03.12.2007

REGIERUNG

Die Herrin von Schloss Ungefähr

Von Schwennicke, Christoph

Der CDU-Parteitag diese Woche läutet die zweite Halbzeit der Großen Koalition ein. Angela Merkel, Vorsitzende und Kanzlerin, ist die Schlüsselfigur in diesem Spiel, in dem es für sie selbst vor allem um den Machterhalt, für das Land aber um seine Zukunft geht. Von Christoph Schwennicke

Kanzleretat im Bundestag, und Angela Merkel redet, aber sagt sie auch was? Man habe das Ansehen Deutschlands in der Welt gemehrt und wirtschaftliche Leistungskraft zurückgewonnen. "Wir sind nicht am Ende!", sagt Merkel einmal. Das ist eigentlich nur so eine Floskel, aber sie wird zur kühnen Behauptung, wenn man auf die Sitzreihen der SPD blickt.

Nur widerwillig raffen sich die Abgeordneten dort ab und an zum Klatschen auf. Ihre Arme scheinen schwer und müde. Oder sind wie bei Andrea Nahles über weite Strecken panzergleich um die Brust geschlungen. Merkel endet, die Koalition werde die Arbeit gemeinsam fortsetzen: "entschlossen, geschlossen". Fernsehleute sprechen von einer Text-Bild-Schere, wenn das Gesagte nicht zum Gezeigten passt. Im Bundestag am Mittwoch tut sich bei der Rede von Angela Merkel permanent eine Text-Bild-Schere auf.

Zwei Jahre ist sie nun Kanzlerin der Großen Koalition, vorläufige Halbzeit einer Kanzlerschaft und politischer Jahresausklang. Ein schwieriger Ausklang war das, bevor sie sich Donnerstagnachmittag am Weihnachtsbaum im Ehrenhof des Kanzleramtes erfreuen konnte. Einem separatistischen SPD-Parteitag in Hamburg war ein verkorkster Koalitionsausschuss gefolgt - und diesem der jähe Rücktritt von Vizekanzler Franz Müntefering.

Am Mittwoch in der Kanzlerdebatte fehlt Müntefering zum ersten Mal neben Merkel auf der Regierungsbank, und die Kanzlerin wendet sich ihrem neuen Sitznachbarn ausgesprochen intensiv zu. Vom Verhältnis zum Vizekanzler und Nebensitzer Frank-Walter Steinmeier wird viel abhängen. Es kann noch besser werden.

Nach der Halbzeit der Kanzlerschaft von Angela Merkel entscheidet sich mehr als der Fortbestand der Großen Koalition. Es entscheidet sich, ob aus den zwei Jahren Merkel mehr als vier werden.

Bisher kam Merkel damit aus, ständig zu versöhnen. Jetzt muss sie versöhnen und spalten zugleich. Die CDU wird bei ihrem Parteitag in Hannover Anfang dieser Woche ebenso Eigenständigkeit einfordern, wie es die SPD in Hamburg getan hat. Danach geht es in die Wahlkämpfe von Hamburg, Hessen und Niedersachsen, wo die Berliner Partner als erbitterte Gegner auftreten. Die drei Landtagswahlen nehmen auf gut halber Strecke die Zwischenzeiten für Union und SPD. Und messen damit die Aussichten auf den nächsten Wahlsieg.

Zwei Amtsjahre scheinen eine lange Zeit, und doch taucht selbst unter den Beteiligten der Koalition immer wieder die gleiche Frage auf: Wer ist dieses regierende Rätsel, wer regiert uns da seit zwei Jahren?

Ein Samstagmittag, Tag der offenen Tür im Kanzleramt. Staatsbesuch, der Souverän besucht die Regentin. Da sind sie nun, diese Menschen, von denen die Hausherrin so oft fürsorglich spricht, aber zugleich mit einer seltsamen inneren Distanz, als handele es sich dabei um eine andere Art Lebewesen. Eine Bundeswehrkapelle spielt Glenn Miller und "Berliner Luft". Das Volk drängt und drängelt, ein Spaßvogel versucht es mit abruptem Klatschen, als könnte man die Kanzlerin herbeiapplaudieren wie eine Popgruppe.

Dann kommt sie, und vom ersten Augenblick an liegen scheue Neugier, Ehrfurcht, Bemühen und Unbeholfenheit über der Szene, bei beiden Beteiligten, der Regentin und dem Volk. Liebe unter Stachelschweinen. Schwer zu sagen, bei wem die Scheu und bei wem die Neugier überwiegt. "We admire you!", wir bewundern Sie!, ruft ein ausländischer Tourist, ein Zuruf, der einen mürrischen, mindestens irritierten Ausdruck auf Merkels Gesicht legt. Die Kanzlerin sucht an diesem Spätsommertag ihr Heil in einer Ansprache über die verschiedenen Aufmarschformationen für Präsidenten oder Regierungschefs auf dem Hof, den gerade der Wähler bevölkert. "Ich find das ganz toll, dass Sie alle heute hierher gekommen sind, ganz herzlichen Dank, dass Sie alle da sind", sagt sie, und noch mal: "Ich find das unheimlich toll!"

Der Moderator auf der Bühne im Kanzlergarten jenseits der Spree stellt Merkel bohrende Fragen, etwa nach der Besonderheit von Kanzlerzahnschmerzen. "Dann geh ich zum Zahnarzt, das ist wie bei allen Menschen", sagt Merkel. Ob es nicht schwer sei, ständig mit den Fotografen zu leben, will der Moderator wissen. Das beste Mittel dagegen sei, "dass man nicht den ganzen Tag draußen ist". Das ist kein geglückter Satz. Das hört sich nach der fernen Kanzlerin an, nach einer, die sich im Kanzleramt verbarrikadiert. Aber, sagt sie schnell, "ich weiß schon, wie es im Land zugeht". Sie fahre "ab und zu mal ins Land" und treffe die Menschen. "Ich weiß schon, was Sache ist."

Wirklich? Merkel und ihr Volk führen eine Fernbeziehung. Sie ist zu Beginn ihrer Amtszeit auf Auslandstournee gegangen, so intensiv wie kein deutscher Regierungschef vor ihr: zweimal China, Indien, Afrika, Afghanistan, Grönland, mehrfach Russland, der Nahe Osten, die USA, die Ranch von George W. Bush in Crawford (Texas). Miss World unterwegs, als Weltstaatsfrau des Jahres, als Chefin von Europa und Kanzlerin des Weltklimas.

Eine Fernbeziehung muss keine schlechte Beziehung sein. Merkel, die ferne Kanzlerin, erfreut sich exzellenter Popularitätswerte. Bessere gab es nie für einen deutschen Kanzler.

Die wirtschaftliche Lage spielt ihr in die Hände. Aber ist das ihr Verdienst? "Wir dürfen uns mit 3,5 Millionen Arbeitslosen nicht abfinden", sagt sie in den letzten Wochen in jeder Rede. Und lässt doch wenig Aktivitäten erkennen. Merkel taktiert, sie wartet ab. Sie traut ihrer Macht noch nicht, immer noch nicht.

Es geht vorläufig um die Verteidigung einer Kanzlerschaft. Merkel spielt auf Zeit, keine steilen Pässe. Gegner in Schach halten, die Gegner in den eigenen Reihen und beim Koalitionspartner. Ein Pausenprogramm spielen, das immun ist gegen den Vorwurf, nur Pausenfüller zu sein. Klimaschutz - wer kann etwas dagegen sagen, mehr für den Erhalt des Planeten zu tun? Familie - wer kann etwas sagen dagegen, mehr für die Familien zu tun? Menschenrechte - wer kann ...

Die Große Koalition gibt ihr den Vorwand oder die Legitimation für die Programmänderung in ihrem Spielplan: Ich würde ja gern, aber ihr wisst doch, die Sozialdemokraten. Das ist ein Wechsel auf die Zukunft, ein Heilsversprechen, das normalerweise ein Oppositionschef ausspricht: Wenn ich erst mal dran bin. Sie ist aber dran.

Es geht um Machterhalt, weniger um Machtgestaltung. Merkel ist einen langen Weg gegangen, und sie will noch einen langen Weg gehen. Also baut sie ihre Macht aus wie ein Basislager vor der Nordwand, sie blickt zurück auf die, die es bis hierher nicht geschafft haben, und sie schaut nach oben. Sie sichert. Aber sie setzt ihre Macht kaum ein.

"Ich bin außerordentlich einverstanden mit der Reform des Arbeitslosengeldes I", sagt sie am Mittwoch in ihrer Rede im Bundestag zu jenem Symbolthema, mit dem Kurt Beck in der SPD die Macht errang und Merkel die Stirn bot. Mit Becks Vorstoß brachen vor Wochen kurz die Dämme. Die Meldungen über weitere Forderungen der SPD erreichten sie in Mumbai, dem früheren Bombay, zwischen "High Tea" beim Gouverneur und dem Bankett der deutsch-indischen Handelskammer. Mit dem Arbeitslosengeld I waren die Gelüste der Geldausgeber bei den Sozialdemokraten geweckt. Pendlerpauschale, höhere Sätze von Hartz IV, bezahlter Pflegeurlaub.

Das hat sie im Kopf, als sie sich in Mumbai vor dem Gateway of India zum Statement aufbaut, diesem steinernen Sinnbild für Bombay als Tor zur Welt aus der Kolonialzeit der Briten, und sagt, was hier in Indien passiere, habe auch mit Arbeitsplätzen in Deutschland zu tun. Am Tag, als Merkel vor dem Gateway of India steht, vermeldet die "Hindustan Times", dass China Deutschland bis Ende des Jahres von Platz drei der Weltwirtschaft verdränge. Dazu ein Bild, auf dem

ein Drache zu sehen ist, der einen Adler fleddert.

In Indien beschließt sie, weiteren Gelüsten Einhalt zu gebieten. Länger Arbeitslosengeld I, okay, aber keine Rutschbahn. "Wir müssen unsere Fähigkeiten und unsere Möglichkeiten massiv nutzen, um hier Partner zu finden und um Arbeitsplätze in Deutschland zu sichern", sagt Merkel vor der Kulisse des Gateway of India. Und zwar ohne "darüber zu klagen, dass auch Länder wie China und Indien inzwischen ihre Chance auf dem Weltmarkt nutzen".

Und wie dann? Strukturreformen angehen? Kündigungsschutz schleifen, wenn die Sozialdemokraten das Arbeitslosengeld verlängern wollen? Merkel hatte sich beim letzten Parteitag in Dresden um eine klare Antwort gedrückt. Jürgen Rüttgers betrieb im Sommer 2006 das Geschäft, das nun Kurt Beck betreibt. In Dresden sagte Merkel, dass sie hinter Rüttgers' Antrag stehe, aber hinter Günther Oettingers auch. Oettinger hatte sich in Dresden für eine Lockerung des Kündigungsschutzes stark gemacht. "Für mich gehören all diese Anträge zusammen", sagte Merkel damals.

Und heute? Hält sie die Verlängerung des Arbeitslosengeldes auch ohne Lockerung des Kündigungsschutzes für richtig oder falsch? Sie hält sie für möglich. Hält sie den Mindestlohn für richtig oder falsch? Grundsätzlich für falsch, und macht ihn im Postgewerbe dennoch mit.

Möglich ist vieles, im Leben wie in der Politik. Das Grundgesetz sagt aber nicht, der Regierungschef habe die Möglichkeitskompetenz. Der Bundeskanzler bestimme "die Richtlinien der Politik und trägt dafür die Verantwortung" - und trägt dafür die Verantwortung, steht da. Oder, wie es der einzige Kanzler einer Großen Koalition vor Merkel, Kurt Georg Kiesinger, formulierte: Auf den Kanzler kommt es an.

Politik ist bei Merkel immer Prozess, nie Punkt. Sie ist immer relativ, nie absolut. Merkel begreift Politik als die Kunst der Aktion. Allgemein wird Aktion als Handeln verstanden. In ihrer Wahrnehmung kann Aktion heißen: schweigen, warten. Sie lässt die Dinge lange gären, sich ausgären. Früher nannte man das aussitzen. Merkel ging bei Helmut Kohl in die Schule.

Timing und Dosis. Merkel widersteht dem Drang des Tuns, wenn andere es schon nicht mehr aushalten. Dazu gehören sehr gute Nerven. Und die präzise Kalkulation der Gefahr, dieses Spiel mit der unerfüllten Erwartung nicht zu übertreiben.

"Meine Stärke ist auch meine Schwäche", hat Merkel einmal von sich selbst gesagt. "Ich beharre nicht auf jedem Detail. Wenn es dem Gesamtergebnis dient, ist es mir manchmal unwichtig, ob hinter dem Komma eine Sechs oder eine Sieben steht."

Merkels Vagheit verstört und macht sie so schwer ausrechenbar. Sie bleibt ein Rätsel, für politische Gegner und für das Volk. Das Kanzleramt unter Merkel ist das "Schlösschen Ungefähr" aus einer Erzählung von James Krüss: "Den Leuten von Schloss Ungefähr / Kommt niemand in die Quere / Denn nichts stört ungefähr so sehr / Als wie das Ungefähre."

Ihre Kontur ist immer ein wenig verschwommen, wie durch Milchglas gesehen. "Seit dem Ende der DDR habe ich ein Leben in der Schizophrenie eingestellt", behauptet sie von sich. Das klingt schön. Aber stimmt das?

Ihr politisches Genom ist schwer zu entschlüsseln. Sie wollte durchregieren und verfiel in kleine Schritte. Sie ist für Atomstrom und bleibt dennoch beim Atomausstieg von Rot-Grün. Sie wetterte gegen die rot-grüne Ökosteuer und hat sie als Kanzlerin beibehalten. Als CDU-Chefin will sie die Türkei nicht in der Europäischen Union haben und treibt als Kanzlerin und EU-Ratspräsidentin deren Annäherung voran. Vor allem: Sie war Reformerin und ist jetzt eine Attentistin, die auf bessere Zeiten wartet.

Aber ist die Zeit da, zu warten? Die großen Entscheidungen bisher: Rente mit 67, die Mehrwertsteuer wurde erhöht. Überhaupt wird sehr viel erhöht: die Rentenbeiträge, die Beiträge zur Pflegeversicherung, die Beiträge zur Krankenversicherung. Eine missglückte Reform des Gesundheitswesens liegt auf Eis. Und jetzt? Kann man die Große Koalition einfach nur zu Ende segeln?

"Die sogenannte Agenda 2010 (...) ist nur ein Anfang und enthält mitnichten alles, was Deutschland bis 2010 für einen erfolgreichen Weg braucht. Wer den Menschen etwas anderes erzählt, führt sie an der Nase herum. Vor Deutschland liegen noch mindestens acht bis zehn Jahre Reformen. Ich finde, dass es vorbei sein muss mit den kleinen Lebenslügen, die wir aus Angst vor der Wahrheit mit uns herumschleppen. Die Situation ist sehr ernst, weil vieles in Deutschland zu langsam geht. Schröders Agenda 2010 ist ein Schritt in die richtige Richtung. Vor uns liegen aber tausend Schritte."

Hat alles Angela Merkel gesagt, damals nach Schröders Reformcoup.

Und heute sagt sie zu Reformen und der Agenda 2010 ... ja, was sagt sie eigentlich heute dazu? Jedenfalls nicht, dass noch

zehn Jahre Reformen vor Deutschland liegen. Der Sound von Leipzig ist verstummt. Über den Parteitag 2003, auf dem sie sich als Reformerin stilisierte, redet sie nicht mehr.

Auch deshalb ist es interessant, Wolfgang Schüssel zuzuhören. Der Christdemokrat war von 2000 bis 2007 österreichischer Bundeskanzler, und er hat reformiert. Österreich hat andere Probleme als Deutschland, die Arbeitslosigkeit liegt bei nur 4,2 Prozent. Die Zeitungen schreiben über das Problem, wie man mit der Schwemme der Deutschen umgeht, zum Beispiel an den Unis.

Schüssel galt einmal als Merkels Vorbild. Als Kanzler war er beinhart, neoliberal würden manche sagen: Kündigungsschutz gelockert, die Hecken der Bürokratie gestutzt, einfache und niedrige Unternehmensteuern eingeführt. Das volle Programm. Merkel-Reformen sind das, oder waren das mal. Eine Regierung müsse "eine Regierung sein und keine Reagierung", hat Schüssel einmal gesagt. Wiedergewählt wurde er allerdings nicht.

Schüssel, mittlerweile Klubobmann der Österreichischen Volkspartei ÖVP, sieht den Reformwillen erlahmen in Europa. "Sozialismus", seufzt er, "gibt's leider in allen Parteien."

Der Pressesprecher hatte vorher gesagt, man solle nicht direkt auf Merkels Regierung zu sprechen kommen. Er werde sich nicht in deutsche Belange einmischen. Macht er auch nicht. Schüssel spricht allgemein: "Die großen Fehler werden in der Hochkonjunktur gemacht", zum Beispiel. Oder: "Gute Politik muss manchmal gegen den Strom schwimmen und muss immer führen. Wer nur hinterherläuft, immer der Masse nach, der wird nie führen", sagt Schüssel. Und: Man müsse jede Chance einer wahlfreien Zeit nutzen. "Sie kommt so schnell nicht wieder. Wir haben damals von Anfang an Tempo gemacht." Schließlich: "Man braucht für jede Regierung ein Projekt, und eine Große Koalition braucht ein großes Projekt."

Sätze nicht trüb wie Milchglas, sondern klar wie ein Gebirgsbach. Und leicht auf Deutschland zu übertragen: Es ist gerade Hochkonjunktur, die wahlfreie Zeit in dieser Legislatur ist vorbei, und Deutschland hat eine Große Koalition. Doch hat die ein großes Projekt?

Merkels Hang zum Vagen hängt mit ihrem politischen Werdegang zusammen. Es war immer wieder knapp und fast vorbei, oft dann, wenn sie sich einmal festgelegt hatte. Es gelang ihr nur knapp, nach Kohls Sturz durch ihren Artikel in der FAZ nicht als Königsmörderin zu enden. "Die Chancen stehen 40 zu 60 gegen mich", gestand sie jemandem in den Tagen der Unsicherheit.

Sie war fast am Ende, als sich Friedrich Merz zu Beginn des Jahres 2000 als neuer Fraktionschef nach Wolfgang Schäuble etabliert hatte, sie aber noch nicht zur CDU-Chefin gewählt war. Das Treffen auf ein Glas Rotwein mit Merz hat sie nicht vergessen. "Was willst du werden, wenn ich Bundeskanzler bin?", fragte Merz sie in ihrer verwundbaren Phase. "Dann werde ich Ministerin in deinem Kabinett", antwortete Merkel ungerührt. Wenn.

Es war knapp, als die CDU sie 2002 nötigte, Edmund Stoiber als Kanzlerkandidat den Vortritt zu lassen. Es war knapp, als Schröder nach den ausgerufenen Neuwahlen einen Wahlkampf hinlegte, der ihn beinahe triumphieren ließ. Sie könne sich das abschminken, musste sich Merkel in der Berliner Runde am Wahlsonntag anhören: "Sie wird keine Koalition unter ihrer Führung mit meiner sozialdemokratischen Partei hinkriegen."

Sie hat Schröder überwunden und in den eigenen Reihen Kohl, Rühe, Schäuble, Merz, Stoiber. Einer ist noch übrig, höchstens zwei, die ihr gefährlich werden können aus ihrer Generation. Die Möglichkeit des Putsches denkt Merkel immer mit, nach wie vor. Es könnte aber sein, dass es den richtigen Moment für die Attacke einfach nicht gibt. Die Geschichte der Putsche gegen Merkel innerhalb der CDU könnte eines Tages so aussehen: Erst war es zu früh. Dann ging es gerade nicht. Und dann war es zu spät.

Manche ihrer Kritiker in der Union sehen in Merkel einen Ficus bengalensis. Im tropischen Regenwald tragen Affen oder Vögel dessen Samen in die Krone eines Baumes. Der Samen keimt, und nach einiger Zeit wuchern Luftwurzeln nach unten und umschlingen den Stamm des Trägerbaumes, der den Ficus stützt, bis er allein stehen kann. Würgfeige wird der Ficus bengalensis auch genannt.

Von Ferne gekommen, von oben aufgepfropft, nach unten gewachsen, die Partei als Stamm benutzt, inzwischen auf einem festen Stamm stehend: Man darf die Würgfeige als Allegorie auf Angela Merkel in der CDU begreifen. Manche in der CDU, die deren konservative Wurzeln bewahren wollen, betrachten die Partei als den absterbenden Trägerbaum.

Die hessische CDU ist konservativ, sehr konservativ. Am Eingang des Kongresszentrums in Hanau liegen Stöße von Zeitungen aus. "Roland Koch über konservative Werte und die CDU", verspricht die Dachleiste der "Welt" und verweist auf ein großes Interview mit dem hessischen Ministerpräsidenten. Es ist Grundsatzprogramm-Kongress in Hanau, Koch geleitet Angela Merkel in den Saal. In der "Welt" sagt er, er sei "ein konservativer Reformer, nach wie vor".

Der konservative Reformer Koch betritt die Bühne und sagt mit tiefer knödelnder Stimme, die CDU in Hessen, das sei ... "Norbert Blüm!" Roland Koch sagt wirklich Norbert Blüm. Alfred Dregger (konservativ) und Walter Wallmann (konservativ-liberal) werden zwar auch noch genannt, aber Norbert Blüm (sozial) zuerst. Sozial, liberal, konservativ steht auf der blauen Wand hinter der Bühne. Die CDU, alles in einem, Shampoo und Spülung. Roland Koch, der Konservative aus der "Welt", die am Eingang ausliegt, ist auf der Bühne vor allem Spülung. Weichspülung. Den harten Hund gibt er in der Zeitung, aber nicht, wenn die Chefin kommt.

Merkel hält eine wunderliche Rede in Hanau. Sie beginnt bei den Gebrüdern Grimm und den Göttinger Sieben, nicht eben konservative Kronzeugen, eher Aufrührer, bürgerliche Revolutionäre. Sie spricht von Adenauers Grundwerten und von Helmut Kohl. Von der Bewahrung der Schöpfung, vom Umgang mit Ressourcen und von der Globalisierung. Globalisierung geht in den Reden Merkels seit einiger Zeit andersrum. Früher musste sich Deutschland auf eine globale Welt einstellen. Jetzt soll sich die globale Welt ein Beispiel an Deutschland nehmen und an seiner sozialen Marktwirtschaft. Nicht die Welt gestaltet Deutschland, sondern Deutschlands soziale Marktwirtschaft gestaltet die Welt.

Auf diese Umkehr angesprochen, macht sie ein Gesicht der Unschuld. Ach ja, sei

das so? Da müsse sie sich ihre früheren Reden noch einmal ansehen. Dazu der Augenaufschlag eines Rehkitzes.

"Lassen Sie uns zu den Menschen gehen und ihnen sagen: Deutschland ist lebenswert", sagt Merkel in pastoralem Ton. Sie klingt oft pastoral. Die Stimmung ist andächtig. Wenn sie jetzt den Austritt Deutschlands aus der Nato vom christlichen Menschenbild herleitete, würden die Leute auch das beklatschen. Sie dreht sich um, schaut auf die drei Begriffe: sozial, liberal, konservativ. Möglicherweise, sagt sie im koch-konservativen Hessen süffisant, habe sich ja jemand etwas bei der Reihenfolge gedacht.

Dass es Merkel auf dieser hauchdünnen Linie ins Kanzleramt geschafft hat, können viele in der CDU bis heute nicht fassen. "Wenn sie nicht so viel Dusel gehabt hätte und Beate Baumann, dann wäre sie heute da, wo Claudia Nolte ist", pressen ihre Gegner aus dem schwarzen Block der CDU zwischen den Zähnen hervor. Claudia Nolte war eine glücklose junge Familienministerin unter Helmut Kohl. Beate Baumann ist die mächtige Büroleiterin Merkels.

Es war aber nicht nur Dusel. Für Dusel allein war es zu viel Dusel. Sie ist selbstgewiss geworden in den zwei Jahren. Sie war verkrampft und ist gelöst. Man sieht das gut an ihren Händen. Sie plaudert manchmal, redet nachgerade unbekümmert. Sie ist souverän, unprätentiös vor allem. Ihre Intelligenz liegt in einem Bereich, den nur eine Minderheit von Menschen erreicht. Intelligenz aber ist nicht nur hilfreich in der Politik. Politik ist oft Bauch, nicht Kopf, ist oft primitiv und grobschlächtig. Dummheit hält sie kaum aus, bei dummen Fragen muss sie sich zusammennehmen, kurz durchatmen, um nicht zu platzen.

Wenn sich die Tür der kleinen Kanzlermaschine schließt, wechselt ihr Wesen. Draußen hängen ihr schnell kleine Klötze an den Mundwinkeln, die die Enden bis ans Kinn herunterziehen. Deutschlands berühmtester Flunsch. Im Flugzeug hellt sich dieses Gesicht auf, ihr Augen funkeln munter, sie mag geistreiches Geplänkel, sie wird jünger und ist sehr kess. Kurze Zurufe, schnelle Pointen, wissende Blicke. Gerhard Schröder brannte in solchen Situationen mit seinem Blick oft Löcher ins Fenster, ein Blick, der sagte: Lasst mich bloß in Ruhe. Merkel ist präsent, hält ihre Entourage auf Trab und verfällt in ihren berlinernden "Haste-Biste-Nüscht"-Sprech, in dem sie auch Außenpolitik sehr allgemeinverständlich erklären kann. Wenn ein Kind diese Szene im Flugzeug betrachtete, würde es mit dem Finger auf Merkel deuten und sagen: Die da, das ist die Bestimmerin.

Die Bestimmerin fliegt in der kleinen Kanzlermaschine nach Frankfurt zur Internationalen Automobilausstellung. Es sind die Tage Anfang Oktober, in denen unter ihr im Land ein Streit tobt über Wolfgang Schäuble und Franz Josef Jung, zwei Merkel-Minister, die mit Aussagen zur Terrorgefahr in Deutschland Aufsehen erregt haben. Schäuble hatte gesagt, der nächste Anschlag komme bestimmt, aber man solle bis dahin fröhlich sein. Jung hatte gesagt, er würde ein Attentatsflugzeug abschießen lassen. Und im Übrigen strebten sie beide eine Verfassungsänderung zum Bundeswehreinsatz im Innern an.

Merkel hat sich darüber geärgert. Sie hatte Kuchen gebacken in ihrem Wochenendhaus in Hohenwalde, ihrem Crawford, in das sie sehr diskret manchmal einlädt. Hohenwalde ist noch privater als die Ranch des US-Präsidenten. Es war Pflaumenzeit. Dann das. So unnötig. SMS-Nachrichten, Anrufe, Aufruhr. Merkel hasst es, wenn Staub aufgewirbelt wird, überflüssigerweise. Falsche Aktion mit jeder Menge Reaktion.

Folgen haben solche Verfehlungen allerdings nie. Kaum ein Kabinett ist so lange ohne Entlassungen ausgekommen wie das von Angela Merkel. Das liege an ihrer Liebenswürdigkeit, sagte sie unlängst bei einer Pressekonferenz. Das stimmt aber nicht. Eher ist das Gegenteil der Fall. Sie lässt Leute mit Blessuren deshalb dort sitzen, weil sie weniger gefährlich sind als starke und unbeschädigte, die den Entlassenen nachfolgen würden. Schwäche schafft Abhängigkeit, Stärke Autonomie.

Im Flugzeug fällt kein Wort über Jung und Schäuble. Es geht um Außenpolitik. Wladimir Putin, Gordon Brown, Nicolas Sarkozy. Merkels Lust an Politik gründet auf eingehender Beobachtung. Sie betrachtet sich Leute in deren Aktion genau, sie scannt sie ein: Wie denkt der, was leitet den, in welchen Zwängen steckt der? Und: Wie kriege ich ihn, all das berücksichtigend, dorthin, wo ich ihn haben möchte? Darin liegt für sie der Reiz allen politischen Tuns. Ihr Mann hat vor kurzem einen DVD-Spieler gekauft. Damit kann sie sich nun Louis-de-Funès-Filme ansehen. Hibbelige Franzosen interessieren Merkel seit dem Amtsantritt von Nicolas Sarkozy sehr.

Sie spielt Schach mit den Figuren auf dem Brett. Je größer das Brett, desto reizvoller das Spiel. Das nationale Brett hat sie vorerst verlassen, noch bevor die Partie eröffnet wurde. Am internationalen Brett aber, da, wo die großen Figuren stehen, spielt sie mit großer Lust. An Putin hat sie einen Narren gefressen, noch so ein Großmeister am Schachbrett, noch so ein Nervenkrieger. Er hat Merkel provoziert, mit einem Stoffhund beim ersten Treffen,

später mit einem lebendigen Labrador, zu ihren Füßen in Putins Sommerresidenz in Sotschi. Merkel hat Angst vor Hunden.

In Frankfurt wartet Matthias Wissmann auf Angela Merkel, sehr beflissen. Wissmann war Verkehrsminister im Kabinett von Helmut Kohl, als Merkel dort als Umweltministerin saß. Vor allem aber gehörte Wissmann dem CDU-Andenpakt an, jenem Männerbund, der Merkel immer verhindern wollte. Jetzt ist er Chef des deutschen Automobilindustrieverbandes, oberster Lobbyist der Autobauer. Wissmanns ständiges Kopfnicken, seine Galanterien spielen ins Karikatureske. Noch so einer, der sich einst als ebenbürtig empfand in der CDU-Hackordnung und vor Merkel jetzt den Bückling macht.

Wissmann, als Verkehrsminister nie aufgefallen mit einem Herz für die Umwelt, spricht plötzlich von der "strategischen und im weitesten Sinne politischen Dimension der Messe". Wissmann, Repräsentant der Bleifüße, sagt, es gehe um Umweltschutz, um Vorsorge, um "die Verantwortung für die Schwächsten". Die Automobilbranche wolle und werde "jeden notwendigen Beitrag zum Erhalt unserer Schöpfung leisten".

Das sind Momente des Triumphes für Merkel. Wissmanns Vorgänger Bernd Gottschalk hatte seinen Posten räumen müssen, weil er sich nicht schnell genug auf das neue Klima eingestellt hatte, das Merkel mitschuf. Die Automobilbauer sind nicht wiederzuerkennen.

Sie hat etwas verändert in der politischen Agenda, aber vielen ist das zu wenig konkret. Vor dem Stand des Reifenherstellers Continental wartet ein gelbes Männchen in einer Art Ganzkörperkondom auf die Kanzlerin. Einer aus der Gruppe witzelt, Merkel und ein Gelber an ihrer Seite, das sei doch ein Zeichen. Jürgen Thumann, der BDI-Präsident, kann nicht lachen. "Ich habe mir abgewöhnt, zu träumen."

Reinhold Würth, der die Welt mit Dübeln und Schrauben versorgt, hat unlängst bei einem Empfang zu Gerhard Schröder gesagt: "Ihre Basta-Politik hat dieser Republik gutgetan." Schröder werde in die Geschichte eingehen als erster Kanzler, dem "das Wohl des Landes wichtiger war als sein Machterhalt". Ein Lob, an Schröder gerichtet, aber erkennbar von der Erfahrung der Kanzlerschaft Merkels geprägt.

Angela Merkel registriert, dass sie unter den Druck der Enttäuschten gerät. "Machen wir jetzt 22 Monate nichts mehr?", entfuhr es in einer kleineren Runde unlängst Peter Ramsauer, dem Chef der CSU-Landesgruppe. Die organisierten Mittelständler, immerhin 133 Kopf stark, maulen in der Unionsfraktion.

Beim Deutschlandtag der Jungen Union in Berlin tritt Philipp Mißfelder ans Mikrofon,

ein Berg von einem Mann, dem man ansieht, dass er sich manchmal bücken muss, wenn er durch Türrahmen geht.

Aber Merkel gegenüber ist er nicht gebeugt. Sie solle etwas anfangen mit ihren guten Umfragewerten, verlangt Mißfelder. Gewissermaßen ihre Jetons nicht anhäufen, sondern einsetzen am politischen Roulettetisch. Die Junge Union habe Leipzig nicht vergessen, sagt Mißfelder. Merkel redet ohne Manuskript. Sie hält den Hinweis für wichtig, dass sich das Kabinett gerade darauf verständigt habe, den Pflegebeitrag anzuheben, um das Nötigste im Pflegebereich zu tun. Zugleich sagt sie, dass das alles nicht reiche und dass man mittelfristig zu einer kapitalgedeckten Lösung kommen müsse.

Was für eine Aussage. Merkel hat soeben gesagt: Ich habe etwas gemacht, das nicht reicht. Warum macht sie dann nicht, was nötig wäre?

Merkels Gegner sitzen nicht in der SPD, das hat auch die SPD erkannt, die weiter versuchen wird, Merkel sozialdemokratisch aufzupumpen, bis es der eine oder andere in der Union nicht mehr aushält. Nach den Landtagswahlen in Hessen, Niedersachsen und Hamburg werden die Machtverhältnisse in der Union neu geordnet. Roland Koch, der Mann mit dem Kreidehals von Hanau, warte nur auf einen Fehler von Merkel, "dann schlägt er zu". So wird das im Kanzleramt gesehen, weiterhin.

Vielleicht lässt Merkel den Schüssel in sich raus, wenn sie die Zeit für gekommen hält. Dieser Zeitpunkt liegt aber eher hinter der Biegung von 2009, wenn es die Große Koalition bis dahin schafft. Ihr oberstes Ziel ist die Wiederwahl. Was diesem Ziel schadet, wird gelassen, was diesem Ziel dient, wird getan. Reformen schaden, das hat sie gelernt. Nicht dem Land, aber dem Reformer. Wenn man tut, was man tun müsste, wird man vom Hof gejagt. Der späte Schröder, den sie insgeheim bewundert, war in ihren Augen ein Hasardeur, der in seiner zweiten Amtszeit alles auf eine Karte setzte, als nichts mehr zu verlieren war.

Angela Merkel ist 53 Jahre alt. Jeder Kanzler will mindestens einmal wiedergewählt werden. Die innere Uhr eines Kanzlers, auch die Merkels, ist so gestellt. Alles, nur kein Kiesinger werden.

Den Eintrag ins Geschichtsbuch gibt es erst nach zwei Legislaturen. Das zu erreichen ist allein schon ein Kraftakt. Als sich in Merkels Büro nach dem knappen Wahlausgang am Wahlabend die abfallende Anspannung in Hohn über Gerhard Schröders vorzeitiges Ende entlud, wurde Merkel resolut und ernst.

Sieben Jahre seien eine lange Zeit in diesem Amt, sagte sie und verbat sich in ihrem Beisein jeden Spott über den Mann, den sie gerade denkbar knapp besiegt hatte.

* Oben: Die Ministerpräsidenten von Hessen und Niedersachsen, Roland Koch und Christian Wulff, im September in Fulda; unten: auf dem CDU-Parteitag in Dresden 1991.* Mit Arbeitsminister Olaf Scholz (SPD) vergangene Woche im Bundestag.

DER SPIEGEL 49/2007
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