03.12.2007

FRANKREICH„Sprache des Krieges“

Der Soziologe Laurent Mucchielli über die Unruhen in den Pariser Vorstädten und die erfolglosen Programme zur Integration der Einwanderer
SPIEGEL: Präsident Nicolas Sarkozy hat die jüngsten Ausschreitungen im Pariser Vorort Villiers-le-Bel mit der "Vorherrschaft des Gesindels" erklärt und weigert sich, von einer sozialen Krise als Ursache zu reden. Liegt er richtig?
Mucchielli: Nein, das ist ein kapitaler Fehler. Zudem ist es politisch unverantwortlich, Konflikte immer nur als Kraftprobe zu betrachten: Das ist die Sprache des Krieges. Schon bei den Ausschreitungen 2005 wertete Sarkozy, damals Innenminister, die Unruhen als kriminelle Übergriffe, sprach von Straftätern oder vom Pöbel und leugnete soziale Hintergründe.
SPIEGEL: Aber nicht jede Straßenschlacht mit Polizisten muss gleich zum gesellschaftlichen Konflikt erklärt werden.
Mucchielli: Richtig, nur wenn er in Aufruhr umschlägt, so wie vergangene Woche. Seit es städtische Unruhen gibt, beginnen die Konfrontationen stets nach demselben Muster: hier die Kids der Vorstädte, dort die Ordnungshüter.
SPIEGEL: Wo sehen Sie die Ursachen für die andauernden Krawalle?
Mucchielli: Hinter der Gewalt, die am Rand der französischen Metropolen auflodert, steckt der Verfallsprozess einer fortschreitenden "Ghettoisierung". Auch jenseits der betroffenen Viertel erleben die Bewohner Ungerechtigkeit und Demütigung. Es sind leidvolle tägliche Erfahrungen in vier Bereichen: das Verhältnis zur Polizei, der schulische Misserfolg ihrer Kinder, daneben Arbeitslosigkeit und ihr Migranten-Status. "Wir werden wie Hunde behandelt", sagen die Menschen in der Banlieue.
SPIEGEL: Das rechtfertigt noch lange nicht den Griff zum Molotowcocktail.
Mucchielli: Die wenigsten Erwachsenen sind mit dem Vandalismus einverstanden, wenn - wie jetzt in Villiers-le-Bel - die Schule oder die Bibliothek ihrer Kinder in Flammen aufgehen oder das Auto des Nachbarn angezündet wird. Das finden sie idiotisch. Aber sie verstehen, dass ein dramatisches Ereignis der Auslöser sein kann, um angestauten Zorn freizusetzen.
SPIEGEL: Immerhin hat die Regierung in den vergangenen vier Jahren 42 Milliarden Euro für Sozialprogramme und Stadtentwicklung in den Vorstädten bereitgestellt, auch Investitionen für Sonderwirtschaftszonen wurden unterstützt.
Mucchielli: Diese Programme mögen im Einzelfall helfen, verhindern aber nicht die weitere Ghettoisierung der Vorstädte.
SPIEGEL: Warum nicht?
Mucchielli: Nehmen Sie das Beispiel Erziehung: Wenn wir in der Grundschule alle Kinder gleich behandeln, so unser republikanischer Mythos, haben sie gleiche Chancen. Nur - ihr Ausgangspunkt ist nicht gleich, weil sie aus Familien kommen, in denen oft kaum Französisch gesprochen wird. Die Folge: Wenn wir verschiedene Menschen gleich behandeln, reproduzieren wir nur die Benachteiligung.
SPIEGEL: Deswegen gibt es staatlich geförderte Vereine, die den Kindern mit Nachhilfestunden unter die Arme greifen.
Mucchielli: Aber eine langfristige Politik der städtischen Entwicklung muss die Wurzeln der Misere beseitigen.
SPIEGEL: Hat sich Präsident Sarkozy mit seinem Marshall-Plan das nicht gerade das vorgenommen - eine grundlegende Sanierung der Vorstädte?
Mucchielli: Ein dicker Scheck allein genügt nicht. Die Frage ist, wohin das Geld fließt. Seit 1977 sind 30 Pläne zur Sanierung vorgelegt worden. Die Renovierung oder der Abriss der großen Betonkästen, in denen viele Leute wohnen, kann sinnvoll sein. Aber weder Grünflächen, Parks noch schöne Straßen beseitigen Arbeitslosigkeit, Erziehungsmisere oder den zweitklassigen Status der Immigrantenkinder.
SPIEGEL: Im Januar will Fadela Amara, Sarkozys Staatssekretärin für Stadtentwicklung und selbst algerischer Abstammung, ihr eigenes Konzept vorlegen. Der Titel: "Respekt und Chancengleichheit".
Mucchielli: Das ist pure Demagogie, genauso wie die inszenierten Besuche von Politikern in den Vorstädten, um dort bei Kaffee und Kuchen mit Betroffenen über deren Probleme zu schwadronieren. Die Diagnosen liegen seit 20 Jahren auf dem Tisch; seit Oktober 2004 haben wir sogar eine "Nationale Aufsichtsbehörde für instabile städtische Zonen", die dickleibige Berichte vorlegt. Was wir brauchen, ist ein umfassendes Aktionskonzept, das sich an diesen Mängelanalysen orientiert.
SPIEGEL: In den Vorstädten wird der Polizei vorgeworfen, Teil des Problems zu sein. Akzeptieren Sie die Kritik?
Mucchielli: Die Menschen sind nicht über das legitime Eingreifen der Polizei verärgert, sondern über deren Methoden. Die Regierung aber wehrt sich aus ideologischen Gründen gegen eine Wiedereinführung der von den Sozialisten erdachten "Nachbarschaftspolizei": Damit meine ich nicht Polizisten, die mit Kindern Fußball spielen, sondern lokale Sicherheitskräfte, deren Arbeit sich nicht auf bloße Repression beschränkt. Das wäre eine längst überfällige Reform.
SPIEGEL: Wie erklären Sie sich die neue Eskalation der Gewalt? Wo früher Steine flogen, wird nun sogar scharf geschossen.
Mucchielli: Die Polizei geht davon aus, dass in Villiers-le-Bel nicht mehr als ein oder zwei Waffen benutzt wurden. Richtig ist jedoch, dass der Aufruhr vorige Woche mit größerer Brutalität einsetzte. Diese Gewalt rührt von dem Gefühl, dass sich seit 2005 nichts verändert hat - es gibt kein Entkommen aus der Sackgasse.
SPIEGEL: Sarkozy setzt weiter auf Härte. Ist damit der nächste Aufruhr programmiert?
Mucchielli: Gewiss, es könnte sogar noch gewalttätiger werden.
INTERVIEW: STEFAN SIMONS
Von Stefan Simons

DER SPIEGEL 49/2007
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