Von Tuma, Thomas
Manchmal sterben Helden unwürdig. Aber einer muss ja mal anfangen, es zu sagen: "Schmidt & Pocher" ist missglückt und gehört bitte ganz schnell eingestellt. Die Show läuft jetzt seit vier Folgen. Sie tut einem weh - auch für die beiden Akteure, die das nicht verdient haben.
Am vergangenen Donnerstag beispielsweise ging fast alles schief: Der junge Herr Pocher schaute sich selbst dabei zu, wie ihm die Witze verreckten. Dann kam der ältere Herr Schmidt, bevor sie gemeinsam aneinander vorbeiredeten über Hoeneß, Münte, Thierse, "Pippi Stützstrumpf".
Anschließend kommt gern ein gewisser Dr. von Hirschhausen, der auch vergangene Woche so lustig war wie ein Krankenhaus-Clown auf der Kinder-Leukämiestation und mit den Gastgebern noch über Analfissuren und Hämorrhoiden sprechen musste, bevor Talk-Gast Sabrina Setlur erschien.
Schmidt: Wusstest du, dass er in einer früheren Sendung mal das Geschlechtsteil eines Hundes geleckt hat? War das wirklich so?
Pocher: Nee, geleckt nicht, nur dran gerochen.
Schmidt: Ach soo!
Setlur: Und? Wie war's?
Schmidt: War das wirklich so?
Pocher: Ja, Elton fand's gut.
Schmidt: (lacht)
Danach ging es um Frau Setlurs Hund, der einer anderen Töle die Vorhaut abgebissen haben soll und dem Vernehmen nach nur einen Hoden hat.
An so einer Stelle sehnt man sich nach jenem "Nazometer" zurück, das in vorangegangenen "Schmidt & Pocher"-Shows immer dann anschlug, wenn eine womöglich NS-belastete Vokabel fiel.
Das war die satirische Antwort auf Eva Herman und ging etwa so: Autobahn? Trööt! Gasherd? Huup! Duschen? Blink!
Nach der Show folgte dann leider noch für das komplette "Schmidt & Pocher": Trööt-huup-blink!
Erst beschwerte sich ein Vertreter der Israelitischen Religionsgemeinde, der zugleich als Rundfunkrat im - gar nicht zuständigen - Südwestrundfunk sitzt. Dessen Intendant Peter Boudgoust wetterte gegen die "unglaubliche Geschmacklosigkeit" und versprach, den Vorfall Ende November vor die ARD-Intendantenkonferenz zu bringen.
"Bild" sekundierte: "Wut und Entsetzen über die Nazi-Sprüche!" Oh, Leute! Das mit dem "Nazometer" war witzig. Es war auch geschmacklos. Aber so sind Witze mitunter. Es verharmloste nichts und verhöhnte niemanden, zumal man allmählich ein bisschen durcheinanderkommt mit den vielen Nazi-Vorwürfen.
Eva Herman? War doch die mit dem Mutterkram und den Autobahnen, oder? Kardinal Joachim Meissner ist zuletzt der Begriff "entartet" in eine Predigt gerutscht. Und als Michel Friedman zuletzt für das Polit-Magazin "Vanity Fair" mit dem alten Neonazi Horst Mahler debattierte - wer war einem da am Ende peinlicher?
Mal abgesehen davon, dass der reflexhafte NS-Verharmlosungs-Vorwurf das eigentlich Verteidigte mittlerweile mehr banalisiert und instrumentalisiert als die meisten vorangegangen Dummheiten oder Provokationen - gibt es in der grassierenden Empörungsinflation ein Muster? Vielleicht das eine: Es erwischt meist die, die entweder wirklich doof oder eh schon angezählt sind.
Doof ist Schmidt wirklich nicht. Aber am Donnerstag vergangener Woche fiel ihm als Antwort auch nichts Besseres ein, als sein "Nazometer" "Laterne, Laterne"-singend ins Studio zu tragen. Zugleich ein Eingeständnis, dass ihm Menschen, die Peter Boudgoust heißen, neuerdings echt gefährlich werden könnten?
Pocher stand derart dämlich glucksend daneben, dass man im Nachhinein leider sagen muss: Das Interessanteste an dem Jungen war bislang das Geschwurbel, mit dem manche Feuilletons ihn vorab zu (v)erklären versuchten. Natürlich war der SPIEGEL auch dabei, aber ganz weit vorn: die "Zeit", die über ein Pocher-Porträt Zitate folgender Herrschaften streuselte: Robert Gernhardt, Arthur Miller, G. K. Chesterton, Hans Ulrich Gumbrecht, Peter Sloterdijk. Am Ende hieß es, Pocher "versiegelt den Ignoranzraum nach draußen". Boah!
Dabei wäre man schon froh, wenn sich Schmidt und Pocher ergänzen würden. Aber sie wachsen nicht aneinander. Sie neutralisieren sich nicht mal. Sie irritieren sich auf unelegantpeinlich-anrührende Weise. Wenn Pocher über Menschen wie Gregor Gysi sprechen muss, redet ein Blinder über Farbe. Schmidt muss dauernd über verhaltensauffällige Leute in dubiosen TV-Show-Schnipseln lachen, die er kaum kennt.
Es ist tragisch, denn sie starteten ja quasi als Überraschungskracher in dem gar nicht so überraschenden Programmfeuerwerk der ARD. Sabine Christiansen heißt jetzt Anne Will heißt jetzt Caren Miosga. Frank Plasberg (WDR) heißt jetzt Frank Plasberg (ARD).
Wirklich verheißungsvoll war also nur die angekündigte Symbiose aus Schmidtscher Götterdämmerung und Pochers Prinzenröllchen.
22 Sendungen sind geplant. 18 fehlen also noch. Puh! In den nächsten Wochen müsste über eine zweite Staffel verhandelt werden. Sie sollten jetzt aufhören und wieder allein weitermachen. Jeder für sich.
Dann könnte man noch - fissurenfrei - sagen, dass es eben ein Experiment war in dem 50-jährigen Gesamtkunstwerk, das Schmidt sein Leben nennt. Am vergangenen Donnerstag sang er: "Mein Licht geht aus, wir geh'n nach Haus', rabimmel, rabammel, rabumm."
Der Letzte versiegelt den Ignoranzraum. THOMAS TUMA
DER SPIEGEL 47/2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://corporate.spiegel.de finden Sie Angebote für die Nutzung von SPIEGEL-Content zur Informationsversorgung von Firmen, Organisationen, Bibliotheken und Journalisten.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.