03.12.2007

FORENSIK„Die Unschuldigen befreien“

Mit Hilfe von DNA-Tests werden in den USA alte Gerichtsurteile überprüft - mit schockierendem Ergebnis: 208 Justizopfer mussten bereits freigelassen werden, 15 davon aus der Todeszelle.
Vor 25 Jahren wurde einem 28-jährigen Schwarzen sein Name zum Verhängnis. Er wurde zu 30 Jahren Kerker verurteilt, weil er James Giles heißt.
An einem Vormittag im August 1982 waren drei schwarze Männer ins Haus eines jungen Ehepaars in der texanischen Stadt Dallas eingedrungen. Den Mann raubten sie mit vorgehaltener Waffe aus. Die Frau, 18 Jahre alt und im fünften Monat schwanger, zwangen sie mitzukommen. Auf einer nahegelegenen Wiese musste sie sich ausziehen und wurde von den drei Tätern vergewaltigt. Nachdem diese endlich von ihr abgelassen hatten, kehrte die Frau nach Hause zurück, rief die Polizei und ließ sich in ein Krankenhaus bringen. Einen Monat nach dem brutalen Überfall bekam die Polizei einen anonymen Tipp: Ein gewisser James Giles gehöre zu den Vergewaltigern. Bei der folgenden Gegenüberstellung ist sich die Frau denn auch sicher: Das ist einer der Täter. Giles, ein untersetzter Bauarbeiter, streitet alles ab. Trotzdem wird er wegen brutaler Vergewaltigung verurteilt; im Januar 1983 schließen sich die Türen des Zuchthauses von Palestine hinter ihm.
Jetzt ist Giles 53 Jahre alt. "Ich habe immer geglaubt, dass ich meine Unschuld beweisen werde", sagt er und zeigt seine goldenen Schneidezähne. "Aber ich hätte niemals gedacht, dass das 25 Jahre dauert."
In dunklem Anzug und mit weißem Hut ist der ehemalige Häftling zu einem Treffen mit Schicksalsgenossen gekommen und schüttelt den Regen ab, der an diesem Novemberabend über Dallas niedergeht. "Das Schlimmste war, dass ich nicht mehr bei meinem damals dreijährigen Sohn sein konnte", erzählt er. Selbst als er nach zehn Jahren das Gefängnis auf Bewährung verlassen durfte, blieb das Kontaktverbot bestehen. So will es das Gesetz bei in Texas registrierten Sexualstraftätern.
Erst im Juni dieses Jahres wurde Giles von jenem Verbrechen freigesprochen, das er gar nicht begangen hat. Nachträgliche DNA-Untersuchungen hatten eindeutig einen anderen, inzwischen verstorbenen Einwohner von Dallas als Täter entlarvt. Auch er hieß James Giles.
Beinahe jede Woche kommt gegenwärtig irgendwo in den Vereinigten Staaten ein Mensch aus dem Gefängnis frei, weil ein DNA-Test seine Unschuld bewiesen hat. Nach 16 Jahren Zuchthaus tastet sich etwa Brandon Moon, der seine alte Gefängniskarte am Sakko trägt, in das Leben hier draußen zurück. "Ich muss mich noch eingliedern", sagt der 46-Jährige, der als Entschädigung eine Pension in Höhe von jährlich 25 000 Dollar erhält.
Nach Angaben des "Innocent Project", einer Hilfsorganisation für unschuldige US-Häftlinge, sind bis vergangenen Freitag 208 Frauen und Männer aus den Kerkern befreit worden. Mehr als 90 Prozent von ihnen hatte man Vergewaltigung vorgeworfen - ein Verbrechen, das sich wegen der Spermaspuren besonders leicht mit Hilfe von DNA-Tests aufklären lässt. Im Durchschnitt hatten die zu Unrecht Verurteilten zwölf Jahre hinter Gittern verbracht. 15 von ihnen waren sogar zum Tode verurteilt und sind den Henkern nur knapp entronnen.
Die Welle der Freilassungen geht zurück auf immer ausgefeiltere Techniken der Molekularbiologie. Das Prinzip des genetischen Fingerabdrucks wurde zwar schon 1985 entdeckt, jedoch haben Wissenschaftler das Verfahren erst in jüngster Zeit so verfeinert, dass sogar DNA-Moleküle auf alten Blutflecken, winzigen Spermaflecken und in einzelnen Haaren analysiert werden können.
Die Ergebnisse der DNA-Fahnder offenbaren große Unterschiede zwischen den Rechtssystemen. In Deutschland etwa eröffnet die neue Technik zwar ebenfalls ganz neue Möglichkeiten. Doch bestehen diese zumeist darin, Täter zu überführen, die noch frei herumlaufen: Mehr als 480 Treffer haben bisher zu Mördern und Totschlägern geführt.
In den USA dagegen führen die neuen Befunde umgekehrt häufig zur Freisetzung von Menschen, die unschuldig in Gefängniszellen einsitzen - im Zweifel hatten die Jurys gegen den Angeklagten entschieden.
Die Aufräumarbeit der DNA-Detektive führt im Gefängnisland USA - gegenwärtig leben dort 2,3 Millionen Menschen hinter Gittern - zu merklichen Veränderungen im Justizwesen. Mittlerweile haben 42 der insgesamt 50 Bundesstaaten den nachträglichen DNA-Test zugelassen. Und mehr als 500 Behörden zur Strafverfolgung haben ihre Gepflogenheiten geändert: Inzwischen müssen die Ermittler ihre Verhöre aufzeichnen, damit sich später objektiv nachvollziehen lässt, unter welchen Umständen Geständnisse abgelegt worden sind.
Bereits vollstreckte Todesurteile wurden bisher nur in wenigen Fällen von den DNA-Detektiven überprüft. Deshalb konnten sie noch nicht feststellen, ob auch schon Unschuldige exekutiert wurden. Gleichwohl bringt ihr Tun die Todesstrafe immer stärker in Misskredit. Erstmals, so zeigt eine Gallup-Umfrage aus dem Vorjahr, sind die Amerikaner mehrheitlich nicht mehr dafür, Kapitalverbrechern den Garaus zu machen.
Zur gleichen Zeit ist die Zahl der Todesurteile auf den niedrigsten Stand seit Jahrzehnten gesunken: Einst haben Geschworene jedes Jahr etwa 300 Verurteilten das Recht auf Leben abgesprochen; 2006 widerfuhr das nur 114 Verurteilten (siehe Grafik).
"Sie können es die DNA-Ära nennen", sagt Richard Dieter vom Death Penalty Information Center in Washington D. C. Die spektakulären Befreiungen haben ihm zufolge "einen großen Einfluss darauf, dass Zweifel an der Zuverlässigkeit der Urteile aufkommen". Ähnlich urteilt der Psychologe Gary Wells von der Iowa State University, der seit 30 Jahren darauf hinweist, dass Augenzeugen erstaunlich häufig irren. Doch vor den spektakulären DNA-Enthüllungen, so Wells, habe man seinen Befunden "keine Beachtung geschenkt".
Der jetzt einsetzende Wandel lässt sich nirgendwo in den USA so deutlich ablesen wie in Dallas County, einem texanischen Verwaltungsbezirk, der 38 Städte mit insgesamt 2,3 Millionen Einwohnern umfasst. Neben James Giles sind hier schon zwölf weitere Menschen aufgrund nachträglicher DNA-Tests freigekommen - das sind mehr "exonerees" als in jedem anderen County der USA.
Die Rekordzahl wirft ein Licht darauf, wie etliche Staatsanwälte in Dallas vorgegangen sind. "Es gab eine Wir-müssen-umjeden-Preis-gewinnen-Mentalität", räumte ein ehemaliger Ermittler gegenüber dem "Dallas Observer" ein. Die Parole auf den Fluren des Strafgerichts habe geheißen: "Einen Schuldigen kann jeder überführen - aber es braucht Begabung, einen Unschuldigen zu überführen."
Als James Giles abgeurteilt wurde, kursierte im Criminal District Court noch eine Aktennotiz, wie man die Geschworenen auszuwählen habe: "Nehmen Sie keine Juden, Neger, Mexikaner oder Angehörige anderer Minderheiten."
Diese Zeiten sind nun gründlich vorbei, zumindest an der Spitze der Behörde. Mit hauchdünnem Vorsprung haben die Bewohner von Dallas County im Januar den Juristen Craig Watkins in das mächtige Amt gewählt - den ersten und bisher einzigen schwarzen Bezirksstaatsanwalt, den es je in Texas gegeben hat.
Im elften Stock des Gerichtsgebäudes tritt der zwei Meter große Watkins ans Fenster seines Eckbüros, zeigt dem Besucher die Stelle, an der John F. Kennedy erschossen wurde, und erzählt, wie er sein Amt versteht. "Wir müssen die Schuldigen verurteilen", sagt er. "Aber auch die Unschuldigen
befreien." Seine Vorgänger hatten die Anträge von mehr als 480 Häftlingen auf DNA-Tests abgelehnt. Nun lässt Watkins die Akten von einem Sonderermittler und ehrenamtlichen Helfern des Innocent Project sichten. Das Durchforsten hat gerade erst begonnen, aber Watkins hat bereits sieben weitere DNA-Tests genehmigt. "Wir glauben, dass wir innerhalb des nächsten Jahres mehrere Personen befreien werden."
Besonders eine dunkle Hautfarbe, so zeigt sich, ist ein großer Nachteil vor Gericht. Brandon Garrett wird im Januar die erste Studie zum Thema im "Columbia Law Review" veröffentlichen. Der Jurist von der University of Virginia hat die Fälle der ersten 200 Freilassungen studiert: Von den Menschen, die zu Unrecht als Vergewaltiger abgeurteilt wurden, waren 73 Prozent Schwarze oder Hispanics. Bei rechtmäßig verurteilten Vergewaltigern liegt die Vergleichszahl bei nur 37 Prozent.
Als Hauptursache der Fehlurteile hat Garrett, 32, falsche Aussagen von Augenzeugen ausgemacht. So war es in 79 Prozent der Fälle. In 16 Prozent der Ermittlungen wurden die Angeschuldigten dermaßen unter Druck gesetzt, dass sie ein falsches Geständnis ablegten. Zwei Drittel der Betroffenen waren minderjährig, geistig zurückgeblieben oder beides zusammen.
In einer anderen, noch laufenden Studie an bisher 80 Urteilen ist Garrett noch etwas aufgefallen: In technischer Hinsicht schluderten die Verantwortlichen ganz erheblich. "In mehr als zwei Dritteln der Fälle wurden die damals verfügbaren forensischen Methoden gar nicht oder nicht fachgerecht angewandt", sagt er. Den Gutachtern war das eigene Unvermögen jedoch oft gar nicht bewusst. Vielmehr traten sie vor Gericht mit großer Geste auf - und besiegelten mit ihren haltlosen Aussagen das Schicksal vieler Unschuldiger.
So hat eine Serologin des Houston Police Department Crime Laboratory 1995 vor Gericht ausgesagt, der feuchte Fleck auf einem Leintuch, auf dem eine Frau vergewaltigt worden war, stamme auf keinen Fall von Samenflüssigkeit - folglich wurde kein DNA-Test veranlasst.
Als Mitarbeiter des Innocent Project in diesem Sommer ebendiesen längst eingetrockneten Fleck von einem privaten Labor überprüfen ließen, fanden sich sehr wohl Spermareste und auch DNA-Moleküle. Wie sich schnell herausstellte, stammen sie von einem der Polizei längst bekannten Serientäter. Damit war klar, dass der verurteilte Ronnie Taylor unschuldig ist. Nach zwölf Jahren Gefängnis hat er vor wenigen Wochen einen Gerichtssaal in Houston als freier Mann verlassen.
Im Houston Police Department Crime Laboratory ging es derart drunter und drüber, dass es 2002 aufgrund zunehmender Proteste geschlossen werden musste. Als Mitglieder einer Untersuchung sich hier umsahen, waren sie geschockt: In den Räumen fanden sich Proben aus 19 500 Vergewaltigungsfällen, die niemals bearbeitet worden waren. Regenwasser war durchs Dach getropft. In einer Asservatenkammer fraßen sich Ratten durch 280 Kisten mit Beweismaterial, das dort in Vergessenheit geraten war.
Nun gilt es, den ganzen Schlamassel auszumisten. Anfang November haben 156 Häftlinge, an deren Verurteilung das Crime Lab beteiligt war, beantragt, dass ihre Fälle neu aufgerollt werden.
Eine weitere Schlamperei hat die "Washington Post" Mitte November enthüllt. Es geht um die "Kugel-Blei-Analyse", die in den USA jahrzehntelang als Beweismittel eingesetzt wurde. Ihr zufolge kann man erkennen, ob Kugeln am Tatort zu Kugeln aus einer bestimmten Munitionsschachtel gehören. Jede Charge Blei, so die Annahme, sei von einzigartiger chemischer Zusammensetzung.
Doch bereits vor zwei Jahren haben Experten der National Academy of Sciences die Methode als unbrauchbar und irreführend erkannt. Gleichwohl hat das zuständige FBI bis heute offenbar kaum etwas unternommen, um die betreffenden Häftlinge zu informieren. Den Recherchen zufolge sind davon 250 Fälle aus jüngerer Zeit betroffen.
Angesichts solcher Versäumnisse lässt sich nur schwer abschätzen, wie viele Menschen unschuldig in amerikanischen Gefängnissen ausharren. Einen Versuch hat Samuel Gross unternommen: Der Rechtsexperte von der University of Michigan hat 3293 zwischen 1973 und 1989 gefällte Todesurteile analysiert, bei denen es fast ausschließlich um Mord und Vergewaltigung ging. Demnach sind 2,3 Prozent der Verurteilten - aus unterschiedlichsten Gründen - wieder freigekommen.
Hochgerechnet auf sämtliche Gefängnisinsassen der Vereinigten Staaten entspräche dies der Einwohnerzahl einer ganzen Kleinstadt: 50 000 Bürger, die unschuldig eingekerkert sind. JÖRG BLECH
* Hector Gonzales mit seiner Mutter; Gonzales saß sechs Jahre in einem New Yorker Gefängnis, weil er zu Unrecht eines Bandenmords bezichtigt worden war.
Von Jörg Blech

DER SPIEGEL 49/2007
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