHMITTER
Von Marion Kraske und Elke Schmitter

DER SPIEGEL 47/2007
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