26.11.2007

ETHIK„Facharzt fürs Töten“

Der Mediziner Uwe-Christian Arnold wirbt für den Sterbehilfe-Verein Dignitate und den legalen Suizid mit ärztlicher Begleitung. Ein Musterfreitod soll einen Musterprozess provozieren.
Auf dem braunen Schreibtisch im Behandlungszimmer liegt das medizinische Wörterbuch Pschyrembel, im Regal verstaubt das Modell einer Wirbelsäule, auf der Liege wartet ein Blutdruckmessgerät auf seinen Einsatz. Die Arztpraxis in der zweiten Etage in einem Hochhaus der Erfurter Innenstadt wirkt wie Tausende andere. Auch der Alltag des Mediziners, der hier als Teilzeit-Betriebsarzt praktiziert, war bis vor wenigen Tagen ziemlich unspektakulär: Uwe-Christian Arnold macht Seh- und Hörtests, und wenn er mal zur Spritze greift, dann meistens nur, um zu impfen.
Doch nun ist der Trott des drahtigen Mannes mit den blauen Augen jäh durchbrochen. An diesem Mittwoch ist der Akku seines Handys schon am Nachmittag leer, weil Arnold permanent angerufen wird. "Ha", gluckst es aus ihm heraus, als es zum dritten Mal in 15 Minuten klingelt und er den Anrufer wegdrückt: "Da will schon wieder jemand den Facharzt fürs Töten sprechen."
Er hat längst aufgehört, die Anfragen der Talkshows zu zählen. "Es wirkt", triumphiert der 62-Jährige, als hätte er gerade ein Hustenmittel aufs Rezept gekritzelt. Und so war es ja auch gewünscht. Der "Facharzt fürs Töten" hat Großes vor, er rückt dem ganzen Land mit einer Art Schocktherapie auf den Leib.
Arnold, einst niedergelassener Urologe in Berlin, heute als Betriebsarzt nur noch hin und wieder in Erfurt tätig, ist Zweiter Vorsitzender des deutschen Sterbehilfe-Vereins Dignitate. Und er ist auf der Suche nach zwei Menschen: einem sterbenskranken Patienten, der sich den Tod wünscht, und einem pensionierten Mediziner, der bereit ist, diesem Patienten diesen letzten Wunsch zu erfüllen - selbst wenn er dafür anschließend wegen unterlassener Hilfeleistung angeklagt wird. Als Missionar in Sachen Suizid eilt Arnold deshalb in seinem grauen Skoda quer durchs Land, konferiert mit Notaren, Anwälten, Psychologen und Gutachtern - alles für diesen einen Tag X, irgendwann im kommenden Jahr: "Wir werden einen juristischen Präzedenzfall schaffen in Sachen ärztlicher Sterbehilfe."
Arnold will in Deutschland Rechts- und Medizingeschichte schreiben, den ärztlich begleiteten Suizid legalisieren. Ein ambitionierter Plan, stellt sich ihm doch eine mächtige Allianz entgegen: Politiker und Kirchenleute sind empört über das Anliegen als solches, über den PR-Coup des Urologen und über seinen Verein Dignitate, einen Ableger der Schweizer Sterbehilfe-Organisation Dignitas. Vor wenigen Wochen hatte Dignitas zwei Deutschen auf einem Waldparkplatz bei Zürich den Suizid ermöglicht und damit Entsetzen ausgelöst.
Justizministerin Brigitte Zypries (SPD) spricht von einem "kalten Geschäft mit dem Tod", der evangelische Bischof Wolfgang Huber warnt vor "gezieltem Rechtsbruch", Kardinal Karl Lehmann nennt den Plan einen "Tabubruch". Unions-Fraktionsvize Wolfgang Bosbach fordert einen eigenen Straftatbestand, und sein SPD-Kollege Dieter Wiefelspütz will Dignitate in Deutschland gar verbieten lassen. Bereits am 5. Dezember wird sich der Rechtsausschuss des Bundesrats mit einem möglichen Dignitate-Verbot beschäftigen. Ein von den Ländern Saarland, Thüringen und Hessen vorgelegter Gesetzentwurf sieht vor, die "geschäftsmäßige Vermittlung oder Verschaffung von Gelegenheiten zur Selbsttötung" unter Strafe zu stellen. Kritiker verdächtigen die professionellen Sterbehelfer, am Tod verdienen zu wollen.
Arnold sitzt in Erfurt hinter seinem Schreibtisch und pariert die Vorwürfe. Der schlagzeilenträchtige Parkplatz-Suizid? "Etwas unglücklich." Sterbetourismus made by Dignitas? "Genau den wollen wir beenden." Und dann kontert er mit dem schwer wegzudiskutierenden Argument: die Hilferufe todkranker Menschen, die begleitet sterben möchten, die Anrufe ratsuchender Ärzte. Der assistierte Suizid sei längst Realität, weiß Arnold, nur eben nicht öffentlich, nicht legal. Dabei könne man "beim Sterben so viel falsch machen".
Der Freitod ist Arnolds Lebensthema geworden. Er war zwölf Jahre alt, als sich seine Mutter mit Tabletten umbrachte. "Sie hätte einen Psychiater gebraucht, aber keinen Sterbehelfer." Als Arzt ist ihm das
Thema immer wieder begegnet, er nahm Kontakt zur Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben auf, später zum Schweizer Sterbehilfe-Verein. Inzwischen redet er über tödliche Mittel und Methoden im gleichen Ton wie von seiner Liebe zur Oper: lächelnd, fast luzid, aufreizend selbstverständlich.
Er sitzt auf seinem Stuhl und spielt die letzten Sekunden eines Menschen nach, mit verdrehten Augen und weit aufgerissenem Mund. Er spricht von der "finalen Atmung mit ihrem Schnarchen", die dazugehöre, für Angehörige aber "schwer zu ertragen ist". Er warnt davor, bestimmte Mittel "im Liegen einzunehmen, weil sie dann nicht richtig wirken". Weil das Sterben so kompliziert ist wie das Leben, müssten eben Fachleute ran, "auch um den Missbrauch auszuschließen". Sterbehelfer, so das Credo des Atheisten, müsse es geben, "genauso wie es Geburtshelfer gibt".
Standesrechtlich wie ethisch ist Arnolds Plan höchst umstritten. Ärzte als Todesengel, davon steht nichts im Eid des Hippokrates. Ein Arzt gelobt, dass die Erhaltung des Lebens das oberste Gebot seines Handelns ist. Wer Sterbehilfe leistet, der riskiert ein Berufsverbot, sogar einen Strafprozess - zumindest in Deutschland. Auf jeden Fall agieren Mediziner hierzulande in der rechtlichen Grauzone.
Da die Selbsttötung straffrei ist, kennt das Strafgesetzbuch auch keine Beihilfe zur Selbsttötung. Ärzte könnten also Hinweise geben oder einzelne Mittel verschreiben, dürfen aber beim Vollzug nicht anwesend sein - sonst droht ein Verfahren wegen unterlassener Hilfeleistung. Ein Mediziner, der jemandem einen Sterbecocktail mixt, kann wegen Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz verfolgt werden.
Arnold hält diesen Zustand für "heuchlerisch und riskant". Damit treibe man die Menschen "in die Hände von Scharlatanen und Geschäftemachern". Oder in Länder, in denen diese Art Sterbehilfe legal ist. Über hundert Deutsche suchten im vergangenen Jahr den Tod in der Schweiz, zumeist begleitet von Dignitas. Arnold kann deshalb die Aufregung, die er ausgelöst hat und an der er sich erfreut, nicht ganz verstehen. Es gehe, beschwichtigt er, lediglich um die "Anpassung an die Realität". Und genießt die ersten Erfolge seiner Kampagne.
Denn auch Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) hat er aufgescheucht. Schwerkranke sollten nicht in den Suizid getrieben werden, sagt sie, sondern die Möglichkeit für ein würdevolles Sterben bekommen. Dass seit der jüngsten Gesundheitsreform die Palliativmedizin ausgebaut wurde, wertet die Ministerin als persönlichen Erfolg.
Im Klinikalltag freilich ist von derlei Verbesserungen nichts zu spüren. Krankenkassen und Mediziner streiten noch immer, wie das Geld aufgebracht und verteilt werden soll. Eigentlich sollen 300 neue Teams entstehen, aus Schmerzexperten, Pflegern und Psychologen, gewissermaßen Sondereinsatzkommandos für Sterbenskranke. Doch bis jetzt hat noch kein zusätzliches Team die Arbeit aufgenommen.
Die Gleichgültigkeit des Medizinbetriebs ist der Nährboden für Dignitas und Dignitate und für den deutschen Sterbehilfe-Missionar Arnold. Er selbst wird aber nicht der todbringende Arzt sein, seine Zulassung will er nicht verlieren. Ein anderer, bereits pensionierter Arzt soll den Fall übernehmen, die möglichen Risiken und Nebenwirkungen inklusive: Verfolgung, Anklage, Strafe.
Jetzt lacht Arnold wieder, obwohl das so wenig zum Thema passt. Aber die Vorfreude über den nächsten PR-Coup ist einfach zu groß. Jenen pensionierten Mediziner, der am Tag X die tödliche Dosis für den Präzedenzfall bereitstellen wird, sagt er, habe man ja längst gefunden: "Es war ganz leicht." MARKUS DEGGERICH,
ALEXANDER NEUBACHER
Von Markus Deggerich und Alexander Neubacher

DER SPIEGEL 48/2007
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