DER SPIEGEL



Das Buch meines Lebens

Daniel Kehlmann über Leo Tolstois "Krieg und Frieden"

Leo Tolstoi (1828 bis 1910) schildert in seinem 1868/69 erschienenen historischen Epos eine schicksalhafte Epoche des russischen Volks und ganz Europas, an deren Ende der glorreiche Sieg Russlands über Napoleon stand.

Große Romane leben von Sprache, Form und Komposition, natürlich, vor allem aber leben sie von den Figuren. Besonders gilt das für das in jeder Hinsicht ungeheuerliche Werk "Krieg und Frieden". Ich las es zum ersten Mal mit 15 und seither jedes Mal wieder, wenn ich an den Möglichkeiten der Literatur zu zweifeln beginne. Es gibt keine stärkere Medizin. Fünf Jahrzehnte nach den Napoleonischen Kriegen entwarf der sinnsuchende Aristokrat, gewissensgequälte Erotomane und metaphysische Träumer Leo Nikolajewitsch Tolstoi dieses homerische Panorama eines Landes, einer Epoche und des menschlichen Lebens, geschrieben in einer Prosa von nie nachlassender Schönheit und Kraft; als Stilist kennt Tolstoi kaum seinesgleichen, und dennoch interessiert Stil ihn nur am Rande. Jede der weit über zweihundert Gestalten ist rund und komplex; die Hauptfiguren aber vergessen wir nie mehr: Natascha, von der nie ganz klar wird, ob sie eine einzigartige Frau ist oder ein egomanisches Mädchen von zerstörerischem Charme; Andrej in seiner zerbrechlichen Anständigkeit und den dicken Millionär Pierre, der so sehr das Richtige tun will und doch nie weiß, was eigentlich richtig ist. Tolstois Charaktere sind nicht hysterisch wie die seines Antipoden Dostojewski, sie sind vielschichtig und undurchschaubar, im tiefsten Sinn menschlich und ebenso nahe an der Lächerlichkeit wie am Heldentum. Weil er nicht zu deuten scheint, ist Tolstoi einer der größten Psychologen; weil wir seine Figuren nicht wirklich verstehen, begreifen wir sie im Innersten. Ihnen gegenüber stehen Macht und Gleichgültigkeit der Natur: Das Gras ist frisch wie am ersten Schöpfungstag, selbst wenn auf ihm Gefallene krepieren, die Wolken schweben zart und schön auch über Schlachtfeldern. Wir spüren förmlich den eisigen Frühmorgen während einer Wolfsjagd, dann Winter und Schneesturm, dann den neuen Frühling. Der Mensch stirbt schnell, die Geschichte ist absurd, doch die Welt erneuert sich unablässig. Danach kommt es einem vor, als wären in den Wochen der Lektüre viele Jahre verstrichen, als hätte man an Welterfahrung gewonnen, ohne dass man dafür Katastrophen und Kriege durchleben musste; es reichte, davon zu lesen. Ein Effekt jenseits der Kunst und größer als sie. Ich kenne keinen anderen Roman, der das vermag.


DER SPIEGEL 48/2007
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